Deutscher Gewerkschaftsbund

27.10.2011

50 Jahre Almanya

Vom Gastarbeiter, der nie ein Gast war

Vor 50 Jahren, am 30. Oktober 1961, begann die Geschichte vieler unserer türkischen Kolleginnen und Kollegen, die von Familie und Heimat Abschied nahmen, um in einem fremden Land zu arbeiten und Geld zu verdienen. An diesem Tag vereinbarte die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei das sogenannte „Anwerbeabkommen“.

Damit sollten gezielt – und nach der ursprünglichen Konzeption auch befristet - Arbeitskräfte für die prosperierende deutsche Wirtschaft gewonnen werden. 50 Jahre danach fällt die Bilanz dieser deutsch-türkischen Geschichte zwiespältig aus. Es gibt große Integrationserfolge, aber es gibt auch noch viel zu tun.

Schon 1955 hatte die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte begonnen. Doch die Kolleginnen und Kollegen aus Italien, Spanien und Griechenland reichten für die Nachkriegsökonomie nicht aus. Die ersten türkischen Arbeitsmigranten, die 1961 nach Deutschland kamen, sollten  nach zwei Jahren wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Daher wurden sie auch als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Doch schon 1964, bei der Erneuerung des Abkommens, wurde diese Befristung aufgehoben – auf Druck der deutschen Arbeitgeber. Sie fanden die Zwei-Jahres-Rotation nicht effizient, da immer noch Arbeitskräftebedarf bestand und die Arbeitgeber die Einarbeitungskosten minimieren wollten.

Heimat, Gast und Rückkehrhilfe

Anfang der 70er Jahre  war der Arbeitskräftehunger der deutschen Wirtschaft gestillt. Seitdem übertraf das Angebot an Arbeitskräften die zur Verfügung stehenden Stellen, die Phase einer immer stärker steigenden Arbeitslosigkeit begann. Die Folgen waren u.a.: der Anwerbestopp von 1973 und zehn Jahre später das „Rückkehrhilfegesetz“. Mittels finanzieller Unterstützung sollten ausländische Arbeitnehmer zur Rückkehr in ihre Heimatländer bewegt werden. Dieses Gesetz blieb aber ohne große Wirkung. Viele Türken hatten mittlerweile ihre Ehefrauen nach Deutschland geholt (seit 1974 war das möglich) und sie hatten Kinder in Deutschland bekommen. Diese zweite Generation der Arbeitsmigrantinnen und –migranten wuchs in eine neue Welt hinein. Sie gingen in deutsche Kindergärten und auf deutsche Schulen. Ihre Eltern arbeiteten in deutschen Betrieben mit deutschen Kolleginnen und Kollegen. Oder sie hatten sich selbstständig gemacht und eigene Geschäfte für den deutschen Markt eröffnet.

Heute leben in Deutschland etwa 3 Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit türkischen Wurzeln. Sie sind die größte ausländische Personengruppe und die größte Personengruppe mit muslimischem Hintergrund. Viele der damaligen „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ sind mittlerweile zu Rentnerinnen und Rentnern geworden. Eine zweite und dritte Generation ist hier aufgewachsen, lebt hier und fühlt sich als ein Teil der deutschen Gesellschaft. Dafür sprechen z.B. Ergebnisse einer aktuellen Studie über „Muslimisches Leben in Deutschland“, erstellt in 2010 im Auftrag der Bundesregierung anlässlich der „Deutschen Islamkonferenz“. Mehr als die Hälfte der hier lebenden Muslime sind beispielsweise Mitglied in deutschen Vereinen; und nur ein geringer Anteil, etwa 4 Prozent, ist in ausschließlich  herkunftslandbezogenen Vereinen Mitglied. Auch stellt die Studie fest, dass die Bereitschaft zur Kontaktaufnahme mit Deutschen im Alltag relativ hoch ist. Nur ein Prozent der Befragten gaben an, dass sie keinen Kontakt zu Deutschen hätten oder es grundsätzlich nicht wollen. Im Ergebnis der Studie heißt es auch, dass „eine ethnische und interreligiöse Abgrenzung“, die von Muslimen ausgehen soll, nicht festgestellt werden kann.

Eine Bereicherung für die Gewerkschaften und das Land

Immer noch führen heute viele türkische Kolleginnen und Kollegen eine körperlich anstrengende Arbeit aus: Vom Fließbandarbeiter bei den großen Automobilherstellern bis zum Gepäckträger, Taxifahrer oder der Reinigungskraft an den deutschen Flughäfen und Bahnhöfen. Allein im Organisationsbereich der EVG (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft) leisten heute Tausende türkische Kolleginnen und Kollegen großartige Arbeit. Sie tragen dazu bei, dass in Deutschland täglich Millionen von Menschen und Gütern befördert werden. Dabei sind sie tätig bei der Sicherheit, im Service und Betrieb, in der Verwaltung und im Management, oder als Rangierer, in der Instandhaltung oder als Triebfahrzeugführer. Für diese tägliche Arbeit verdienen sie großen Respekt. Im DB Konzern haben über 50 türkische Kolleginnen und Kollegen Verantwortung als Betriebsräte übernommen, gewählt von deutschen und ausländischen Beschäftigten. Auch in der EVG sind Kolleginnen und Kollegen mit türkischen Wurzeln als hauptamtliche politische Gewerkschaftssekretäre beschäftigt. Dies betone ich besonders, weil es zeigt, dass Menschen mit türkischen Wurzeln schon längst in Deutschland angekommen sind, sich engagieren und dazu gehören.

Selbst 190.000 türkische Arbeitgeber beschäftigen bzw. sichern gegenwärtig die Existenz von einer halben Million Menschen in Deutschland. Auch wird bei einer differenzierten Betrachtung der ersten und zweiten Generation deutlich, dass die in Deutschland geborenen Menschen mit türkischen Hintergrund unverkennbar häufiger einen Schulabschluss machen als ihre Eltern.

Auch nach 50 Jahren "Normalität" bestehen noch Vorurteile

Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille. Es ist traurig, aber heute notwendiger denn je: Auch noch nach 50 Jahren Zuwanderungsgeschichte müssen wir als Gewerkschafter die Lebensweise, die Kultur, die Religion unserer Kolleginnen und Kollegen aus der Türkei verteidigen. Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung bestehen latent weiter. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA haben sich die Ängste und Ablehnungsreflexe in Deutschland – ja in ganz Europa - gegenüber Menschen mit muslimischen Hintergründen gesteigert. Früher gab es das Klischee vom Türken, „der uns die Arbeitsplätze wegnimmt“. Dieses Schreckensbild wurde abgelöst vom „Islamisten“. Befeuert werden diese latenten Ängste von Journalisten und Autoren, die als selbst ernannte Islam-Experten ein Zerrbild einer migrantischen Subkultur entwerfen. Thilo Sarrazins Rede von den unproduktiven türkischen Gemüsehändlern, die „lauter kleine Kopftuchmädchen“ in die Welt setzen, mag hier als ein besonders bizarres Beispiel stehen. 

Und kaum stecken wir als Europa und Deutschland in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, brechen sich wieder die alten Ängste Bahn. Statt sich für Menschen zu engagieren, die in Würde, Freiheit und Demokratie leben wollen, baut Europa zurzeit Mauern gegenüber Flüchtlingen auf. Die Ängste vor dem Fremden nutzen mittlerweile der Politik. Dies stellt bemerkenswerterweise auch eine aktuelle Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zur Migration fest. Dort heißt es: „Fremdenfeindlichkeit und Populismus werden seit Jahren von radikalen politischen Kreisen geschürt, die jedoch bisher in der Minderheit waren. Heute aber ist diese gegen Migranten und Minderheiten gerichtete Politik Teil der Strategien und Programme verschiedener europäischer Regierungen und wird von diesen als Wahlkampfinstrument eingesetzt.“

Das populistische Spiel mit den Ängsten

Nicht zu Unrecht stellt die oben erwähnte Studie zur deutschen Islamkonferenz auch eine kritische Frage an die Gesellschaft. Nämlich die, ob sie überhaupt integrationswillig ist? Denn wie wollen wir Menschen integrieren, mit ihnen friedlich leben und arbeiten, ihnen als freiheitliche und demokratische Mitbürger gegenüberstehen, wenn wir ihnen mit Ängsten, Diskriminierung und Vorurteilen begegnen? Wenn wir sie unter „terroristischen Generalverdacht“ stellen oder sie ausschließlich nach ihrer „ökonomischen Verwertbarkeit“ akzeptieren?

Dass Menschen Ängste haben, auch vor Fremden, ist völlig normal. Gerade heute: Deutschland, Europa, die Welt stehen vor großen Herausforderungen. Angefangen von der Finanz- und Wirtschaftskrise, über Terrorismus, internationale Konflikte, über die Krisen der sozialen Sicherungssysteme bis zur Verknappung der Ressourcen. Doch die Ängste der Menschen dürfen nicht zu Ausgrenzung, Intoleranz, Demütigung oder im schlimmsten Fall zur Gewalt gegenüber anderen Menschen führen.

Und auch unsere Geschichte – die deutsche und die europäische - ruft uns dazu auf, dafür zu sorgen, dass nie wieder Menschen wegen ihres  Geschlechtes,  ihrer Herkunft, Nationalität, Sprache oder ihrer religiösen und politischen Anschauungen diskriminiert werden.

In Deutschland haben die Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte – in welcher politischen Farbkombination auch immer -  sich sehr schwer damit getan, eine echte Integrationspolitik zu entwickeln. Nur mühsam konnte man sich an den Gedanken gewöhnen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist. Diese Versäumnisse haben nicht nur heute Folgen für das Zugehörigkeitsgefühl und die Selbstbestimmung aller Zugewanderten, sondern auch für die Haltung und Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt.

Umso wichtiger ist es heute deshalb, die 50jährige Zuwanderungsgeschichte, die Leistung der Zuwanderer zu würdigen und diese Menschen als nicht wegzudenkenden Bestandteil unserer Gesellschaft anzuerkennen. Nur damit können wir das „WIR-Gefühl“ stärken. Integration heißt, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft ein gemeinsames Wertefundament anerkennen – unabhängig all ihrer sonstigen Verschiedenheiten. Dazu gehört ganz vorne die gegenseitige Toleranz. Unser Wertefundament beruht auf den Grundwerten der Freiheit, der Unantastbarkeit der Person und der bürgerlichen Rechte. Auf diesem Fundament kann sich eine Verschiedenheit entfalten, die für alle befruchtend sein kann. Und Integration darf nie einseitig betrachtet werden. Zur Integration gehören immer zwei Seiten. Migranten müssen bereit sein zur Integration. Aber die Gesellschaft muss auch die entsprechenden Angebote machen. Insofern sind wir alle aufgerufen, daran mitzuwirken, dass diese Integrationsgeschichte eine Erfolgsgeschichte bleibt und weiter wird. 


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Kurzprofil

Alexander Kirchner
Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) seit 2008
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