Deutscher Gewerkschaftsbund

01.03.2010

Politische Erwachsenenbildung – gute Gründe und Begründungen

von: Prof. Dr. Benno Hafeneger

Rezension des Buchs: Martin Allespach/ Hilbert Meyer/ Lothar Wentzel, Politische Erwachsenenbildung. Ein subjektwissenschaftlicher Zugang am Beispiel der Gewerkschaften, Marburg 2009, ISBN 978-3-89472-223-4

Die politische Bildung spielt im breiten Feld der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung derzeit eher eine marginale Rolle.

Sie ist Teil der Jugendarbeit und -bildung und neben der Allgemein- und beruflichen Weiterbildung ist sie Teil der Erwachsenenbildung. Sie hat aber zugleich in der Geschichte der Bundesrepublik und mit einem weiteren historischen Blick in die Weimarer Republik eine lange Tradition und Bedeutung in der Entwicklung demokratischer Gesellschaften. Mit ihrer Trägervielfalt ist die politische Bildung schon immer ein „lebendiges“ und eigenständiges halb-formelles Lern- und Bildungsfeld, an deren Angeboten Jugendliche und Erwachsene freiwillig teilnehmen – und die Gewerkschaften gehören zu den großen Trägern und Anbietern.

Konzeptionelle Schärfe

Die politische Erwachsenenbildung ist je nach Tradition und Auftrag, Trägerbezug und Orientierungshorizont theoretisch und konzeptionell wiederholt unterschiedlich begründet worden. Hier haben die Gewerkschaften als großer und bedeutsamer Träger und Anbieter eine lange Tradition und sie haben Erfahrungen im Streit um kontroverse Positionen und Fundierungen; zu erinnern ist an die Tradition der Arbeiterbildung, an die Perspektive der Emanzipation der Arbeiterklasse und den Beitrag von Bildung. Die vorgelegte Publikation setzt in dieser Tradition spezifische Akzente, indem sie mit einem subjektwissenschaftlichen Zugang einen ausgewiesenen theoretischen Begründungshorizont für politische Erwachsenenbildung in den Gewerkschaften (resp. der IG Metall) anbietet. Im Mittelpunkt stehen zwei Denktraditionen - die Lerntheorie von Klaus Holzkamp und die kritisch-konstruktive Didaktik von Wolfgang Klafki. Sie werden in einer subjektwissenschaftlichen Perspektive zusammengeführt um den besonderen Charakter der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit als „politisch, handlungsorientiert und interessengeleitet“ (S. 13) zu begründen.

Im ersten Kapitel wird zunächst in knapper und dichter Form die Geschichte der politischen Bildung in den Gewerkschaften mit ihren unterschiedlichen Phasen und Entwicklungen seit den Gründungen von Arbeiterbildungsvereinen rekonstruiert. Es wird vergegenwärtigt, welche herausragende Bedeutung einer gesellschaftskritischen, emanzipatorischen und aufklärenden Perspektive der politischen Erwachsenenbildung im Spannungsfeld von Allgemein- und Zweckbildung zukommt, die den abhängig Beschäftigten mit ihren Erfahrungen und Interessen verpflichtet ist und deren Selbstorganisationsfähigkeit und solidarische Handlungsfähigkeit fördert. Die Autoren begründen in den beiden folgenden Kapiteln ein kritisch-emanzipatorisches Bildungsverständnis, in dem sie zunächst das Subjektverständnis von Holzkamp und seine subjektwissenschaftliche Begründung von Lernen, seine Grundformen expansiven Lernens und die Lernmotive von Teilnehmern darlegen. Die interessante und weitergehende Variante der Überlegungen ist, diese Perspektive didaktisch auf das Verhältnis von „Lernenden und Lehrenden“ in Lernprozessen zu beziehen und mit Beispielen wie „Fallarbeit im Seminar“ und „situiertes Lernen“ in der beruflichen Bildung zu verbinden; ebenso interessant sind die Ausführungen zur Bedeutung von „Beratung“ in subjektorientierten Bildungskonzeptionen und der politischen Praxis der Gewerkschaften. Bildungstheoretisch wird an Klafki mit seiner kritisch-konstruktiven Didaktik, seinen epochaltypischen Schlüsselproblemen der Gesellschaft, seinen – ähnlich wie bei Negt – Kompetenzüberlegungen angeknüpft; sie werden für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit aufgenommen und konkretisiert. Damit werden die theoretischen Überlegungen von Holzkamp, Klafki und auch Negt für die Planungsgrundlagen – als Relevanzfilter“ (S. 88) - einer guten Konzeption und eine gute Seminararbeit reklamiert. Vor diesem Hintergrund zeigen die Autoren mit strukturierenden Hinweisen, Schaubildern und praxisnahen Reflexionen anschaulich und konkret, was daraus für die Seminarplanung und Strukturierung gelingender Lernprozesse zu folgen hat und zu beachten ist.

Methoden – Planung – Qualität

Die weiteren Kapitel befassen sich mit „Methodik“, „Bildungsplanung“ und „Qualitätssicherung“. Das Methodenverständnis wird auf Formen und Verfahren von Vermittlung und Aneignung zentriert, die für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit besonders geeignet sind. Dabei wird in der Reflexion von Methoden in Lehr-Lernprozessen plausibel heraus gearbeitet, was es heißt Selbsttätigkeit zu fördern, kooperativ und partizipativ zu arbeiten, Fragen und Sachverhalte zu klären, Verantwortung zu übernehmen und Lernfortschritte sensibel wahrzunehmen. Auch hier zeigen die vielen Beispiele und Hinweise, die Reflexionen und Differenzierungen, welche Bedeutung eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit Methoden für das Gelingen von Lehr-Lernprozessen haben.

Die Reflexionen zur Bildungsplanung favorisieren eine beteiligungsorientierte Perspektive und es sind folglich vor allem subjektorientierte Überlegungen, die nach den Bildungsbedarfen, den Interessen und Erfahrungen der Teilnehmer sowie den Erwartungen fragen, die sie mit Gewerkschaften und deren Bildungsarbeit verbinden. Das gilt für die Seminargestaltung und demokratische Lernkultur, für die unterschiedlichen Bildungsformate, für Werbung und Beratung.

Im folgenden Kapitel zur „Qualitätssicherung“ geht es um den Prozess der Qualitätskontrolle und -verbesserung, um eine methodisch kontrollierte Datenerhebung und (Selbst-)Evaluation als ständige Aufgabe aller Beteiligten. Hier wird in kritischer Auseinandersetzung mit dem herrschenden Qualitäts- und Evaluationsdiskurs vor allem auf „eine Beteiligung der Betroffenen von Beginn an“ wert gelegt, weiter wird eine theoretisch gehaltvolle Rahmung reklamiert und ein Orientierungsrahmen für gewerkschaftliche Bildungsarbeit angeboten. Der hier skizzierte „Zehnerkatalog“ ist ein hilfreicher Qualitätsfahrplan bzw. Kriterienkatalog für die Lehrenden, der ihnen für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Seminararbeit reflexive Rahmung gibt und ihnen Navigationshilfe in den Lehr-Lernprozessen ist. In der Auseinandersetzung mit den gängigen Evaluationsangeboten/ -typen geht es den Autoren um eine „methodisch kontrollierte Sammlung, Aufbereitung und Auswertung nützlicher Daten und Informationen“ (S. 193) und für die Selbstevaluation gewerkschaftlicher Bildungsarbeit werden zahlreiche Methoden vorgeschlagen: Sie reichen vom Beobachten, Protokollschreiben, über Forschungstagebuch und Memo-Schreiben bis hin zum Fragebogen, der Auswertung von Seminarergebnissen und Interviews.

Abschließend werden in knapper Form fünfzehn „Zukunftsfragen“ vorgestellt, die - vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Krisenentwicklungen und sozialen Spaltungstendenzen -  gewerkschaftliche politische Bildung perspektivisch begründen, ihre Aufgaben und Herausforderungen skizzieren. Hier wird, entgegen modernistischen wissenschaftlichen (u. a. konstruktivistischen) Trends und wiederkehrenden Abschiedsgesängen in den Debatten um das Profil der politischen Bildung, für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit engagiert und profiliert u. a. ein kritisch-emanzipatorisches Bildungsverständnis reklamiert, eine verbesserte Professionalität begründet, die Kooperation mit der Wissenschaft akzentuiert und ihr Einmischungscharakter innerhalb der Gewerkschaften wie in den öffentlichen Debatten hervorgehoben.

Das Buch ist von einigen positiven Merkmalen gekennzeichnet, die sich so formulieren lassen: Es folgt materialreich, konzentriert, teils mehr skizzenhaft und auf einem hohen Niveau einer argumentativen Logik, die sich durch alle Kapitel zieht und sie wie ein „roter Faden“ miteinander verbindet. Kern aller Überlegungen ist, eine durchgängig subjektwissenschaftlich begründete Argumentation und eine subjektzentrierte Praxisperspektive zu entfalten; weiter die ambivalenten pädagogischen Spannungsbögen von Vermittlung und Aneignung, Symmetrie und Asymmetrie, Homogenisierung und Individualisierung in Lehr-Lernprozessen nicht aufzulösen, sondern in praxisnaher Reflexion aufzunehmen und zu einer subjektwissenschaftlich begründeten Professionalität in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit beizutragen. Dies ist den Autoren gehaltvoll gelungen und es ist ein Buch geworden, dass auf der einen Seite zeigt, wie in den Gewerkschaften – resp. der IG Metall – derzeit über politische Bildung nachgedacht und diskutiert wird; auf der anderen Seite könnte die Publikation auch andere Träger inspirieren und „provozieren“, über ihre theoretischen Fundierungen nachzudenken und einen Bildungsbereich gehaltvoll zu begründen. Es ist ein anregendes und konstruktives Buch geworden, das zum Nach- und Weiterdenken nicht nur in den Gewerkschaften einlädt.


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