Deutscher Gewerkschaftsbund

08.11.2010

Erregungsmuster

von: Tom Schimmeck

Wir warten noch. Auf den deutschen Messias. Auf unseren Pop-Populisten. Grenzt fast schon an ein Wunder, dass uns noch kein Haider und keine Pia Kjaersgaard, kein Blocher und kein Berlusconi geboren wurde. Wo Rechtsrowdies doch rundum triumphieren, von Norwegen bis Ungarn.

Sollte Deutschland ob seines reflektierten Umgangs mit der eigenen Geschichte tatsächlich gefeit sein gegen Radikalvereinfacher? Gegen diese Anti-Politiker, die es so trefflich verstehen, den öffentlichen Diskurs kapern, indem sie Volkes Gefühle aufschäumen, Angst, Missmut und Verachtung sähen. Und eine solche Melange für ihre Zwecke zu nutzen.

Nun, wir üben noch. Doch auch unsere Erregungskultur macht enorme Fortschritte. Unsere bisherige Höchstleistung auf diesem Sektor: Die sagenhafte Sarrazin-Debatte. Ein Medientornado, der gewiss dazu beigetragen hat, dem Rechtspopulismus auch in Deutschland die Tür ein gutes Stück weiter zu öffnen. Ist es doch dessen Masche, der Komplexität einer sich globalisierenden Welt simple Formeln entgegen zu brüllen. Harte Fronten und Feindbilder zu schaffen. Schuld zuzuweisen: Den Fremden, den Juden, den „Gutmenschen“, den linken Spinnern – ganz nach Bedarf. Er bündelt die Ängste der Menschen und zieht sie an ihnen durch die Manege.

Anfang Oktober, auf dem Höhepunkt des Sarrazenen-Ritts, als der Boden bereitet schien, beehrte Geert Wilders unsere Hauptstadt, eilte gut bewacht ins „Hotel Berlin“, geladen von CDU-Abweichlern, die sich nach einem Einpeitscher sehnen. „Mit einem Fahrzeug der holländischen Botschaft und gepanzerten Limousinen des Landeskriminalamtes“, berichtet der Tagesspiegel, „wurde der Politiker vom Flughafen abgeholt.“ 540 auserwählte Gäste zahlten je 15 Euro Eintritt, um das blondierte Wunder aus den Niederlanden zu bestaunen. Und die Gründung einer neuen „Freiheits-Partei“ zu befördern. Auch Deutschland, dröhnte Wilders, brauche eine Bewegung, um die „nationale Identität des Landes zu verteidigen“. Das Auditorium fühlte sich inspiriert.

Es sinken die Hemmschwellen. Manch Talk-Lautsprecher, der einst den Idealen der Aufklärung verpflichtet schien, übt sich emsig im neuen Ton. Der Moslem ist jetzt auch bei uns der Böse. Diese Türken und Araber wollen sich doch gar nicht integrieren, grummelt Volkes frisch erweckte Zornesstimme: Nur Knoblauch und Kopftuch. Keine großen Köpfe, dafür notorisch kriminell! Und das, so wissen wir dank Sarrazin, auch noch genetisch. Wie sprach er so schön in einem Interview? Es seien „Gene, die Volksgruppen voneinander, äh, anhand von denen man, äh, man, äh, man, äh, also Volksgruppen voneinander unterscheiden kann.“

Die Blogs und Leserbriefspalten platzen fast. Schon zeigt eine Studie_, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland erheblich wächst. Dass den Menschen die Ressentiments viel flotter von den Lippen kommen. Horst Seehofer lief gleich vorneweg. So konsolidiert man Feindschaft. Die Stimmung läuft heiß. Längst dreht sich die politische Debatte nicht mehr um notwendige Reformen, um Chancen, um Perspektiven. Nein, nun werden immer tiefere Gräben ausgehoben, wird Exklusion praktiziert. Zwecks Hebung der eigenen fragilen Befindlichkeit lernen jene, denen es ein wenig besser geht, mit Verachtung nach unten zu gucken und zu spucken, auf die Unterschicht, die faulen Hartz-IV-Empfänger, die ach so fremden Migranten. Schimpfwörter wie „Opfer“ und „Loser“ sind populär. Während im Ghetto die Wut wächst. Wo dann Migrantenkinder deutsche  Altersgenossen als „Kartoffeln“ verspotten, sich auf die Religion zurückziehen, als Schutzschild, als Restidentität. Und ihnen plötzlich nichts Deutsches mehr als „haram“ gilt – islamkonform.

Der fesche Geert Wilders attackiert den Islam als „faschistisch“, als „kranke Ideologie“. (Für uns kein gänzlich neuer Tonfall, hatte doch etwa der Zeit-Herausgeber Josef Joffe schon vor Jahren den „Islamo-Faschismus“ gegeißelt.) Solch derbe Rückgriffe auf Pathologie und Verbrechen befördern das medial gestützte Massen-Sautreiben. Sie gehören zum Repertoire einer neuen Erregungskultur, die in etlichen Ländern Europas grassiert. Die so vieles zum Feind erklärt. Die nichts mehr von Gleichheit und Brüderlichkeit weiß, Freiheit nur für sich will und am Ende auch für die Demokratie nur mehr Hohn übrig haben könnte. Ähnliches ist in den USA zu beobachten, wo die „Tea Party“ immer neue Höhenzüge der Hysterie erklimmt. Und einen Zorn mobilisiert, der sich Anfang November als stärker erwies als Obamas Zauber.

Vielleicht aber sind wir in Deutschland tatsächlich besser gefeit. Vielleicht ist das hier alles nur ein Spuk?


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
» Zum Kurzprofil