Deutscher Gewerkschaftsbund

18.03.2011

Erwerbsarbeit im Schatten – im Schatten der Erwerbsarbeit?

Plädoyer für ein schattenfreies Arbeiten

bau

kallejipp / photocase.com

I. Erwerbsarbeit im Schatten – zwischen Prekarisierung, Totalisierung und Entgrenzung

Erwerbsarbeit ist während der letzten Jahre widersprüchlichen Entwicklungen ausgesetzt gewesen, die gerade in ihrer Kombination problematisch sind.

1. These: Erwerbsarbeit wird nicht nur im Kontext struktureller Arbeitslosigkeit zur Mangelware an sich, sondern sie sichert auch als solche die Existenz vieler Menschen nicht mehr ab.

Zur Verschattung der Erwerbsarbeit trägt eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik bei. In einem investitionsfreundlichen Klima wachse die Wirtschaft, was automatisch mehr Arbeitsplätze schaffe. Doch Wirtschaft wächst auch ohne die Schaffung von Arbeitsplätzen (jobless growth). Und die angestrebte Steigerung der Arbeitsproduktivität – mit weniger Arbeit mehr produzieren – macht Arbeitsplätze stets aufs Neue überflüssig und setzt Arbeitkräfte stets aufs Neue „frei“.

Dieser Druck auf die Erwerbsarbeit und die Erwerbsarbeitenden wird im Kontext der ökologischen Debatte erhöht: Arbeit sei zu teuer und Natur sei zu billig. Analog erfolgte im Kontext der ökonomischen Debatte unter Stichworten wie Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftsstandort und Globalisierung ein Angriff auf die Lohnkosten. Dies führt zu einer Lohnabwärtsspirale, zu nicht mehr existenzsichernden Erwerbsarbeitsplätzen und flexiblen Beschäftigungsverhältnissen. Arbeit wird zur (oft billigen) Arbeit auf Abruf. Aufgrund der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik sind die Arbeitsplätze anbietenden Unternehmen im Ringen um Kosteneinsparung und Existenzsicherung der deutlich stärkere „Sozialpartner“.

2. These: Gleichwohl tendieren politische und gesellschaftliche Antworten derzeit zu einer Totalisierung von Erwerbsarbeit: workfare statt welfare.

Die Agenda 2010 und der Wechsel von „wel“ zu „work“, vom well-being zum job-being, ist brisant. Denn die Totalisierung von etwas, das zugleich prekärer wird, ist sozial fatal, wenn nicht gemeingefährlich. Sie funktioniert über die Strategie „blaming the victim“. „Sozialschmarotzer“ lenken wunderbar ab von dem, was (sozial)politisch dringend zu tun wäre: Eine Re-Sozialisierung von Arbeit und eine Relativierung von Erwerbsarbeit.

Die Totalisierung prekärer Erwerbsarbeit ist verbunden mit der Schwächung bis hin zum Abbau des Sozialstaates. Workfare dient der Rechtfertigung von kürzerer Bezugsdauer (z.B. von Arbeitslosengeld), von erhöhten Zugangsvoraussetzungen zu Hilfeleistungen (z.B. Verschärfung des Subsidiaritätsprinzips) oder rechtfertigt die Schaffung von nur noch symbolisch entlohnter Arbeit (1-Euro-Jobs) bis hin zum Arbeitszwang. Stephan Lessenich spricht von einer „Neuerfindung des Sozialen“ (Lessenich 2008). Während einerseits Menschen bei der Vermarktung ihrer Arbeitskraft mehr und mehr individualisiert würden, seien sie zugleich gehalten, der Gemeinschaft nicht zur Last zu fallen. Damit erfolge eine neue Form der Vergesellschaftung – individuell prekäre Verhältnisse treffen auf ein diffus-totales von Gemeinschaft.

3. These: Neue Arbeits- und Kommunikationstechnologien wie I-Phone und Notebook führen zu neuen Entgrenzungen. Arbeit ist immer und überall – und zugleich nie und nirgends.

Viele wissenschaftliche und EDV-dienstleistenden Arbeiten sind an keinen festen Ort mehr gebunden. Zugleich werden feste Zeiten von Erreichbarkeit (und Unerreichbarkeit) ebenso rar wie feste Arbeitszeiten. Auch Urlaube sind zunehmend online-Aktivitäten durchsetzt.

Die im Zuge von Globalisierung erfolgende Neuvermessung und Restrukturierung des politischen Raumes geht einher mit einem „schlanken Staat“ und der Verlagerung bislang öffentlicher Aufgaben ins Private, geht einher mit einer „doppelten“ Privatisierung  (vgl. v. Braunmühl/ v. Winterfeld 2003). Vormals öffentliche Aufgaben der Sorge und Daseinsvorsorge werden im Nirgendwo privater Haushalte und jenseits öffentlicher Orte unentgolten und unbemerkt verrichtet. Hingegen nutzen private Unternehmen vormals öffentliche Dienstleistungen als neue Gewinnmöglichkeit.

II. Im Schatten der Erwerbsarbeit  – sorgendes Arbeiten jenseits des Marktes

Erwerbsarbeit beruht auf der Ausgrenzung – der Externalisierung – der lebendigen Grundlagen menschlichen Wirtschaftens: der sozial weiblichen Care-Arbeit sowie der Natur. Um selbst wertvoll zu sein, braucht Erwerbsarbeit einen Schatten des an sich Wertlosen.

1. These: Diese Externalisierung  ist systemisch bedingt.

Die kapitalistische Ökonomie ist durch die Trennung von Produktion und „Reproduktion“ charakterisiert, obwohl es sich bei der „Reproduktion“ ebenfalls um Produktion handelt – um Wiederherstellen, Erneuern, Wiederholen der Produktion. Dass das eine als produktiv, das andere als „reproduktiv“ angesehen wird, ist im Verständnis des Ökonomischen als „autonome Marktökonomie“ angelegt, die sich zwecks ihres Funktionierens die „reproduktiven“ Leistungen zwar aneignet, diese aber nicht bewertet. Das „Reproduktive“ (Naturproduktivität und Care-Arbeit) wird somit gleichzeitig ausgegrenzt und angeeignet. Dies ist derart prägend, dass von einem „Externalisierungsprinzip“ gesprochen werden muss (vgl. v. Winterfeld et al. 2007, S. 16).

Das gilt auch für das Arbeitskonzept: Nur Erwerbsarbeit kann als Arbeit wahrgenommen werden, alles andere ist ausgegrenzt. Diese Erwerbsarbeit ist von ihrer „Natur“ her unökologisch: Sie verwandelt die ursprünglich als wertlos geltenden Naturstoffe in menschlichen Reichtum. Je produktiver diese Arbeit ist, desto mehr Naturstoff kann sie pro Zeiteinheit verarbeiten. Der menschliche Fortschritt, gemessen an solchen Produktivitätssteigerungen, verbraucht immer mehr Natur (vgl. v. Winterfeld et al. 2007, S. 17).

2. These: Diese Externalisierung ist hierarchisch – geschlechtshierarchisch.

Erwerbsarbeit für den Markt ist sichtbar, gilt als wertvoll, produktiv – die Care-Arbeit jenseits des Marktes ist unsichtbar, gilt als wertlos und bestenfalls als reproduktiv. Während die eine Arbeit bezahlt wird und sozial abgesichert ist, ist die andere Arbeit unbezahlt und sozial nicht gesichert. Aber: Von dieser „care economy“ wird die Marktökonomie getragen – ohne diese wäre sie schon lange kollabiert.

Trotz der Entwicklung vielfältiger Familien- und Lebensformen liegt die Hauptverantwortung für die Care-Ökonomie immer noch bei Frauen, sind diese verschiedenen ökonomischen Räume immer noch geschlechtlich zugeordnet und geprägt. Das Ökonomische ist durch einen unausgesprochenen Geschlechtervertrag unterlegt (vgl. Pateman 1988).

Auch die politischen Räume weisen diese geschlechtliche Prägung auf: Das sichtbare Politische – der (sozial männliche) öffentliche politische Raum – ruht auf einem unsichtbaren (sozial weiblichen) Privaten. Und der ebenfalls unausgesprochene Naturvertrag teilt die Natur in Ressourcenpool und Senke und instrumentalisiert so die Natur für menschliche Zwecke.

3. These: Mit dem Externalisierten wird maßlos und sorglos umgegangen. Hier haben soziale und ökologische Krise ihren gleichen Ursprung.

In dieser Ökonomie gilt als rational, was möglichst schnell viel Profit bringt, ausgedrückt in Geld. Geld, das ausgegeben wird, um mehr Geld zu werden, ist Kapital, Wert heckender Wert, dessen Maß nur er selbst ist. Es gibt kein stoffliches oder soziales Maß. Kapital ist maßlos – und die Akteure, in denen es sich personifiziert, sind es folglich auch.

Gepaart ist diese Maßlosigkeit mit Sorglosigkeit: Profitmaximierer sorgen sich nicht um den Erhalt der produktiven Grundlagen. Theorie und Praxis des kapitalistischen Wirtschaftens sind blind für das „Reproduktive“.

Die Folgen sind vielfältige ökologische Krisen und vielfältige Krisen der Care- oder Reproduktionsarbeit (vgl. Rodenstein et al. 1996). Diese Krisen haben einen gemeinsamen Kern: Die  Krise des „Reproduktiven“. Soziale und ökologische Krisen haben die gleichen Ursprünge,  sind Ausdruck eines grundlegenden Systemfehlers – der Maß- und Sorglosigkeit gegenüber den lebendigen Grundlagen.

III. Vom verschatteten zum vorsorgenden Arbeiten

Dieses ökonomische System ist nicht zukunftsfähig. Zukunftsfähig ist nur eine Ökonomie, die durch ihre eigene Arbeitspraxis langfristig die lebendigen Grundlagen erhält. Wir nennen es Vorsorgendes Wirtschaften[1] und das dazugehörige Arbeitskonzept „Vorsorgendes Arbeiten“. Es enthält einen erweiterten Care-Begriff, der Arbeiten für und mit Menschen und für und mit Natur umfasst. 

1. These: Im Konzept „Vorsorgendes Arbeiten“ kommt die ganze, vielfältige Arbeit in den Blick.

Theoretische Bestimmung und praktische Gestaltung von „Vorsorgendem Arbeiten“ beginnen mit einem Perspektivenwechsel: Anstatt von Märkten auf das Ausgegrenzte wird von den Lebensprozessen der Menschen und der Natur auf die Marktökonomie geblickt. So kommen die bisher im Schatten der Erwerbsarbeit liegenden Tätigkeiten ans Licht. Arbeit ist jetzt vielfältig – in unseren heutigen Begriffen besteht sie aus Care-Arbeit, bürgerschaftlichem Engagement, Eigenarbeit und Erwerbsarbeit.

In Vorsorgenden Arbeitsverhältnissen gibt es keine geschlechtlichen Zuweisungen von Arbeiten und keine Abwertungen mehr, sondern die gleichwertige Beteiligung von Frauen und Männern an bezahlter und unbezahlter Arbeit. Die Erwerbsarbeitszeiten sind radikal verkürzt. Denn es ist so viel sozial und ökologisch ausgerichtetes neues Arbeiten jenseits des Marktes nötig (Sorge für Kinder und alte Menschen z. B. oder für den Erhalt der Regenerationsfähigkeit der Natur), dass die Zeit für Erwerbsarbeit knapp wird. Konzepte für einen solchen Übergang liegen schon ausgearbeitet vor, z. B. die Halbtagsgesellschaft (vgl. Stahmer et al. 2006) oder „Kurze Vollzeit für alle“ (vgl. Holtrup/ Spitzley 2008). Und auch die räumlichen Beziehungen gilt es zu verändern: Es geht um die „Wiedergewinnung der Nähe“ (Kanatschnig 1998). Vorsorgendes Arbeiten ist auch deshalb nachhaltig, weil es die täglichen Fahrten zu den Arbeitsplätzen reduziert.

2. These: Vorsorgendes Arbeiten weist neue soziale und ökologische Qualitäten auf und bedarf einer vorsorgenden Politik der Arbeit.

Soziale Qualitäten von Erwerbsarbeit werden im gewerkschaftlichen Diskurs um „gute Arbeit“ bzw. „decent work“ benannt. Dabei schälen sich Anforderungen wie Wertschätzung, Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, gute Bezahlung heraus. Ökologische Qualitäten werden hier kaum diskutiert. Es gilt jedoch, alle Arbeitsprozesse mit Rücksicht auf die Regenerationsfähigkeit der Natur zu gestalten. 

Diese sozialen und ökologischen Qualitäten gelten für alle Arten vorsorgenden Arbeitens. Abgesichert werden kann der Transformationsprozess durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, das den Menschen Sicherheit und so Handlungsfreiheit gibt. Weitere Schritte sind die Aufwertung der Care-Arbeit (insbesondere durch eine unterstützende soziale Infrastruktur wie Kindergärten und Ganztagsschulen) sowie die Umverteilung der Erwerbs- und Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen.

Das alles kann nicht allein den Arbeitsmärkten überlassen bleiben. Nötig sind vielmehr Politikprozesse und politische Orte wie das Parlament und das Rathaus. Dort wird öffentlich eine Verfassung vorsorgenden Arbeitens beraten und ausgehandelt, welche Art von Arbeiten wo, durch wen, wie, wann, wie lange und in welchem Kontext für die Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft nötig sind. Es geht um einen gesellschaftlichen Suchprozess, der durch Demokratie, gleichberechtigte Bürgerschaft und Partizipation gekennzeichnet ist und auch Raum bieten muss für den Umgang mit Widerständen (vgl. v. Braunmühl 2010).

3. These: Vorsorgendes Arbeiten kennt keinen Schatten. Es ist geschlechtergerechtes Arbeiten.

„Vorsorgendes Arbeiten“ ist ein integrierendes Konzept, niemand ist ausgeschlossen. Es ist ein geschlechtergerechtes und offenes Konzept. Niemand weiß genau, wie eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise mit ihrem neuen Arbeitskonzept, die nicht profitgeleitet und wachstumsfixiert funktioniert, sondern sich an (gesellschaftlich auszuhandelnden) Vorstellungen von gutem Leben orientiert, einmal aussehen wird. Umso wichtiger ist, dass die Erfahrungen und Visionen aller Gesellschaftsmitglieder in den gemeinsamen Suchprozess eingehen: die Erfahrungen von Frauen, denen das Sorgen über Jahrhunderte gesellschaftlich zugewiesen wurde, ebenso und gleichwertig wie die Erfahrungen und Visionen von Männern, die zu lebenslanger Erwerbsarbeit verpflichtet waren. Nur auf der Basis eines solchen gleichberechtigten Erfahrungsaustausches lassen sich gemeinsam neue politische und wirtschaftliche Wege beschreiten.

Vorsorgendes Arbeiten braucht somit neue Gesellschaftsverträge (vgl. Biesecker/ v. Winterfeld 2006). Diese sichern das Besondere in dieser neuen Arbeitswelt ab, das darin liegt, dass alte Grundsätze und Rationalitätsmuster in Frage gestellt werden. Und sie enthalten neue Geschlechter- und Naturverträge gegen die Externalisierung des „Reproduktiven“ – gegen Verschattungen.

Literatur

Biesecker, Adelheid/ v. Winterfeld, Uta 2006: Nachhaltiges Arbeiten braucht neue Gesellschaftsverträge. In: Cultura21 (Webmagazin, www.cultura21.de)

Holtrup, André/ Spitzley, Helmut 2008: Kürzer arbeiten – besser für alle. In: Zimpelmann, Beate/ Endl, Hans-L., a.a.O., S. 111-139

Kanatschnig, Dietmar 1998: Die Wiedergewinnung der Nähe – Räumliche Aspekte eines nachhaltigen Lebensstils unter besonderer Berücksichtigung des Konsumverhaltens. In: Biesecker, Adelheid/ Elsner, Wolfram/ Grenzdörffer, Klaus (Hg.) 1998: Die Ökonomie der Betroffenen und Mitwirkenden: Erweiterte Stakeholder-Prozesse. Pfaffenweiler: Centaurus, S. 118-134

Lessenich, Stephan 2008: Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld: VS

Pateman, Carol 1988: The Sexual Contract. Stanford: Stanford University Press

Rodenstein, Marianne/ Bock, Stefanie/ Heeg, Susanne (1996): Reproduktionsarbeitskrise und Stadtstruktur. Zur Entwicklung von Agglomerationsräumen aus feministischer Sicht. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) (Hg.): Forschungs- und Sitzungsbericht Bd. 199: Agglomerationsräume in Deutschland. Ansichten, Einsichten, Aussichten. Hannover: ARL, S. 26-50

Stahmer, Carsten/ Hartard, Susanne/ Schaffer, Axel 2006: Die Halbtagsgesellschaft. Konkrete Utopie für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Baden-Baden: Nomos.

v. Braunmühl, Claudia 2010: Demokratie, gleichberechtigte Bürgerschaft und Partizipation. In: Seidl/ Zahrnt 2010, a.a.O., S. 189-197

v. Braunmühl, Claudia; v. Winterfeld, Uta 2003: Global Governance.
Eine begriffliche Erkundung im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Globalisierung und Demokratie. Erschienen in der Reihe Wuppertal Institut zur Globalisierung sowie als Wuppertal Paper Nr. 135

v. Winterfeld, Uta/ Biesecker, Adelheid/ Ergenzinger, Annegret (unter Mitarbeit von Martina Schmitt und Roland Roth) 2007: Sozial-ökologisches Tätigsein im Schatten der Moderne. Tätigkeitsräume für eine nachhaltige Regionalentwicklung. Wuppertal Report Nr. 4, Wuppertal Institut, Wuppertal

 


[1] Vgl. die Website des gleichnamigen Netzwerks www.vorsorgendeswirtschaften.de


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Kurzprofil

PD Dr. Uta von Winterfeld
Geboren 1957
Projektleiterin am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
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