Deutscher Gewerkschaftsbund

23.05.2011

Bildungsfieber

Stillstand bewirkt mit den Jahren ein lähmendes Gefühl. Über Jahrzehnte schleicht sich allmählich Ohnmacht ein. In Deutschland wird dies auf kaum einem Feld schmerzlicher spürbar als auf dem Stoppelacker der Bildungspolitik. Schon das Wort löst in mir Unbehagen aus.

Begriffe wie Kultusministerkonferenz sorgen für leichte Übersäuerung. Höre ich „Bologna-Prozess“, sehe ich eine gewaltige Studenten-Galeere vor mir, monoton rudernd. Ab und an geht einer über Bord. Erscheint die Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf dem Schirm, schalte ich um. Aus purem Selbstschutz. In seiner Heimat Baden-Württemberg, spottete einmal ein Bildungsexperte, sei es wohl leichter, die Gesetze der Schwerkraft zu besiegen als das dreigliedrige Schulsystem. Schauen wir mal, was dort die neuen Machtverhältnisse bringen.

Manchmal bringe ich nicht mehr den Elan auf, mich wieder und wieder zu echauffieren über unsere heilige deutsche Bildungs-Dreifaltigkeit. Dann beginne ich mich zu langweilen. Fühle mich gefangen in einer grausamen Debattenschleife, die nicht enden will und niemals zu irgendetwas führt. Wie in einer engen Schlucht, in der das Echo nie endet. In den 70er Jahren des verflossenen Jahrhunderts war ich Schülervertreter. Was damals diskutiert wurde, scheint nahezu identisch mit dem, was heute in der bildungspolitischen Debatte zu hören ist. Es ist schlicht nichts passiert.

Jedenfalls nichts Gutes. Oh ja, es gibt gute Schulen und engagierte Lehrer. Aber als Grundstruktur pflegen wir noch immer diesen preußisch-vordemokratischen Anachronismus, der einer modernen, demokratischen Industrienation eigentlich peinlich sein sollte. Noch immer leisten wir uns ein System, das viel zu viele Kinder nicht fördert, ihre Gaben verschleudert (selbst Ex-Präsident Horst Köhler sprach von einer „Vergeudung von Humanvermögen“), das auf Frühselektion in die „Dreigliedrigkeit“ setzt und dabei jene emporhebt, deren Vati und Mutti schon oben sind - also dafür sorgt, dass der Nachwuchs der sozial Schwachen und der Migranten unten bleibt. Dieses System steht unter ideologischem Denkmalschutz. Es dient der Abschottung, der Absicherung von Privilegien. Es fördert einen Elite-Dünkel, der nicht auf Leistung fußt, sondern auf Arroganz. Eine echte Elite, die mehr zu bieten hätte als Besitz und Macht, müsste Konkurrenz nicht fürchten. Man könnte, als Regel, formulieren: Wer von Elite quatscht, gehört schon mal nicht dazu.

Ludolph von Beckedorff, preußischer Kultusbeamter, hatte schon 1821 vor allzu viel Bildung für die „niederen Stände“ gewarnt, da sonst „unvermeidlich Dünkel und Ansprüche aller Art, Widerwillen gegen untergeordnete Beschäftigungen und die traurigste Unzufriedenheit bald überhandnehmen müßten“. Sein Hauptargument: Dass „der einmal ungleich ausgeteilte Besitz eine natürliche Verschiedenheit unter allen einzelnen begründet“.

In den 1970er Jahren machten sich sozialliberale Landesregierungen auf, etwas zu ändern an den überkommenden Bildungsstrukturen. Die FDP war damals, in Hessen etwa, mit Elan und Pioniergeist dabei, befeuert von einem Reformgeist, der ihr längst abhanden gekommen ist. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel brachte 1976 die sozialliberale Koalition den recht zahmen Antrag in den Landtag ein, die Bildungswege der Schüler erst nach der sechsten Klasse zu trennen. Schon damals wetterten die bessergestellten Eltern, der Philologenverband, die CDU, gegen die "sozialistische Einheitsschule". Auch die katholische Kirche war mit von der Partie. In Hessen strebte die SPD gemeinsam mit Freidemokraten wie Hildegard Hamm-Brücher nach einer Demokratisierung des Bildungswesens. Konservative Medien wie die FAZ entfesselten einen erbitterten Kulturkampf gegen solche Ideen. In einem Geiste, der bis heute fortwabert. Hugo Müller-Vogg, einer seiner wackersten Fackelträger, sah in „Bild“ noch 2008 die „Volksrepublik Deutschland“ im Anmarsch: „Ypsilanti & Lafontaine basteln an einem neuen Deutschland. Es soll ein Land werden, in dem Gleichheit wichtiger ist als Leistung. Ein Land der Einheitsschulen wie der Mindestlöhne. Ein Land, das mit dem Erfolgsmodell Bundesrepublik nicht mehr viel zu tun hat.“ Zu den Waffen, Bürger?

Welch altes Lied. Was neu ist: Ein Riesenstapel nationaler wie internationaler Studien bestätigt uns heute, dass unser Bildungssystem eine verheerende Auslese nach sozialer Herkunft betreibt und nicht in der Lage ist, all die Talente zu fördern, die unsere Gesellschaft – und ihre Wirtschaft! – so dringend braucht. Wir betreiben eine gigantische Verschwendung von Chancen, Hirnmasse und Lebensglück. Die sich jetzt auch noch auf die Universitäten ausdehnt. Wo hinter klingenden Worten wie „Freiheit“ und „Exzellenz“ die Standards verkommen. Unsere vermeintlichen Eliten zeigen sich konsequent beratungsresistent. Sie bestehen weiterhin darauf, einen Großteil unseres Nachwuchses in Sackgassen zu schicken.

Ja, es hat auch Reformpannen gegeben. Nicht jede Gesamtschule war der Weisheit letzter Schluss. Manche „Orientierungsstufe“ in der 5. und 6. Klasse erhöhte den Selektionsdruck noch. Auch zeigen sich Veränderungen im Detail. Die Hauptschule etwa erodiert allmählich. Sinkende Schülerzahlen erzwingen in vielen Landstrichen pragmatische Kompromisse. In den 16 Bildungsfürstentümern der Republik geschieht hier dieses und dort jenes. Das Prinzip der Frühselektion aber scheint unantastbar. Der zähe Stellungskrieg dauert an.

Das Thema Bildung ist heute größer denn je. Umfragen selbst der Bertelsmann-Stiftung zeigen, dass eine Mehrheit inzwischen keinen Gefallen mehr am alten Preußen-System findet. Die schwarzgelben Kämpfer wieder die „Einheitsschule“ verlieren ein Bundesland nach dem anderen. Wenn Josef Kraus (CSU), Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Bildungsbarrieren im System leugnet, den „PISA-Schwindel“ beklagt und selbst OECD-Studien als „Halbwahrheiten“ abkanzelt, hat das für viele bestenfalls noch Unterhaltungswert. Selbst die sonst so kämpferische „Welt“ stellte sich letztes Jahr die schöne, bange Frage, ob „das dreigliedrige Schulsystem - nach der Kernenergie, der ,Hausfrauenehe‘ oder der klassischen Ausländerpolitik - eine weitere aufgegebene Kernüberzeugung der CDU“ sei.

Die Bastion scheint sturmreif. Was fehlt, ist ein neuer Anlauf. Ein Bündelung der Kräfte für eine neue, überzeugende Vision. Wir brauchen einen Aufbruch. Wo bleibt der ehrgeizige, mutige Versuch, das marode System aus Kaisers Zeiten endlich zu schleifen? Wo sind die Reformer? Sie wirken zaghaft, ermattet, beinahe furchtsam. Wilhelm von Humboldt hatte mehr Feuer.

Warum zaudern die Reformer? Weil die jüngsten politischen Erfahrungen mit den Ressentiments der Bürger erschreckend waren. Der Volksentscheid in Hamburg im vergangenen Jahr sitzt allen in den Knochen. Wir erinnern uns: Dort hatte eine schwarz-grüne Koalition einen Umbau beschlossen, der sechs Jahre gemeinsames Lernen vorsah und neben den Gymnasien (das war der Deal mit der CDU) Stadtteilschulen etablierte, auf denen alle Abschlüsse erreichbar sind. Als grüne Schulsenatorin agierte Christa Goetsch, eine ehemalige Hauptschullehrerin, die zu oft erlebt hatte, „wie Schüler systematisch um ihre Möglichkeiten gebracht wurden“. In hartem Ringen war der Kompromiss mit den sechs gemeinsamen Lernjahren gereift – über alle Parteien hinweg.

Ein zorniges Bürgertum aber, offenbar von wachsender Angst vor Statusverlust und Abstieg gebeutelt, entfachte dagegen einen Feuersturm der Entrüstung. Mit den alten Slogans gegen "Einheitsschule" und „ideologische Experimente“. Und fegte das gemeinsame Lernen per Volksentscheid vom Tisch.

Ein ziemlich unverhohlener Klassenkampf. Die ärmeren Quartiere zeigten sich eher apathisch. Hamburgs reiche Viertel hingegen waren bestens mobilisiert und stimmten gegen die Reform. „Ich denke, dass eine frühzeitige Trennung gut ist, weil dann auch frühzeitig die Weichen gestellt werden“, sprach ein Vater in die Fernsehkameras. Ein anderer räsonierte, es sei ja ganz nett, wenn ein Arbeiterkind mal mit dem Sohn des Fabrikdirektors spiele, letztlich doch aber beide nichts davon hätten. Chefärzte riefen ihre Patienten zum Kampf gegen die Reform, die ein „Standortnachteil für die Gesundheitsmetropole“ sei. So dreist gerierten sich die feineren Leute lange nicht mehr. Sie rissen sogar CDU-Plakate herunter.

„Ein toller Tag für die Demokratie“, jubelten die Hamburger Reformgegner nach ihrem Sieg. Und waren doch selbst der konservativen Volkspartei unheimlich. „Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir nicht runterfallen“, sprach ein nachdenklich gewordener CDU-Parteichef Frank Schira: „Das gilt nicht nur für Hamburg, das ist ja in allen Bundesländern und Großstädten zu erkennen, dass diejenigen Menschen, denen es vielleicht nicht so gut geht, oder die eben nicht solche Bildungschancen haben oder eben nicht so ausgebildet sind, am politischen Prozess sich abkoppeln und nichts mehr machen.“

Sich abkoppeln. Weil ja sowieso nichts geschieht. Weil sie nichts mehr erwarten. Weil die sozialen Verhältnisse bombenfest zementiert erscheinen. Hat ja eh keinen Zweck. Ich kann diese Haltung verstehen. Nachfühlen sowieso. Aber sie ist grundfalsch. Und es wäre fatal, wenn solche Resignation Schule macht. Wenn die Weichen falsch gestellt bleiben.


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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
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