Deutscher Gewerkschaftsbund

05.05.2010

Anmerkungen zur Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gewerkschaften am Beispiel des Hattinger Kreises

von Dr. Frank Gerlach

Mit dem internationalen Symposium „Gewerkschaften zwischen Prekariat und Casino-Kapitalismus - Jenseits der Beschlusslage nach 20 Jahren revisited“ am 5./6. Februar 2010 wurde die Arbeit des Hattinger Kreises unter der Ägide der Hans Böckler Stiftung beendet. Grund genug, um in einer Rückschau die Zusammenarbeit von WissenschaftlerInnen und GewerkschafterInnen im Hattinger Kreis zu bewerten.    

Ausgangspunkt für den Hattinger Kreis, in dem GewerkschafterInnen und WissenschaftlerInnen sich in Form von Workshops und Foren gemeinsam mit Grundsatzfragen gewerkschaftlicher Politik befassten, war das Gutachten von Vertrauensdozenten der Hans Böckler Stiftung „Jenseits der Beschlusslage“, das im Auftrag der Hans Böckler Stiftung vor 20 Jahren erstellt und von Jürgen Hoffmann, Reiner Hoffmann, Ulrich Mückenberger und Dietrich Lange herausgegeben worden war. In dem 1990 publizierten Gutachten war der Versuch unternommen worden, gravierenden Veränderungen in den strategischen Ausgangsbedingungen für gewerkschaftliche Interessenvertretungspolitik zu analysieren und Handlungsansätze für Gewerkschaften zu benennen. Insbesondere befasste sich das Gutachten mit den „großen Themen“, der Individualisierung der Arbeits-und Lebensbedingungen sowie der zunehmenden Globalisierung der kapitalistischen Produktions- und Marktbeziehungen. Zweifellos schlug es in den innergewerkschaftlichen Diskussionen Wellen, thematisierte es doch mit einem originellen Zugriff neue Herausforderungen für die Gewerkschaften.

Auch in der Folgezeit standen Grundsatzfragen gewerkschaftlicher Politik im Zentrum der Arbeit des Hattinger Kreises. Insbesondere eine mittlere Funktionärsschicht des DGB und der Einzelgewerkschaften  hatte ein starkes Interesse an Diskussionen über strategische Fragen, die über die gewerkschaftliche Alltagsarbeit hinausreichten. Hieraus lässt sich die Resonanz seiner Arbeit erklären. Die außerordentlich gut besuchte Abschlusstagung in Hamburg unterstreicht noch einmal diese Bewertung. In insgesamt vier Diskussionsrunden wurde eine in Teilen durchaus kritische Bewertung des Gutachtens vorgenommen. Zwar seien immer noch gültige Megatrends in dem Gutachten richtig erkannt worden, aber andererseits wurden die Konsequenzen des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums, immerhin eine historische Zäsur, des Aufstiegs der Schwellenländer, der sich mehr und mehr durchsetzenden und das Leben von Individuen und ganzer Gesellschaften grundlegenden verändernden Informations- und Kommunikationstechnologien sowie der Klimadiskussion nicht erörtert bzw. konnten nicht erörtert werden. Zudem stieß die  Umsetzung der Intentionen des Gutachtens, die in vielerlei Hinsicht an überkommenen Selbstverständlichkeiten und Selbstverständnissen der gewerkschaftlichen Politik, letztlich am zentralen politischen Paradigma der deutschen Gewerkschaftsbewegung, ihrer Arbeitsmarkt- und Produktivitätsorientierung und ihren zentralistischen und etatistischen Organisations- und Politikvorstellungen, rüttelten, in die gewerkschaftliche Praxis – wie in mehreren Diskussionsbeiträgen betont wurde – auf große Schwierigkeiten.

Gleichwohl sollte die Bedeutung des Gutachtens nicht unterschätzt werden. Sie hat in den Gewerkschaften wichtige Diskussionen angestoßen, die auf veränderter Grundlage – wie Michael Vassiliadis (Vorsitzender der IG BCE) auf dem Symposium betonte - weiter geführt werden sollten: Es stelle sich die Frage, ob die Statik des gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Großprojektes, das Gestaltungsmodell eines ausbalancierten Kapitalismus, noch trage. Die Segregation in der Gesellschaft habe zugenommen, es sei zu einer Polarisierung in den sozialen Verhältnissen gekommen. Es gelte, lebensweltliche Ansprüche wieder stärker in die Arbeitswelt zu integrieren. Demgegenüber bemängelte Vassiliadis, dass die großen inhaltlichen Reformthemen – wie z.B. die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, das Verhältnis von Staat und freier Vertragsgestaltung, das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sowie das Verhältnis von Mitbestimmung, Management und Wirtschaftsdemokratie - im Kontext der Strukturreform des DGB nicht hinreichend diskutiert worden seien.

Damit ist eine Ebene angesprochen, auf der der Dialog zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften im Sinne strategisch orientierter und aufeinander bezogener Diskussionen seinen Stellenwert hat. Die Tagung „Jenseits der Beschlusslage – revisited“ ist hierfür ein Beleg. Es handelte sich um eine „Zukunftswerkstatt“ zu zentralen aktuellen und zukünftigen Fragen von Gewerkschaftspolitik. Insbesondere wurde deutlich, dass eine aufeinander bezogene Diskussion und ein Meinungsaustausch zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften der Sache dient und beiden Seiten zugute kommt. Dieses Verdikt gilt übrigens für die gesamte Arbeit der Hattinger Kreises in der Vergangenheit. Seine besondere Attraktivität lag in der Zusammenarbeit von WissenschaftlerInnen und GewerkschafterInnen bei der Vorbereitung, Durchführung, Auswertung und Publizierung von Tagungen. Man fand eine gemeinsame Sprache – trotz aller Unterschiede in den Spielregeln von wissenschaftlicher Arbeit und gewerkschaftlicher Praxis. Hierin lag das genuin Eigenständige seiner Arbeit.

Daneben gibt es gibt  eine Vielzahl von arbeitsorientierten, für die Gewerkschaften wichtigen Studien. Die Gewerkschaften arbeiten seit vielen Jahren – je nach Erfordernis – eng mit WissenschaftlerInnen und BeraterInnen zusammen – wie etwa bei der Umsetzung von Kampagnen wie „besser statt billiger“. Zudem besteht ein Bedarf an einer neu ausgerichteten Gewerkschaftsforschung – wie er etwa von U. Brinkmann u.a. in ihrer Veröffentlichung „Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung, Umrisse eines Forschungsprogramms“ formuliert worden ist. Es gibt also eine Tradition der Kooperation zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften, die von Zeiten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in den frühen sechziger Jahre mit seinem Engagement in der Bildungsarbeit der Gewerkschaften über immer noch lesenswerte Schriften wie Oskar Negts „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ bis in die Gegenwart reicht. Aber dieser Strom ist dünner geworden. Zu Recht beklagen die Gewerkschaften, dass ihre Ansprechpartner an den Hochschulen und in der Wissenschaft weniger (und älter) werden. Exemplarisch zeigt sich dies an dem Bedeutungsverlust einer arbeitsorientierten Industriesoziologie, die sich früher und partiell noch heute an Diskursen in und mit der Gewerkschaft orientierte bzw. orientiert.

Nun bestehen Chancen für eine Revitalisierung der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften. Die häufig neoliberal unterfütterte Kritik an den Gewerkschaften im allgemeinen und an der Mitbestimmung im besonderen ist – angesichts des Debakels eines Finanzkapitalismus, dessen Deregulierung mit kräftiger ideologischer Unterstützung des ökonomischen Mainstreams vorangetrieben worden ist – in letzter Zeit deutlich leiser geworden. Zu Recht thematisierte Michael Schumann auf dem Symposium die neuen Brechungen durch die Krise, die zu Veränderungen in der Wahrnehmung der Gesellschaft und des politischen Systems geführt habe. Es gebe Anzeichen dafür – so Schumann -, dass hierdurch die Legitimation des politischen Systems erschüttert worden sei. Die politische Rechte habe erkannt, dass ein Legitimationsvakuum bestehe, weil der Neoliberalismus sein Wohlfahrtsversprechen nicht einzulösen vermöge. Der Gleichheits- und Gerechtigkeitsanspruch werde destruiert, um der Kritik an der wachsenden Ungleichheit den Boden zu entziehen. Hier seien die Wissenschaft und die Gewerkschaften gefordert. Es gehe um den Kampf um die „Lufthoheit“ der politischen Ideen und gesellschaftlichen Normen. Wenn man sich für die egalitären Ansprüche auf Gleichheit und Solidarität stark mache, müsse dies jedoch mit einer kollektiven Handlungsperspektive verbunden sein. Möglicherweise sei der von Michael Vassiliadis umschriebene Begriff eines ausbalancierten Kapitalismus eine gewerkschaftliche Perspektive, die Handlungsbereitschaft zu evozieren vermöge.

In der Tat, es stellt sich die bereits von Gramsci aufgeworfene Frage nach der Hegemonie in den öffentlichen Diskursen. Hier sind Gewerkschaften mehr denn je auf die Produzenten von Wissen über die Gesellschaft im weitesten Sinne angewiesen. Kontinuierlich arbeitende Einrichtungen wie der Hattinger Kreis, der immerhin über 40 Workshops und Foren durchgeführt hat,  können hier sehr hilfreich sein, da sie ein wechselseitiges Lernen – bei Wahrung der Autonomie beider Seiten – ermöglichen. Angesichts einer zunehmenden Auseinandersetzung um die Interpretation von gesellschaftlicher Realität und Entwicklung wird ein solcher Kreis jedoch nicht ausreichen – auch wenn seit 2002 mit dem Forum „Neue Politik der Arbeit“ ein weiteres Gremium für den Dialog von Wissenschaft und Gewerkschaften mit anderen thematischen Schwerpunkten hinzugekommen ist. Zudem wurde mit dem internationalen Symposium die Arbeit des Hattinger Kreises – wie bereits oben gesagt -  in der bisherigen organisatorischen Form beendet. Ob es eine personelle, organisatorische und finanzielle Basis für ein Nachfolgeprojekt gibt, in das sich ein – gegenüber dem bisherigen Hattinger Kreis – erheblich verjüngter Kreis von interessierten WissenschaftlerInnen und ein erweiterter Kreis von GewerkschafterInnen einzubringen bereit ist, wird die Zukunft erweisen. Jedoch, selbst wenn dies gelänge, würde es – wie bereits gesagt – nicht ausreichen. Notwendig wäre darüber hinaus auf den unterschiedlichen Organisationsebenen der Gewerkschaften eine weitere Vernetzung mit Wissenschaft. Gute Beispiele gibt es hierfür, leider sind sie viel zu selten. Themenbezogene Arbeitskreise etwa zu Fragen der Industrie-, Arbeitsmarkt- und Arbeitspolitik, in denen WissenschaftlerInnen und GewerkschafterInnen gleichberechtigt miteinander kooperieren, können hier weiter helfen – allerdings nicht im Sinne mittelfristig leer laufender Diskussionszirkel, sondern mit einem wissenschaftlich unterfütterten Anwendungsbezug, der den Bedürfnissen der Praxis Rechnung trägt. Ansprechpartner gibt es m.W. in den Regionen bzw. Bundesländern allemal. Diese Chancen gilt es zu nutzen. Vernetzung bleibt dann kein Schlagwort, sondern ist als ein Beitrag in der Auseinandersetzung um Hegemonie in den öffentlichen Diskursen zu verstehen.

 

Literatur

Brinkmann, U. u.a.; Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung – Umrisse eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008

Hoffmann, J.; Hoffmann, R.;  Mückenberger, U.; Lange, D. (Hrsg); Jenseits der Beschlusslage Gewerkschaften als Zukunftswerkstatt; Köln 1990

Negt, O.; Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen, Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung; überarbeitete Neuausgabe;  Frankfurt 1971


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