Deutscher Gewerkschaftsbund

15.11.2017

Keine Arbeitszeit für "Wirtschaftsweise"

Arbeitszeitdebatte: „The Walking Dead“ statt Feierabend?

Die "Wirtschaftsweisen" zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie nicht richtig liegen mit ihren Prognosen und Vorschlägen. So ist es auch dieses Mal in der Arbeitszeitdebatte. Es gibt allerdings eine Möglichkeit, damit sinnvoll umzugehen.

Ein Kommentar von Daniel Haufler

Ein Mann steht vor einer Tafel mit vielen Graphiken.

Dieser Mann wird so nicht verstehen, wie eine Volkswirtschaft heute funktioniert. DGB/Denis Ismagilov/123rf.com

Die große Mehrheit der „Wirtschaftsweisen“ hat sich schon oft als nicht besonders weise erwiesen. Sie fürchtete zu Unrecht der Mindestlohn würde Arbeitsplätze kosten oder und die Schuldenbremse helfen, die Haushalte sanieren. Das besorgt allein das Wirtschaftswachstum. Vor allem jedoch die Wachstumsprognosen der Weisen erweisen sich immer wieder als falsch. In den vergangenen zwei Jahrzehnten irrten sich die Ökonomen vom „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ (wie er offiziell heißt) fast immer, des Öfteren sogar gewaltig. So sagten sie im November 2000 für das kommende Jahr ein Wachstum von 2,8 Prozent voraus – tatsächlich waren es nur 0,6 Prozent. 2008 gingen sie dann davon aus, dass im folgenden Jahr das Wachstum stagnieren werde, tatsächlich ging es um fünf Prozent zurück. Seitdem sie derart von der Finanzkrise überrascht wurden, zweifeln nicht nur Fachleute an den Empfehlungen der „Wirtschaftsweisen“.

Die Arbeitswelt sieht anders aus

Insofern darf man auch ihre Vorschläge zur Arbeitszeit berechtigterweise als Ideen realitätsferner Professoren abtun. Sie haben offenkundig keine Ahnung von der heutigen Arbeitswelt. Sie wissen nicht, dass die ArbeitnehmerInnen schon jetzt 1,8 Milliarden Überstunden leisten, davon die meisten unbezahlt. Sie ignorieren, dass der Achtstundentag viele Berufstätige schon längst der Vergangenheit angehört, weil sie dank Internet und Smartphone auch außerhalb der Bürozeiten eine Menge Arbeit erledigen. Die Professoren schlagen sogar die Ratschläge von Ärzten und Krankenkassen in den Wind, die vor einer Entgrenzung der Arbeitszeiten warnen, weil sie oft krank macht und damit ja letztlich auch den Unternehmen schadet. Das Recht auf Feierabend dient also – wie so viele Sozialgesetze, seit es sie gibt – dem kapitalistischen Wirtschaften.

Zeichnung von müden, gekrümmten Menschen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause.

Schöne neue Arbeitswelt nach Feierabend im Sinne der Wirtschaftsweisen ... DGB/Holohololand/123rf.com

Entscheidend für die Fehleinschätzungen ist die Gruppe der neoklassischen (manchmal in öffentlichen Debatten auch neoliberal genannten) Ökonomen in dem Rat. Sie konstruieren sich die Wirtschaftswelt so, als würden wir uns noch in einer Art Mittelalter befinden und als hätte es die Industrialisierung nie gegeben. In ihrer Welt gibt es lediglich Wochenmärkte, auf denen Äpfel und Birnen gehandelt werden. Es mag ungeheuerlich klingen, hat die wirklich sachkundige Publizistin Ulrike Herrmann einmal analysiert, aber die meisten neoklassischen „Volkswirte haben keinen Begriff davon, was es bedeutet, in einem voll ausgereiften Kapitalismus zu leben, in dem Großkonzerne dominieren und die Spekulation grassiert. In der herrschenden Theorie spielen Investitionen und Kredite keine zentrale Rolle – ja selbst Geld und Gewinne kommen kaum vor.“

Nicht nur Linke zweifeln an der Kompetenz des Sachverständigenrates

Bei so viel Ignoranz stellt sich die Frage, wozu man diesen Sachverständigenrat überhaupt braucht. Ein ideologisch so verirrter und unterkomplex denkender Rat kann natürlich keinen weisen Ratschläge geben. Ja, er ist mithin so überflüssig wie all die unbezahlten Überstunden. Diese Beobachtung hat sogar schon der frühere Finanzminister Peer Steinbrück gemacht, der nicht im Verdacht steht ein Keynesianer oder gar ein Linker zu sein. Statt also über das Arbeitszeitgesetz zu diskutieren, sollte die neue Bundesregierung die Arbeitszeit der Wirtschaftsweisen begrenzen. Und zwar auf null Stunden.


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Kurzprofil

Daniel Haufler
Daniel Haufler ist seit Mai verantwortlicher Redakteur für das Online-Debattenmagazin Gegenblende.
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