Deutscher Gewerkschaftsbund

06.02.2015

Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ und was er uns über die Gesellschaft verrät

Wir haben die Tragödien des 20. Jahrhunderts miterlebt – zwei Weltkriege, die Shoah, den Stalinismus. Was ist das Besondere an der gegenwärtigen Bedrohung durch den islamischen Extremismus?

Politisch motivierte Attentate sind so alt wie die Menschheit und die Chancen, dass sie verschwinden, sind äußerst gering. Gewalt ist eine untrennbare Begleiterscheinung politischer Gegensätze und Konflikte. Sie ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Existenz. Die Opfer politischer Gewalt unterscheiden sich allerdings in den unterschiedlichen Epochen sehr.

In den letzten Jahrhunderten richteten sich politische Morde überwiegend gegen Politiker – Persönlichkeiten wie Jean Jaures, Aristide Briand, Abraham Lincoln, Erzherzog Ferdinand und zahllose andere. Sie waren ideologisch unterschiedlich motiviert und auf verschiedene Bereiche des politischen Spektrums bezogen. Es waren aber immer aktuelle oder zukünftige Machtinhaber betroffen. Der Glaube war damals weit verbreitet, dass sich nach dem Attentat die Welt (oder das Land) zu etwas Besserem verändern würde.

Die politischen Anschläge des 11. September 2001 richteten sich nicht gegen bestimmte „Persönlichkeiten“ im politischen Rampenlicht und auch nicht gegen solche Personen, die für Vergehen verantwortlich gemacht wurden. Die Anschläge richteten sich vielmehr gegen Institutionen, die als Symbole der wirtschaftlichen (World Trade Center) und der militärischen (Pentagon) Macht galten. Beachtenswert ist jedoch, dass diese politischen Anschläge noch kein gemeinsames spirituelles Zentrum besaßen.

Zwei Aspekte unterscheiden die „Charlie Hebdo“-Morde von vorherigen Fällen:

Erstens: am 7. Januar 2015 nahmen die Attentäter ein Ziel ins Visier, das mit großer medialer Aufmerksamkeit verbunden war und Bestandteil der Massenmedien ist. Wissend oder unwissend, geplant oder eher zufällig, bestätigten die Attentäter die Machtverlagerung von den politischen Entscheidern hin zur Öffentlichkeit, den Zentren der Meinungsbildung. Die Opfer waren in diesen Bereichen tätig. Sie wurden durch den Anschlag als Schuldige dargestellt, weil sie die Verbitterung, den Hass und den Drang der Attentäter nach Vergeltung hervorgerufen haben.

Zweitens: Neben der Verschiebung des Angriffsziels in den Bereich der öffentlichen Meinung, war der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ auch ein Akt der personifizierten Vendetta (nach einem Muster, das zurückgeht auf Ayatollah Khomeini, dessen Fatwa im Jahr 1989 den Tod von Salman Rushdie forderte). Die Gräueltaten des 11. September stimmten noch mit der damaligen Tendenz einer „De-Personalisierung“ politisch motivierter Gewalt überein. Demnach richtete sich die mediale Aufmerksamkeit nach der Anzahl der – meist anonymen und zufälligen – Opfer. Die Barbarei vom 7. Januar bildete nun den Abschluss eines langen Prozesses der „De-Institutionalisierung“, Individualisierung und Privatisierung der menschlichen Praxis. Die öffentlichen Angelegenheiten werden dabei weniger über etablierte gemeinschaftliche Institutionen wahrgenommen, sondern zunehmend in den Bereich der individuellen Lebensgestaltung verlagert – aus der gesellschaftlichen Verantwortung in die individuelle Verantwortung.

In unserer mediendominierten Informationsgesellschaft sind die Menschen, die mit der Schaffung und Verteilung von Informationen befasst sind, in die Mitte des Schauplatzes gerückt, auf dem das Drama des menschlichen Zusammenlebens inszeniert und anschaubar wird.

Es wurde viel über diesen Anschlag gesagt: er sei eine Fortführung der heiligen Kriege zwischen Christen und Muslimen, ein Anschlag auf die freie Meinungsäußerung, eine symbolische Kampfansage an Paris als Wiege westlicher Werte. Was denken Sie?

All die Gründe, die als Teil des aufflammenden Gegensatzes zwischen Christen und Muslimen angeführt werden, enthalten ein Körnchen Wahrheit, aber keiner enthält die ganze Wahrheit. Viele Faktoren tragen zu diesem überaus komplexen Phänomen bei. Einer davon und vielleicht der maßgeblichste ist die anhaltende weltweite Diaspora, die dazu führt, dass aus entfernt lebenden Fremden, solchen die vorübergehend zu Besuch oder auf der Durchreise sind, unmittelbare Nachbarn werden – die die Straße, öffentliche Einrichtungen, die Arbeitsstätte oder die Schule teilen. Die enge Nachbarschaft von Fremden ist in der Tendenz immer etwas nervenaufreibend. Man weiß nicht, was man von einem Fremden erwarten soll, welches seine oder ihre Intentionen sind und wie er oder sie auf das eigene Verhalten reagiert. Noch wichtiger jedoch und im Gegensatz zur sicheren Online-Welt, ist es nicht möglich, die realen Differenzen zu übergehen, die auf den ersten Blick nicht vereinbar mit den eigenen Gewohnheiten erscheinen.

Wie reagiert man auf eine solche Situation? Der Haken ist, dass wir es bislang versäumt haben, eine befriedigende Reaktion zu entwickeln, geschweige denn zu etablieren. Eine weithin als progressiv betrachtete Strategie ist eine Politik, die unter der Bezeichnung „Multikulturalismus“ bekannt ist. In seinem Buch Trouble with Principle (Harvard University Press, 1999) unterschied Stanley Fish zwei Varianten dieser Strategie: einen “Boutique-“ und einen “starken” Multikulturalismus. Der Boutique-Multikulturalismus bezeichnet nach der Definition von Fish eine oberflächliche Faszination für das Andere: exotisches Essen, Kulturfeste und distinguierte Liebhaberei. Mit Boutique-Multikulturalismus ist genau all der Nonsens der globalen Konsum-Ideologie gemeint, der sich in den Statusmeldungen von Facebook finden lässt. Vertreter dieser oberflächlichen Form des Multikulturalismus schätzen und genießen andere Kulturen, sympathisieren mit diesen und erkennen deren Legitimität. Aber sie gehen nie so weit, diese grundlegend anzuerkennen. „Boutique-Multikulturelle“, so Fish, „nehmen die zentralen Werte der Kultur, die sie tolerieren, nicht ernst und können dies auch nicht.“ Aus demselben Grund, würde ich sagen, verschlimmern sie das Problem noch durch eine Geringschätzung der Verletzung, durch die Missachtung dessen, was dem „Fremden“ von nebenan sakrosankt ist. Es wird offenbar in der Kränkung in Form eines jovialen Abtuns von: „das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“ Stanley Fish beschrieb die Haltung so:

„Das Problem, wenn man Toleranz als sein vorrangiges Prinzip bestimmt, ... ist, dass man dem möglicherweise nicht treu bleiben kann, weil die Kultur, deren zentrale Werte man toleriert, sich früher oder später selbst als im Kern intolerant erweist. Die Besonderheit, die sie als einzigartig und sich selbst definierend auszeichnet, steht der Aufforderung zur Mäßigung oder der Einbindung in einen größeren Rahmen entgegen. Konfrontiert mit der Forderung, eigene Standpunkte aufzugeben oder dadurch zu erweitern, dass Praktiken der natürlichen Gegner – andere Religionen, Rassen, Geschlechter oder Klassen – integriert werden, wird sich die bedrängte Kultur mit allen Mitteln, von diskriminierenden Rechtsnormen bis hin zur Gewalt, wehren.“

Es ist natürlich, dass Erniedrigungen nach einem Ventil suchen, durch das der Druck abgebaut werden kann. Wenn die Erniedrigungen, wie in der Diaspora Europa, sich darüber potenzieren, dass sich die Abgrenzungen zwischen denjenigen, von denen die Demütigung ausgeht, und den Gedemütigten mit den Abgrenzungen zwischen sozial Privilegierten und sozial Benachteiligten überlappen, dann wäre es naiv, nicht zu erwarten, dass entsprechende Ziele begierig als Ventile gesucht werden. Wir leben gegenwärtig in einem Minenfeld, von dem wir wissen (oder zumindest wissen sollten), dass es jede Menge Sprengstoff aufweist. Explosionen geschehen, wenngleich es keine Möglichkeit gibt vorherzusagen, wann und wo.

Radikalislamische Ideologie oder „strukturelle“ ökonomische Ungleichheit: welche Komponente spielt eine größere Rolle hinsichtlich dieses Phänomens der Radikalisierung und des Terrorismus in Europa und der Welt?

Warum reduzieren Sie das Problem “Radikalisierung und Terrorismus in Europa” auf das Phänomen “radikalislamische Ideologie”? In Soumission [Unterwerfung] von Michel Houllebecqs, in dem ein alternativer (zum Triumph des individualisierten Konsumenten) unheilvoller Weg skizziert wird, gewinnt im Jahr 2022 Mohammed Ben Abbes nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der rechten Nationalistin Marine Le Pen die Wahlen in Frankreich. Die beiden Konkurrenten sind alles andere als zufällig gewählt. Es könnte so kommen, wenn wir unfähig oder nicht willens sind, den Kurs zu ändern.

Die mit der Demokratie verbundenen Hoffnungen auf Freiheit und soziale Gerechtigkeit sind ganz offensichtlich nicht Wirklichkeit geworden. Demokratische Politik und noch mehr das Vertrauen in die Demokratie, als den besten Weg zur Lösung der dringlichsten sozialen Probleme, befinden sich in einer Krise. Wie Pierre Rosanvallon argumentiert:

“Diejenigen, die die Macht innehaben, genießen nicht mehr das Vertrauen der Wähler; sie werden bestenfalls noch durch das Misstrauen gegenüber ihren Gegnern und Vorgängern begünstigt.“

Überall in Europa beobachten wir ein Anschwellen antidemokratischer Stimmungen – und eine massive Abwanderung der unteren Schichten in die Lager am extremen Ende des politischen Spektrums aufgrund des einmütigen Versprechens, die bereits diskreditierten hohen Moralstandards durch die noch unerprobte Selbstherrlichkeit einer Autokratie zu ersetzen. Spektakuläre Akte der Gewalt können als Erkundungsversuche in diese Richtung gedeutet werden. Das Wort des Propheten ist nur eines der Banner, das eingesetzt wird, um die Gedemütigten und Benachteiligten, die Zurückgelassenen und Aufgegebenen, die Ausgestoßenen und Ausgeschlossenen, die Wütenden und die Vergeltung Suchenden zusammen zu scharen.

Sie haben bekräftigt, dass Ethik immer ein “Ich” braucht, nicht ein “Wir”. Das ist das Gegenteil von Fundamentalismus. Ist das „Ich“, die Affirmation individueller Identität, der Weg der Ethik, um den Fundamentalismus zu überwinden?

In seinem ersten Apostolischen Schreiben erneuerte Papst Franziskus die aus dem Blickfeld geratene moralische Dimension unserer Unterwerfung unter Hingabe an einen zügellosen, unkontrollierten und von der gesellschaftlichen Leine gelassenen Kapitalismus, geblendet von der Gier nach Bereicherung und blind gegenüber menschlichem Leid. Sie werden keine tiefgründigere und umfassendere Antwort auf unsere Frage finden (1):

„Die Menschheit erlebt im Moment eine historische Wende, die wir an den Fortschritten ablesen können, die auf verschiedenen Gebieten gemacht werden. Lobenswert sind die Erfolge, die zum Wohl der Menschen beitragen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheit, der Erziehung und der Kommunikation. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicherheit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen. Einige Pathologien nehmen zu. Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Menschen, sogar in den sogenannten reichen Ländern. Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu, die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Man muss kämpfen, um zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben. (...)

Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg.

Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die „Wegwerfkultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) Der deutsche Text des Apostolischen Schreibens findet sich unter: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html

Das Interview erschien zuerst in Ausschnitten in der italienischen Zeitung Corriera della Sera. In englischer Sprache wurde es auf Social Europe veröffentlicht. Inzwischen ist es in vielen europäischen Sprachen publiziert worden. Hier erscheint es erstmals in Deutsch.

(Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Beck)


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Prof. Zygmunt Bauman
Emeritierter Professor der University of Leeds
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