Deutscher Gewerkschaftsbund

01.03.2010

Deutschlands Exportabhängigkeit und die Rolle der Ungleichheit

von: Prof. Dr. Gustav A. Horn, Dr. Till van Treeck, Simon Sturn

[1]Eine zentrale Herausforderung für die Stabilität der Weltwirtschaft in den nächsten Jahren ist der Abbau der globalen Ungleichgewichte im Außenhandel. Dies betrifft in besonderem Maße Deutschland, welches als „Exportweltmeister“ stark von der Rezession betroffen ist.

Daher wächst der Druck, durch eine kräftigere Binnennachfrage zum Abbau der hohen Außenhandelsdefizite der bisherigen Konjunkturlokomotiven wie den USA, Großbritannien oder Spanien beizutragen, die wegen ihrer hohen privaten Verschuldung zur Konsolidierung gezwungen sind. So betont beispielsweise der Internationale Währungsfonds: „Neben der Wiederherstellung der Angebotsseite muss sich auch die Struktur der globalen Nachfrage ändern, damit sich die Wirtschaft nachhaltig erholen kann. Insbesondere müssen Länder, die exportorientierte Strategien verfolgten und hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufgebaut haben, mehr auf Binnennachfrage setzen – namentlich die Schwellenländer in Asien und Deutschland und Japan.”[2] Es stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob und wie die jahrelange Lohnzurückhaltung und Einkommensumverteilung von unten nach oben mit den deutschen Exporterfolgen bei gleichzeitiger Schwäche von Konsum- und Binnennachfrage zusammenhängen?

Verschärfung der „Lohnzurückhaltung“ und Ungleichheit?

Viele Jahre forderten Wirtschaftswissenschaftler und Regierungsberater, dass der Anteil der Löhne am Volkseinkommen zurückgehen solle und die Ungleichverteilung innerhalb der Lohneinkommen (Lohnspreizung) zunehmen solle, um einen höheren Beschäftigungsstand im Zusammenhang mit einer erhöhten internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen.[3] An diesen Empfehlungen wird auch in der aktuellen Krise festgehalten. Beispielsweise argumentiert Christoph M. Schmidt: „Die Exportlastigkeit hat uns sehr gut getan, der Wohlstand ist beständig gewachsen. Es besteht kein Anlass, das deutsche Geschäftsmodell zu ändern. […] Haben zu viele Menschen keinen Job, ist es ratsamer, die Löhne langsamer steigen zu lassen als die Produktivität. In den nächsten Jahren sollte man in Deutschland die Idee der Lohnzurückhaltung nicht aufgeben, um Arbeitsplätze zu schaffen.“[4]

Eine ähnliche Sicht vertritt der Sachverständigenrat. Er lobt die „insgesamt betrachtet moderate Tariflohnpolitik“ der vergangenen Jahre als „Vater der positiven Arbeitsmarktdynamik“, weil „sie die Verteilungsspielräume nicht voll ausschöpfte“.[5] Zugleich wird jedoch festgestellt, dass die Lohnzurückhaltung mit einer sehr einseitigen, exportabhängigen Wachstumsdynamik einherging: „Da Deutschland in diesem Jahrzehnt eine äußerst lebhafte Exportkonjunktur verzeichnete, während die binnenwirtschaftliche Nachfrage weitgehend stagnierte, stieg die Exportquote auf 48 v.H. und ist damit höher als in anderen großen Volkswirtschaften.“[6] Um diese starke Exportorientierung der deutschen Wirtschaft zu überwinden, schlägt der Sachverständigenrat vor, weiter auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und eine moderate Tarifpolitik zu setzen. Auch Hans-Werner Sinn empfiehlt zur Überwindung der einseitigen Exportorientierung weitere Lohnzurückhaltung und Lohnspreizung.[7]

Es stellt sich in diesem Kontext aber die Frage, warum die in den letzen Jahren mit einer immer stärkeren Exportorientierung einhergehenden Lohnzurückhaltung in Zukunft den genau gegenteiligen Effekt zur bisherigen Entwicklung haben und nun plötzlich die Binnenwirtschaft gegenüber dem Export stärken sollte? Schließlich ging die Lohnzurückhaltung mit der Förderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitiger Schwächung der privaten Konsumnachfrage mit einer immer stärkeren Spaltung von außen- und binnenwirtschaftlicher Wachstumsdynamik einher.

Eine alternative Analyse

Eine überzeugendere Herangehensweise ist, die Einkommensumverteilung zu Lasten der Löhne und unteren Einkommen als Teil einer nicht nachhaltigen, exportorientierten Wachstumsstrategie Deutschlands zu sehen.[8] In der internationalen Debatte setzt sich zunehmend die Sichtweise durch, wonach die rasante Zunahme der Einkommensungleichheit in vielen Ländern eine der entscheidenden Ursachen der globalen Ungleichgewichte und der aktuellen Weltwirtschaftskrise ist: „Die Krise hat strukturelle Wurzeln. Der Mangel an aggregierter Nachfrage ging der Finanzkrise voraus und ist Konsequenz der strukturellen Änderungen der Einkommensverteilung. Seit 1980 stagnierten in den meisten industrialisierten Ländern die Medianlöhne und Einkommensungleichheiten haben zugunsten der oberen Einkommensgruppen zugenommen. Dies ist Teil eines generellen Entwicklungstrends, welcher ebenso weite Teile der nichtindustrialisierten Welt betroffen hat.”[9]

Da Bezieher niedriger Einkommen gewöhnlich eine höhere Konsumneigung aufweisen, hat die Einkommensumverteilung einen latenten Nachfrage dämpfenden Effekt. Das Konsumwachstum konnte in den USA zeitweise durch den Anstieg der Verschuldung der Privathaushalte hoch gehalten werden.[10] Trotz der schwachen Entwicklung der realen Masseneinkommen war der private Konsum lange Zeit die tragende Säule des Wirtschaftswachstums in den USA. Notwendig für diese immer stärkere Verschuldung auch der unteren Einkommensgruppen waren Finanzinnovationen und gezielte politische Maßnahmen der Finanzmarktderegulierung.[11]

In einigen anderen Ländern und insbesondere in Deutschland hatte die zunehmende Einkommenskonzentration andere makroökonomische Auswirkungen. Sie führte zu einem Anstieg der Sparquoten, schwacher Konsumnachfrage und niedrigerem, vom Export und von der Verschuldungsbereitschaft der Defizitländer abhängiges Wachstum.[12] Der im internationalen Vergleich außergewöhnlich starke Anstieg der ökonomischen Ungleichheit in Deutschland während des letzten Jahrzehnts ist mittlerweile ausführlich dokumentiert. Deutschland war traditionell von Einkommensungleichheit und -armut in geringerem Maße betroffen als der Durchschnitt der OECD Länder, allerdings ist es in den letzten zehn Jahren zu einer drastischen Verschärfung gekommen. Die OECD stellte jüngst sogar fest: „Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD Land.“[13] Hinsichtlich der Primärverteilung lässt sich sowohl ein rapider Rückgang des Anteils der Löhne am gesamten Volkseinkommen feststellen als auch eine zunehmende Ungleichverteilung innerhalb der Lohneinkommen.[14]

Ähnlich wie es Krugman[15] jüngst für die USA dargestellt hat, ist die drastische Zunahme der ökonomischen Ungleichheit in Deutschland nicht allein notwendige Reaktion auf technologischen Wandel und Marktkräfte, sondern auch eine politisch gezielt geförderte Entwicklung. Die Umverteilung hin zu Gewinneinkommen und höherer Lohnspreizung wurde seit langem von vielen Wirtschaftswissenschaftlern und Regierungsberatern gefordert.[16] Zugleich entsprachen die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre dieser Zielsetzung.[17] Die zunehmende Ungleichheit der Verteilung wurde darüber hinaus durch eine Reihe von steuer- und sozialpolitischen Reformen befördert.

Nicht nur gegenwärtig spricht vieles für die Argumentation von Fitoussi und Stiglitz[18], wonach die Arbeitslosigkeit in Deutschland vor allem als Nachfrageproblem anzusehen ist und die schwache Entwicklung der realen Masseneinkommen die weitgehend stagnative Wachstumsentwicklung entscheidend mitbefördert hat.[19] Anders als in den USA ist es in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit nicht zu einem nennenswerten Anstieg der Verschuldung der Privathaushalte relativ zu ihren Einkommen gekommen.[20] Vielmehr hat ein Großteil der Bevölkerung auf fallende Reallöhne und die sozialpolitischen Einschnitte der vergangenen Jahre mit Konsumverzicht reagiert.[21] Neben einer vorsichtigen persönlichen Finanzplanung, die auf die Kreditnachfrage wirkt, sind auch die Kreditvergabepraktiken deutscher Banken traditionell zurückhaltend.[22] Diese Voraussetzungen schwächten die Binnenwirtschaft.

Es dürfte nicht nur der Nettoeffekt von Exportsteigerung und Konsumstagnation auf das Wachstum in Deutschlands Volkswirtschaft negativ ausgefallen sein.[23] Auch bedingte diese Entwicklung hohe Kapitalbilanzüberschüsse und somit eine starke Auslandsorientierung des Bankensystems. Die deutschen Banken standen nach den vielfältigen Deregulierungsmaßnahmen im letzten Jahrzehnt unter erheblichem Renditedruck und wandten sich bei schwacher Kreditnachfrage im Inland zunehmend der Spekulation mit riskanten Produkten im Ausland zu. Im Ergebnis wurden die deutschen Banken – ebenso wie die deutsche Exportindustrie – stark von der amerikanischen Immobilienkrise erschüttert.

Schlussfolgerungen

Die globalen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte lassen sich auch auf die unterschiedlichen Wirkungen zunehmender Einkommensungleichheit in den einzelnen Ländern zurückführen. Folgt man dieser Analyse, bedarf es – insbesondere auch in Deutschland – einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung, um die latente Nachfrageschwäche und damit die gesamtwirtschaftliche Krisenanfälligkeit zu überwinden.

 


[1] Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung von G. Horn, S. Sturn, T. van Treeck: Die Debatte um die deutsche Exportorientierung, in: Wirtschaftsdienst, 90. Jg. (2010), H. 1, S. 22-28.

[2] Vgl. International Monetary Fund (IMF): World Economic Outlook, Oktober 2009, Kapitel 1, S. 32, eigene Übersetzung.

[3] Vgl. z.B. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten, 1999/2000, Ziffern 340 ff., Jahresgutachten, 2000/2001, Ziffern 416 ff.

[4] Vgl. „Die deutschen Löhne sind sehr hoch“, Interview mit Christoph Schmidt, in: Focus Online vom 17.6.2009, http://www.focus.de/finanzen/news/konjunktur/wirtschaftsweiser-schmidt-die-deutschen-loehne-sind-sehr-hoch_aid_408642.html.

[5] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2008/09, Ziffer 442.

[6] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2008/09, Ziffer 15.

[7] Vgl. z.B. H.-W. Sinn, Falsches Geschäftsmodell, Wirtschaftswoche, 22.6.2009, S. 38.

[8] Vgl. C. Logeay, R. Zwiener: Deutliche Realeinkommensverluste für Arbeitnehmer: Die neue Dimension eines Aufschwungs. WSI Mitteilungen, Nr. 8, 2008, S. 415-422; E. Hein, T. van Treeck: Finanzmarktorientierung – ein Investitions- und Wachstumshemmnis? IMK Report, Nr. 26, 2008.

[9] J.-P. Fitoussi, J. Stiglitz: The Ways Out of the Crisis and the Building of a More Cohesive World, OFCE Document de travail, Nr. 17, 2009, S. 3, eigene Übersetzung.

[10] Vgl. J.-P. Fitoussi, J. Stiglitz, 2009 ; T. Palley : America’s Exhausted Paradigm: Macroeconomic Causes of the Financial Crisis and Great Recession, New American Contract Policy Paper
http://www.newamerica.net/files/Thomas_Palley_America's_Exhausted_Paradigm.pdf.

[11] Vgl. W. Eggert, T. Krieger: „Home Ownership“ als Substitut für Sozialpolitik - Zum Entstehen der Finanzkrise in den USA, in: Wirtschaftsdienst, 89. Jg. (2009), H. 6, S. 390-396.

[12] Siehe ausführlicher G. Horn, K. Dröge, S. Sturn, T. van Treeck, R. Zwiener: Von der Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise (III). Die Rolle der Ungleichheit, IMK Report, Nr. 41, Düsseldorf 2009.

[13] Vgl. OECD: Mehr Wohlstand durch Wachstum? Fact Sheet Deutschland: (http://www.oecd.org/dataoecd/3/28/41531752.pdf), 2008.

[14] Vgl. OECD: Growing unequal? Income distribution and poverty in OECD countries. Paris 2008; C. Dustmann, J. Ludsteck, U. Schönberg: Revisiting the German Wage Structure, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 124, Nr. 2, S. 843-881, 2009; T. Kalina, C. Weinkopf (2009): Niedriglohnbeschäftigung 2007 weiter gestiegen – zunehmende Bedeutung von Niedrigstlöhnen, IAQ-Report, 2009-05.

[15] Vgl. P. Krugman: Nach Bush – Das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten, Campus, Frankfurt 2008.

[16] Vgl. z.B. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1992/93; H.-W. Sinn: Ist Deutschland noch zu retten? München 2004.

[17] Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, Jahresgutachten 2006/07; C. Logeay, R. Zwiener, a.a.O.

[18] Vgl. J.-P. Fitoussi, J. Stiglitz, a.a.O.

[19] Vgl. C. Logeay, R. Zwiener, a.a.O.; E. Hein, T. van Treeck  a.a.O., H. Joebges et al., a.a.O.

[20] T. van Treeck, E. Hein, P. Dünhaupt: Finanzsystem und wirtschaftliche Entwicklung: Tendenzen in den USA und in Deutschland aus makroökonomischer Perspektive, IMK Studies, Nr. 5, 2007.

[21] V. Meinhardt, K. Rietzler, R. Zwiener: Konjunktur und Rentenversicherung – gegenseitige Abhängigkeiten und mögliche Veränderungen durch diskretionären Maßnahmen, Forschungsbericht im Auftrag Deutsche Rentenversicherung Bund. IMK Studies, Nr. 3, 2009.

[22] Vgl. G. Horn et al.: Von der Finanzkrise zur Wirtschaftskrise (III), a.a.O.

[23] Vgl. H. Joebges et al., a.a.O.


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Prof. Dr. Gustav Horn
Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf
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Geboren 1980 in Krefeld
Wissenschaftlicher Referent am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans Böckler-Stiftung in Düsseldorf.
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