Deutscher Gewerkschaftsbund

27.10.2010

Arbeit und Umwelt – ein Paradigmenwechsel ist nötig!

von Dr. Heike Kauls

Die grüne industrielle Revolution, von der Land auf Land ab viel die Rede ist und die auch von Philipp Schepelmann thematisiert wurde, wird nur dann zur Realität, wenn den westlichen Gesellschaften ein grundlegender Paradigmenwechsel in ihrer Wirtschaftsweise gelingt. Damit ist verbunden, dass Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die es überhaupt erst ermöglichen, das gesamte grüne Beschäftigungspotential zu heben. Eine zwingende Voraussetzung ist die Grundhaltung, dass nicht mehr Wachstum, sondern der sorgsame Umgang mit knapper werdenden Ressourcen im Zentrum einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie steht.

Allein wenn Länder wie China oder Indien den industriellen Stand westlicher Nationen erreichen, wird dies die natürlichen Kapazitäten unserer Erde um ein Vielfaches überschreiten. Und auch die Vorstellung, dass der Energie- und Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt werden könnte, folgt der Wachstumsidee, ist aber tatsächlich irreführend. Denn schon heute werden Effizienzgewinne auf der einen Seite durch mehr Energieverbrauch auf der anderen Seite aufgehoben.

Das heißt, bei allen Erfolgen, die unser Wirtschaftssystem in den letzten 100 Jahren vollbracht hat, nehmen die Anzeichen zu, dass es ganz real an seine Grenzen stößt. Seit jeher basiert es auf der Ausbeutung fossiler Ressourcen, die sich ihrem Ende neigen und den Klimawandel wesentlich mit verursacht haben. Von der gravierenden Schädigung des Globus bleiben auch globale Lebensbedingungen nicht unberührt: denn Überlebensräume werden kleiner, Naturkatastrophen und Hungersnöte nehmen zu, Gewaltkonflikte verschärfen sich. Bestehende Gerechtigkeitslücken werden tiefer, nicht nur zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern, sondern auch zwischen den Generationen. Das alles birgt enormen sozialen Sprengstoff. Und weil der Klimawandel nicht nur ein globales Problem, sondern sein „Ende“ auch nicht absehbar ist, stellt er Gesellschaften und ihre Institutionen vor ganz neue Herausforderungen der Bewältigung und Umstrukturierung.

Laut Weltklimarat bleiben uns dazu allerdings nur noch wenige Jahre Zeit. Selbst wenn es gelingt, durch eine drastische CO2-Reduktion die Erderwärmung auf max. 2 Grad Celsius zu begrenzen, werden die ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgekosten spürbar sein. An den drei Problemfeldern Klimawandel, Schädigung der Ökosysteme und zunehmend ungleiche Verteilung des Reichtums wird die Selbstzerstörung von wirtschaftlichem Handeln deutlich. Laut Stern-Report wird „Nichts tun“ in der Klimafrage und ein „Weiter so“ in der Wirtschaft den weltweiten Wirtschaftsertrag im Laufe dieses Jahrhunderts um ca. 5 bis 20 % drücken. Die Schädigung der Ökosysteme hat bereits 2001 annähernd 39 Ländern einen Rückgang ihres Wohlstands beschert. Armut inmitten globalen Überflusses ist für einen sehr großen Teil der Menschen bis heute der „Normalzustand“.

Notwendig ist deshalb ein Paradigmenwechsel, der diesen globalen Veränderungen Rechnung trägt. Künftig wird der Klimawandel die Maßstäbe für unser Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft setzen und nicht mehr umgekehrt. Unsere Gesellschaften brauchen einen grundlegenden Strukturwandel – weg von den Gepflogenheiten des bisherigen globalen Kapitalismus hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung, in der Ökonomie, Ökologie und Soziales „drei Seiten einer Medaille“ sind.

Grüne Jobs und gute Arbeit schützen das Klima

Auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaft sind grüne Jobs und gute Arbeit wesentliche Qualitätsmerkmale. An den bisherigen Investitionen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien und den Export von Umwelttechnologien kann man bereits erkennen, wie im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung neue Absatzmärkte und damit verbunden Arbeitsplätze gesichert und geschaffen werden können. Für 2030 rechnet die Unternehmensberatung Roland Berger mit einem Anteil der Umweltschutzgüter von 16 % am gesamten Umsatz der deutschen Industrie. Damit verbinden sich mit den grünen Märkten enorme Chancen in den wichtigen Leitmärkten der Zukunft, wie z. B. Energieerzeugung, Energie- und Materialeffizienz, Recyclingtechnologien, nachhaltige Wasserwirtschaft und Mobilität. Im Bereich der Erneuerbaren Energien rechnet das BMU bis 2020 mit Investitionen von jährlich rund 12 Mrd. Euro. Damit besteht die Chance auf weitere hunderttausend neue Arbeitsplätze.

Wir haben es also mit einer Win-Win-Situation zu tun: Steuern wir auf eine nachhaltige, Ressourcen schonende und Effizienz steigernde Wirtschaftsweise um, wird die Umwelt geschützt, bleiben die Unternehmen wettbewerbsfähig und werden Arbeitsplätze geschaffen. Kompetente und motivierte ArbeitnehmerInnen können dabei als das Zentrum dieser veränderten Wirtschaftsweise begriffen werden. Ihre stärkere Beteiligung sowie die Einbeziehung ihres Wissens und ihrer Erfahrungen in diese Veränderungsprozesse sind dabei unerlässlich. Der Mensch als Wissensträger wird damit zum wichtigsten und zugleich auch knappsten Produktionsfaktor. Nur durch die ständige Fortbildung und Qualifizierung der Arbeitnehmer kann der Verbleib und der Ausbau von industrieller Produktion, Forschung und Dienstleistung in Deutschland erreicht werden. Dies ist auch und besonders in den neuen Leitmärkten der Energie- und Umweltpolitik von Belang, wo sich neue Berufsfelder entwickeln, aber vor allem ein wissensbezogenes Upgrading in bereits bestehenden Berufen nötig sein wird.

Grüne Arbeitsplätze sind jedoch nicht per se gute Arbeitsplätze. So sieht man z. B. an den Beschäftigungsverhältnissen der ostdeutschen Solarindustrie, wie unternehmensbezogener Produktionsdruck gepaart mit internationalem Wettbewerbsdruck zu niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten führt – vor allem dann, wenn es keine hinreichenden Vertretungsstrukturen auf beiden Seiten gibt. Erst durch gut bezahlte Arbeit, die im besten Falle durch Tarifverträge abgesichert ist und geschützte Arbeitsverhältnisse, kann das grüne Beschäftigungspotential langfristig gehoben werden. Und erst dann wird es auch für ArbeitnehmerInnen interessant, dorthin zu wechseln, die aus Branchen mit traditionell guten Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung kommen.

Qualifizierte ArbeitnehmerInnen und gute Arbeitsverhältnisse sind also nicht nur ein wichtiger Faktor für den Erhalt des Industriestandortes Deutschland, sie tragen auch wesentlich zum Klimaschutz bei. Arbeit und Umwelt sind damit die Wegbereiter einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschaft.


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Kurzprofil

Heike Kauls
Bereichsleiterin Energie- und Umweltpolitik im DGB-Bundesvorstand, Berlin
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