Deutscher Gewerkschaftsbund

26.06.2011

Die Zukunft der Berufsbildung

Seit Beginn der 90er Jahre, also seit nun schon fast zwanzig Jahren wird mit wechselnder Intensität unter Bildungsfachleuten in Politik, Verbänden und Wissenschaft über die Zukunftsfähigkeit der Berufsbildung zum Teil recht heftig und kontrovers diskutiert. 

Im Zentrum steht das „Duale System der Berufsausbildung“, dessen Lebensfähigkeit sowohl im nationalen wie im internationalen Maßstab immer wieder infragegestellt wird. Diese Debatten tangieren die Gewerkschaften erheblich. Seit es internationale Vergleichsstudien wie die OECD-Studie und PISA gibt, wächst das Interesse, auch das deutsche Berufsbildungssystem in seiner Leistungsfähigkeit mit den Ausbildungssystemen anderer Länder zu vergleichen. Die Globalisierung, insbesondere aber auch die neuere Bildungspolitik der Europäischen Union erzwingen geradezu eine solche Betrachtungsweise.

Die Kritik am dualen System

Die zentralen Kritikpunkte, die der dualen Berufsausbildung vorgehalten werden, sind in Kürze folgende:

1. „Singularitäts-These“: Das duale System sei im internationalen Maßstab ein Sonderfall, der sich nicht übertragen lässt. In den meisten Ländern sowohl innerhalb wie außerhalb Europas dominieren Schul- und Hochschulsysteme. Die deutsche Berufsausbildung wird sich daher nicht durchsetzen lassen und gegenüber dem angelsächsischen Modell „College for all“ den Kürzeren ziehen.

2. „Entberuflichungs-These“: Die Ausrichtung des dualen Systems an „Ausbildungsberufen“ und damit an dem Leitbild des Berufs stehe dem Trend der „Entberuflichung“ diametral entgegen, der für die moderne Arbeitswelt maßgebend ist. Die Bindung an einen Beruf behindere somit nur den Zugang zum Arbeitsmarkt.

3. „Verwissenschaftlichungs-These“: Die Stärke einer dualen Berufsausbildung liegt im Erwerb von Erfahrungswissen. In der „nachindustriellen“ Erwerbsarbeit werde aber systemisches Wissen entscheidend. Dadurch gerate das duale System gegenüber der höheren Allgemein- und wissenschaftlichen Bildung immer mehr ins Hintertreffen.

4. „Pluralitäts-These“: Die mangelnde Aufnahmefähigkeit des dualen Systems für die Schulabgängerinnen und –abgänger infolge der hohen Konjunkturabhängigkeit müsse dazu führen, dass vollschulische Ausbildungen quantitativ an Bedeutung gewinnen; es sei daher nur folgerichtig, wenn sich ein schulisches Ausbildungssystem fest etabliere und sich das duale System zu einem „pluralen System“ weiterentwickele.

Seit 2006 hat diese Debatte einen zusätzlichen Drive bekommen durch neue Initiativen zur Modularisierung der Berufsausbildung. In einem Gutachten für das BMBF forderten die Professoren Euler und Severing[1], die rd. 350 Ausbildungsberufe im dualen System in jeweils sechs bis zehn Module zu zergliedern, die einzeln geprüft und zertifiziert werden sollte. Damit war eine neue Tür für den Umstieg auf ein eher angelsächsisch geprägtes, tayloristisches Ausbildungsmodell geöffnet.

Der vermeintlich umständliche Erfolgsfaktor

Oft ist von Wissenschaftlern zu hören und zu lesen, die Ausbildungsberufe seien starr, nicht flexibel, ihre Modernisierung sei viel zu langatmig und umständlich. Selbst wenn dies stimmen sollte, bleibt doch zu fragen, ob Modularisierung die geeignete Antwort ist[2]. In einem Aufsatz von 2001 hat Gerhard Bosch auf diese Art der Diskussionsführung bereits eine passende Antwort gegeben: „Seit 1996 (bis 2001-d.V.) sind 33 neue Berufe entwickelt und 109 alte modernisiert bzw. erweitert worden. Pro Jahr wurden seitdem 28,4 Berufe neugeordnet oder neu geschaffen – gegenüber 11,25 im Zeitraum von 1980 bis 1996. Das Tempo der Neuordnung konnte damit um mehr als 150 Prozent gesteigert werden.

Der „Lebensberuf“ hat als Ideal längst ausgedient, spätestens seit der Einführung der IT-Berufe 1997 gilt das Prinzip „offener, dynamischer Berufsbilder“. Diese Konzeption basiert auf einer stärkeren Prozess- und Systemorientierung, betont die Vermittlung von „Kernqualifikationen“[3] und ermöglicht dadurch mehr bereichsübergreifendes Zusammenhangswissen und Zusammenhangsdenken als einzelne Module es könnten. Angestrebt wird ein ganzheitliches Ausbildungskonzept, das über einem systematischen und längeren Ausbildungsgang selbständige berufliche Handlungsfähigkeit sukzessive aufbaut. Diese „Architektur“ist inzwischen allgemeiner Industriestandard und strahlt auch in die Dienstleistungsberufe aus.

Reformbedarf

Das alles darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im dualen System der Berufsausbildung schwerwiegende und vor allem auch aus meiner Sicht unnötige Probleme gibt. Der Reformbedarf ist in der Tat dringend und er schwelt schon lange. Nur handelt er von ganz anderen Themen, als sie von der Wissenschaft und der Politik derzeit angeboten werden.

In erster Linie geht es um die bisher nie eingelöste Ausbildungsgarantie, die von Politik und Arbeitgebern immer wieder vollmundig gegenüber den Schulabgängerinnen und –abgängern abgegeben wird. Tatsächlich haben in den letzten Jahren Hunderttausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz bekommen, trotz ihrer Bewerbungsbemühungen und vielerlei Hilfen durch Bewerbertrainings, Schulprojekte und Berufvorbereitungsmaßnahmen. Diese Jugendlichen wurden vom Ausbildungsmarkt verdrängt und wanderten notgedrungen in Überbrückungsmaßnahmen ab, vor allem in berufliche Vollzeitschulen, die ihnen keinen adäquaten Berufsabschluss vermitteln konnten. So verwundert es nicht, dass in der Statistik aktuell 1,5 Mio. junge Menschen bis 25 Jahre geführt werden, die keinen Berufsabschluss besitzen. Die Zahlen sind unbestreitbar - und die Gewerkschaften weisen immer wieder auf diesen Skandal hin, eine soziale Misere.

Ausbildungsreife und öffentliche Verantwortung

Für die Arbeitgeber liegt der Grund für diese Ausbildungskrise vor allem bei den Jugendlichen selbst, die angeblich über keine ausreichende „Ausbildungsreife“ verfügen. Dieser Begriff hat inzwischen Karriere gemacht, obwohl er das Problem nicht wirklich erklärt. Der Hauptgrund war immer ein unzureichendes Angebot an Ausbildungsstellen. 

Das Kernproblem der dualen Berufsausbildung besteht in einem unregulierten Angebots-Nachfrage-Mechanismus. Diese fehlende Regulierung liegt aber nicht in der Natur einer dualen Ausbildung, sondern ist ausgesprochen bildungsfremd. Man könnte sie sogar als einen Verstoß gegen Artikel 12 des Grundgesetzes ansehen, der die freie Wahl des Ausbildungsplatzes garantiert. Immerhin hatte das Bundesverfassungsgericht in einem Grundsatzurteil schon 1980 festgestellt, dass Berufsausbildung eine „öffentliche Aufgabe“ darstellt, deren Durchführung der Staat an die Wirtschaft delegiert habe. Der Staat bleibt aber dafür verantwortlich einzugreifen, wenn keine ausreichende Versorgung mit Ausbildungsstellen gewährleistet ist. Die Lösung des Problems, die damals verhandelt wurde, war die Einführung einer Kollektivfinanzierung der betrieblichen Ausbildung nach dem Motto: wer nicht ausbildet, soll sich wenigstens an den gesellschaftlichen Kosten der Ausbildung beteiligen. Denn ausgebildete Fachkräfte fragen ja alle Unternehmen nach. Dieser Lösungsansatz wurde als verfassungsrechtlich zulässig eingestuft, konnte sich aber bisher nicht durchsetzen.

Die Regulierung des dualen Systems

Warum greifen vernünftige Regulierungsmodelle im dualen System nicht? Ganz einfach: weil sie nicht dem Mainstream entsprechen und gegen die Prinzipien neoliberaler Wirtschaftspolitik verstoßen. Seit der Schröder-Regierung wird massiv auf angebotsorientierte Politik gesetzt. Jeder Versuch, die Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen, musste vor diesem Hintergrund scheitern. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Federführung für duale Ausbildung in der Bundesregierung gemäß Berufsbildungsgesetz (BBiG) beim Bundeswirtschaftsminister liegt. Damit sind eindeutige Signale gesetzt.

Allen Untergangsprognosen zum Trotz zeigt sich das duale System durchaus sehr lebendig und stellt immer noch den Hauptteil des Berufsbildungssystems dar. Die Bestandszahlen sind auf hohem Niveau bei mehr als 1,6 Mio Ausbildungsverträgen (2008) [4]. Die rechnerische Einmündungsquote lag 2009 bei 64,7 Prozent eines Schulabgängerjahrgangs[5]. Der Haupttrend der letzten vierzig Jahre heißt: Expansion des dualen Systems. Die Ausbildungsteilnahme war in den sechziger Jahren deutlich niedriger. Allerdings wird sich der demographische Rückgang der Schulabgänger/innen in den nächsten 15 Jahren bemerkbar machen.

Denn die duale Ausbildung hat, nach wie vor unbestreitbare Stärken, die es auszubauen gilt. Die Verbindung von Arbeiten und Lernen in der Kombination verschiedener Lernorte bringt viele Vorteile für Auszubildende wie Unternehmen. Sie ist in vielen Punkten einem klassischen Schulsystem vor allem auch in den Lerneffekten überlegen. Nicht zu vergessen die sozialpolitischen Aspekte wie Ausbildungsvergütung, geringere Jugendarbeitslosigkeit usw. . Hier gäbe es also viel zu verlieren. Würde das duale System nicht mehr existieren, wäre eine gewaltige soziale Erosion zu befürchten.

In der Aussensicht - ein großes Erfolgsmodell!

Das „alternierende Lernen“, wie die Franzosen sagen, gilt in Europa und vielen anderen Ländern heute als Best Practice. Das Interesse am deutschen Ausbildungsmodell ist im Ausland daher im Wachsen. Ohnehin sind deutsche Facharbeiter am internationalen Arbeitsmarkt weiterhin sehr gefragt. Die Wertigkeit dieses Modells strahlt auch bei uns aus. Das Prinzip duale Ausbildung macht Schule auch in anderen Bildungsteilsystemen. Bestes Beispiel: Die Forcierung dualer Studiengänge. Hier geht es zum einen um Erschließung von Akademikerreserven z.B. zur Minderung der „Ingenieurlücke“, andererseits aber auch um die Etablierung von Studienformen, die auf andere Weise Theorie und Praxis verbinden, näher an den Zielberufen und tatsächlichen Qualifikationsbedarfen dran sind und von daher auch schnellere Einstiege in die Zielberufe ermöglichen.

Duales Lernen breitet sich auch in der allgemeinbildenden Schule aus. Nach dem Sieg der westdeutschen Drei-Klassen-Schule über die polytechnische Oberschule der DDR nach der Wiedervereinigung haben sich die Gemüter wieder beruhigt und die Berührungsängste gegenüber der Verbindung von Arbeiten und Lernen haben deutlich abgenommen. Natürlich unter dem Druck der Verhältnisse, denn die Kritik an der mangelnden Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf die Arbeitswelt hat im Zuge der Bewerberdebatte immer mehr zugenommen. Das entwickeltste Modell in diesem Bereich scheint mir das Konzept des „Produktiven Lernens“ zu sein[6]. Hier haben die Schülerinnen und Schüler aller Schultypen die Möglichkeit, in den letzten beiden Klassen einen PL-Bildungsgang zu wählen. Dies bedeutet dann: drei Tage in der Woche Lernen in einem beruflichen Praxisfeld, zwei Tage in der Woche Schulunterricht. Das Gesamtmodell ist in ein Curriculum eingebunden und didaktisch gesteuert. Es geht also nicht nur um Praktika. Mittlerweile praktizieren bereits 100 Schulen in sechs Bundesländern dieses Modell. Erstaunlicherweise konnte nachgewiesen werden, dass die Jugendlichen in den PL-Klassen am Ende keinen Allgemeinbildungsrückstand  aufweisen gegenüber den Jugendlichen, die wesentlich mehr Schulunterricht hatten. In dieselbe Richtung geht das Hamburger Modell der Produktionsschule.

Handlungsfelder

Es geschieht also allerhand um die duale Berufsausbildung, was ihr pädagogisches und lernorganisatorisches Grundprinzip voll und ganz bestätigt. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin erheblicher Reformbedarf besteht.

1. Das Kernproblem bleibt das Regulierungsdefizit des Ausbildungsmarktes. Ausbildungskrisen sind auch in Zukunft nicht ausgeschlossen. Niemand kann voraussehen, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt und ob sich bei sinkenden Bewerberzahlen tatsächlich für den einzelnen die Berufschancen verbessern. Daher bleibt es eine zentrale Aufgabe, ein gesetzliches Steuerungsinstrument für eine ausgewogenes Angebots-Nachfrage-Verhältnis zu etablieren.

2. Um aus dem Demographietrend für die bisher Benachteiligten Kapital schlagen zu können, muss sich die Auswahl- und Einstellpraxis der Betriebe ändern. Eine der wichtigen Stärken des dualen Systems, dass es nämlich nach unten offen ist und keine Berechtigungshürden kennt, ist in den letzten Jahren durch „Bestenauslese“ diskriminiert worden. Die Unternehmen müssen die Fähigkeit zurückgewinnen, normale Jugendliche "besser" auszubilden, wie das immer typisch war für Berufsausbildung. Neu wäre allerdings die Herausforderung einer wesentlich größeren Migrantenbeteiligung, die Zahlen müssten sich mindestens verdreifachen[7]. Dies kann nicht gelingen ohne eine gezielte Integrationspolitik.

3. Das Übergangssystem muss schnell abgebaut werden. Es darf nicht verstetigt und in Richtung auf ein zweites unterwertiges Ausbildungssystem „reformiert“ werden. Dies verlangt von der Politik, die Wahrheit endlich anzuerkennen, dass der Anteil an Niedrigqualifizierten in Deutschland zu hoch ist und das dieser Fakt die wichtigste Bremse für Vollbeschäftigung ist. Auch die offizielle EU-Strategie will diesen Anteil deutlich senken. Wann geschieht das bei uns? Wahrscheinlich nicht mit einer schwarz-gelben Regierung.

Für die jungen Menschen, die bisher noch keinen Berufsabschluss erreichen konnten, muss ein zeitlich begrenztes Sonderprogramm gestartet werden. In Verbindung mit einer Kompetenzbilanzierung sollte diesem Personenkreis ein Crash-Programm angeboten werden, um jährlich bundesweit mindestens 300.000 zur Externenprüfung nach BBiG § 43 (2) oder § 45 zu führen. Dies wäre im Wesentlichen ein Handlungsfeld der Länder, die die zusätzlichen Prüfungskosten übernehmen müssten. Dafür sollten auch die Prüfungsausschüsse (vorübergehend) aufgestockt werden, was durch Vereinbarungen mit den Sozialpartnern bei großzügiger Entschädigungsreglegung durchaus erfolgversprechend wäre. Der Bund könnte hierbei finanziell unterstützen.

4. Berufsausbildung im Zeichen der „neuen Beruflichkeit“ soll weniger auf enge spezielle Anschlusstätigkeiten vorbereiten als einen soliden Grundstein für lebenslanges Lernen legen. Sie stellt eine Sockelqualifikation dar, auf der weitere Bildungsphasen aufbauen. Diese Auffassung hat sich längst durchgesetzt. Daraus folgt die notwendige Zusammenschau von Ausbildung – Weiterbildung und Studium und der Aufbau durchlässiger, systematischer und offener Bildungskarrieren. Hiervon sind wir noch weit entfernt.

5. Berufliche Aus- und Weiterbildung sollte künftig für einen globalisierten Arbeitsmarkt und eine globalisierte Wirtschaft vorbereiten. Dies hat nichts mit Entberuflichung zu tun, denn in allen Ländern, in denen qualifizierte Arbeit geleistet oder aufgebaut wird, sind Verberuflichungstendenzen vorherrschend. Notwendig wäre aber die Vermittlung von internationalen Kompetenzen, die zu einer Selbstverständlichkeit im modernen Berufsleben werden. Hiermit wird bisher sehr zögerlich umgegangen, allein schon die Vermittlung einer Fremdsprache – i.d.R. Englisch – belastet immer noch Neuordnungsverfahren mit unnötigen Diskussionen. Unter internationalen Kompetenzen ist zweifellos mehr zu verstehen[8]. Wichtig dafür zu wissen ist, dass nach neueren Untersuchungen über 70 Prozent der hiesigen mittelständischen Unternehmen Geschäfte im internationalen Maßstab betreiben bzw. in internationale Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden sind[9]. Die Berufsbildung reflektiert diese Veränderungen kaum.

Diese Auflistung von Handlungsfeldern ist zweifellos unvollständig. Sie zeigt aber an einigen zentralen Beispielen, was es in den nächsten Jahren zu tun gibt, um das deutsche Berufsbildungssystem vor dem Ruf eines Auslaufmodells zu bewahren und es zu einer authentischen Erfolgsstrategie auszubauen. Diese Chance besteht. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht gehört die Zukunft den Regionen in der Welt, die den humanzentrierten Weg gehen und auf Hochqualifikation setzen. Denn nur so kann Qualität und Innovation nachhaltig gesichert werden. Dies sind die Stärken, von denen Industrieländer leben und die sie vorrangig in der Zukunft ausbauen müssen.

Die europäische Dimension

Die IG Metall schlägt in diesem Zusammenhang ein konkretes Programm für die nächsten Jahre vor: die Entwicklung von europäischen Kernberufen im Rahmen des sozialen Dialogs der Europäischen Kommission[10]. Diese Kernberufe sollen von den Sozialpartnern der wichtigsten Wirtschaftssektoren erarbeitet werden. Der Vorschlag markiert einen Wandel in der internationalen Diskussion über das duale System. Anders als früher will die IG Metall nicht über eine Übernahme deutscher Bildungsstrukturen reden, nach dem Motto: kopiert das deutsche duale System, weil wir am besten sind. Das war bisher nicht sehr erfolgreich. Unsere Partnerländer kennen sehr gut unsere Defizite. Wichtiger ist es, über den Kerngedanken zu sprechen. Die Standards und Prinzipien der modernen Arbeitswelt nähern sich überall an. Was liegt näher als auch die Qualifikationsstrukturen und -profile anzunähern. 

Dieses Projekt verspricht einen interessanten Impuls für die europäische Bildungs- und Professionalisierungsdebatte zu setzen, die gerade neu auf Touren kommt. Sie führt endlich weg von der europaängstlichen Attitüde, in der die jüngsten EU-Bildungsinitiativen in der deutschen Bildungsszene bisher aufgenommen wurden, hin zu einem zukunftsorientierten Gestaltungsanspruch. Denn eine Harmonisierung der europäischen Bildungslandschaft ist äußerst notwendig. Der europäische Bildungsföderalismus ist auf lange Sicht genau so wenig ein Idealzustand wie der deutsche Bildungsföderalismus. Es wird sich dann zeigen, ob wir den Anspruch auf Best Practice aufrecht erhalten können. Viele Partner in der europäischen Bildungslandschaft warten darauf, dass gerade die deutschen Gewerkschaften sich mit diesem Thema viel stärker einbringen, mehr Engagement und Gestaltungswillen in der europäischen Berufsbildungsdiskussion zeigen, weil man ihnen aufgrund ihrer starken Stellung im deutschen Berufsbildungssystem etwas zutraut.


[1] Euler,D:, Severing,E. : Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung. Gutachten im Auftrag des BMBF, Oktober 2006

[2] vgl. hierzu Michael Ehrke, Nehls, Hermann: „Aufgabenbezogene Anlernung“ oder berufliche Ausbildung. Zur Kritik der aktuellen Modularisierungsdebatte. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), Heft 1/2007

[3] vgl. Michael Ehrke(Hrg): Prozessorientierung in der Berufsbildung. IG Metall Vorstand, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2009

[4] BIBB: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2010, S. 118

[5] BMBF: Berufsbildungsbericht der Bundesregierung 2010. Bonn 2011, S. 13

[6] siehe: Institut für Produktives Lernen in Europa (Hrsg.): Produktives Lernen - eine Brücke zwischen Schule und Leben, 2005. DVD. Zu bestellen über www.iple.de

[7] Sagt jedenfalls die Bertelsmann-Stiftung.

[8] Vgl. auch Wordelmann, Peter (Hg.): Internationale Kompetenzen in der Berufsbildung, Bielefeld 2010

[9] DZ-Mittelstandsstudie: Mittelstand im Mittelpunkt. Ausgabe Frühjahr 2011. Sonderthema Zukunftsmärkte in Asien. Download unter http://www.corporate-portal.dzbank.de/

[10] Was man unter diesen Kernberufen zu verstehen hat, dazu Näheres in: Erik Heß, Georg Spöttl: Core occupations as a building block for European vocational education and training. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), Special Edition 2009


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Kurzprofil

Prof. Dr. Michael Ehrke
Professor an der Leuphana Universität, Lüneburg, Fakultät Wirtschaftschafts-wissenschaften, Arbeitsbereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik.
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