Deutscher Gewerkschaftsbund

06.01.2011

Die Sprache der Macht

Ein hübscher Name ist schon mal viel wert. Selbst Kriege werden heute werbeträchtig etikettiert. Früher benannte man eine Schlacht meist schlicht nach dem Austragungsort: Issos, Amselfeld, Verdun, Stalingrad. Heute steckt die PR bereits im Etikett: „Operation Desert Storm“, „Operation Iraqi Freedom“, „Operation Enduring Freedom“. Public Relations ist überall.

Es ist die Sprache der Verblendung, ein manipulatives Spiel mit Worten. Wer einen Rausschmiss als „Freisetzung“ verbrämt, ein Lager für hochradioaktiven Müll „Entsorgungspark“ nennt oder Streubomben als „intelligente Wirksysteme“ verniedlicht, macht sich mit Mächtigen gemein, betreibt, wenn auch mitunter unbewusst, deren Propaganda. Befleißigt sich des Orwellschen „Neusprech“. Benutzt „Falschwörter“ – wie sie der Theatermann und Publizist Ivan Nagel nennt. Das Problem des Journalismus sei nicht mehr nur die „parasitär-osmotische Beziehung“ zwischen Medien und Macht, meint der Kollege Robert Fisk vom Independent, sondern die unreflektierte Nutzung der von der Meinungsindustrie vorgestanzten Formulierungen und Phrasen: „Wir Journalisten werden mehr und mehr zu Gefangenen der Sprache der Macht.“

Die penetrante Wiederholung solcher Begriffe gehört zum Handwerkszeug der PR. Professionelle Meinungsmacher werfen so lange mit klebrigen Wortbonbons um sich, bis kaum einer mehr die falsche Süsse ihrer Begriffe schmeckt. Das ist das Wesen des „Spin“ - jenes Gewerbes, dessen Aufgabe es ist, Öffentlichkeit gegen Geld zu beeinflussen, sie mit geschickten Kampagnen umzudrehen.

Nicht nur im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Sobald es um viel Geld und Macht geht, steht die PR stets an vorderster Front. Das begann vor über hundert Jahren, notiert der Autor Stuart Ewen (PR! A Social History of Spin): 1906 drohte in US-amerikanischen Steinkohle-Minen ein großer Streik. Die Stimmung im Lande hatte sich gegen den Raubtierkapitalismus der „robber barons“ gedreht. Die Anliegen der Bergarbeiter fanden Gehör in den Medien. Da sagten sich die Bosse: Wir müssen in die Zeitungen. Sie heuerten einen Journalisten als Einflussagenten an, der mit viel Pathos eine „Deklaration von Prinzipien“ verkündete. Und seinen Ex-Kollegen „schnelle und akkurate Informationen“ versprach. Eine Lüge, derer sich zur PR konvertierte Journalisten bis heute gern bedienen.

Ja, sie wandern noch immer ab, in Scharen, wie es scheint. Die Zahl der Journalisten schwindet. Viele aus der Zunft der Pressesprecher waren zuvor journalistisch tätig. Führende Journalisten, vor allem die aus dem Wirtschaftsressorts, heuern gern in Konzernzentralen an, als „Communication Director“ etwa. Zumal die Medien jetzt in der Dauerkrise stecken. Während die Welt der PR stetig größer und bunter wird. Sie braucht wortgewandte Leute. Sie zahlt gut. „Doch selbst nach einem Jahrhundert des Spin“, notierte unlängst der britische Economist (http://www.economist.com/node/17722733), „ist der PR-Mann seiner wahren Rolle unsicher. Ist er der Meistermanipulator? Der Advokat des Teufels (so lange der sein Honorar zahlt)? Oder doch der gute Brückenbauer zwischen Konzern und Öffentlichkeit?“

Nein, PR ist nicht per se böse. Die wunderbare Warenwelt will beworben werden. Und auch allerbeste Anliegen brauchen Aufmerksamkeit. Die Frage lautet: Wie unabhängig Öffentlichkeit und ihre Medien noch von bezahlten Interessen sind. Und ob sie die Kraft und die Ressourcen haben, den Spin zu durchschauen und zu entwirren. Denn die PR-Leute sind jetzt in der Mehrzahl. Internationale PR-Agenturen machen Milliardenumsätze, beraten Konzerne, Diktatoren, ja selbst lupenreine Demokraten. Schätzungen besagen, dass heute 50 bis 80 Prozent der Stories in den Nachrichtenmedien aus PR-Quellen stammen oder von ihnen beeinflusst wurden. Das Image ist zum entscheidenden Faktor geworden – im Wahllokal, im Supermarktregal und an der Börse.

Passé die Zeiten, da ein Sprecher mit einer simplen Presseerklärung ins Geschehen eingreifen konnte. Die Manipulation ist längst viel komplexer. Heute versucht die PR, möglichst früh und direkt auf das Konsumenten-Publikum einzuwirken. Sie wird proaktiv tätig, setzt die „Agenda“, kreiert tolle Typen und Stories, produziert selbst immer mehr Medien-“Content“: Serien, Shows und Spiele. Macht gibt sich interaktiv, klinkt sich in die neuen sozialen Netzwerke ein, bastelt Fake-Websites, die sich ganz gemeinwohlig geben. Und letztlich doch nur geschickt bemäntelte Interessenvertretung sind.

Ein Ziel: Die Dressur des Kunden zum willigen Werbeträger. Produkte haben heute Fanpages auf Facebook, Lobbyisten twittern emsig, Manager bloggen Dich frontal an. Jede Marke erhebt sich zur großen Erzählung, jedes Klopapier wird zum Symbol eines Lifestyle, jeder verdammte Schokoriegel buhlt um unser Kostbarstes: unsere Zeit, unsere Zuwendung. Das Business will nicht mehr nur unser Geld, sondern auch unsere Begeisterung. Der Schein bestimmt das Bewusstsein.


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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
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