Deutscher Gewerkschaftsbund

15.12.2014

Mode und Moral – warum teuer nicht gleich fair bedeutet

Am 16. Oktober wurde vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Ein großer Teil der Textilbranche hat bis jetzt seine Unterschrift für den Aktionsplan des Bündnisses[1] verweigert.

Die Verbände der Textilproduzenten behaupten aber gerne, dass ihre Mitglieder im Gegensatz zu den Billigmarken sauber produzieren lassen. Wer sich ihre Produktionsstätten in Bangladesch genauer anschaut, wird vom Gegenteil überzeugt. Viele Verbraucher_innen glauben immer noch, wenn wir Markenmode kaufen, sei der höhere Preis durch eine bessere Qualität und bessere Produktionsbedingungen gerechtfertigt. Für Edelmarken würden keine Textilarbeiterinnen in Bangladesch sterben. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum: Teure Modelabels lassen ihre Ware unter ebenso schlechten Bedingungen wie die Billiganbieter fertigen.

Teure Marken

Die Organisation RISE hat die Produktionsbedingungen der Lieferanten von Edelmarken wie Hugo Boss und Tommy Hilfiger mit jenen der Billigmarken wie H&M vor Ort verglichen. Zunächst war es sehr schwer unter den rund 5000 Fabriken in Bangladesch mit insgesamt 4-5 Mio. Arbeiter_innen, darunter 80 Prozent Frauen, diejenigen zu finden, die für Hugo Boss produzieren. Zwei Fabriken konnten von RISE ausfindig gemacht werden. Die Beschäftigten litten unter den gleichen schlechten Arbeitsbedingungen wie Kolleg_innen in den anderen Fabriken auch. Bei einem Boss-Zulieferunternehmen in Chittagong gab es für viele Arbeiterinnen, die ständigen Beschimpfungen ihrer Aufseher ausgesetzt waren, nicht einmal Arbeitsverträge. Die Näherinnen können dort ihr Leben kaum planen, weil sie ohne Vorankündigung zu Überstunden gezwungen werden. Ihre Fabrik war in einem derartig schlechten baulichen Zustand, dass Teile zur Schließung empfohlen wurden.

Nach der Katastrophe von Rana Plaza am 24.April 2013, bei der 1134 Menschen starben und über 1500 teilweise schwer verletzt wurden, unterschrieben über 180 Unternehmen hauptsächlich aus Europa ein Gebäude- und Brandschutzabkommen. Die Firma Hugo Boss hat es bis heute nicht unterzeichnet. Auch US-amerikanische Unternehmen haben ein weniger verbindliches Abkommen zustande gebracht, das ebenfalls zum Ziel hat, die Gebäude ihrer Produzenten auf Statik und Feuerschutz zu untersuchen. Die Prüfberichte der Fabriken werden ins Internet gestellt. Dadurch wird zum ersten Mal Transparenz hergestellt und Gewerkschaften, NGOs und Betroffenen die Möglichkeit eröffnet, Einblick in den Zustand der Arbeitsgebäude zu erhalten.

Billigmarken

H&M macht viel Werbung mit nachhaltiger Produktion und fairer Arbeit. Die Untersuchung aber ergab, dass die Arbeitsbedingungen in ihren Produktionsstätten immer noch katastrophal sind: bei 12 untersuchten Fabriken, von denen fünf für H&M produzieren, fehlen schriftliche Arbeitsverträge, nirgendwo gibt es einen frei gewählten Betriebsrat und Schwangerschaftsurlaub wird nicht korrekt gewährt. RISE befragte in diesen Fabriken insgesamt 115 Beschäftigte. Im Vergleich zu Hugo Boss veröffentlicht H&M wenigstens die Lieferantenliste. Der Konzern behauptet, dass seine Produzenten einen »fairen Lohn« zahlen. Was darunter zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Sie geben lediglich an, dass die Näherinnen ihren Lohn selber bestimmen sollen - scheinbar individuell, ohne Gewerkschaften und Tarifverträge. Wieweit H&M Kollektivinteressen zulässt, kann man in Deutschland beobachten, wo der Konzern gezielt gegen Betriebsräte vorgeht. Das ist nicht verwunderlich, schließlich beruht das Geschäftsmodell auf vielen Stundenjobberinnen, die oft vor Gericht klagen, um ihre verbrieften Rechte durchzusetzen. Drei Viertel der H&M-Mitarbeiter_innen sind in Teilzeit beschäftigt, denn es ist billiger, Studentinnen mit Zehn-Stunden-Verträgen jobben zu lassen als erfahrene Mitarbeiterinnen zu bezahlen. Wenn H&M in Deutschland seine Beschäftigten so behandelt, wie sieht es dann erst in Bangladesch bei den Zulieferern aus?

Auditbusiness

Viele Textilunternehmen bekennen sich inzwischen zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und haben Zulieferer zu bestimmten Standards verpflichtet, doch was ein Qualitätssiegel für die Unternehmen sein sollte, ist vor allem ein Millionengeschäft für die Prüfgesellschaften. Im „Auditbusiness“ sind auch deutsche TÜV-Gesellschaften engagiert.

Eine Fabrik im Rana Plaza wurde vor dem Einsturz vom TÜV Süd und TÜV Rheinland geprüft. Der Prüfbericht vom TÜV Rheinland erscheint abgesehen von der Gebäudesicherheit, für die der TÜV nicht zuständig war, absurd. Die Fabrik bekam die Gesamtnote „Verbesserungen nötig“, was heißt, dass es ein paar Veränderungen bedarf. Die Verstöße scheinen aber aus Sicht der Auditoren nicht so gravierend zu sein, dass die Fabrik keine Aufträge mehr erhalten sollte. Angeblich gab es keine Kinderarbeit, keine Formen der Zwangsarbeit und keine Diskriminierung in der Fabrik. Sogar Vereinigungsfreiheit soll es gegeben haben. Zwar haben die meisten Fabriken ein so genanntes Participation Committee. Doch dieses Gremium wird in der Regel nicht frei gewählt, sondern durch das Management bestimmt. Es ist ein Skandal, dass die Audits nicht veröffentlicht werden und eine Geheimakte der Fabrikbesitzer, Einkäufer und Tester bleiben. Die Arbeiter_innen und ihre Gewerkschaften erfahren nichts davon. Selbst mit einem "Verbesserungen nötig" kann also jeder Fabrikbesitzer so weitermachen wie bisher. Das macht keinen Sinn.

Auch die Tazreen Fabrik, die im November 2012 abbrannte, wurde zuvor von Auditoren geprüft. An den Folgen des Brandes und beim Sprung aus dem Gebäude starben bis August 2014 insgesamt 125 Arbeiter_innen, 150 verletzten sich teils schwer. Die Tubagruppe, zu der die Tazreen Fabrik gehört, ist im Eigentum von Delwar Hossain, der sich mit Kautionen mehrfach aus der Haft freikaufen konnte, zuletzt am 5. August 2014. Er erpresste die Justiz damit, dass er drei Monatslöhne für 1600 Arbeiter_innen zurückhielt. Sie würden erst ausgezahlt, wenn er auf freien Fuß käme. Auch deutsche Einkäufer wie KiK und Lidl und internationale Unternehmen wie Walmart und C&A platzierten Aufträge bei der Tubagruppe. Obwohl die Fabrik angeblich überprüft wurde, passierte nichts. Im Gegenteil: Die Aufträge flossen weiter, obwohl in dem Gebäude Notausgänge und Feuerleitern fehlten. Sogar Laien hätten diesen Mangel feststellen können, warum also nicht die Auditoren? Wurde die Fabrik überhaupt jemals überprüft?

Völlig unverständlich ist deshalb die Zurückweisung einer Beschwerde bei der nationalen Kontaktstelle der OECD, die der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Uwe Kekeritz, am 13. Mai 2013 gegen KiK eingereicht hatte. Als Begründung wurde ausgeführt, dass KiK keine direkte Verantwortung für den Brand trage, weil die Firma zum Zeitpunkt des Brandes nicht mehr dort produzieren ließ und keinen maßgeblichen Einfluss auf die Sicherheitsvorkehrungen gehabt hätte. Wenn KiK seine Produzenten vor Auftragsvergabe geprüft hätte, dann hätten die fehlenden Fluchtausgänge auffallen müssen. Das Feuer hätte ja auch schon früher ausbrechen können, als KiK dort noch produzieren ließ. Der Textilhändler hat seine Vorsorgepflicht sträflich vernachlässigt. Dass die OECD Kontaktstelle dies nicht erkennt, zeigt, dass die Ansiedlung dieser Stelle beim Wirtschaftsministerium höchst problematisch ist. Seit Jahren wird dies von NGOs kritisiert.

Verantwortung der Regierungen

Aber auch die Regierung von Bangladesch trägt Verantwortung für die Arbeits- und Menschenrechte der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie. Das Arbeitsgesetz von Bangladesch als auch die ILO-Konventionen müssen eingehalten werden. Auch die deutsche Bundesregierung versäumt es, sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für den Schutz der Menschenrechte in Bangladesch einzusetzen. Das Textilbündnis ist durchaus ein Signal, aber ohne den Beitritt der meisten Unternehmen und Verbände bleibt es ein zahnloser Tiger. Überhaupt wäre ein Gesetz, das alle Unternehmen gleichermaßen zur Vorsorge verpflichtet, eine gerechtere Lösung, weil sich dann alle daran halten müssten und nicht nur die, die einem freiwilligen Bündnis beitreten.

Verantwortung der Verbraucher_innen

Natürlich ist auch unser Konsumverhalten für die Verhältnisse vor Ort verantwortlich. Inzwischen kostet ein T-Shirt bei Primark weniger als eine Tasse Kaffee oder eine Busfahrt. Die Achtung vor der Arbeit einer Näherin ist damit völlig verloren gegangen. Jeder sollte wissen: Für absurd billige Produkte müssen andere z.B. in Bangladesch bluten. Seit Jahren stagnieren bei uns die Preise für Textilien, der Dauer-Discount ist Normalität. Wir kaufen Wegwerfmode. Dabei sollten wir weniger kaufen und dafür bewusster. Es gibt einige wenige Siegel wie Fairtrade für Baumwolle oder GOTS für Umweltstandards, auf die man achten sollte. Unternehmen, die der Fair Wear Foundation beigetreten sind, wollen die Arbeitsbedingungen in der Konfektion verbessern. Nicht nur die Unternehmen, die Politik und die Verbände stehen in der Pflicht, würdevolle Produktionsbedingungen zu schaffen, auch die Konsument_innen können verantwortungsvoll handeln.

Zuletzt von der Autorin erschienen:

Todschick

Edle labels, billige Mode – unmenschlich produziert

Paperback Heyne Verlag

240 Seiten


[1] An dem Aktionsplan des Bündnisses hat die Autorin aktiv mitgearbeitet.


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Kurzprofil

Gisela Burckhardt
Entwicklungspolitische Expertin und Vorstandsvorsitzende von FEMNET
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