Deutscher Gewerkschaftsbund

18.07.2011

Wachstum und die Krise der Arbeit

afrika

The_Poster / photocae.com

Die wachstumskritische Debatte wird in der Regel mit den „Grenzen des Wachstums“ in Verbindung gebracht. Angesichts der Endlichkeit der Ressourcen, der drohenden Klimakatastrophe oder der immer wieder diskutierten Frage des nicht-verallgemeinerbaren Lebens- und Konsumstils des Westens spielt das Bewusstsein um die Grenzen des Wachstums seit dem gleichnamigen Bericht des Club of Rome aus den 1970er Jahren eine wechselnd prominente Rolle.

Ob die Debatte um erfolglose Klimakonferenzen, Sorgen um die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen wie Seltenen Erden (deren Export der Quasi-Monopolist China Ende 2010 drosselte) oder die Griechenland-Krise gerade hochkocht - eine zentrale Frage bleibt meist unterbelichtet: Welche Struktur und Form hat die Arbeit, deren Verausgabung die Grundlage des Wirtschaftswachstums ist, und gibt es im Kapitalismus eine Perspektive auf existenzsichernde Lohnarbeit für alle. Zwei Blitzlichter sollen einen Einblick in die Realität globalen Arbeitens geben.

„Normalität der Informalität“

Seit vielen Jahren verzeichnet die chinesische Wirtschaft hohe Wachstumsraten – abgesehen vom kurzen Einbruch nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008. Ob Textilien, Schuhe, Aktionswaren aller Art, Elektronik oder Solarkollektoren – immer mehr Massenware für den westlichen Konsum wird in China hergestellt. Als Auftraggeber fungieren nicht nur die sog. Global Player, sondern auch kleine und mittelständische Unternehmen. Damit sich die Produktion in China rentiert, wird auf die Arbeitsleistung von derzeit ca. 200 Millionen BinnenmigrantInnen zurückgegriffen. (1980: 2 Mio; 2015: vermutlich 300 Mio., Lange 2007). In vielen Branchen bilden Frauen den größten Anteil dieser WanderarbeiterInnen. Sie kommen auf der Suche nach Arbeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie sichern können, aus den ländlichen Bereichen Chinas in die Freien Exportzonen der chinesischen Küstenprovinzen. Dort finden sie zwar in der Regel Beschäftigung, denn die Nachfrage nach Arbeitskräften ist immens, doch verletzen trotz zahlreicher Verbesserungen im chinesischen Arbeitsrecht die realen Arbeitsbedingungen in den Exportbetrieben nach wie vor zentrale internationale Arbeitsnormen. Diesen Tatbestand belegen viele Studien (s. u.a. Wick 2009).

Derartige Missstände, die sich auch in anderen Herstellerländern in Asien, Lateinamerika und Afrika feststellen lassen, machen augenfällig, dass das globale Wirtschaftswachstum nicht mit einer Globalisierung oder einem Wachstum formeller, existenzsichernder Arbeitsverhältnisse verknüpft ist, sondern dass es im Gegenteil geradezu auf der systematischen Verschränkung von formeller und informeller Arbeit beruht: Informell Beschäftigte arbeiten in der globalen Exportproduktion neben formell Beschäftigten, allerdings ohne einen schriftlichen Vertrag und mit mangelhaftem bzw. gar keinem sozialen Schutz. Die Zulieferer globaler Markenunternehmen nehmen systematisch die Zuarbeit kleiner, informell arbeitender Wirtschaftseinheiten mit entsprechend prekären Arbeitsbedingungen in Anspruch.

Die Verschränkung von informeller und formeller Arbeit ergänzt die durch die weltweite Einrichtung von Freien Exportzonen erfolgte systematische Absenkung von Arbeits- und Sozialstandards. Die ILO-Kernarbeitsnormen werden in diesen rund 3.500 Freien Exportzonen in 130 Ländern mit ca. 66 Mio. Beschäftigten (davon 70-90% Frauen) permanent verletzt. Positive Rückkopplungen dieses über Freie Exportzonen forcierten, exportorientierten Wachstumsmodells auf die jeweils lokalen Wirtschaften gibt es nur punktuell, soziale Fortschritte sind noch rarer.

Migration in die Informalität

Ein vergleichbares Bild ergibt sich beim Blick auf die Globalisierung der Landwirtschaft bzw. des Wachstums der globalen Agroindustrie und der Auswirkungen auf lokale ProduzentInnen: Produzierten KleinbäuerInnen weltweit Grundnahrungsmittel für die eigene Subsistenz und verkauften die Überschüsse auf lokalen Märkten, so brechen z.B. in Westafrika diese lokalen Märkte durch Lebensmittelimporte aus der EU zusammen. Die EU-Agroindustrie drängt nicht nur mit ihren gezielt für den Export produzierten Lebensmitteln auf die afrikanischen Märkte, sondern exportiert sogar die in Europa nur noch als Müll verwertbaren Reste z.B. der Geflügelproduktion nach Afrika (Mari/Buntzel 2007). Viele kleinbäuerliche Betriebe in Westafrika brechen daraufhin entweder zusammen oder können nicht mehr so viele Menschen ernähren wie zuvor. Migration in die größeren Städte, in Nachbarländer oder gar nach Europa ist eine der Überlebensstrategien in dieser Situation. Die MigrantInnen wiederum arbeiten überall vorwiegend informell – ob im Baugewerbe, in der Landwirtschaft oder in Haushalt und Pflege.

Diese Blitzlichter zeigen exemplarisch, dass das „Normalarbeitsverhältnis“ einer sozial abgesicherten, vertraglich geregelten Vollzeit-Erwerbstätigkeit (das ohnehin männlich besetzt war und Frauen und MigrantInnen nur punktuell integrierte) sich im Zuge der kapitalistischen Globalisierung nicht globalisierte. Im Gegenteil: In den klassischen Industrieländern erodiert es. Der informelle Sektor dominiert die Weltwirtschaft mit einem Anteil von zwei Dritteln der gesamten Beschäftigung, je nach Region liegt der Anteil höher: In Indien arbeiten sogar 93% der Bevölkerung in der informellen Wirtschaft.

In absoluten Zahlen sind 1,8 Mrd. Menschen der weltweit 3 Mrd. Erwerbstätigen (laut einer Studie der OECD von 2009 mit dem Titel „Is informal normal?“) informell tätig. Von den 1,2 Mrd. Frauen (= 40%) unter den weltweit Erwerbstätigen arbeiten 52% informell. Ihr Anteil am informellen Sektor ist in allen Weltregionen höher als der der Männer. So arbeiten z.B. in Sub-Sahara-Afrika 81% der Frauen informell, aber „nur“ 64% der Männer. (Wick 2009, 15)

Für die meisten Menschen weltweit ist informelle Arbeit gleichbedeutend mit sozialer Unsicherheit und Armut: 1,2 Mrd. informell Beschäftigte leben von weniger als 2 US-$ pro Tag, 700 Millionen sogar von weniger als 1,25 US-$. Dass Frauen überproportional unter informellen und oft prekären Bedingungen arbeiten, ist auch eine Folge der anhaltenden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die Frauen die Zuständigkeit für den sog. „Care“-bereich zuspricht und ihnen den Zugang zu formellen Arbeitsplätzen, zu Qualifizierung und Aufstieg erschwert.

Hauptsache Arbeit?

Im Kontext des wachstumskritischen Diskurses lässt sich aus dieser Realität des globalen Arbeitens folgern, dass existenzsichernde Lohnarbeit und damit Teilhabe an den „Wachstumsgewinnen“ im kapitalistischen Wirtschaftssystem genauso wenig verallgemeinerbar ist wie der westliche, rohstoff- und energieintensive Lebensstil. Die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts mit einem wachsenden Niedriglohn-Sektor, zunehmend prekären Arbeitsbedingungen und der Verfestigung von Arbeitslosigkeit scheint dies zu bestätigen. Die positive Wirkung der Konjunktur auf existenzsichernde Beschäftigung ist sehr begrenzt.

Die Konzentration der Gewerkschaften auf Arbeitsplatzsicherung ist vor diesem Hintergrund zwar verständlich, aber zum Einen vernachlässigt sie meist nicht nur Nachhaltigkeitsaspekte der zu sichernden Arbeitsplätze (Wie nachhaltig sind die Branchen wie z.B. die Autoindustrie, in der Arbeitsplätze gesichert werden sollen?), sie ignoriert zum anderen die Realität von immer mehr Menschen, insbesondere Frauen und MigrantInnen, die im informellen Sektor arbeiten und viel zu wenig im gewerkschaftlichen Blick sind.

Herausforderungen

Trotz der offensichtlichen Verknüpfung von Wirtschaftswachstum mit der Prekarisierung von Arbeit scheint seit Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008 „Wachstum“ als Ziel internationaler Politik und Wirtschaft rehabilitiert zu sein. Die sog. Abwrackprämie, die in Deutschland den heimischen Automarkt ankurbelte, ist hierfür ein markantes Beispiel. Die Aussetzung des verbesserten Arbeitsrechts in den chinesischen Exportbetrieben Anfang 2009, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden und die chinesische Wirtschaft wieder in Richtung Wachstum zu führen, ist ein anderes Beispiel. Der verbreitete Jubel darüber, dass die Wirtschaft in vielen Ländern wieder wächst, belegt, dass die politischen Instanzen am Tropf des Wachstumsmotors hängen - ohne Wachstum keine steigenden Steuereinnahmen, keine Chance auf Bewältigung der Schuldenproblematik und keine stabile Währung.

Angesichts dieser Wachstums-Euphorie mutet die Postwachstums-Debatte fast unzeitgemäß an. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sie überflüssig wäre. Die massiven sozialen und ökologischen Probleme, vor denen die Menschheit steht, erfordern dringend einen Richtungs- und Paradigmenwechsel unseres globalen Wirtschaftens. Die Postwachstums-Debatte wird dazu aber nur beitragen, wenn sie ihre Wachstumskritik vervollständigt. Es darf ihr eben nicht nur um eine Kritik des tendenziell unbegrenzten Wachstums angesichts endlicher Ressourcen gehen oder um die Kritik an einer nicht-verallgemeinerbaren Lebensweise, vielmehr muss es ihr auch um die Kritik an einer offensichtlich nicht-verallgemeinerbaren Organisationsweise von Arbeit gehen.

Eine Wirtschaft, die wie die kapitalistische in ihrer Funktionsfähigkeit von einer permanent wachsenden Warenproduktion auf immer produktiverer Basis abhängt und damit im gleichen Zug den Faktor Arbeit in den Wertschöpfungsketten reduziert, kann keine Basis für die Existenzsicherung der Menschheit sein. Es würde deshalb zu kurz greifen, die Debatte von Alternativen auf die Forderung nach der Realisierung von „(menschen-)würdiger Arbeit“ (wie z.B. im Rahmen der Decent Work Agenda der ILO) oder den Kampf um Zugang zu formeller Arbeit zu reduzieren - auch, wenn beides zur Existenzsicherung der jetzt Erwerbstätigen wichtig ist.

Die Debatte von und der Kampf um Alternativen muss vielmehr perspektivisch auf die Überwindung der gegenwärtigen Form der Arbeit gerichtet sein. Wie organisieren wir Arbeit, die die materiellen Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens schafft und nicht in die Zwangsjacke der Verwertung gesteckt wird? Wie viel Produktivität vertragen Menschen und Umwelt? Wie überwinden wir die Spaltung in formelle und informelle Arbeit? Wie integrieren wir gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie die der „Care“-ökonomie in das Arbeitskonzept? Das sind wichtige Leitfragen, die als Kritik der Arbeit und der Produktivität in den Kern der Post-Wachstumsdebatte gehören.

 

Literatur

Mari, Buntzel 2007: Das globale Huhn. Hühnerbrust und Chicken Wings- Wer isst den Rest?, Frankfurt a.M.

Kai Lange (2007): Wanderarbeiter in China. Knechte des Booms, (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,470890,00.html, 30.6.11)

OECD 2009: Is informal normal? The 60second guide (http://www.oecd.org/document/54/0,3746,en_2649_33935_42024438_1_1_1_1,00.html, 30.6.11)

Ingeborg Wick (2009): Frauenarbeit im Schatten. Informelle Wirtschaft und Freie Exportzonen, Siegburg/München


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Kurzprofil

Dr. Sabine Ferenschild
wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut Südwind (Institut für Ökonomie und Ökumene) in Siegburg
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