Deutscher Gewerkschaftsbund

14.01.2011

Das Amt – und die Vergangenheit

Dieses Buch ist eine Zumutung ! Wer liest freiwillig über 700 Seiten zu einem solchen sperrigen Thema ? Wer ist heute noch daran interessiert, welche Rolle deutsche Diplomaten im Dritten Reich, oder genauer: bei der Umsetzung der Mordpolitik des Hitlerregimes gespielt haben? Wenn das Medienecho ein Indikator ist, dann war und ist das Interesse am Bericht der von Ex-Außenminister Joschka Fischer 2005 eingesetzten Unabhängigen Historikerkommission über die Verstrickungen des Auswärtigen Amtes gewaltig.

Die Reaktionen waren überwiegend positiv, als der jetzige Außenminister das umfangreiche Werk Ende Oktober 2010 in Berlin den Medien vorstellte und damitinen Mythos entlarvte: Die Geschichte des Auswärtigen Dienstes während der Nazi-Zeit bestand nicht überwiegend aus Widerstand und Opposition, sondern aus Anpassung und aktiver Mitarbeit an der „Endlösung“ der „Judenfrage“. 60 Jahre nach der Gründung des Auswärtigen Dienstes der jungen Bundesrepublik Deutschland erfährt das Selbstbild der deutschen Diplomatie eine schmerzhafte Korrektur.

Alte Erkenntnisse oder neuer Historikerstreit?

Es stimmt, zu diesem Thema haben namhafte Historiker schon bahnbrechende Forschungsarbeit geleistet. Es sei hier nur der amerikanische Wissenschaftler Christopher Browning genannt, der 1978 seine Arbeit „The Final Solution and the German Foreign Office“ veröffentlichte und übrigens zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam wie die Unabhängige Historikerkommission. Aber während solche historischen Studien in der Regel kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden, scheint „Das Amt“ einen Nerv getroffen zu haben. Die Debatte in den Feuilletons der großen Zeitungen und den Kulturabteilungen der Radio- und Fernsehsender will nicht abebben, ein neuer „Historikerstreit“ hält die Zunft in Atem.

Um was geht es in „Das Amt“. Ungemein material- und detailreich legen die vier Autoren dar,

- dass das Auswärtige Amt in der Anfangszeit des Dritten Reichs schnell zu einem Verfechter der nationalsozialistischen „Judenpolitik“ wurde und seine Möglichkeiten nutzte, diese Politik im Ausland zu verteidigen. Dabei waren nationalkonservative Demokratiefeindlichkeit und Antisemitismus, sozusagen die Prämissen nationalsozialistischer Politik, auch im Auswärtigen Amt weit verbreitet.

- dass die Nazifizierung des Personals mitnichten nur durch die „Quereinsteiger“ der NSDAP und der SS nach 1937 zustande kam und sich die alte Beamtenschaft den Nazifizierungsver-suchen Ribbentrops hätte entziehen können. Tatsache ist hingegen, dass bereits dort arbeitende Diplomaten in die Partei oder die SS eintraten – entweder aus politischer Überzeugung oder Karriereopportunismus.

- dass das Auswärtige Amt tief in die „Endlösung“ verstrickt war, zunächst indem es über seine Kanäle im Ausland Propaganda für den Madagaskar-Plan einer vollständigen „ethnischen Säuberung“ Europas von den Juden machte. Und schließlich die Verbündeten und Satelliten Deutschlands zwang, ähnliche Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen wie in Deutschland und ihre Juden der Deportation auszuliefern.

- dass es nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland keinen echten Neuanfang im Diplomatischen Dienst gegeben hat: Zahlreiche „Ehemalige“ des Nazi-Außenministeriums, darunter NSDAP- und SS-Mitglieder wurden in den Auswärtigen Dienst der Adenauerzeit aufgenommen. Es galt die Grundregel: Je höher der Dienstrang desto häufiger war das NSDAP-Parteibuch. Die Autoren beklagen, dass sich noch Mitte der sechziger Jahre und unter dem sozialdemokra-tischen Außenminister Willy Brandt am Einfluss der Seilschaften „alter Kameraden“ im AA nur wenig geändert habe.

Alte Netzwerke und neue Zeiten

Zum letzten Punkt steuern die Autoren einige Details bei, die auch dem Rezensenten bisher unbekannt waren: Es war vor allem die englische Labour-Regierung, die nach Kriegsende darauf drängte, den Diplomatischen Dienst nicht mehr unter preußischen Junkern und Adligen zu rekrutieren, sondern gezielt für andere soziale Gruppen zu öffnen (S. 442). Diesen Vorstellungen stand Bundeskanzler Adenauer anfangs nah, weil er im neuen Bonner AA keine „restaurierte Wilhelmstraße“ (Adresse des Auswärtigen Amtes in Berlin) haben wollte (S. 451). Aber weil der erste Kanzler der Bundesrepublik sich gegen die erschreckend hohe Zahl von PGs (Parteigenossen der NSDAP) im AA zunehmend indifferent verhielt, kam es, wie es kommen musste: die alten Netzwerke enterten das neue Auswärtige Amt.

Es ist vor diesem Hintergrund umso höher einzuschätzen, dass sich Adenauer und der DGB-Vorsitzende Hans Böckler in den frühen fünfziger Jahren darauf verständigten, an die wichtigen Auslandsvertretungen der Bundesrepublik sogenannte Sozialreferenten  zu entsenden, und dass diese Sozialreferenten aus dem DGB und seinen Mitgliedsgewerkschaften kommen sollten. Sie sollten nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges helfen, das andere, das anständige Deutschland in der Welt zu repräsentieren.

Die Autoren schreiben über die Sozialreferenten (S. 530). Schon in den Anfangsjahren wurden die Kolleginnen und Kollegen, die auch damals vom Arbeitsministerium ausgewählt wurden und nur für wenige Jahre auf Posten waren, bevor sie wieder zu ihrer Gewerkschaft zurückkehrten, von den Laufbahndiplomaten scheel angesehen. Den Herren Botschaftern (damals waren es ja ausschließlich Männer) ging aber sehr bald auf, dass sozial- und arbeitspolitische Fragestellungen in der internationalen Politik eine immer größere Rolle spielten und es durchaus Sinn machte, gestandene Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen zu ihrem Personal zählen zu können.

An die Vereinbarung zwischen Hans Böckler und Konrad Adenauer haben sich alle Kanzler und Außenminister der Bundesrepublik gehalten: Es gibt sie auch heute noch, die Sozialreferenten aus dem DGB, sehr zum Nutzen der deutschen Außenbeziehungen.

Pflichtlektüre

Aber zurück zum Buch: „Das Amt“ ist trotz seiner überwältigenden Materialfülle ein ungemein spannendes und gut zu lesendes Buch. Für den einen mag die Zeit vor Kriegsbeginn interessant sein, in der das Amt sich selbst gleichschaltete, wie die Autoren meinen (S. 64 ff.). Für den anderen dürfte der Aufbau eines neuen Auswärtigen Dienstes in der jungen Bundesrepublik neue Erkenntnisse über Seilschaften, die Funktion von Persilscheinen und die Rekrutierung des Diplomaten-Nachwuchses vermitteln (S. 440 ff.). Wer nicht von dem Gesamtwerk buchstäblich erschlagen werden will, sollte sich das Buch kapitelweise vornehmen. So werden es wohl auch die jungen Attachés halten, die derzeit in der Diplomatenausbildung sind und für die das Buch per Ministererlass zur Pflichtlektüre gemacht worden ist.

Historische Einwände oder politische Kritik?

An dieser Stelle auch ein Wort zu der Kritik an dem Bericht der Unabhängigen Historikerkommission. Sie kommt vor allem von Berufskollegen und folgt im Wesentlichen drei Argumentationslinien:

1) Die Autoren hätten keine neuen Quellen erschlossen und deshalb seien die Erkenntnisse nicht neu.

2) Die Autoren urteilten zu moralisch, es sei so ein „Buch der Rache“ entstanden, das die Aspekte des Widerstandes nicht genug berücksichtige.

3) Man konzentriere sich zu stark auf das Thema Holocaust und vernachlässige die anderen Opfer der Mordmaschinerie.

Ich teile diese Kritik nicht, und so manche klingt auch ein bisschen beleidigt. Aber ich empfehle jedem Leser, zumindest die Positionen einiger prominenterer deutscher Historiker, die dem Buch kritisch gegenüber stehen, zur Kenntnis zu nehmen ( z. B. Hans Mommsen, Süddeutsche Zeitung vom 27.12.10; Daniel Körfer im Gespräch mit Frank Schirrmacher, FAZ vom 29.11.10)

„Das Amt“ kennt viele Schurken und wenige Gerechte. Aber es kommt auch eine Heldin drin vor. Sie heißt Marga Henseler, war einmal Übersetzerin in den Diensten des Auswärtigen Amtes, und fand den Nachruf auf einen ihr auch persönlich bekannten Diplomaten anstößig weil geschichtsverfälschend. Sie setzte sich hin und schrieb am 11. Mai 2003 einen Brief an den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer. Was dann geschah, beschreiben die Autoren am Ende ihres Berichtes ausführlich (S. 706 ff.). Es ist auch den bohrenden Nachfragen von Marga Henseler zu verdanken, dass der damalige Chef des AA reagieren musste. Oder wie es im Schlusssatz von „Das Amt“ lapidar heißt:

„…auch mit Blick auf die Heftigkeit, mit der das Thema inzwischen öffentlich diskutiert wurde, berief Bundesaußenminister Joschka Fischer im Sommer 2005 eine Unabhängige Historikerkommission“

Fünf Jahre später ist das Opus Magnum, der Bericht dieser Kommission, vollbracht. Es ist ein gutes, ein wichtiges Buch.

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann; Das Amt und die Vergangenheit, Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik; Karl Blessing Verlag München; ISBN 978-3-89667-430-2


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Kurzprofil

Dr. Wolfgang Lutterbach
Geboren am 25.07.1953
Bis 2013 Leiter des Bereichs Internationale Gewerkschaftspolitik beim DGB-Bundesvorstand
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