Deutscher Gewerkschaftsbund

05.10.2011

Bildung und soziale Ungleichheit im Ost-West-Vergleich

Konjunkturen und Abschwünge in vierzig Jahren getrennter Geschichte

Die Diskussion um PISA hat die Frage von Bildungsungleichheit wieder stärker in die Öffentlichkeit getragen. Bei allen aktuellen Reformbemühungen fällt aber auf, dass die Befunde kaum als Anlass genommen werden, einen kritischen Blick zurück zu werfen. Und doch ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein Jahrhundert zuvor durch das Bemühen geprägt, den tradierten Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Ungleichheit im und durch das Bildungswesen aufzulösen.

In der DDR setzten unter der Parole „Brechung des Bildungsmonopols“ bereits unmittelbar nach 1945 gezielte politische und pädagogische Maßnahmen zur Förderung von Kindern aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern (v.a. Arbeitern und Bauern) ein (vgl. Miethe 2007). Auch in Westdeutschland setzte, wenn auch etwas verspätet, in Folge des „Sputnikschocks“ und des von Georg Picht (1964) ausgerufenen „Bildungsnotstandes“ ab Ende der 1960er Jahre eine Bildungsexpansion größeren Ausmaßes ein, die ebenfalls mit gezielten Maßnahmen zum Abbau sozialer Ungleichheit verbunden war (vgl. Keim 2001).

Ähnliche Ergebnisse in Ost- und Westdeutschland

Rückblickend lässt sich resümieren, dass sich die hohen Erwartungen in Ost wie West gleichermaßen als Illusion erwiesen haben. „Die Vorstellung, die Bildungsexpansion hätte allen gleiche Bildungschancen ermöglicht“, so Michael Vester (2004: 13) für Westdeutschland, „beruht auf einer Art optischer Täuschung. Tatsächlich ist die Expansion der höheren Bildungseinrichtungen darauf zurückzuführen, dass vor allem die Söhne und Töchter der oberen Bildungs- und Besitzmilieus (nicht zuletzt aufgrund ökonomischer Notwendigkeiten) ihre Beteiligung an der Gymnasial- und Hochschulbildung mehr als verdoppelt haben.“ Und auch in der DDR sieht es nicht anders aus. Die DDR hatte sich zwar in den 1950er Jahren „dem Ziel der proportionalen Chancengleichheit in beachtlichem Maße angenähert“ (Geißler 2002: 352), ab Ende der 1950er Jahre erfolgte dann aber auch dort eine Phase zunehmender sozialer Schließung, die dazu führte, dass Arbeiterkinder seit den 1960er Jahren durch subtile Mechanismen der Segregation so stark aus den Universitäten der DDR hinausgedrängt wurden (vgl. Miethe 2007), dass ihre Studienchancen vor der deutschen Vereinigung ähnlich schlecht wie in der alten Bundesrepublik waren.

Schichtspezifische Ungleichheiten

Schichtspezifische Ungleichheiten sind immer ausgesprochen schwer zu erfassen, da die Zuordnung zur Kategorie „Arbeiter“ sehr unterschiedlich vorgenommen wird, sich im Zeitverlauf verändert und in Ost- und Westdeutschland auch noch unterschiedliche Sozialstrukturen bestanden. Gerade für die DDR wird immer wieder die Unschärfe dieser Kategorie betont. Letzteres ist auch nicht zu bestreiten, gilt für die 1950er Jahre aber bei weitem noch nicht in dem Umfang, wie dies ab den 1960er Jahre der Fall war (vgl. ausführlich Miethe 2007: 21ff.). Die in der folgenden Grafik aufgezeigten Entwicklungen können von daher zumindest Tendenzen aufzeigen. Selbst wenn für die DDR der 1950er Jahre eine gewisse Unschärfe der Kategorie der „Arbeiterkinder“ angenommen wird, bleibt trotzdem unübersehbar, dass es in diesem Zeitraum in einem für die deutsche Bildungsgeschichte einmaligen Ausmaß gelungen ist, den Zusammenhang von Bildung und sozialer Ungleichheit zu reduzieren – ein Erfolg, der allerdings bereits ab Anfang der 1960er Jahre wieder verloren ging. Auch sich aufgrund der sehr unterschiedlichen Sozialstruktur von DDR und alter Bundesrepublik die Frage nicht endgültig klären lässt, ob die Chancen für Arbeiterkinder am Ende der DDR geringfügig besser oder schlechter waren (vgl. zu dieser Debatte Geißler 2002 vs. Bathke/ Starke 1999), wird doch deutlich, dass die DDR im Jahre 1989 wieder weit von ihrer selbst postulierten „Brechung des Bildungsmonopols“ entfernt war.

Anteil der Arbeiterkinder an deutschen Unis

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Im Vergleich zur DDR blieb der Anstieg des Anteils der Arbeiterkinder an den Universitäten der alten Bundesrepublik – trotz Bildungsexpansion und gezielten Fördermaßnahmen – vergleichsweise bescheiden – ist aber andererseits auch nie wieder auf den Tiefpunkt gesunken, der zum Ende der DDR bestand. Insgesamt wird hier deutlich, dass die Auflösung des Zusammenhanges von Bildung und sozialer Ungleichheit deutlichen Konjunkturen und Ost-West-Unterschieden unterlag. Das heißt, dass die jeweiligen politischen Systeme und die von diesen ergriffenen bildungspolitischen Maßnahmen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf familiäre Bildungsentscheidungen und die Chancen für einen erfolgreichen Bildungsaufstieg hatten.

Geschlechtsspezifische Ungleichheiten

Ein anderes Bild zeigt sich, wenn ein Blick auf das Geschlechterverhältnis geworfen wird. Hier zeigt sich bereits in der Zeit der Weimarer Republik ein erster Anstieg des Frauenanteils unter den Studierenden an deutschen Universitäten. Während der NS-Zeit erfolgt hier eine widersprüchliche Entwicklung, von zunächst einer Reduzierung auf einen deutlichen Anstieg des Frauenanteils mit Kriegsbeginn. Diese prozentuale Zunahme ist nicht nur darin begründet, dass die männliche Alterskohorte zum Wehrdienst eingezogen war und somit nicht zu den Studierenden zählt, sondern es erfolgt in diesem Zeitraum auch eine Zunahme der absoluten Zahlen der weiblichen Studierenden. In der DDR lag der Frauenanteil nach 1945 zunächst zwar über dem in der alten Bundesrepublik, sank dann aber deutlich ab, was v.a. in der Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder begründet war (vgl. Miethe 2007; Budde 2003). Auch wenn dieser Anteil in den 1950er Jahren langsam wieder anstieg, kam es zu einem kontinuierlichen Anstieg des Frauenanteils erst ab Mitte der 1960er Jahre. Hier erwiesen sich die in diesem Zeitraum ergriffenen Frauenfördermaßnahmen (vgl. Budde 2003: 104ff.) als sehr erfolgreich, die dazu führten, dass sich ab Anfang der 1980er Jahre die Chancen von Frauen im Hinblick auf ein Hochschulstudium denen der Männer angeglichen hatten. Im Vergleich dazu war die Entwicklung in der alten Bundesrepublik weniger erfolgreich, denn eine Angleichung der Chancen wurde erst ab Beginn des neuen Jahrtausends, d.h. nach der deutschen Vereinigung, erreicht. Hier zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede. Während an den Universitäten Frauen bereits mehr als die Hälfte aller Studierenden stellen, liegt dieser Anteil an den Fachhochschulen deutlich niedriger.

Prozentualer Frauenanteil an deutschen Hochschulen

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Bildungspolitische Schlussfolgerungen

Vor dem Hintergrund dieser Befunde lassen sich auch bildungspolitische Schlussfolgerungen ziehen.

  1. Auch wenn es etwas unterschiedliche Einschätzungen darüber gibt, in welchem Ausmaß es zu einer Reduzierung des Zusammenhanges von Bildung und sozialer Herkunft gekommen ist, lässt sich doch festhalten, dass dieser Zusammenhang nach wie vor besteht. Gegenprivilegierende Maßnahmen haben hier bei weitem nicht in dem Maße gegriffen, wie dies beim Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheiten der Fall war. Das heißt auch, dass der Abbau schichtspezifischer Ungleichheit sich wesentlich schwieriger gestaltet, als der Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheiten. Schicht und Geschlecht muss von daher immer im Zusammenhang betrachtet werden. Dies gibt auch Hinweise für die aktuelle Debatte um die neue sozial segregierende Dimension der Ethnizität, denn auch hier muss in Betracht gezogen werden, dass Ethnie immer auch eine soziale Schicht hat. Aktuelle Erhebungen zeigen hier ebenfalls auf, dass Personen mit Migrationshintergrund und hoher sozialer Herkunft teilweise bessere Bildungschancen haben als Personen ohne Migrationshintergrund und niedriger sozialer Herkunft (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008). Geschlecht, soziale Schicht und Ethnizität sind von daher Kategorien, die immer in ihrem jeweiligen Zusammenhang gesehen werden müssen.

  2. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen (Ost- und Westdeutschland) gelingt ein Bildungsaufstieg für verschiedene soziale Gruppen und für verschiedene Geburtskohorten unterschiedlich gut. D.h. die Chancen für einen erfolgreichen Bildungsaufstieg sind keinesfalls nur von sozialisatorischen Aspekten abhängig, sondern es lassen sich „Konjunkturen“ oder „Zyklen“ des Bildungsaufstieges aufzeigen. Das heißt, individuelle Bildungsentscheidungen müssen immer auch im Zusammenhang mit diesen wechselnden Chancen, d.h. den jeweiligen politischen Gelegenheitsstrukturen (Miethe 2007), gesehen werden. Das heißt, gezielte bildungspolitische Maßnahmen können durchaus einen positiven Einfluss auf die Chancen für einen Bildungsaufstieg haben. Für das Verständnis des Zusammenhanges von Bildung und sozialer Ungleichheit bedeutet dies, dass auch (macht)politische Interessen in die Analyse mit einbezogen werden müssen. Es ist dies eine Perspektive, die in der Bildungssoziologie und der Erziehungswissenschaft eher selten eingenommen wird.

  3. Allerdings lassen sich politisch günstige oder ungünstige Gelegenheitsstrukturen nicht generell, sondern immer nur bezogen auf bestimme soziale Gruppen beschreiben. Günstige Gelegenheitsstrukturen für die eine bedingten ungünstige Gelegenheitsstrukturen für eine andere Gruppe. Damit sind immer auch nicht intendierte Folgen bildungspolitischer Reformen verbunden. D.h. die Förderung der einen Gruppe (z.B. soziale Schicht), kann zu Nachteilen für andere Gruppen (z.B. Geschlecht) führen. Bildungspolitische Maßnahmen können derartige Wechselwirkungen teilweise, aber nie vollständig antizipieren. Welches von daher die konkreten Ergebnisse bildungsreformerischer Bemühungen sind, wird sich letztlich erst in der Praxis zeigen und so manche Bildungsreform erbrachte auch schon Ergebnisse, die in dieser Form nicht intendiert und antizipiert waren.

 

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008) Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bonn: BMBF online unter: http://www.bildungsbericht.de/daten2008/bb_2008.pdf

Bathke, Gustav-Wilhelm/ Starke, Kurt (1999): Studentenforschung. Die Anfänge. In: Friedrich, Walter/ Förster, Peter/ Starke, Kurt (Hrsg.): Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966-1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse. Berlin: Edition Ost, S. 225 - 268.

Budde, Gunilla-Friederike (2003): Frauen der Intelligenz. Akademikerinnen in der DDR 1945 bis 1975. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Geißler, Rainer (2002): Die Sozialstruktur Deutschlands. Die Gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Keim, Wolfgang (2001) Die uneingelöste Gleichheit – Rückblick auf 50 Jahre bundesdeutscher Bildungspolitik. In. Jahrbuch für Pädagogik 2000. Gleichheit und Ungleichheit in der Pädagogik. Frankfurt u.a.: Peter Lang, S. 125-147.

Miethe, Ingrid (2007): Bildung und soziale Ungleichheit in der DDR. Möglichkeiten und Grenzen einer gegenprivilegierenden Bildungspolitik. Opladen, Framington Hills: Budrich.

Miethe, Ingrid (2010) Bildungsaufstieg in drei Generationen in Ost- und Westdeutschland. Theoretische und methodische Konzeptionen. In: Müller, Hans-Rüdiger/ Ecarius, Jutta/ Herzberg, Heidrun (Hrsg.) Familie, Generation und Bildung. Beiträge zur Erkundung eines informellen Lernfeldes. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich, S. 129-148.

Vester, Michael (2004): Die Illusion der Bildungsexpansion. Bildungsöffnungen und soziale Segregation in der Bundesrepublik Deutschland. In: Engler, Steffani/ Krais, Beate (Hrsg.): Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Sozialstrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus. Weinheim, München: Juventa, S. 13 - 54.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Ingrid Miethe
Geboren 1962
Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen
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