Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2011

Berufe aus vergangenen Zeiten

Die Arbeitswelt wandelt sich stetig. Dieses Buch zeigt auf interessante und unterhaltsame Weise, wie sich die Anforderungen an Arbeitnehmer/innen auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungen verändert haben. Es werden 24  Berufe oder besser gesagt Tätigkeiten aus vergangenen Zeiten vorgestellt.

Neben den Fertigkeiten und Kenntnissen wird auch auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen eingegangen. Hier ein paar Beispiele:

Einer der meist gehassten Berufe im preußischen Berlin war der des Kaffeeriechers. Friedrich der Große wollte mit einer Steuer von 150 % auf Kaffee die Staatskasse auffüllen. Dem dadurch blühenden Schmuggel sollten eingesetzte Kriegsveteranen mit ihren Schnüffelnasen Einhalt gebieten. Die Rechnung ging nicht auf, und der preußische König musste sich den gut organisierten Kaffeefreunden geschlagen geben und sein Monopol auflösen. Fortan hieß es Kaffee für alle. Es wurde nach Erdöl zum zweitgrößten Exportgut.

Nicht Eskimos, sondern die Arbeit des Fischbeinreissers sorgte dafür, dass es im Dienste der modebewussten Damenwelt beinahe zur Ausrottung der Wale gekommen wäre. Dank der französischen Revolution und der späteren Emanzipation der Frauen konnte das verhindert werden. Denn statt mit Reifrock und Korsett kleideten sich Frauen nun leicht und luftig und spielten mit ihren natürlichen Reizen.

Sprichwörter und Berufe

Beeindruckend war die Tätigkeit der Fullonen, der Urinwäscher/innen. Schon im alten Rom wurde Urin gesammelt, welches zur Reinigung der Kleidung diente. Kaiser Vespasian verlangte sogar eine Urinsteuer. Diese Steuer bekam ein bis heute bekanntes Etikett: „Geld stinkt nicht“.

Auch mit dem weitverbreiteten Gerücht, warum in Kuba die Zigarren eine besondere Note bekommen sollen, wird aufgeräumt. Besonders interessant wird beschrieben, wie man noch im Spätmittelalter die Herstellung von blauen oder violetten Altardecken und Priestergewänder betrieb. Die Arbeiter wurden angehalten am Wochenende viel Bier zu trinken, um am Montag genügend Harn abliefern zu können mit dem diese spirituellen Stoffe gefärbt werden konnten. Das bis heute gebräuchliche „Blaumachen“ ist darauf zurückzuführen, dass dieser wichtige und anstrengende Dienst mit einem freien Tag belohnt wurde. Mit der synthetischen Produktion von Ammoniak, Wasch- und Färbemittel starb dieser Beruf und die Tätigkeit aus.

Um 1700 wurde das erste Mal in einem Beruf auch auf Nachhaltigkeit geachtet. Der Köhler musste hierzu sogar eine praktische Prüfung ablegen um Meister zu werden. Vorausgegangen war eine Geschichte der totalen Ausbeutung der Natur.

In diesem Buch erfährt man auch woher das Lampenfieber kommt und was Goethe mit dem Beruf des Lichtputzers zu tun hatte.

Dass die gemalten Portraits von Marx und Engels Klassiker bei Sozialdemokraten Ende des 19. Jahrhunderts waren, während in Handwerksstuben bevorzugt patriotische Motive an den Wänden hingen, war der Arbeit der Lithografen bzw. den damaligen Steindruckern zu verdanken. Diese Technik wurde Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts durch das Offsetverfahren abgelöst. Heute wird verstärkt auch im Digitaldruck gearbeitet. Der Beruf des Medientechnologen Druck wird gerade von den Sachverständigen der Sozialpartner neugeordnet und tritt zum 1. August 2011 in Kraft. 

Das Buch ist mit ansprechenden farbigen Illustrationen gestaltet und kurzen Kapiteln leicht zu lesen und sehr unterhaltsam. Es spart aber trotzdem nicht mit fundierten Details aus der Berufswelt vergangener Zeiten und zeigt auf wie wichtig eine qualifizierte Berufsausbildung ist. Es ist für ExpertInnen in der Berufsbildung ebenso empfehlenswert wie für interessierte Leser/innen, die einfach ein bisschen in der Vergangenheit schmökern wollen.

"Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern: Berufe aus vergangenen Zeiten" von Michaela Vieser und Irmela Schautz, erschienen bei Bertelsmann im Jahr 2010, ISBN 3570100588


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Thomas Giessler
geboren am 8.Februar 1962 in Zell am Harmersbach (Ortenaukreis)
Referatsleiter beim DGB Bundesvorstand für Berufsbildungspolitik, Berufsausbildung im Handwerk, Ausbildung behinderter Menschen
» Zum Kurzprofil