Deutscher Gewerkschaftsbund

16.10.2014

Die Märchentour von Uncle Jeremy

Wie ein US-Autor uns die „Sharing Economy“ als Kapitalismuskritik verkaufen will

Kapitalismuskritik kommt gut an im Jahr 7 nach dem Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank. Internetkritik ebenfalls im Jahr 1 nach dem NSA-Abhörskandal. Das wissen die beiden amerikanischen Autoren Jeremy Rifkin und Jaron Lanier. Als intellektueller Popstar tourte Rifkin im September für eine ganze Woche lang durch Berlin.

Prolog

Fiktive Szene am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Wir befinden uns in der Lufthansa-Business-Lounge. Auf ihren Flug nach Los Angeles warten der frischgebackene Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Jaron Lanier, und der Bestsellerautor Jeremy Rifkin. Es dauert eine Weile, bis beide von ihren leuchtenden Ipads aufblicken, doch dann erkennen sie sich. Rifkin: „Hi Jaron, Gratulation zum Preis!“. Lanier: „Jeremy, mein Bruder, danke! Den hättest du wohl auch gerne bekommen...“. Rifkin: „Wir können ja teilen“. Beide lachen. Rifkin weiter: „Naja, die Deutschen kannst du mit einer guten Portion Kapitalismuskritik immer um den Finger wickeln“. Lanier: „Jaja, und sie nehmen ja alles immer so todernst“. Rifkin: „Guck mal, da drüben in der Holzklasse nach Paris, ist das nicht dieser Piketty?“. Lanier: „Lass uns schnell boarden, hab' keine Lust auf Smalltalk mit diesem Typen“. Beide stellen sich schnell in der Schlange an. Thomas Piketty hat sie gar nicht wahrgenommen.

Popstar Rifkin

Kapitalismuskritik kommt gut an im Jahr 7 nach dem Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank. Internetkritik ebenfalls im Jahr 1 nach dem NSA-Abhörskandal. Das wissen die beiden amerikanischen Autoren Jeremy Rifkin und Jaron Lanier. Als intellektueller Popstar tourte Rifkin im September für eine ganze Woche lang durch Berlin. Bei Vorträgen, in Fernsehdiskussionen und in Interviews hat er immer die gleiche Botschaft im Gepäck: unser Wirtschaftsmodell funktioniere nicht mehr, weil die Menschen lieber teilen statt besitzen wollen. Klingt progressiv und ist die Zusammenfassung aus immerhin 525 Seiten Analyse mit dem Titel „ Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut (Commons) und der Rückzug des Kapitalismus“.

Rifkins Vorlage

Auch wenn Rifkin seine Thesen so ausbreitet, als hätte er sie selbst ersonnen, muss zunächst auf die akademische Vorarbeit des amerikanischen Juraprofessors Yochai Benkler (Harvard Law School) aus dem Jahr 2006 verwiesen werden. Benkler stellt in dem Buch „The Wealth of Networks“ die Hypothese auf, dass eine Kultur, in der Informationen frei getauscht werden, sich als ökonomisch effizienter erweisen könnte als eine, in der Innovationen durch Patente und Urheberrechte erschwert werden. In den Produktionsweisen der Informationsökonomie, die auf kollektivem Lernen und Teilen von Wissen („Information-Sharing“) beruhen, sieht er eine dritte Art der ökonomischen Produktion neben Märkten und zentraler Planwirtschaft.

Keine Creative Commons

Benkler ist dabei konsequent, er schreibt nicht nur über die „Commons“, also die moderne Variante der „Allmende“, er hat sein Buch auch unter der Creative-Commons-Lizenz (cc) veröffentlicht – zum kostenfreien Download sowie als frei verfügbare Onlineversion. Diese Konsequenz erscheint zwingend, wenn man sich mit Themen wie Open Source, Gemeingütern oder der Kultur des Teilens beschäftigt. Rifkin allerdings spricht zwar in seinen Vorträgen über die Segnungen von freien Universitätskursen („Open University“) oder freier Software, er hat sein aktuelles Buch aber in einem konventionellen Verlag veröffentlicht, ohne jede zusätzliche Option des freien Downloads unter cc-Lizenz. Er teilt nicht. Kann man den Mann vor diesem Hintergrund überhaupt ernst nehmen?

Der Fall Uber

Während Popstar Rifkin durch die deutsche Hauptstadt tourt, läuft parallel eine öffentliche Diskussion zur Frage, ob Taxibetriebe die private Konkurrenz durch das US-Unternehmen Uber und deren Geschäftsmodell dulden müssen. In seinem Buch über „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ kommt Uber nicht vor. Aber in einem Beitrag für die US-Ausgabe der „Huffington Post“ bezeichnete Rifkin das Unternehmen Uber (finanziert u.a. durch Risikokapital bzw. venture capital von Google und Goldman Sachs) als „Carsharing-Service“ - einen Trend, den er grundsätzlich als unterstützenswert findet im Sinne der Sharing Economy. Rifkin sagte dazu in der Berliner American Academy: „Junge Leute werden Uber überall in deutschen Städten einfach kopieren und ihre eigenen Dienste gründen“. In der Süddeutschen Zeitung ergänzt Rifkin, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen, die heute für Uber fahren keine Lust mehr haben, einen Teil ihres Geldes in die USA zu überweisen“. Ansonsten: Thema beendet.

Aber da genau wird es spannend. Denn Uber ist gewissermaßen der Testfall für die Thesen von Rifkin. Das ist auch bei seinem Auftritt in der ZDF-Talkshow von Maybritt Illner deutlich geworden. Auch dort verwies er auf die „lokalen Kooperativen“, die den Fahrdienstvermittler Uber demnächst ersetzen würden. Die Philosophie von Startup-Gurus wie den Samwer-Brüdern („Zalando“, „Rocket Internet“) funktioniert jedoch genau entgegengesetzt: sie haben in den vergangenen Jahren oft amerikanische Ideen für Deutschland adaptiert (Alando; StudiVZ) und kurze Zeit später an die Originalfirmen wie Ebay oder Facebook verkauft – für hohe Millionenbeträge. Uber ist bereits jetzt so hoch kapitalisiert - der Wert des Unternehmens wird auf mindestens 17 Milliarden Dollar geschätzt – dass man die Übernahme von deutschen Kopien aus der Portokasse zahlen könnte.

Läuft sich da schon jemand warm?

Ein deutsches Pendant zu Uber existiert bereits unter dem Namen „Wundercar“. Im ZDF verteidigte Firmengründer Gunnar Froh das Prinzip der Share-Economy – sie sei nicht mehr aufzuhalten. Die Menschen hätten inzwischen eigentlich alles – nun ginge es nur noch darum, neue Erlebnisse, Beziehungen und Geschichten zu finden oder Umwelt und Ressourcen zu schonen. Und über Carsharing, Mitwohnzentralen und Tauschbörsen sei genau dies möglich. Startup-Rhetorik eines Gründers, der genau weiß, wie man Wundercar für eine millionenschwere Übernahme durch Uber warmlaufen lässt.

In der Wirtschaftswoche warnte Chefreporter Dieter Schnaas in seiner Kolumne „Tauchsieder“: „Bei der "Share Economy" handelt es sich um eine distributive Weiterentwicklung des Kapitalismus, ja, vielleicht sogar seine Vollendung: Der Plattform-Kapitalismus unterläuft die Kontroll- und Ordnungsmacht des (Steuer-)Staates und der Gewerkschaften, indem er Ichlinge zu 'Prosumenten' vernetzt, also zu Menschen, die sich aus freien Stücken als Produzenten und Konsumenten begegnen und austauschen“.

Bei Maybritt Illner hätte in diesem Zusammenhang das Aufeinandertreffen zwischen Jeremy Rifkin und der Gewerkschafterin Leni Breymaier (ver.di-Vorsitzende in Baden Württemberg) interessant werden können. Aber dazu war die Aura des US-Soziologen zu positiv besetzt. Er redete auch in dieser Talkshow permanent von einer „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ - nebulös, aber schillernd. Dabei könnte man ihn schon auf den Begriff „Sharing Economy“ festnageln: „Teil-Wirtschaft“. In seinem Berliner Vortrag sprach er sogar von einer „Migration des Arbeitens“ in Richtung einer „sozialen Wirtschaft“ – etliche Worthülsen, die wie aus dem Märchenbuch klingen.

Noch einmal Dieter Schnaas von der Wirtschaftswoche: „Die 'Share Economy' ist kein deskriptiver, sondern ein normativer Begriff. Weshalb man nur in aller Vorsicht und Distanz von ihm Gebrauch machen sollte. 'Share-Economy' ist ein wirtschaftspolitisches Programm, eine Agenda interessierter Kreise - eine Ideologie“.

Beim Märchenonkel

Leni Breymaier konnte sich natürlich im ZDF nicht auf die Ebene „Märchenonkel“ begeben. Sie betonte, dass Gesellschaft und Politik nun die Aufgabe hätten, die digitale Zukunft „klug" zu gestalten. Bisher sehe sie die Entwicklungen in Bezug auf den Arbeitsmarkt eher kritisch. Dass es nun beispielsweise die App-gestützte Taxikonkurrenz "Uber" gebe, daran wäre vor zwei, drei Jahren nicht zu denken gewesen. Ein Ende des Kapitalismus durch solche Sharingangebote von Monopolisten, die meist rund 20 Prozent Provision für die Nutzung ihrer Plattformen erhielten, sah Breymaier nicht. Ziel müsse es sein, auch in Zukunft die verbleibende Arbeit gerecht aufzuteilen, um jedem die Teilhabe an der Produktivität zu gewährleisten. Klingt plausibel aber nicht unbedingt sexy.

Da hatte Rifkin noch gar nicht über seine Lieblingsthese gesprochen, die von den 3-D-Druckern, die in wenigen Jahren schon Autos fertigen könnten – natürlich nahezu ohne Grenzkosten. Wer die 3-D-Drucker wiederum herstellen soll und zu welchen Kosten, dazu schweigt sich Rifkin aus - weil es nicht in sein Konzept passt. Auch die Kritik an Datenschutzthemen und Netzneutralität sieht er zwar als Problem an („Das wird ein Hauptstreitpunkt der nächsten 40 Jahre“), aber Konzerne wie Google oder Facebook solle man nicht verdammen, sondern als „Utilitys“ betrachten. Sozusagen als notwendige Übel für die gute Welt des „Internets der Dinge“.

Die taz fragte Jeremy Rifkin in diesem Zusammenhang: Sollte man also Firmen wie Facebook und Google lieber zerschlagen? Rifkin: „Nein, regulieren. Schauen Sie, momentan wiederholt sich die Geschichte der ersten Fabriken. Auch da waren die Arbeiter von der Gnade der Fabrikeigentümer abhängig – bis sie begannen, überall auf der Welt Gewerkschaften zu gründen. Angesichts von Firmen wie Facebook oder Twitter brauchen wir eine globale Kontrollinstanz. Diese Firmen haben Commons geschaffen, mit denen wir andere Industrien zerschlagen, aber sie wollen eben auch Daten monopolisieren. Sie wirken wie weltweit tätige soziale Monopole – und wir brauchen also eine globale Kontrollinstanz, um die Konzerne im Sinne eines gesellschaftlichen Nutzens zu regulieren. Es ist kaum vorstellbar, dass nicht irgendjemand hervortritt und reagiert. Zu glauben, die gesamte Menschheit bleibt still, ist lächerlich. Sie werden globale Kooperativen sehen, die die Interessen der Menschen vertreten, deren Daten verwendet werden. Das wird passieren“. Big Data, noch so ein Schlagwort. Und interessant auch, dass Rifkin in seiner Antwort, aber auch im Buch die Gewerkschaften stets als retrospektive Kraft würdigt. Fairer Lohn und der Kampf dafür – das gab es mal früher.

Woher kommen dann die Drohnen?

Es war Zufall, aber in der gleichen Woche der Rifkin-Berlin-Tour diskutierte auch ein ver.di-Kongress über Arbeitswelt, Selbstbestimmung und Demokratie im digitalen Zeitalter. Und natürlich auch über Big Data, den NSA-Skandal und Uber. Der Geist von Rifkin schwebte zwar nicht über der ver.di-Zentrale, aber seine Thesen waren in diesen Tagen allgegenwärtig in der Hauptstadt. Dazu dann noch Überschriften wie „Der Kapitalismus hat sich zu Tode gesiegt“ (Süddeutsche Zeitung) und die steile These, die Menschen hätten ihr Interesse an Eigentum verloren – stattdessen teilten und tauschten sie. Der Soziologe Harald Welzer staunte in der Zeit: „Wie man 500 Seiten über den Kapitalismus und seine Vor- und Nachgeschichte schreiben kann, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Stoffwechsel einzugehen, den Lebewesen zum Existieren brauchen, ist allerdings spektakulär“. In Rifkins Welt komme wahrscheinlich das Bier genauso aus dem 3-D-Drucker wie Kartoffeln und seltene Erden“. Welzer lakonisch: „Kommen denn auch die Panzer, Drohnen und Überwachungsapparaturen aus dem 3-D-Drucker?“.

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club kennt sich mit der Materie aus. Auf dem Digitalisierungskongress von ver.di rief sie dazu auf, die Techniken auch in „unserem Sinn zu nutzen und nicht den Neoliberalen zu überlassen“. In den Worten von Jaron Lanier, dem Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: „Wenn wir mit der Share Economy einerseits den Schutz, den Gewerkschaften bieten, aushebeln (…), wer wird sich dann um die Bedürftigen kümmern?“. Das hat Lanier in seiner Dankesrede in Frankfurt gesagt und hinzugefügt, die Share Economy biete nur die Echtzeit-Vorteile von informellen oder Schattenwirtschaften, wie man sie bisher nur in Entwicklungsländern, vor allem in Slums, gefunden habe. Lanier: „Jetzt haben wir sie in die entwickelte Welt importiert, und junge Menschen lieben sie, weil das Gefühl des Teilens so sympathisch ist. Doch die Menschen bleiben nicht für immer jung“.

Es sei ein Irrtum zu glauben, dass die Sharing-Economy, wie Jeremy Rifkin in seinem Buch "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" behauptet, ein Ende des Kapitalismus, eine globale, gemeinschaftlich orientierte Gesellschaft einläute, in der Teilen mehr Wert hätte als Besitzen, schreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han. Im Gegenteil: Die Sharing-Economy führe letzten Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens.

Epilog

Flughafen Los Angeles. Jaron Lanier und Jeremy Rifkin treffen sich beim Gepäckband. Rifkin: „Jaron, was machst du heute noch?“. Lanier: „Werde vom Microsoft-VIP-Firmenshuttle abgeholt! Und du?“. Rifkin: „Muß mich erstmal von Berlin erholen, die Deutschen waren so anstrengend. Fliege morgen weiter nach Hongkong“. Lanier: „Was heißt denn Teilen auf chinesisch?“. Beide lachen. 

 

Literatur

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014, S. 528, geb. 27,- €.

Byun-Chul Han: Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (Essayband). S. Fischer Verlag, Frankfurt 2014

Zur Illner-Sendung:

http://www.zdf.de/maybrit-illner/jeremy-rifikin-und-die-shareconomy-macht-das-internet-unsere-jobs-kaputt-34911510.html


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Stefan Müller
Journalist und Moderator bei WDR und hr
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