Deutscher Gewerkschaftsbund

11.07.2011

Das Versagen der Verleger

Kaum eine Subspezies der Besitzenden macht sich in Deutschland derzeit so forsch unbeliebt wie die der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger.

Das sind jene Damen und – in aller Regel – Herren, die letztlich darüber entscheiden, was wir am Kiosk vorfinden - welch eine Verantwortung. Hängt doch der Zustand jeder demokratischen Gesellschaft entscheidend davon ab, ob und wie ihre Medien und damit ihre Öffentlichkeit funktionieren. Den Verlegern aber, so scheint es, ist die demokratische Aufgabe inzwischen völlig wurst. Sie sind sauer.

Jahrzehntelang waren die Medieninhaber gewohnt, vom kleinen Zeitungsbesitzer in der Provinz bis zum Medienmulti Bertelsmann, Geld zu drucken. Das Verlegen von  Zeitungen und Zeitschriften war ein sicheres Geschäft, bis zur Jahrtausendwende. Da begann das Internet ihr Geschäft zu bedrohen. Anzeigenkunden wanderten ab. Und auch „Nachrichten“ sind dort inzwischen leicht und umsonst zu haben. Nicht zuletzt deshalb, weil viele Verlage in dem Wunsch, voll dabei zu sein beim großen Internet-Boom, die Inhalte ihrer Publikationen kostenlos ins Internet kippten.

Nun ist das Wehklagen groß

Nein, der Untergang der Verlage steht nicht unmittelbar bevor. Die Zeitungsverleger haben mit ihren nun 24 Millionen täglich verkauften Blättern 2010 ein knappes Umsatzplus von 0,7 Prozent erwirtschaftet. Macht 8,5 Milliarden Euro. Die Zeitschriftenverlage melden zum Teil viel bessere Zahlen. Der Springer-Konzern verdiente 2010 erstmals mehr als eine halbe Milliarde Euro. Der Bertelsmann-Umsatz stieg im letzten Jahr auf 15,8 Milliarden Euro (plus 4,5 Prozent), der Gewinn auf das Zwanzigfache: 656 Millionen Euro. Die Rendite war Rekord: Über 11 Prozent. Sieht so das Ende aus?

Drehen wir die Zeit im Kopf noch einmal kurz zurück bis 1945. Die Nazi-Barbarei war just besiegt. Die Alliierten der Westzonen (im Osten wurde die Öffentlichkeit ja verstaatlicht) überlegten, was sie wohl mit den Köpfen dieses komplett desinformierten, aufgehetzten, vom Faschismus verrohten deutschen Volkes anstellen könnten. War es doch gerade auch das Totalversagen einer monopolisierten, oft willfährigen Presse gewesen, die Hitlers Aufstieg ermöglicht hatte. Wer sollte die Medien machen und besitzen? Manch Offizier der Alliierten suchte verdammt lange, bis er einen Deutschen fand, der einer Lizenz zum Verlegen würdig war. Als Gegengewicht gab es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dazu. Eine grandiose Idee: Weil er aus der verheerendsten Propagandawaffe der Nazis ein demokratisches Medium machte, das, zumindest potentiell, im Besitz aller ist. Ein Segen, der umso deutlicher wird, je mehr private „Konkurrenz“ die ARD-Sender und das ZDF bekommen.

Über Jahrzehnte funktionierte das Doppelsystem – private Verlage, öffentlich-rechtlicher Rundfunk – relativ gut. Zumal auch temperamentvolle Querköpfe Lizenzen von den Alliierten erhalten hatten, Typen wie Rudolf Augstein, Axel Springer oder Gerd Bucerius. Bucerius hatte schon 1924 in einem Schulaufsatz gezeigt, dass er begriffen hatte, was eine Zeitung eigentlich tun sollte: „Für eine große Idee zu kämpfen und das Publikum zu ihr hinaufzuziehen“.

Große Ideen hat heute kein mächtiger deutscher Verleger mehr. Oft nicht einmal kleine Ideechen. Seit Ewigkeiten hat er kein großes Presseerzeugnis mehr erfunden. Und auch kein journalistisches Produkt hervorgebracht, das in der neuen Welt des Internet für Aufsehen sorgen würde. Er ist so innovativ wie trocken Brot.  

Auch ums große Ganze, um Transparenz, Kontrolle, Meinungsvielfalt, um „ihre gesellschaftspolitische Verantwortung“ scheren sich die meisten Verleger nur noch in feierlichen Sonntagsreden. Elan zeigen sie eher beim Lohndumping, vom Zusteller aufwärts. Ihre Firmen werden längst von Betriebswirten und Controllern gemanagt, die journalistische Qualität gerne für einen unerträglichen Kostenfaktor halten. Und auch was die Verleger selbst seit Jahren auf dem Sektor von Rundfunk und Fernsehen treiben, hat mit Journalismus und demokratischer Öffentlichkeit meist verblüffend wenig zu tun.

Es geht nur um eines: Ums Geld verdienen.

Also spucken die Verleger seit Jahren Gift und Galle gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wobei sie am meisten stört, was gut ist. Unlängst erst haben sie gegen die Tagesschau-App der ARD geklagt, ein "Killer für ein digitales Geschäftsmodell der Presse“, wie Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger nicht müde wird zu verkünden. Und dazu ein "staatlich finanziertes Presseprodukt".

Wolff, ein Volljurist, sollte es besser wissen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist gerade nicht der Staat. Auch wenn sich der Staat viel zu oft dort einmischt. Doch wissen sich der Geschäftsführer und seine Verleger in einem Boot mit der schwarz-gelben Koalition, die oft ein gestörtes Verhältnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeigt und den privaten Medieneignern schon im Koalitionsvertrag versprochen hat, ein neues „Leistungsschutzrecht“ zu schaffen , dass den Verlagen – nicht den Urhebern – das Inkasso für Online-Inhalte erleichtern soll.

Sie lesen darüber eher selten etwas? Das liegt daran, dass die Zeitungen über die Machenschaften und Idiotien ihrer Inhaber eher zaghaft berichtet. 

Unlängst ging ein offener Brief von Nachwuchsjournalisten an die deutschen Zeitungsverleger, mit 1728 Unterschriften:

„Sie sprechen gerne vom Qualitätsjournalismus. Für Qualität braucht man gute motivierte Journalistinnen und Journalisten. Leser kaufen Medienprodukte, weil sie dort sorgfältig recherchierte Nachrichten und Geschichten erwarten. Wir glauben an die Zukunft des professionellen Journalismus. Doch wie wollen Sie sich, sehr geehrte Verleger, am Markt behaupten, wenn Sie gleichzeitig Redaktionsbudgets kürzen, Stellen streichen und das Lohnniveau absenken? Ist es nicht so, dass ein Unternehmer in eine Sache investiert, an die er glaubt? Auswahl, Analyse, Einordnung, Sachverstand in Spezialgebieten, das sind die Stärken des anspruchsvollen Journalismus. Das sind zeit- und arbeitsintensive Qualitätsfaktoren. Im Billig-Journalismus wird es genau daran fehlen.“

Im Kern geht es gerade um die Frage: Wem gehört das World Wide Web? „Uns!“, rufen die Verleger frech. Und kämpfen mit allem Mitteln gegen die öffentlich-rechtlichen Anstalten, deren Besitzstrukturen, Hand aufs Herz, doch eigentlich viel besser zu einem Medium wie dem Internet passen. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Verlegern schon 2007 versprochen, den öffentlich-rechtlichen Anstalten Grenzen zu setzen. BDZV-Präsident Helmut Heinen sprach im letzen Jahr zu den Seinen: „Ich versichere Ihnen, dass wir nicht aufhören werden darauf zu drängen, dass dieses Versprechen eingelöst wird. Und sei es mit Hilfe der Europäischen Kommission in Brüssel.“

Seit Jahren feuern die Zeitungsverleger und der Verband Privater Rundfunk und Telemedien aus allen Rohren gegen die Online-Präsenz der Öffentlich-rechtlichen. „Es geht den Verlagen nicht ums Überleben, sondern um ihre Vormacht“, schrieb neulich der Verleger Jakob Augstein in einer beißenden Kritik seiner Kollegen. „Sie kämpfen an zwei Fronten: nach oben gegen die großen Institutionen der öffentlich-rechtlichen Sender und nach unten gegen die Blogger und Netz-Aggregatoren. Für Schützenhilfe wenden sie sich vertrauensvoll an die Politik: Mit immer neuen Rundfunkänderungsstaatsverträgen – die nicht nur als Begriff wie eine Keule wirken – wurde den Sendern in den vergangenen Jahren das Leben im Netz schwer gemacht.“

Die Erfolge sind erschreckend: Die Politik ist den Medienbesitzern immer wieder zu willen. Dank eines neuen Medienstaatsvertrages sind ARD und ZDF neuerdings gezwungen, zur Massenvernichtung ihrer Inhalte im Internet zu schreiten. Terabyte von gutem Journalismus werden „depubliziert“. Stoff, für deren Herstellung wir alle Gebühren gezahlt haben. Das muss weg, damit bei anderen die Kasse stimmt. Es ist erbärmlich.


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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
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