Deutscher Gewerkschaftsbund

18.12.2017

Tarifverträge stärken für Dienstleistungsarbeit

"Die soziale Spaltung schafft eine moderne Dienstbotengesellschaft"

Der Boom digital vermittelter Dienstleistungen geht bislang auf Kosten von Putzkräften, PaketbotInnen oder HandwerkerInnen. Sie sind oft nur prekär beschäftigt. Daran ließe sich leicht etwas ändern.

 

Kommentar von Dierk Hirschel

Karikatur mit zwei Paketboten während der Weihnachtszeit, denen ein Junge zuruft: Haltet durch!

DGB/Thomas Plaßmann

Kurz vor Weihnachten boomt der Handel im Netz. Amazon heuert in der Weihnachtszeit 13.000 Saisonkräfte an, damit die Geschenke noch rechtzeitig unter dem Baum liegen. Auch die Paketdienste haben viel zu tun. Jeden Tag transportieren DHL, Hermes, DPD & Co 15 Millionen Pakete durch die Republik. Dafür haben die Paketfirmen 20.000 Saisonkräfte eingestellt. Die vielen fleißigen Hände werden schlecht entlohnt. Amazon zahlt nicht nach Tarif. Die befristeten Helfer bekommen einen Stundenlohn von 10,52 Euro. Unter den Paketdiensten bezahlt lediglich DHL nach Tarif. Für die Beschäftigten der Wettbewerber gibt es nur den Mindestlohn.

Online-Handel und Paketdienste werfen ein schlechtes Licht auf die schöne neue Dienstleistungswelt. Drei von vier Beschäftigten haben heute einen Dienstleistungsjob – von der Putzhilfe bis zum Softwareentwickler. 70 Prozent unserer Wertschöpfung kommt aus Dienstleistungen. Eine ausdifferenzierte Produktion, veränderte Lebensbedingungen, die Alterung der Gesellschaft und die steigende Frauenerwerbstätigkeit haben diesen Strukturwandel vorangetrieben.

Unterbewertete und schlecht bezahlte Arbeit

Der Weg in die Dienstleistungsgesellschaft war hierzulande jedoch mit prekärer Beschäftigung und Billiglöhnen gepflastert. Dienstleistungsarbeit ist häufig unterbewertet, schlecht bezahlt und überwiegend Frauenarbeit. Das ist nicht vom Himmel gefallen. Die politische Förderung prekärer Beschäftigung und der Ausbau des Niedriglohnsektors haben ein neues Dienstleistungsproletariat entstehen lassen. Die Politik setzte beim Ausbau der Dienstleistungen verstärkt auf den Markt. Gleichzeitig reduzierten Steuergeschenke für Unternehmen und Reiche den staatlichen Gestaltungsspielraum. Deswegen konnten die öffentlichen Bildungs- und Gesundheitsdienstleistungen – im Gegensatz zum skandinavischen Raum – nicht ausgebaut werden.

Paketbote mit Paket vor einer verschlossenen Haustür.

Wohin mit dem Paket, wenn keiner da ist? Zum Nachbarn. Sie werden so ungewollt (und kostenlos) zu Dienstleistern der Zustellfirmen. DGB/colourbox.de

Der deutsche Weg in die Dienstleistungsgesellschaft öffnete die Einkommensschere. Die geringe Kaufkraft der Unter- und Mittelschichten beschränkt heute die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Dienstleistungen. Gleichzeitig kaufen die Besserverdienenden verstärkt private Kinderbetreuung, Putz- und Haushaltshilfen sowie Pflegekräfte. Die soziale Spaltung schafft eine moderne Dienstbotengesellschaft.

Die Digitalisierung verstärkt diesen Trend. Digitale Plattformen verschärfen ohne entsprechendes Regelwerk die Konkurrenz unter den Beschäftigten. Für Babysitter, Handwerker und Fahrer, die ihre Arbeitskraft im Netz verkaufen, sind Vergütungsfragen häufig ungeklärt und ihre Auftragslage unkalkulierbar. Noch ist der digitale Arbeitsmarkt überschaubar. Wenn aber die digitale Arbeitsvermittlung wächst, steigt auch der Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen.

Kleine Betriebe machen es Gewerkschaften schwer

Verdi, NGG & Co streiten für gute Dienstleistungsarbeit. Dabei machen kleine Betriebe und prekäre Arbeitsverhältnisse den Gewerkschaften das Leben schwer. Folglich haben die Beschäftigten in vielen Dienstleistungsbranchen kaum Verhandlungsmacht. Dennoch gelingt es auch gewerkschaftsfreie Zonen – Amazon, Zalando etc. – zu erschließen. Gleichzeitig kämpft Verdi erfolgreich für eine Aufwertung sozialer Dienstleistungen. Jüngst konnten bei den Erzieherinnen und Erziehern hohe Einkommenszuwächse durchgesetzt werden. Aktuell geht es bei den Kranken- und Altenpflegern um eine bessere Personalausstattung.

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Gute Dienstleistungsarbeit ist aber auch abhängig von politischen Entscheidungen. So kann die Politik Tarifverträge stärken. Eine erleichterte Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen könnte die Tarifflucht in vielen Dienstleistungsbereichen stoppen. Zudem müssten Minijobs, Leiharbeit und Befristungen politisch zurückgedrängt werden. Doch damit nicht genug. Die dringend notwendige Aufwertung sozialer Dienstleistungen erfordert eine gesetzlich verbindliche Personalbemessung in Krankenhäusern und Altenheimen. Darüber hinaus sollten die öffentlichen Bildungs- und Gesundheitsdienstleistungen in staatlicher Regie ausgebaut werden. Dafür muss die öffentliche Hand mehr investieren. Auch bei der digitalen Dienstleistungsarbeit gibt es Handlungsbedarf. Für die Arbeitsvermittlung auf digitalen Plattformen braucht es gesetzliche Mindestbedingungen etwa in Form von Mindesthonoraren und Sozialversicherung.

Die Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft kann politisch gestaltet werden. Durch eine richtige politische Steuerung können ökonomischer Fortschritt, gute Arbeit, Verteilungsgerechtigkeit und Ökologie miteinander verbunden werden.

 


Der Beitrag erscheint gedruckt im gewerkschaftlichen Info-Service einblick Januar 2018.


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Kurzprofil

Dierk Hirschel
Geboren 1970 in Nürnberg
Bereichsleiter beim Ver.di-Bundesvorstand für Wirtschaftspolitik, Europa und Internationales.
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