Deutscher Gewerkschaftsbund

22.09.2011

Grenzenlose Solidarität

Der Sammelband “Solidarität über Grenzen. Gewerkschaften vor neuer Standortkonkurrenz“ geht aus einem Forum des „Hattinger Kreises“ hervor und beschliesst dessen mehr als zwanzig Jahre währende publizistische und politische Arbeit.

Eine Reihe von WissenschaftlerInnen, die auf die eine oder andere Weise den Gewerkschaften verbunden waren bzw. sind, hatte sich seit den späten 1980er Jahren zum Ziel gesetzt, die Gewerkschaften intellektuell auf eine sich fundamental ändernde Arbeitswelt einzustellen. In dieser Tradition steht die vorliegende Publikation.

Theorie

Der Band gliedert sich in zwei Teile. Im theoretischen Teil stellt Ulrich Mückenberger die Gewerkschaften vor die kritische Frage „Globale Solidarität oder Protektionismus wider Willen?“. Thomas Greven fordert vehement einen sozialdemokratischen globalen „New Deal“ indem er hinter seinen Artikel ein Ausrufezeichen setzt: „Die Regeln ändern! Bedingungen gewerkschaftlicher Solidarität unter globalem Konkurrenzdruck“. Richard Hyman wirft gegenüber den globalen Betrachtungen Mückenbergers und Grevens einen näheren Blick auf die Binnenstruktur der Gewerkschaften. Er leitet aus seiner Analyse Empfehlungen ab, die hohe Anforderungen an die Reformfähigkeit der Gewerkschaften stellen und an deren „Substanz“ gehen. Er geht so weit zu konstatieren, dass sie als Akteure Gefahr liefen jegliche Handlungsfähigkeit zu verlieren. Sie könnten sogar in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sollten sie in ihrer Ausrichtung auf die traditionelle Kernmitgliedschaft – den männlichen Industriearbeiter – verharren und sich nicht für (bislang noch) marginalisierte Gruppen, wie dem „Prekariat“, zu öffnen.

Empirie

Der empirische Teil besteht aus Fallstudien, die exemplarisch „Erfolgsbeispiele und Grenzen transnationaler Solidarität“ aufzeigen. Sie konzentrieren sich weitgehend auf die Konzernebene „Kann transnationale Solidarität auf Konzernebene organisiert werden? Der Ansatz der internationalen Rahmenabkommen“ (Michael Fichter, Markus Helfen, Katharina Schiederig) und „Neue Instrumente für Gewerkschaften. Die transnationale strategische Kampagne der United Steelworkers of America gegen die Continental AG“ (Thomas Greven, Wilfried Schwetz). Besonderes Augenmerk auf die Euro Betriebsräte (EBR) richten Manfred Wannöffel sowie Veronika Dehmen und Luitpold Rampeltshammer in ihren Beiträgen „Auch für ‚Old Opel‘ gilt: Europäische oder keine Lösung“ bzw. „Transnationale Solidarität auf betrieblicher Ebene: Utopie oder Realität?“. Jeroen Merk erweitert den Blickwinkel und nimmt die weltweite Bekleidungs- und Sportschubranche ins Visier: „Die strukturelle Krise der flexibilisierten Arbeit. Strategien und Aussichten für die transnationale gewerkschaftliche Organisierung in der Bekleidungs- und Sportschuhbranche“. Wie „Hochqualifizierte unter Globalisierungsdruck“ bestehen müssen, untersuchen abschliessend Andreas Boes und Tobias Kämpf.

Referenzen

Die Problematik „transnationaler gewerkschaftlicher Solidarität“ wurde bislang vor allem im Umfeld der ILO aufgegriffen. 2009 wurde dem Thema “Global capital strategies and trade union responses: Collective bargaining and transnational trade union cooperation”die zweite Ausgabe des „IJLR“ gewidmet.[1] Stellvertretend für viele seien hier weitere zentrale Artikel aus der internationalen Forschungslandschaft genannt, u.a. “Industrial Determinations of Transnational Soliarity” auf sektoraler Ebene untersuchten[2] und eine Forschungsagenda für “Transnational Governance of Workers’ Rights” und „Research on transnational dialogue and International Framework Agreements (IFAs)“ definierten.[3] In der Tradition reformistischer Regulierungsansätze argumentieren die Autoren der vorliegenden Studie angesichts ruinöser Standortkonkurrenz und einem internationalen arbeitsrechtlichen „race-to-the-bottom“ für eine stärkere Verrechtlichung und vor allem eine effizientere Durchsetzung von internationalen Arbeitsstandards. Die Zeit verlangt von den Gewerkschaften innovative Strategien und die Autoren zeigen sie – im guten wie im schlechten – auf.

Fazit

Die Stärke des – äusserst lesenswerten – Buches liegt darin, die äussert vielfältigen Aspekte und Erscheinungsformen transnationaler gewerkschaftlicher Solidarität prägnant zusammenzuführen. Dabei wird Raum gelassen für widerstreitende Thesen, etwa in den Beiträgen von Mückenberger und Greven. Es stellt sich im Laufe der Lektüre jedoch die Frage, ob es primär um die „Standortkonkurrenz“ im engeren Sinne geht oder letzten Endes nicht doch um die (weitere) systemische Machtverschiebung im Verhältnis von Kapital und Arbeit als entscheidender Ursache für die Schwäche der Gewerkschaften und die Hürde grenzüberschreitender Aktion. Diese „Machtfrage“ hätte im theoretischen Teil z.B. in dem Beitrag von Thomas Greven noch prominenter herausgearbeitet werden können. Dass die Perspektive des globalen Südens weitgehend ausgeklammert wird, ist berechtigt. Zu unterschiedlich sind die institutionellen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen für kollektive Aktion in einer Welt, die durch die informelle Ökonomie geprägt ist. Hier liegen die Ansatzpunkte für weiterführende überlegungen.

 

Gerlach, Frank/ Thomas Greven/ Thomas Mückenberger/ Eberhard Schmidt (Hg.) (2011): “Solidarität über Grenzen. Gewerkschaften vor neuer Standortkonkurrenz“, Berlin


[1] International Journal of Labour Research, “Global capital strategies and trade union responses: Collective bargaining and transnational trade union cooperation”, 2009, 1, Issue 2.

[2] Anner, Mark/ Ian Greer/ Marco Hauptmeier/ Nathan Lillie and Nik Winchester, “The Industrial Determinants of Transnational Solidarity: Global Interunion Politics in Three Sectors“, in: European Journal of Industrial Relations, 2006, 12: 7.

[3] Egels-Zandén, Niklas, “Transnational Governance of Workers’ Rights: Outlining a Research Agenda“, in: Journal of Business Ethics, 2009, 87: 169; Papadakis, Konstantinos, “Research on transnational dialogue and International Framework Agreements (IFAs)“, International Labour Review, 2008, 147: 100.


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Kurzprofil

Dr. Andreas Bodemer
Junior Professional Officer im Arbeitnehmerbüro (ACTRAV) bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf.
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