Deutscher Gewerkschaftsbund

09.03.2012

Fast alle sind Migranten und dennoch sind es immer die „Anderen“

Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Es wurden Menschen für die Bundesrepublik geworben, um den vorherrschenden Arbeitskräftemangel zu kompensieren. In den vergangenen 50 Jahren gelang es der Politik jedoch nicht, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen. Über Begriffe wie „Migration“ und „Integration“ wurde viel debattiert. Sie mutierten dabei zu sperrigen Worthülsen.

Der Titel des Buchs von Harald Kleinschmidt „Migration und Integration – Theoretische und historische Perspektiven“ mag daher auch im ersten Moment etwas unpräzise wirken. Aber schon nach kurzer Zeit der Lektüre entpuppt er sich als durchaus treffend, denn das Buch behandelt die ebenso weitgefassten wie spannenden Gegenstände der Migration und Integration. Dabei wird keine weitere umfassende Migrationstheorie präsentiert, sondern vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit heutigen Ansätzen zum Themenfeld der Migration und deren theoretische und vor allem historische Hintergründe.

Warum fällt es schwer anzuerkennen, dass die meisten Menschen fast überall auf der Welt MigrantInnen sind?

Um diese Frage zu beantworten zeichnet Kleinschmidt die sich wandelnden Ansichten und Migrationsmuster mit konkreten Fällen aus der Geschichte nach, um sie schließlich zu einem Gesamtmuster zusammenzufügen. Mit dieser Kollektion von insgesamt neun historischen Beispielen versucht der Autor die rein theoretische Perspektive greifbarer zu machen. Der 1949 geborene und in Japan lehrende Kleinschmidt hebt sich mit diesem Konzept der geschichtlichen Perspektive durchaus von anderen Veröffentlichungen zum Thema ab.

Das Wort „Migration“ unterlag in jüngster Zeit einer umfassenden Popularität. Vor 40 Jahren etwa konnte nur eine überschaubare Menge exotischer Sozialwissenschaftler überhaupt etwas mit dem Begriff anfangen. Im Deutschen war zu dieser Zeit häufig nur von „Auswanderern“ und „Einwanderern“ die Rede, wobei diesen Begriffen keine klare Bestimmung beiwohnte. Besonders für „Einwanderer“ gab es eine Reihe wiederum unbestimmter Unterbegriffe. Wer nach Deutschland kam, war „Gastarbeiter“, „Ausländer“, „Spätaussiedler“ oder „Flüchtling“. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts setzte sich immer mehr der Begriff „Migration“ durch. Heute ist er allgegenwärtig und hat in allen Ämtern Einzug erhalten. Das Denken hat sich dennoch nicht geändert, noch immer werden von der Verwaltung neue Kategorien wie „Arbeitsmigration“, „Wirtschaftsmigration“, „Familienzusammenführung“, „Migration Hochqualifizierter“ usw. geschaffen. Dabei wird ein Kommunikationsproblem zwischen den Menschen und den Behörden offensichtlich: Die Perspektive der Migrantinnen und Migranten wird ausgeblendet. Aus behördlicher Sicht ist Migration vor allem eine den Staat betreffende Frage. Dabei spielt die unterschwellige Angst eine Rolle, die Einheit der Nation würde zerstört. Und auch der offen zur Schau getragene „Wohlfahrtschauvinismus“ kommt zum Tragen, denn Migrantinnen und Migranten werden oft als schädlich für den deutschen Sozialstaat gesehen. Eine stigmatisierende Einstellung, die angesichts der jungen, motivierten und flexiblen Menschen schlichtweg falsch ist.

Anhand einer historischen Zeitreise durch vergangene Jahrhunderte dekonstruiert Kleinschmidt die von Theoretikern wie Stephen Castles vertretene Ansicht, dass Massenmigration ein bestimmendes Merkmal des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Er macht deutlich, dass die Menschen in früheren Jahrhunderten sehr viel mobiler gewesen seien und ein Anstieg der Migration nicht belegbar sei. Migrantinnen und Migranten wissen häufig sehr genau, dass von öffentlicher Seite nur bedingt Hilfe zu erwarten ist und sind deshalb oftmals eng in Strukturen wie Verwandtschafts- und Nachbarschaftsgruppen integriert. Verwaltung, Politik und Wissenschaft reden daher an den Menschen vorbei, wenn sie davon ausgehen, dass die Migranten entwurzelt seien.

Mit Hilfe zweier gegenteiliger Extremfälle zeigt der Autor, dass Integration grundverschieden verlaufen kann. Das Atztekenreich wurde durch Zwang von oben, durch Massaker und Vertreibung derer die nicht bereit waren sich anzupassen, zerstört. Die Schwaben in Britannien hingegen gaben freiwillig ihre Identität preis. Ein Vorgang, der im frühen Mittelalter durchaus nicht selten war. Nur so konnten sich Völker als Großgruppen bilden. Dieser Vorgang gestaltet sich mit Zunahme von Rechtsnormen umso schwieriger. Im Umkehrschluss gelangt Kleinschmidt so zu der These, dass eine Verringerung und Entschärfung von Migrationsgesetzen eine Integration erleichtere. Gleichzeitig müsse sich ein Wandel in der Migrationsforschung vollziehen. Der Perspektive der Menschen müsse eine stärke Beachtung geschenkt werden. „Migrationsforschung kann mehr zur Kenntnis der Handlungsweisen von Migrantinnen und Migranten beitragen, wenn sie zuhört und zu verstehen versucht.“

Kleinschmidt gelingt es überzeugend, seine theoretischen Positionen mit treffenden Beispielen aus der Geschichte zu illustrieren. Er verdeutlicht damit, dass „Unterwegssein“ ein regulärer und gewöhnlicher Vorgang ist, bei dem die Reisenden oder Migrierenden entgegen der strukturalistischen Perspektive zielbestimmt und entschlossen handeln. Erst mit der Entwicklung der Nationen und des damit einhergehenden Ausbaus der rechtlichen Bestimmungen kam es zu Identitätsproblemen und somit auch zu Fragen der Integration. Wie starr diese Bestimmungen sein können, macht er mit Verweis auf das 1913 verabschiedete und bis 1999 gültige deutsche Staatsangehörigkeitsgesetz deutlich: „Werden Kategorien von Volk und Rasse durch das Wort „Kultur“, oder eine seiner Ableitungen ersetzt, sind die Phasen der Debatte um das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 mit denen der gegenwärtigen Debatte um die Integration weitgehend gleich.“

Die in diesem Buch zusammengefügten Geschichten aus der Vergangenheit zeigen die Gefahren einer falsch konzipierten Migrationspolitik auf, bei der sich die Debatte um die Integration in eine wie auch immer geartete Leitkultur verrennt. Sie machen deutlich, dass Migrationstheorien an die Wahrnehmungshorizonte der Menschen anknüpfen müssen.

Neben einem wissenschaftlichen Publikum richtet sich das Buch aufgrund seines lockeren und gut verständlichen Schreibstils auch an Leserinnen und Leser ohne inhaltliche Vorkenntnisse. Die heterogene Wahl der Beispiele macht die Lektüre des Buches zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Dadurch lässt es jedoch gelegentlich den roten Faden und eine gewisse inhaltliche Tiefe vermissen. Dennoch gelingt es Harald Kleinschmidt die Perspektive auf die Thematik durch die historische Betrachtung zu erweitern. Die Lektüre des Buches kann somit jedem am Thema interessierten Menschen nur empfohlen werden.

 

„Migration und Integration – Theoretische und historische Perspektiven“ von Harald Kleinschmidt. Band 24 der Reihe „Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft Münster 2011 - 191Seiten, € 29,90, ISBN: 978-3-89691-124-7


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Kurzprofil

Matthias Gruß
Geboren am 22.05.1987 in Schlema / Erzgebirge
Studium der Soziologie und Kommunikationswissenschaften an der Friedrich-Schiller Universität Jena und
seit 2011 an der Universität Potsdam
Stipendiat der Hans Böckler-Stiftung

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