Deutscher Gewerkschaftsbund

02.05.2011

Nach dem Bildungsgipfel: der Abstieg

Wer sich auf die Suche nach der ‚Bildungsrepublik Deutschland‘ sowie nach den auf diese Perspektive bezogenen Zielsetzungen des Bildungsgipfels vom Herbst 2008 begibt, wird nicht recht fündig. Damals in Dresden hatten die Regierungschefs von Bund und Ländern in seltener Einmütigkeit verkündet, bis 2015 in Deutschland 10% des Bruttoinlandsproduktes für Bildung und Forschung aufzuwenden (Bundesregierung/Regierungschefs 2008).

Diese Ausgabensteigerung, die bei Erreichen der 10%-Marke eine Erhöhung des Budgets für Bildung und Forschung um 41 Milliarden Euro gebracht hätte (Klemm 2009), sollte die finanzielle Basis für die Realisierung zentraler bildungspolitischer Vorhaben schaffen. Im Einzelnen wurden die folgenden Ziele besonders hervor gehoben:

  1. Bis 2013 sollen für 35% der Kinder unter drei Jahren Angebote in der Kindertagesbetreuung (in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege) bereit gestellt werden. Das dazu erforderliche Personal soll ausgebildet werden.
  2. Die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss soll halbiert werden – von 8% auf 4% eines entsprechenden Altersjahrgangs.
  3. Auch die Quote der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss soll halbiert werden – von 17% auf 8,5%.
  4. Die Studienanfängerquote soll auf 40% eines Altersjahrgangs gesteigert werden.
  5. Die Beteiligung an der Weiterbildung soll von 43% auf 50% der Erwerbsbevölkerung gesteigert werden.

Spurensuche

Beim Versuch, den Zielen von 2008 nachzuspüren, stößt man zunächst einmal auf die Schwierigkeit, aktuelle Daten, insbesondere solche zum Volumen der Bildungsausgaben, zu finden. Die derzeit verfügbaren Angaben zum Budget für Bildung und Forschung reichen nur bis zum Jahr 2008 – also bis zu dem Jahr, in dem all die guten Absichten verkündet wurden. Wenn man gleichwohl den letzten Stand der Dinge in der Bildungsrepublik Deutschland erkunden will, muss man die Informationen sammeln und analysieren, die zu den von den Gipfelteilnehmern herausgestellten Handlungsfeldern verfügbar sind. Für eine solche Bilanzierung bieten sich, da dazu aktuelle Daten vorliegen, die Ziele ‚Ausbau der Krippenplätze‘, ‚Abbau der Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss‘ und ‚Abbau der Quote der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss‘ sowie ‚Steigerung der Studienanfängerquote‘ an.

Krippenplätze

Zu den zentralen Reformvorhaben, auf die sich Bund und Länder haben verständigen können, gehört die Verbesserung der frühkindlichen Förderung. Dies soll nicht zuletzt durch einen Ausbau der Krippenplätze für unter Dreijährige erreicht werden. Verabredet  ist, bis 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz einzuräumen und dazu das Platzangebot für unter Dreijährige so auszuweiten, dass 35% aller Kinder dieser Altersgruppe in Kindertageseinrichtungen oder in der Kindertagespflege betreut werden können. Die aktuell verfügbaren Daten zeigen: Im Jahr 2010, also drei Jahre vor dem Zieljahr 2013, werden deutschlandweit erst 23,1% der Kinder in Kindertageseinrichtungen oder in Tagespflege betreut – 17,4% in den alten Ländern, 48,1% in den neuen Ländern und 42,1% in Berlin (Statistisches Bundesamt 2010a). Angesichts dieser Werte ist es schwer vorstellbar, dass es in den zehn Ländern der früheren Bundesrepublik bis 2013 zur Erreichung der Zielmarke kommen kann. Diese Einschätzung wird auch durch eine neuere Studie von Rauschenbach/Schilling (2010) gestützt: Sie verweisen darauf, dass das propagierte Ausbauziel auch in Folge eines wachsenden Personalmangels kurz- und mittelfristig nicht erreichbar sei.

Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss

2009 verließen immer noch 7,0% der Schülerinnen und Schüler die allgemein bildenden Schulen ohne einen Hauptschulabschluss erreicht zu haben (Statistisches Bundesamt 2010b). Von dem proklamierten Ziel, die Quote von seinerzeit 8% zu halbieren, ist Deutschland danach noch weit entfernt. Wenn man sich vor Augen führt, dass mehr als die Hälfte derer, die die allgemein bildenden Schulen ohne einen Hauptschulabschluss verlassen, aus Förderschulen kommen, dann müssen sich Anstrengungen, die auf eine Senkung der Quote der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss richten, auf die Förderschulen konzentrieren. Den Weg dahin weisen Vergleichsuntersuchungen, die auf die Leistungsentwicklung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Förderschulen und im gemeinsamen Unterricht (Inklusion) zielen. Sie zeigen, dass Förderschülerinnen und -schüler in integrativen Settings gegenüber denen in institutionell separierenden Unterrichtsformen einen deutlichen Leistungsvorsprung aufweisen (vgl. die zusammenfassende Übersicht bei Klemm/Preuss-Lausitz 2008). Daraus darf abgeleitet werden, dass ein Weg zum Abbau der Quote der Schülerinnen und Schüler ohne Hauptschulabschluss in einem Ausbau inklusiver Bildung liegt – in einem Ausbau, zu dem sich Deutschland durch seinen Beitritt zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ohnedies verpflichtet hat. Allerdings muss dieser Ausbau von einem immer noch niedrigem Niveau aus erfolgen: Von den 6,2% der Schülerinnen und Schüler, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde, wurden im Schuljahr 2009/10 lediglich 20,1% inklusiv unterrichtet (eigene Berechnungen auf der Grundlage eigener Berechnungen nach KMK 2010a und b sowie Statistisches Bundesamt 2010b).

Junge Erwachsene ohne Berufsabschluss

Beim Abbau der Quote der jungen Erwachsenen, die keinen Berufsabschluss erlangt haben, fällt die Bilanz besonders desaströs aus. Beim Erreichen des Ziels, diese Quote von 17,0% zu halbieren, bewegt sich Deutschland derzeit in die entgegengesetzte Richtung: Die Quote der jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 29 Jahren, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen und die sich auch nicht mehr in einem auf einen Abschluss zielendem Ausbildungsgang befinden, ist 2008 – aktuellere Daten liegen noch nicht vor - mit 17,2% erschreckend hoch (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010). Dies erklärt sich zum einen aus der für eine erfolgreiche Ausbildung nicht hinreichenden schulischen Vorqualifikation der Bewerber und Bewerberinnen, insbesondere derer unter ihnen, die den Hauptschulabschluss verfehlt haben, zum anderen aber auch marktbedingt aus einem Mangel an Ausbildungsplätzen.

Steigerung der Studienanfängerquote

Während im Bereich der schulischen Bildung und auch in dem der Berufsbildung von einer absehbaren Zielerreichung keine Rede sein kann, wurde das Ziel, die Studienanfängerquote auf 40 Prozent eines Jahrgangs zu steigern, deutlich übertroffen. In den vergangenen Jahren ist diese Quote stark angestiegen: seit der ersten PISA-Studie (2000) um nahezu dreizehn Prozentpunkte von 33,5% auf 46,0% in 2010 (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010). Eine genauere Analyse dieser Quote, die für das Jahr 2008 durchgeführt wurde (damals lag die Studienanfängerquote bei 40,3%), zeigt allerdings, dass in den damals 40,3% nur 34,1% auf Studienanfänger zurück geführt werden können, die ihre Studienberechtigung in Deutschland erworben haben. Die ‚fehlenden‘ 6,2 Prozentpunkte sind Studienanfängern zuzuschreiben, die ihre Studienberechtigung im Ausland erworben und ihr Studium in Deutschland aufgenommen haben (Scharfe 2010).

Wie stark Deutschland im Bereich der Beteiligung an Hochschulbildung – trotz der unübersehbaren Steigerung - noch hinter internationalen Zielmarken herhinkt, wird aus der deutschen Absolventenquote ersichtlich: Sie lag 2008 mit 26,2% (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010) weit hinter dem Zielwert 40% zurück, auf den sich die Europäische Union in ihrer die Lissabon-Strategie ablösenden ‚EUROPA 2020-Strategie‘ verständigt hat (vgl. EU 2020-Strategie 2010). Auch ein Vergleich der deutschen Absolventenquote, die von der OECD für 2008 mit 25,5% berichtet wird, mit dem OECD-Durchschnitt von 38,2% (gleichfalls 2008), verweist auf einen deutschen Nachholbedarf (OECD 2010).

Viele Täler, kaum Höhen

Die Gesamtschau der hier untersuchten Aufgabenfelder zeigt, dass die Steigerung der Ausgaben für Bildung und Forschung um das angestrebte Volumen von jährlich 41 Milliarden Euro bis 2015 unverzichtbar bleibt. Dies belegt die Bilanz der Umsetzung der Beschlüsse des Dresdner Bildungsgipfels: Bei drei wesentlichen Zielgrößen – beim Ausbau von Krippenplätzen, bei der Senkung der Quote der jungen Menschen ohne Schulabschluss und bei der Senkung der Quote der jungen Erwachsenen ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung – sind Fortschritte kaum erkennbar. Lediglich bei der Anhebung der Quote der Studienanfänger wurde das Ziel übertroffen. Hier zeigt sich aber, dass der im Hochschulpakt II anvisierte Ausbau der Studienplätze nicht bedarfsdeckend ist, so dass auch hier zusätzliche Haushaltsmittel unverzichtbar sind.

Das Wort von der ‚Bildungsrepublik Deutschland‘, dies darf abschließend festgestellt werden, erweist sich als leere Worthülse. Aber wen wundert das: Haben wir doch gerade erst gelernt, dass ein gegebenes (Ehren-)Wort für eine Laufbahn im Wissenschaftsbetrieb Bestand haben muss, nicht aber für eine Politikerkarriere.  

 

Literatur/Quellen

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland 2010. Bielefeld

Bundesregierung/Regierungschefs der Länder (2008): Aufstieg durch Bildung. Dresden

EU 2020-Strategie (2010): www.bmas.de/portal/14008/eu2020_strategie.html - abgerufen am 24.09.2010

KMK (2010a): Sonderpädagogische Förderung in allgemeinen Schulen 2009/10. Berlin

KMK (2010b): Sonderpädagogische Förderung in Förderschulen 2009/10. Berlin

Klemm., K. (2009): Bildungsausgaben im föderalen System. Zur Umsetzung der Beschlüsse des ‚Bildungsgipfels‘. Berlin

Klemm, K./Preuss-Lausitz, U. (2008): Auszüge aus dem Gutachten zum Stand und zu den Perspektiven der sonderpädagogischen Förderung in den Schulen der Stadtgemeinde Bremen. In: Verband Sonderpädagogik – Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.: Sonderpädagogische Förderung in NRW. Mitteilungen 4/2008

OECD: Bildung auf einen Blick 2010. Paris 2010

Rauschenbach, Th. /Schilling, M. (2010): Der U3-Ausbau und seine personellen Folgen. Empirische Analysen und Modellrechnungen. München

Scharfe, S. (2010): Einfluss doppelter Abiturientenjahrgänge auf die Entwicklung der Studienanfängerquote. In: Wirtschaft und Statistik 6/2010

Statistisches Bundesamt (2010a): Kinder unter sechs Jahren in Kindertageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege nach Bundesländern am 1. März 2010. Wiesbaden -  Pressemitteilung vom 10.11.2010

Statistisches Bundesamt (2010b): Fachserie 11, Reihe 1 – Allgemein bildende Schulen 2009/10. Wiesbaden


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Kurzprofil

Prof. (em.) Dr. Klaus Klemm
Geboren 1942
Emeritierter Professor für Bildungsforschung
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