Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2011

Der Wegbereiter des Organizing

von Heike Runge

Er war Kriminologe, Soziologe, Archäologe und Gefängnismitarbeiter, Demokrat, Radikaler und Antifaschist. Er sammelte Gelder für die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg und kooperierte genauso mit der berüchtigten Capone-Gang wie mit der katholischen Kirche.

Dem 1909 geborenen, im jüdischen Ghetto von Chicago aufgewachsenen Saul D. Alinsky gelang es, die Selbstorganisierung der Slumbewohner in Chicago zu initiieren, er gründete zahlreiche Bürgerorganisationen und schulte Aktivisten, die in den schwarzen Ghettos oder unter den mexikanischen Landarbeitern aktiv wurden. Er organisierte Boykott-Aktionen wie den "Klo-Streik" am Flughafen Ohio, um bessere Arbeitsbedingungen für die Reinigungskräfte durchzusetzen. Für die Medien war er einst einer „der führenden Unruhestifter“ der USA, dem Wall Street Journal gilt er heute längst als „der beste Organizer der Bürgerbewegung“.

Obamas Wurzeln im Community Organizing

Angesichts der schillernden Biografie von Saul D. Alinsky und seiner Bedeutung für die us-amerikanische Bürgerrechtsbewegung mag man kaum glauben, dass seine Person lange Zeit nahezu vergessen war. Erst im Zuge der um die Jahrtausendwende einsetzenden Weltwirtschaftskrise wurde seine strategische Leistung als Wegbereiter des Community Organizing von der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung wiederentdeckt und zum Vorbild erfolgreicher Aktionen wie die „Justice for Janitors“-Kampagne gemacht, die bessere Arbeitsbedingungen für Reinigungskräfte forderte. Nicht zuletzt der Spielfilm „Bread and Roses“ (2000) des britischen Regisseurs Ken Loach, der vor dem Hintergrund der Kampagne „Justice for Janitors“ die Arbeit der Organizer im Kampf gegen die entwürdigenden Arbeitsbedingungen von migrantischen Hausangestellten in den Businessvierteln von L.A. schildert, hat das Konzept des Organizings einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Organizing auch heute noch funktioniert, dann wurde er von dem sprichwörtlich „mächtigsten Mann der Welt“ erbracht: Barack Obama. Nicht nur war Obama Mitte der achtziger Jahre in Chicago selbst als Community Organizer aktiv und unterstützte eine gemeinnützige Kirchenorganisation dabei, Einwohner armer Stadtviertel für ein Arbeitstraining zu gewinnen. Auch seine vielgerühmte und immens erfolgreiche Wahlkampfstrategie basierte auf den Prinzipien des Organizing.

Die Relevanz für deutsche Gewerkschaften

Auch in der deutschen Gewerkschaftsbewegung, insbesondere in der Jugendarbeit, wird die auf Alinsky basierende Mobilisierungs- und Kampagnenstrategie neuerdings rezipiert. Passend dazu ist gerade im Göttinger Verlag Lamuv eine deutsche Übersetzung seiner Schrift „Call me a radical. Organizing und Empowerment“ mit einführenden Texten von Eric Leiderer, Bundesjugendsekretär der IG Metall, Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, und Karl-Klaus Rabe, dem Herausgeber des Buches, erschienen. „In den Jahren 2005/2006“, erzählt Eric Leider, „tauchte Organizing plötzlich als Schlagwort in den Debatten der Gewerkschaftsjugend auf. Anfangs wurde noch blind darüber spekuliert, wie Community Organizing genau funktioniert, weil uns die Grundlagentexte fehlten. Bei meinen Recherchen stieß ich dann immer wieder auf Saul D. Alinsky und beschloss, seine Schriften in Deutschland wieder zugänglich zu machen.“ Organizing, bedeutet für Leiderer, nicht nur eine Bündelung von Aktivitäten zur Mitgliedergewinnung, sondern auch die Anleitung der Menschen, sich aktiv für ihre eigenen Interessen einzusetzen und die Strukturen der Stellvertreterkultur zu brechen. Sehr erfolgreich war die auf den Prinzipien von Organizing basierende Kampagne der Gewerkschaftsjugend „Operation Übernahme“, in der sich Auszubildende aktiv für ihre Weiterbeschäftigung im Betrieb nach dem Abschluss der Ausbildung einsetzen. „Was man auch von Alinsky lernen kann“, sagt Leiderer, „ist es, einen Konflikt zu fahren und auszuhalten. Nicht immer auszuweichen, sondern sich aktiv in die Auseinandersetzung zu begeben und für die eigenen Interessen einzustehen.“

Der personifizierte Konflikt

Nicht immer lassen sich die von Alinsky beschriebenen Strategien mit dem Selbstverständnis heutiger Gewerkschaftsarbeit – zumal dem der deutschen – vereinbaren. Um ein Beispiel zu nennen: Für Alinsky läuft die Konfrontation mit den Herrschenden auf einen Kampf „Mann gegen Mann“ hinaus. Er sah in der „Personifizierung“ von Konflikten eine wichtige Strategie der Zuspitzung. Nicht die Struktur angreifen, sondern die Person, die sie verantwortet. Eben dafür bewunderte er den Führer der radikalen CIO-Gewerkschaft, John L. Lewis. In den großen Schlachten um General Motors habe Lewis immer direkt ihren Präsidenten Alfred Sloan angegriffen, schreibt Alinsky. Anders sei es auch gar nicht möglich, „die notwendige Feindseligkeit“ gegen einen „Konzern, der keine Seele oder Identität besitzt“, zu entwickeln.

Alinsky wollte sein Regelwerk aber nicht als Dogma verstanden wissen und warnte sogar davor, seine Ideen unkritisch zu übernehmen. Schließlich gebe es „keine Rezepte für besondere Situationen, weil sich ein und dieselbe Situation niemals wiederholt“.

Heike Runge ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

Saul D. Alinsky: Call Me a Radical: Organizing und Empowerment. Hrsg. von Karl-Klaus Rabe, Regina Görner, Eric Leiderer. Lamuv, Göttingen 2011, 202 Seiten, 9,90 Euro

 


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