Deutscher Gewerkschaftsbund

05.11.2013
Anti-Stress-Verordnung

NACHGEFRAGT bei Hans-Jürgen Urban

Seit einigen Monaten setzen sich die IG Metall und der DGB für eine "Anti-Stress-Verordnung" ein, um den steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz entgegen zu wirken. GEGENBLENDE hat hierzu das IG Metall-Vorstandsmitglied Dr. Hans-Jürgen Urban befragt.

GEGENBLENDE: Hans-Jürgen, das Thema „psychische Belastungen am Arbeitsplatz“ stößt seit längerer Zeit auf ein breites Echo in der Gesellschaft. Gibt es deiner Ansicht nach allgemeine Ursachen (z. B. Leistungsdruck), die den Wandel in der Arbeitswelt kennzeichnen?

Urban: In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts nehmen psychisch belastende Arbeitsbedingungen immer stärker zu. Über alle Branchen und Berufsgruppen hinweg steigt die Arbeitsintensität, wächst der Zeitdruck und atypische Arbeitszeiten wie Nacht- und Schichtarbeit nehmen zu. Zugleich gehört für immer mehr Beschäftigte ansteigende Monotonie zum Arbeitsalltag. All diese Trends werden durch den Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der im Januar 2013 veröffentlicht wurde, mit konkreten Daten und Fakten belegt.

Zu den tiefer liegenden Ursachen gehören sicherlich die neuen Formen einer „wertorientierten Unternehmensführung“. Dabei wird die Steuerung der Unternehmen zunehmend an kurzfristigen Renditeerwartungen ausgerichtet. Unter dem Diktat der Finanzmärkte wird die Qualität der Arbeit zur variablen Restgröße und gerät immer stärker unter Druck. Eine expansive Wettbewerbslogik prägt immer mehr gesellschaftliche Bereiche weit über die Unternehmenssphäre hinaus.

GEGENBLENDE: Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist in den letzten Jahren immens gestiegen. Sie verursachen bis zu 29 Milliarden Euro Kosten für die Krankenkassen. Ebenso haben wir in den letzten Jahren äußerst erschreckende Nachrichten über die psychischen Belastungen bei Managern (Selbstmorde und Drogensucht) erfahren. Können solche Chefs überhaupt eine Sensibilität für das Thema entwickeln?

Urban: Ich denke, dass die eben geschilderten neuen Formen der Unternehmensführung auch bei den Führungskräften zu enormen Belastungen führen. Fälle von Burnout oder psychisch bedingte Erkrankungen nehmen auch bei den Chefs zu. Auch deshalb stellen wir in der letzten Zeit eine gewachsene Sensibilität in den Unternehmen und in der Politik fest. Vielfach beschränken sich aber die Reaktionen auf Angebote eines „Stressmanagements“ oder einer Resilienzstärkung ohne die notwendigen verhältnispräventiven Schritte in Angriff zu nehmen.

GEGENBLENDE: Im Juni 2013 beschloss der Bundestag eine „Klarstellung“ oder besser gesagt: eine Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes, mit der jetzt explizit psychische Belastungen als Gefährdungsfaktoren genannt werden. Wie kam es zu dieser Gesetzesänderung und welche Bedeutung hat sie für die Praxis?

Urban: Mit der „Klarstellung“ im Arbeitsschutzgesetz hat die Politik auf den Druck unserer Anti-Stress-Initiative reagiert. Wir haben seit langem argumentiert, dass es eine Regelungslücke im Arbeitsschutzrecht gibt und der Verpflichtungsdruck auf die Arbeitgeber erhöht werden muss, um Gefährdungen durch psychische Belastungen in der Arbeit in allen Unternehmen und Verwaltungen zu ermitteln. Vielfach haben sich Arbeitgeber auf die Schutzbehauptung zurückgezogen, dass psychische Belastungen nicht wörtlich im Arbeitsschutzgesetz erwähnt seien. Diese Ausflucht ist nun endgültig nicht mehr möglich. Betriebsräte können jetzt in jedem Betrieb eine Gefährdungsbeurteilung auch psychischer Belastungen einfordern und dabei auf diese „Klarstellung“ verweisen.

GEGENBLENDE: DGB, BDA und das Arbeitsministerium haben Anfang September 2013 eine gemeinsame Erklärung gegen Stress als Ursache psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz verabschiedet. Welche Bedeutung hat diese Erklärung aus Sicht der IG Metall?

Urban: Der Erfolg besteht m.E. in erster Linie darin, dass die Arbeitgeberverbände endlich den dringenden Handlungsbedarf bei der Prävention psychischer Gefährdungen anerkannt haben. Und sie haben in dieser Erklärung zugestanden, dass die Gefährdungsbeurteilung das zentrale Instrument der Prävention im Betrieb darstellt.

Der gemeinsame Appell für flächendeckende Gefährdungsbeurteilungen physischer und psychischer Belastungen gibt den betrieblichen Interessenvertretungen einen erheblichen Rückenwind, um jetzt in jedem Betrieb und in jeder Verwaltung die Initiative zu ergreifen, um die betriebliche Prävention zu verbessern.

GEGENBLENDE: Reichen die Konkretisierung im Arbeitsschutzgesetz und die gemeinsame Erklärung nicht aus, um nun endlich zu handeln? Brauchen wir noch eine Anti-Stress-Verordnung?

Urban: Wir brauchen eine Konkretisierung der Bestimmungen des Arbeitsschutzgesetzes für die betriebliche Praxis. Ähnlich wie bei anderen Gefährdungsfaktoren etwa bei Lärm, Gefahrstoffen oder Vibrationen muss eine solche Konkretisierung in einer Verordnung erfolgen. Eine Anti-Stress-Verordnung muss darlegen, welche psychischen Belastungsfaktoren im Einzelnen in eine Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen sind und nach welchen Maßgaben eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen ist. Diese Anforderungen müssen möglichst konkret sein. Das erleichtert die betriebliche Umsetzung und ist zugleich eine notwendige Voraussetzung für die Beratung und Überwachung der Betriebe durch die Arbeitsschutzaufsicht. Nach dem ersten guten Schritt der „Klarstellung“ im Arbeitsschutzgesetz muss jetzt der zweite Schritt erfolgen: der Erlass einer Anti-Stress-Verordnung, wie es der Bundesrat Anfang Mai 2013 auch gefordert hat.

GEGENBLENDE: Vielen Dank!


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Dr. Kai Lindemann
Verantwortlicher Redakteur des Debattenmagazins GEGENBLENDE
geboren 1968 in Bremen
» Zum Kurzprofil