Deutscher Gewerkschaftsbund

29.08.2010

Niedriglohnbeschäftigung in Ostdeutschland

von Thorsten Kalina
Erbeere

kriegsflocke / photocase.com

Wenn man den Umfang der Niedriglohnbeschäftigung in Ostdeutschland untersucht, stellt sich immer die Frage, ob bundeseinheitliche oder nach Ost- und Westdeutschland getrennte Niedriglohnschwellen verwendet werden.

Bei getrennten Niedriglohnschwellen von 9,50 € pro Stunde in Westdeutschland und 6,87 € in Ostdeutschland hatten 2008 in Westdeutschland 20,8% und in Ostdeutschland 20,1% der Beschäftigten Stundenlöhne unterhalb der jeweiligen Niedriglohnschwelle (Tabelle 1). Berechnet man hingegen eine bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle, so lag diese für 2008 bei 9,06 € pro Stunde. Für Ostdeutschland macht die Wahl der Niedriglohnschwelle einen erheblichen Unterschied. Bei einer bundeseinheitlichen Niedriglohnschwelle sind im Osten über 39% der Beschäftigten von Niedriglöhnen betroffen. Absolut würde sich ihre Zahl etwa verdoppeln (auf rund zwei Millionen Beschäftigte).

Tabelle 1: Niedriglohnschwellen (Brutto) und Anteil der Niedriglohnbeschäftigten (2008, alle abhängig Beschäftigten inklusive Teilzeit und Minijobs)

 

Getrennte Niedriglohnschwellen für Ost und West

Einheitliche Niedriglohnschwelle

Niedriglohnschwelle (brutto pro Stunde)

9,50 € (West)

6,87 € (Ost)

9,06 €

Niedriglohnanteil

Westdeutschland

20,8%

17,9%

Ostdeutschland

20,1%

39,3%

Deutschland

20,7%

21,5%

Zahl der Niedriglohnbezie-henden absolut (in Millionen)

Westdeutschland

5,52

4,75

Ostdeutschland

1,04

2,03

Deutschland

6,55

6,81

Quelle: SOEP 2008, eigene Berechnungen

Für die folgenden Auswertungen wurden zwei getrennte Niedriglohnschwellen für Ost- und Westdeutschland verwendet.

Ursachen der Ausweitung der Niedriglohnbeschäftigung

Wie verschiedene Studien einhellig belegen, ist der Umfang der Niedriglohnbeschäftigung seit Mitte der 1990er Jahre in Deutschland deutlich angestiegen (Rhein/Stamm 2006; Bosch/Kalina 2007; Brenke 2008; Kalina/Weinkopf 2008 und 2009). Seit 2006 stagniert der Niedriglohnanteil auf hohem Niveau. Dennoch ist die Zahl der von Niedriglöhnen Betroffenen auch in den vergangenen beiden Jahren weiter gestiegen: Waren 2006 gut 6,31 Millionen Beschäftigte für Niedriglöhne tätig, lag deren Zahl im Jahr 2008 mit 6,55 Millionen Beschäftigte um mehr als 220.000 höher. Dass sich dies nicht in einem Anstieg des Niedriglohnanteils zwischen 2006 und 2008 niedergeschlagen hat, liegt daran, dass sich die Beschäftigtenzahl in der Gesamtwirtschaft in diesen zwei Jahren erhöht hat. Seit 1998 ist ein Anstieg der Zahl der Niedriglohnbeschäftigten um fast 2,3 Millionen zu verzeichnen.

Wie konnte es zu so einer starken Ausweitung von Niedriglohnjobs kommen? Als Ursache für die geringe Einkommensdifferenzierung in der Vergangenheit wird ein Institutionengeflecht gesehen, welches langfristige, stabile Beziehungen zwischen Kapitalgebern, Unternehmen und Beschäftigten begünstigt und durch das Konzept der „Diversified quality production“ (Sorge/Streeck 1988; Streeck 1991) beschrieben wird. Nach einer Studie von Hall/Sockice (2001) zeichnet sich das deutsche Beschäftigungsmodell durch einen starken Kündigungsschutz und eine umfassende Sicherung gegen Arbeitslosigkeit aus. Das Qualifikationsprofil der Beschäftigten ist beruflich geprägt, wobei ein enger Bezug zwischen der Einkommensspreizung, der Qualifikationsstruktur und dem Modus der Lohnverhandlungen gesehen wird (Hall/Soskice 2001, 173f.).

Diese institutionellen Rahmenbedingungen haben sich in den 1990er Jahren deutlich gewandelt. Durch die Ausweitung von Dienstleistungstätigkeiten hat das deutsche Beschäftigungsmodell, welches vor allem auf das Produzierende Gewerbe zugeschnitten war und gute Einkommen auch im Bereich einfacher Tätigkeiten garantierte, an Bedeutung verloren. Mit der Ausweitung von Dienstleistungstätigkeiten erfolgte gleichzeitig eine starke Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Frauen, in einem Beschäftigungsmodell, welches wegen seiner Zentrierung auf den männlichen Alleinernährer nicht hierauf vorbereitet war und einen Teil der Frauenbeschäftigung in schlecht bezahlte Minijobs kanalisiert. Hinzu kommen eine lang andauernde Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit, der Rückgang der Tarifbindung und die finanziellen Lasten der Wiedervereinigung sowie der durch diese ausgelöste Reformstau und eine stärkere Kurzfristorientierung der Governance-Strukturen von Unternehmen (vgl. ausführlich Bosch/Weinkopf 2007).

Durch diesen institutionellen Wandel zeigt sich heute ein anderes Bild vom deutschen Arbeitsmarkt als in den 1970er und 1980er Jahren. Mittlerweile erreicht Deutschland einen der höchsten Werte im europäischen Vergleich. In Frankreich war der Niedriglohnanteil im Jahr 2005 mit 11,1% z.B. nur etwa halb so hoch wie in Deutschland; in Dänemark war noch nicht einmal jede/r zehnte Beschäftigte von Niedriglöhnen betroffen (8,5%) (Mason/Salverda 2010: 37).

Struktur der Niedriglohnbeschäftigten in Ostdeutschland

Der Niedriglohnanteil unter Frauen in Ostdeutschland war im Jahr 2008 mit rund 27% niedriger als in Westdeutschland mit rund 30%. Trotz eines annähernd gleich hohen Anteils an der Gesamtbeschäftigung stellten Frauen damit in Ostdeutschland mit rund 65% einen geringeren Anteil an allen Niedriglohnbeschäftigten als in Westdeutschland mit rund 70%.

Gering Qualifizierte haben in Ostdeutschland mit knapp 24% ein viel geringeres Niedriglohnrisiko als in Westdeutschland mit über 39%. Der Anteil gering Qualifizierter unter den Beschäftigten in Ostdeutschland ist mit knapp 6% deutlich geringer als in Westdeutschland mit gut 12%. Als Resultat aus dem geringeren Niedriglohnrisiko und dem geringeren Anteil an der Gesamtbeschäftigung machen gering Qualifizierte in Ostdeutschland mit knapp 7% einen viel geringeren Teil des Niedriglohnsektors aus als in Westdeutschland (rund 23%). Die Arbeitslosenquote gering Qualifizierter ist in Ostdeutschland erheblich höher als in Westdeutschland. Reinberg und Hummel (2007) weisen für sie für Ostdeutschland 2005 eine Arbeitslosenquote von 41,5% gegenüber 23,7% in Westdeutschland aus. Hieraus wird oft die Schlussfolgerung gezogen, dass gering Qualifizierte in Ostdeutschland besondere Arbeitsmarktprobleme haben und die Ausweitung von Niedriglohnjobs für sie neue Arbeitsmarktchancen eröffnen könne. Aufgrund unserer Auswertung sehen wir, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Beschäftigungsverhältnisse von gering Qualifizierten sind in Ostdeutschland in der Einkommenshierarchie höher angesiedelt. Aufgrund des allgemein hohen Qualifikationsniveaus ist der Anteil gering Qualifizierter unter den Beschäftigten wie auch in der Bevölkerung geringer als in Westdeutschland. Nur rund 276.000 Beschäftigte in Ostdeutschland haben keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Vollzeitstellen sind mit einem Anteil von fast 78% an allen Beschäftigten in Ostdeutschland wesentlich häufiger als in Westdeutschland, wo sie nur knapp 72% aller Beschäftigungsverhältnisse ausmachen. Das Niedriglohnrisiko unter Vollzeitbeschäftigten ist mit rund 14% aber höher als in Westdeutschland mit gut 12%. Vom gesamten Niedriglohnsektor machen Vollzeitbeschäftigte in Ostdeutschland 54% aus gegenüber nur knapp 43% in Westdeutschland. Die stärkere Verbreitung von Vollzeitbeschäftigung in der Gesamtwirtschaft könnte für gering Qualifizierte von Vorteil sein, da Vollzeitstellen gegenüber Teilzeit und Minijobs ein viel geringeres Niedriglohnrisiko mit sich bringen. Im Westen hingegen wird die Beschäftigung von gering Qualifizierten, ebenso wie die von Frauen stark in marginale Teilzeitstellen kanalisiert.

Ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn – Welche Höhe wäre für Ostdeutschland angemessen?

In Deutschland haben sich die Löhne sehr weit nach unten ausdifferenziert (vgl. Kalina/Weinkopf 2010). Die durchschnittlichen Löhne im Niedriglohnsektor lagen mit 7,09 € in West- bzw. 5,18 € in Ostdeutschland im Jahr 2008 weit unter den Niedriglohnschwellen (um 2,41 € bzw. 1,69 €). Das starke Ausfransen des Lohnspektrums nach unten veranschaulicht auch eine Auswertung der Anteile der Beschäftigten nach Stundenlohnstufen: 3,6% der Beschäftigten (1,15 Millionen) verdienten im Jahr 2008 weniger als 5 € und gut 2,1 Millionen (6,7%) weniger als 6 € (Tabelle 2). Bezogen auf die insgesamt 6,55 Millionen Niedriglohnbeschäftigten heißt dies, dass gut ein Drittel von ihnen für ganz besonders niedrige Löhne arbeiteten. Erwartungsgemäß sind extrem niedrige Stundenlöhne in Ostdeutschland besonders verbreitet: Etwa jede/r achte ostdeutsche Beschäftigte (12,8%) verdiente 2008 weniger als 6 €. Aber auch in Westdeutschland liegt dieser Anteil bei immerhin 5,4% der Beschäftigten. Nie­drigstlöhne sind also keineswegs ein rein ostdeutsches Phänomen. Bezogen auf die seit Mai 2010 erhöhte Forderung der Gewerkschaften, einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 € einzuführen, zeigt unsere Auswertung, dass hiervon deutschlandweit über 18% der Beschäftigten betroffen wären – in Westdeutschland 15% und in Ostdeutschland mit 35% sogar mehr als jede/r dritte Beschäftigte. 

Tabelle 2: Verteilung der Stundenlöhne im Niedriglohnbereich, West- und Ostdeutschland 2008 (abhängig Beschäftigte, inkl. Teilzeit und Minijobs)

 

Westdeutschland

Ostdeutschland

Deutschland insgesamt

Stundenlohn

Absolut

Anteil

Absolut

Anteil

Absolut

Anteil

unter 5 €

768.599  

2,9%

372.903  

7,2%

1.149.077  

3,6%

unter 6 €

1.439.872  

5,4%

660.269  

12,8%

2.113.036  

6,7%

unter 7 €

2.266.775  

8,5%

1.110.604  

21,5%

3.400.090  

10,7%

unter 8 €

3.403.702  

12,8%

1.537.600  

29,8%

4.970.999  

15,7%

unter 8,50 €

3.997.193  

15,0%

1.802.376  

35,0%

5.834.332  

18,4%

8,50 € und mehr

22.571.416  

85,0%

3.352.786  

65,0%

25.889.439  

81,6%

Quelle: SOEP 2008, eigene Berechnungen.

Dies erscheint für Ostdeutschland ein sehr hoher Wert. Für die Abschätzung der angemessenen Höhe eines Mindestlohnes bietet sich ein Vergleich mit den europäischen Nachbarländern an. Lässt man die Extremwerte für Tschechien und Frankreich außen vor, liegen die Mindestlöhne in den europäischen Ländern zwischen 40,5 und 53,1% des Medianlohns von Vollzeitbeschäftigten (Schulten 2010). Für Deutschland insgesamt würde sich damit für die Einführung eines Mindestlohns eine Spannbreite zwischen 5,93 € und 7,77 € ergeben. Nimmt man die konkreten Mindestlohnregelungen einzelner Branchen als Ausgangspunkt, bietet der Mindestlohn für Wäschereidienstleistungen einen guten Anhaltspunkt. Dieser liegt in Westdeutschland bei 7,65 € und in Ostdeutschland bei 6,50 €. Dies erscheint eine Größenordnung, welche in Form eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns für alle Branchen zumutbar wäre. Führt man solche nach Ost- und Westdeutschland differenzierten Mindestlöhne ein, muss es einen klaren Fahrplan für eine Angleichung der Lohnuntergrenzen geben. So kann der Mindestlohn als Instrument genutzt werden, um die immer noch erheblichen Lohnunterschiede zwischen Ost und Westdeutschland zu verringern.

 

Literatur

Bosch, Gerhard / Kalina, Thorsten (2007): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland – Zahlen, Fakten, Ursachen. In: Bosch, Gerhard / Weinkopf, Claudia (Hg.): Arbeiten für wenig Geld: Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Frankfurt: Campus: 20-105.

Bosch, Gerhard/Weinkopf, Claudia (2007): Arbeiten für wenig Geld. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Frankfurt/New York: Campus.

Brenke, Karl (2008): Jahrelanger Trend zunehmender Lohnspreizung gestoppt. In: DIW-Wochenbericht 38: 567-570.

Hall, Peter A./Soskice, David (2001) Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press.

Kalina, Thorsten / Weinkopf, Claudia (2008): Konzentriert sich die steigende Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland auf atypisch Beschäftigte? In: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung 4: 447-469.

Kalina, Thorsten / Weinkopf, Claudia (2009): Niedriglohnbeschäftigung 2007 weiter gestiegen: zunehmende Bedeutung von Niedrigstlöhnen. Duisburg: Institut Arbeit und Qualifikation. IAQ-Report, Nr. 2009-05

Mason, Geoff / Salverda, Wiemer (2010): Low Pay, Working Conditions, and Living Standards. In: Gautié, Jérôme / Schmitt, John (eds.): Low Wage Work in the Wealthy World. New York: Russell Sage: 421-466.

Reinberg, Alexander/ Hummel, Markus (2007): Schwierige Fortschreibung Der Trend bleibt – Geringqualifizierte sind häufiger arbeitslos. IAB-Kurzbericht 18/2007.

Rhein, Thomas / Stamm, Melanie (2006): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland – deskriptive Befunde zur Entwicklung seit 1980 und Verteilung auf Berufe und Wirtschaftszweige. IAB-Forschungsbericht 12/2006. Nürnberg.

Schulten, Thorsten (2010): WSI-Mindestlohnbericht 2010 – Unterschiedliche Strategien in der Krise. In: WSI-Mitteilungen 3: 152-160.

Sorge, Arndt/Streeck, Wolfgang (1988): Industrial Relations and Technical Change: The Case for an Extended Perspective; in: Richard Hyman, Wolfgang Streeck (eds.): New Technology and Industrial Relations. Oxford: Blackwell, 19-47.

Streeck, Wolfgang (1991): On the Institutional Conditions of Diversified Quality Production; in: Egon Matzner, Wolfgang Streeck (eds.): Beyond Keynesianism. The Socio-Economics of Production and Full Employment. London: Edward Elgar, 21-61.


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