Deutscher Gewerkschaftsbund

13.01.2014

Warum der neoliberal radikalisierte Kapitalismus nun auch die Qualität der Technik zu ruinieren beginnt

Brücke im Bau

JoeEsco / photocase.com

Der Kapitalismus – und gerade die neoliberal radikalisierte Variante, die wir seit dem Untergang des »Realen Sozialismus« erleben – hat auch bei seinen Kritikern den Ruf, ein außerordentlich effektives System zu sein, insbesondere was die Entwicklung technischer Artefakte betrifft. Er hat, insbesondere seit Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Tat eine Vielzahl von Technologien hervorgebracht, die in den Industriegesellschaften einen fast schon religiös anmutenden Glauben an die technische Machbarkeit fast aller Zielsetzungen der »Moderne« verankert haben.

Allerdings können wir bei Marx auch nachlesen, dass die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus ab einem bestimmten Entwicklungsstadium vom Treiber der Produktivkraft-Entwicklung zu deren Hemmschuh werden. Wenn man sich z.B. die Serie der Pannen bei Großprojekten in den letzten 15 Jahren vor Augen führt, fragt man sich, ob dieser Zustand inzwischen erreicht ist.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • 1998: ICE-Desaster in Eschede

  • Toll-Collect-Skandal

  • Transrapid

  • Berliner S-Bahn

  • Elbphilharmonie

  • Diverse Rückruf-Aktionen der Autoindustrie

  • Flughafen Berlin-Brandenburg

  • „Stuttgart 21“

Und das Problem ist nicht nur ein deutsches Phänomen: Fukushima liegt in Japan und Olkiluoto in Finnland, wo ein internationales Konzern-Konsortium seit 2003 einen Atomreaktor der neuesten, angeblich sicheren Generation baut, der schon seit 2 Jahren in Betrieb sein sollte, inzwischen doppelt so teuer wurde und, wenn überhaupt, nicht vor 2016 fertig wird.

In der Öffentlichkeit werden diese Blamagen meist unter der Überschrift verbucht: „Die Politik ist schuld“: Unfähige Politiker in Aufsichtsräten, ständige politisch begründete Eingriffe in die Planung, zu hohe Sicherheitsanforderungen und natürlich: Die Wutbürger machen eine schnelle, gute Planung und Ausführung immer unmöglich.

Aber auch auf der Ebene der Alltags-Technik finden sich immer häufiger Phänomene wie „Geplante Obsoleszenz“: Also Konstruktionen, die eine kurze Lebensdauer haben, nur schwer oder gar nicht reparierbar sind, für die nach kurzer Zeit keine Ersatzteile mehr zu haben sind: Kurz: Geräte, die bereits bei der Herstellung auf schnellen Verschleiß programmiert sind, um den Umsatz der Hersteller zu steigern.

Immer öfter hört man auch: Die Ingenieure haben versagt, die waren früher mal besser. Denn in der Tat: Vieles erscheint als deren Fehler – von den gebrochenen Radreifen im ICE über Kondensatoren, die an der wärmsten Stelle von elektronischen Geräten eingebaut sind bis zu den im Winter nicht schließenden Türen in neuen S-Bahn-Zügen. Dazu im folgenden ein paar Bemerkungen:

Im Kapitalismus stehen sich zwei Denkweisen und Methoden gegenüber und oft im Konflikt: Die der Ingenieure, die es mit den Naturgesetzen der Chemie und Physik zu tun haben, die man nicht umgehen kann und darüber hinaus den Tücken der Praxis ausgesetzt sind, die sich immer anders entwickelt, als die Theorie und die Berechnung es vorsieht. Auf der anderen Seite  stehen die Ökonomen, die nach den von Menschen gemachten „Gesetzen“ des Marktes, der Konkurrenz und der Rendite als einzigem Erfolgskriterium eines Unternehmens arbeiten. So lange beide Denkweisen ihren Platz in den Betrieben hatten, konnte man als Ingenieur zunächst einmal nach technischen Gegebenheiten und Notwendigkeiten handeln, um sich dann mit den Kaufleuten auseinander zu setzen, die die Entwicklung und Produktion möglichst kostengünstig halten und die Produkte am Markt absetzen müssen. Heraus kamen dann Produkte, die nach professionellen Grundsätzen entwickelt und konstruiert und für die meisten Menschen erschwinglich waren.

Seit etwa dem Jahr 1985, mit dem Beginn der neoliberalen Radikalisierung des Kapitalismus, hat sich dieses Gleichgewicht aber immer mehr zu Gunsten der Betriebswirtschaft verschoben. Meine Studenten berichten mir, dass in der Firma Siemens professionelle Ingenieurarbeit, die ihre Zeit braucht und nicht mit billigsten Mitteln arbeitet, als „Over-Engineering“ geschmäht wird. Es soll stattdessen um „Value-Engineering“ gehen, also Ingenieurarbeit, die primär den Unternehmenswert an der Börse – den „shareholder value“ - im Blick hat, möglichst geringe Kosten erzeugt und deshalb nach dem Prinzip „Quick and dirty“ vorgeht.

Sechs zentrale betriebliche Faktoren sind hierfür verantwortlich:

Konkurrenz

Sie „belebt das Geschäft“, wie das geflügelte Wort sagt – aber ist für die Technik immer öfter eher hinderlich. „Wir entwickeln an den Patenten der Konkurrenz vorbei – und damit meistens suboptimal“, berichtet mir ein Ingenieur aus der Automatisierungs-Technik. „Deshalb müssen wir uns immer mehr mit juristischen Kniffen auseinandersetzen, anstatt gute Technik zu machen“. Die Konkurrenz wird vom „Markt“ in die Betriebe getragen. Es werden ganze Abteilungen gegeneinander ausgespielt, um die billigste Lösung zu bekommen. Bei multinationalen Konzernen tritt man z. B. gegen Ingenieure in Weißrussland an. „Kostenkonkurrenz ersetzt Qualitäts-Konkurrenz“, stand auf den Ergebnistafeln der Gruppenarbeit einer Branchen-Tagung Bahntechnik der IG Metall im September 2013, denn „Entscheidungen werden zu 80% nach Kosten getroffen, kaum noch nach technischen Kriterien“. Zitat eines Siemens-Vorstandes: „Bleiben Sie mir mit der Technik vom Leib, ich hab besseres zu tun“.

Entfremdung und Kontrollwahn

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, soll schon Lenin gesagt haben. An diesem Prinzip ist schon der „Reale Sozialismus“ zu Grunde gegangen. Heute werden Unternehmen intern ähnlich umorganisiert: Unternehmensberater sorgen dafür, dass alle Spielräume der Beschäftigten möglichst beseitigt werden, um die Arbeitsprozesse „schlanker“ und kostengünstiger zu machen. Der moderne Manager regiert „top down“. Facharbeiter und Ingenieure aber identifizieren sich gerne mit ihrer Arbeit, sind stolz auf ihre Produkte und „ihren“ Betrieb. Wenn der nun aber nur noch auf Rendite getrimmt wird, die Ziele also nur kurzfristig ökonomisch gesetzt werden, geht diese Identifikation zwangsläufig verloren. Das „Controlling“, ursprünglich gedacht als Hilfe für die Beschäftigten, um Verlauf und Erfolg der Arbeit transparent zu machen, wird zum Zwangs-System, das die Kontrolle von Oben organisiert. „30% unserer Arbeitszeit verwenden wir, um diese Systeme zu betrügen – weil immer unrealistische Vorgaben umsetzen sollen“, sagt ein Ingenieur von Infineon. „Parole ist dann: TTV – Tarnen, Täuschen, Verpissen“, schilderte mir das ein IBM-Ingenieur schon vor 15 Jahren.

Outsourcing, Arbeit mit Subunternehmen, Zeit- und Leiharbeit

Besonders Großprojekte werden mit zahlreichen Sub- oder Sub-Sub-Unternehmen organisiert, mit z.T. schlecht bezahlten Leiharbeitern und Leih-Ingenieuren. So werden z.B. an der Baustelle des Atomkraftwerks Olkiluoto polnische Bauarbeiter für 2 € pro Stunde eingesetzt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie engagiert diese Arbeiter sich für gute Qualität und Sicherheit ins Zeug legen. Inzwischen ist auch in den meisten Unternehmen der High-Tech-Branche die Zahl der Leiharbeiter erheblich – z.B. beschäftigt Airbus in Hamburg etwa 20% der Ingenieure in Leiharbeitsverhältnissen. Hier gilt: Kostenreduzierung um jeden Preis. Dazu gehört auch die Strategie, ältere Ingenieure – ab 45 gilt so jemand als älter – zu „entsorgen“: Ältere gelten als schwierig, ihre Erfahrung wird gering geschätzt. Wie nötig diese Erfahrung wäre, hat die Blamage von Daimler mit dem „Elch-Test“ der A-Klasse 1997 gezeigt: Man war stolz darauf, das jüngste Entwicklungsteam der Unternehmensgeschichte eingesetzt zu haben. Bloß das Auto kippte um. Die Strategie der Finanzmärkte ist seit den 90er Jahren ohnehin, erfolgreiche Unternehmen zu filetieren, an Investoren zu verhökern und anschließend mit harten Programmen der Kosten-Reduktion zu überziehen. Dazu setzt man einen neuen Typus von Vorgesetzten ein: Jung, alert, technisch unerfahren, mit 3-Jahres-Verträgen und der Vorgabe, die Kosten in dieser Zeit um 25% zu reduzieren. Qualifizierte Ingenieure, die sich mit solchen Typen herumschlagen müssen, resignieren oder gehen.

Überschätzung der Computer

Computer sind heute scheinbar unendlich leistungsfähig. Schon in den 1980er Jahren glaubte man daher in Managementkreisen, endlich die Abhängigkeit von erfahrenen und hoch qualifizierten Ingenieuren und Facharbeitern loswerden zu können und die „menschenleere, vollautomatische Fabrik“ zu bauen: mit Computer-Integriertem Management (CIM). Ein Ergebnis dieser Strategie sind die sogenannten „CIM-Ruinen“. Erfahrene Ingenieure wissen, dass Computer nicht denken, sondern nur rechnen können. Das hindert das Management nicht daran, immer wieder neue Systeme für teures Geld anzuschaffen, weil die Systemhäuser ihnen nun endlich die ultimativen Wunderwaffen versprechen, um auch die komplexesten Systeme zu beherrschen. Neue Anforderungen? Kein Problem, die werden einprogrammiert. Dummerweise gelten aber in der Praxis der Technik immer noch die „Murphyschen Gesetze“: „Was schief gehen kann, geht schief“.

Beschleunigung

Seit Jahren hören wir, dass alles immer schneller geht. In der Tat: Immer schneller wachsen die Schulden und Zinsen, mathematisch als Exponentialfunktion, und so glauben die Finanzjongleure tatsächlich, dass das auch für die Technikentwicklung so geht bzw. gehen muss. Nur: Weder die Natur, noch die Menschen, noch die Technikentwicklung sind beliebig zu beschleunigen. Ein Beispiel: Die für die großen Windräder erforderliche „aktive Magnetlagerung“ der Generatoren brauchte 25 Jahre, bis sie von den ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen bis zur Industrie-Reife gediehen war. Kaum ein Unternehmen hat aber heute einen Planungs-Horizont, der über 3 Jahre hinausgeht. Deshalb wurden solche Entwicklungen in der Windkraft von den kleinen und mittleren Unternehmen geleistet. Die Großen versuchen dann, das „Know How“ durch Aufkaufen zu erwerben, weil sie die Entwicklungszeit nicht investieren wollen. Sie kaufen damit aber weder die kreativen Strukturen der Kleinen noch die Facharbeiter und Ingenieure, ohne deren Erfahrung das „Know-How“ nicht funktioniert, denn die werden mit neuen Vorgesetzten und neuen Organisationsstrukturen konfrontiert und oft demotiviert. „Wir sind stolz, trotz des Managements noch gute Arbeit abzuliefern“, sagen einige der Übrig-Gebliebenen nach der Übernahme, oder gehen in die innere Emigration.

Korruption, kriminelle Geschäftsmethoden

Unter dem schönen Titel »Schurkenwirtschaft« hielt der Anti-Mafia-Staatsanwalt Roberto Scarpinato aus Palermo am 5. Februar 2010 in Karlsruhe unter massivem Polizeischutz einen Vortrag. Seine wesentliche These lautet: Die Grenzen zwischen der kapitalistisch und global organisierten Wirtschaft und dem organisierten Verbrechen sind seit der radikalen, neoliberalen Deregulierung der Märkte und der Finanzwirtschaft fließend und weder von der Politik noch von der Justiz beherrschbar. „Man feiert den Triumph des globalen Kapitalismus, an dem die Mafia und das internationale Verbrechen entscheidenden Anteil nehmen… Die Auswüchse der Wirtschaftskriminalität in den Chefetagen der internationalen Konzerne, die die Weltwirtschaft bestimmen, verursachen weit größere und schwerer zu behebende Schäden als andere Verbrechen“. So erscheint die These von Adam Smith über die »Unsichtbare Hand« im richtigen Licht. War schon die Idee, die individuellen Egoismen addierten sich auf wundersame Weise zum Gemeinwohl, eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand, so erweist sich empirisch, dass sie schnurstracks in die Kriminalität führt. Das Abrutschen von Unternehmen und Unternehmensstrategien in die Kriminalität ist die direkte Folge eines ruinösen Kostenwettbewerbs.

Fazit

Es zeigt sich also bei der Betrachtung der wesentlichen Paradigmen des globalisierten Kapitalismus, dass sie in der Realität nachhaltig kontraproduktiv wirken, weil sie die sozialen und die biologisch-physikalischen Bedingungen menschlicher Existenz nicht abbilden, sondern sie als beliebig manipulierbare Faktoren ansehen. Aber die stofflichen Bedingungen technischer Artefakte sind – im Gegensatz zu den von Menschen gemachten ökonomischen Konstruktionen – von Naturgesetzen abhängig und nicht unbegrenzt verfügbar.

Wir brauchen also eine Technik, die nicht der Vermehrung von Geld und einem verrückten Wachstumswahn dient, sondern sozialen und ökologischen Zielen. Eine Technik, die wieder dem altmodischen, ehrlichen Kaufmannsdenken statt wirtschaftskriminellen Bestrebungen verpflichtet ist. Eine Technik, die Computer als Hilfe und nicht als Herrschaftsinstrument entwickelt und einsetzt. Eine Technik, die die Arbeit statt in undurchschaubar verflochtenen, riesigen Rendite-Maschinen demokratisch und in überschaubaren Strukturen organisieren hilft. Eine Technik, die wieder Ruhe und Gelassenheit statt Rattenrennen im Hamsterrad ermöglicht. Eine Technik, die mit Begeisterung für den Menschen und unsere natürliche Mitwelt arbeitet und das solidarisch, in Kooperation statt Konkurrenz. Also so ziemlich das Gegenteil von dem, was die herrschende Ökonomie immer noch lehrt. 


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Kurzprofil

Dr. Wolfgang Neef
Geboren 1943 in Tübingen
Lehrbeauftragter zum Thema „Soziologie des Ingenieurberufs – Berufspraxis und Verantwortung“ an TU Berlin und TU Hamburg-Harburg
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