Deutscher Gewerkschaftsbund

29.05.2011

Betriebsrätebildung - Kernaufgabe aktiver Gewerkschaftsarbeit

von Anja Diegmüller
betriebsräte

jomi / Photocase.com

Mit der Betriebsratswahl 2010 hat die IG Metall eine Initiative für gewerkschaftliche Betriebsrätebildung gestartet. Betriebsräte sollen das beste Bildungsangebot für ihre Arbeit bekommen. Dafür tun wir viel: Wir investieren kontinuierlich in die Aus - und Weiterbildung von ehrenamtlichen Referentinnen und Referenten, wir unterhalten eigene Bildungsstätten für eine optimale Lernumgebung und wir investieren in Bildungswerbung und –beratung. Damit wollen wir sicherstellen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen das für sie jeweils richtige und passende Seminar besuchen. Wir wollen aber auch kommerziellen Anbietern auf dem Markt der Betriebsrätebildung, offensiver als in der Vergangenheit, entgegentreten.

Betriebsratsarbeit ist kompliziert und anspruchsvoll!

Es kann einem schwindlig werden, wenn man sich klar macht, mit welchen hochkomplexen, fachlich und menschlich anspruchsvollen Herausforderungen Betriebsrätinnen und Betriebsräte heute konfrontiert sind. Betriebliche Interessenvertretung war nie leicht, aber Globalisierung, mangelnde politische Regulierung und gesellschaftliche Individualisierung haben Betriebsratsarbeit noch mal nachhaltig verändert und erschwert. So müssen Betriebsräte z.B. anspruchsvolle Unternehmensdaten und Bilanzen verstehen, sie sollen Unternehmensstrategien erkennen und deren Konsequenzen für die Belegschaften abschätzen können. Darüber hinaus sind sie häufig mit äußerst heterogenen Belegschaftsinteressen konfrontiert. Sie müssen die Anliegen von Stammbelegschaften und prekär Beschäftigten ebenso miteinander verbinden, wie die Interessen und Perspektiven von Ingenieuren und FacharbeiterInnen. Hinzu kommt, dass auch die Berufsbiografien von Betriebsräten selbst von Umbrüchen gekennzeichnet sind. Wer kann sich darauf verlassen, ob es den Betrieb in dieser Struktur im nächsten Jahr noch so gibt?

Betriebsräte brauchen eine gute Ausbildung!

Es ist naheliegend, dass Betriebsräte für ihre Aufgabe eine gute Aus- und Weiterbildung brauchen. Sie müssen die verschiedenen gesetzlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit ebenso gut kennen, wie die jeweils gültigen tariflichen Regelungen und sie brauchen Fachwissen für besondere Aufgaben und Situationen im Betrieb. So wird zum Beispiel die aktuelle Energiedebatte sicher die betriebliche Praxis im Organisationsbereich der IG Metall verändern und auch von Betriebsräten Positionen verlangen.  

Um all dieses Wissen auch anwenden zu können, brauchen sie aber deutlich mehr Rüstzeug. So sind Kompetenzen zum Dialog mit Kolleginnen und Kollegen ebenso notwendig, wie Souveränität und Verhandlungsgeschick in Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern und Teamfähigkeit für die Zusammenarbeit im BR Gremium. Außerdem sollten Betriebsräte dazu in der Lage sein über schnelle Lösungen hinaus in langfristigen Strategien zu denken.

Kommerzielle Anbieter werben aggressiv für ihre Seminare!

Was aber ist das richtige Bildungsangebot? Wer der richtige Anbieter? Kommerzielle Anbieter werben aggressiv für ihre Seminare.  Bunte Programme stapeln sich im Quartalsrythmus im Betriebsratsbüro. Gelockt wird mit Incentives bei Anmeldung, Bonuspreisen bei wiederholter Buchung und glanzvollen Referentennamen mit und ohne Titel. Eine schlanke Organisationsstruktur – keine eigenen Häuser, wenige Beschäftigte – ermöglicht es in Werbung zu investieren. Professionell gemachte Internetseiten, gut platziert bei den großen Suchmaschinen, bieten Zusatzinfos zum Seminarthema oder anonym eine scheinbar paßgenaue Bildungsplanung durch entsprechende Tools. Heute belegen ca. 50% der Betriebsräte aus allen Branchen Seminare bei kommerziellen Anbietern.[1] Neben den großen Unternehmen tummeln sich zunehmend auch kleine Anbieter auf dem Markt der Betriebs- und Personalrätebildung. Denn das ist ein interessanter Markt für kommerzielle Anbieter: ein Markt auf dem es gilt sich durchzusetzen und Rendite zu machen. Mag das an sich nichts schlechtes sein, so liegt hier doch ein wesentlicher Unterschied zu gewerkschaftlichen Bildungsanbietern.

Die Gewerkschaften dürfen dass Feld nicht den kommerziellen Anbietern überlassen!

Das Interesse der Gewerkschaften an Betriebsräten als Seminarteilnehmende ist kein ökonomisches – es ist ein organisationspolitisches Interesse. Dringen kommerzielle Anbieter weiter in den Bereich der Betriebsrätebildung vor, so verlieren die Gewerkschaften einen wichtigen Zugang zu ihren Mitgliedern und auch (noch) Nicht-Mitgliedern in den Betrieben. Die Beschäftigten nehmen den Betriebsrat als Repräsentant der Gewerkschaft im Betrieb wahr.[2] In 75 % der Betriebe im Bereich der IG Metall gibt es derzeit keine eigenständige Vertrauensleutestruktur. Hier sind gewerkschaftlich organisierte und informierte Betriebsräte die wichtigsten Multiplikatoren gewerkschaftlicher Positionen und Initiativen. Ehren- und hauptamtlich Verantwortliche in den Gewerkschaften müssen sich darum heute aktiver für Bildungswerbung und Bildungsplanung bei gewerkschaftlichen Trägern einsetzen. Dabei steht ihnen eine Vielzahl guter Argumente zur Verfügung.

Gewerkschaftliche Betriebsrätebildung bietet Betriebsräten das, was Betriebsräte für ihre Arbeit brauchen!

Betriebsrätebildung bei gewerkschaftlichen Anbietern zeichnet sich vor allem durch ihre Nähe zur betrieblichen Praxis aus. Unsere ehren- und auch hauptamtlichen Referenten verfügen in der Regel über langjährige betriebliche Erfahrung als gewerkschaftliche und/oder gesetzliche InteressenvertrerInnen. Dabei haben sie sich nicht nur ein umfangreiches Fachwissen angeeignet, sie sind aus eigener Erfahrung dazu in der Lage die jeweilige Situation der Seminarteilnehmenden zu verstehen und darauf im Seminarverlauf eingehen zu können. Die Kontinuierliche Aus- und Weiterbildung unserer Referenten ist für die IG Metall regional und in den Bildungsstätten eine Selbstverständlichkeit und ein wichtiges Aufgabenfeld. Dies gilt sowohl für die fachliche Weiterbildung, als auch für methodische Kompetenzen. Die Nähe zur Praxis wird auch durch die enge Verzahnung der Bildungsarbeit mit den Strukturen der IG Metall sicher gestellt. Dies gilt für bundesweite Kampagnen und Initiativen ebenso, wie für regionale Schwerpunkte und Besonderheiten. Werden z.B. auf bezirklicher Ebene Tarifverträge abgeschlossen, so können wir unsere Referenten frühzeitig auf deren Umsetzung in der Praxis vorbereiten.

Unser Bildungsverständnis geht weit über Wissensvermittlung hinaus! Der Anspruch kritisch-emanzipatorischer Bildungsarbeit findet sich in den Konzepten der IG Metall wieder. Die Stärkung der Einzelnen im Kollektiv, die Befähigung Situationen einschätzen und souverän handeln zu können sind unsere Ziele. Dafür reicht reine Sachinformation nicht aus. Für nachhaltiges Lernen, das auf eine veränderte Praxis zielt, ist neben theoretischer Vermittlung auch das praktische Tun mit einer engen Verknüpfung an die Erfahrungswelt der Seminarteilnehmenden notwendig. Hierbei greift die gewerkschaftliche Betriebsrätebildung auf Konzepte wie Exemplarisches Lernen, Teilnehmerzentrierte Interaktion, Handlungsorientierung oder Subjektorientierung zurück und sucht den kontinuierlichen Austausch mit der Wissenschaft, um aktuelle lerntheoretische Erkenntnisse einfließen lassen zu können. In der Anwendung dieser Konzepte praktizieren wir größt mögliche Transparenz gegenüber unseren Seminarteilnehmenden.[3]   

Wir wissen aber, dass Betriebsräte deutlich mehr Orientierungswissen brauchen, als das Gesetz (Paragraphen 37.6 und 37.7 Betriebsverfassungsgesetz) zulässt. Darum bietet die IG Metall ihren Mitgliedern und natürlich auch den Betriebsräten ein umfangreiches Angebot der gewerkschafts- und gesellschaftspolitischen Weiterbildung an. Dies sind z.B. Seminare für die Vertrauensleutepraxis, zu ökonomischen, sozialpolitischen und historischen Themen. Die IG Metall investiert einen beachtlichen Teil ihrer Einnahmen in die Finanzierung von Bildung. Hier entstehen Kosten für Unterbringung, Verpflegung, Referenten, Fahrtkosten und Verdienstausfall. Umso wichtiger ist es, dass Betriebsräte die Freistellungsmöglichkeiten des Betriebsverfassungsgesetzes auch nach § 37.7 BetrVG nutzen und betrieblich durchsetzen.

Warum sind kommerzielle Anbieter für Betriebsräte attraktiv?

Es gäbe noch eine Vielzahl guter Gründe für gewerkschaftliche Betriebsrätebildung zu nennen. Das legt die Frage nahe: Warum sind dennoch kommerzielle Anbieter für Betriebsräte attraktiv? Zunächst muss festgehalten werden, dass sich Betriebsräte unabhängig vom Träger oft schwer tun, ihren Freistellungsanspruch durchzusetzen. Dies gilt insbesondere für klein- und mittelständische Unternehmen, welche die überwiegende Mehrzahl der Betriebsräte im Organisationsbereich der IG Metall stellen. Aber auch in Großbetrieben kann es zu Problemen kommen. So haben z.B. im Herbst 2009 einige Betriebsratsgremien in großen Konzernen angesichts der Krise ihre Bildungsansprüche bewußt nicht wahrgenommen. Viele Betriebsräte haben grundsätzlich eine Scheu, dem Arbeitgeber Kosten zu verursachen. Mit Ausnahmen haben Arbeitgeber nur ein geringes Interesse an qualifizierten Interessenvertretern. Sie zeigen sich jedoch aufgeschlossener, wenn der Träger keinen gewerkschaftlichen Hintergrund hat, noch besser, wenn der Träger gleich zum Arbeitgeberverband gehört. Dann spielen auch die Kosten keine entscheidende Rolle mehr.

Betriebsräte haben trotz der betrieblichen Hürden ein starkes Interesse an Weiterbildung.[4] Sie wünschen sich eine Mischung aus systematischer Qualifizierung und einem Seminarsystem mit individuellem Fahrplan. Der Wunsch nach fachlichem und arbeitsrechtlichem Wissenszuwachs steht eindeutig im Vordergrund und – ein Seminar sollte „nicht ideologielastig“ - sein.[5] Hier bestehen die Anknüpfungspunkte für kommerzielle Anbieter. Diese versprechen häufig eine scheinbar übergeordnete Neutralität und eine große informative Dichte. Dass dabei die Anwendungsorientierung auf der Strecke bleibt, merken Teilnehmer erst nach dem Seminar. Für komplexe Anforderungen gibt es nur selten einfache Lösungen.

Wobei an dieser Stelle gesagt werden sollte, dass es durchaus auch Anbieter gibt, die sich gewerkschaftliche Konzepte zu eigen gemacht haben und mit Referenten aus den Gewerkschaften arbeiten. Selbstverständlich gibt es auch auf dem kommerziellen Markt der Betriebsrätebildung sehr gute Angebote und es geht nicht darum, dem einzelnen Betriebsrat das berechtigte Interesse an einem bestimmten Seminar abzusprechen. Es ist aber von zentralem organisationspolitischem Interesse der Gewerkschaften, Betriebsräte von der Qualität und dem Nutzen unserer Angebote zu überzeugen. Dies gilt insbesondere für die Phase der Grundausbildung zum Betriebsrat.

Die IG Metall-Initiative zur Betriebsrätebildung

Um den Bedürfnissen der Betriebsräte und den sich verändernden Rahmenbedingungen gerecht zu werden, hat die IG Metall bereits 2006 ihre Grundausbildung für Betriebsräte weiterentwickelt. Das Ergebnis – der Ausbildungsgang BR kompakt – besteht aus sieben Modulen und ist eng mit der Ausbildung für Vertrauensleute verknüpft.

Ausgangspunkt unserer Initiative war eine Analyse unserer Angebote und die daraus resultierenden Erkenntnisse, dass BR kompakt in der IG Metall noch nicht ausreichend angekommen ist und das eine organisationsweit heterogene Angebotsstruktur für unsere Betriebsräte nur schwer nachzuvollziehen ist.

Erster Schritt dieser Initiative war die offensive Ansprache der erstmals gewählten Betriebsräte im Organisationsbereich der IG Metall. Jeder und jede neue BR sollte wissen, wann und wo das nächste BR Einführungsseminar angeboten wird und dass es sinnvoll ist, dieses zu besuchen. Unsere derzeitigen Analysen sagen uns, dass sich diese Anstrengung gelohnt hat! Deutlich mehr Betriebsräte haben ein Einführungsseminar besucht.

Nun müssen wir diese Betriebsräte für den Ausbildungsgang BR kompakt gewinnen. Grundlage für einen konsequenten Kompetenzaufbau ist eine systematische Bildungsplanung im Betriebsratsgremium. Hier haben wir unterstützende Materialien entwickelt und wollen damit möglichst viele Kolleginnen und Kollegen erreichen.

Parallel zur Ansprache der Zielgruppe arbeiten wir daran, die Strukturen unserer Bildungsangebote noch besser aufeinander abzustimmen, Übergänge zwischen regionaler und zentraler Bildungsarbeit zu verbessern und Doppelangebote zu vermeiden.

Anja Diegmüller arbeitet beim IG Metall Vorstand in Frankfurt am Main und ist dort für Jugendbildung, Qualitätsentwicklung in der Bildungsarbeit und die Weiterentwicklung gesellschaftspolitischer Seminare zuständig.


[1] Vgl. Gertrud Hovestadt: Institut zur Schulung betrieblicher Arbeitnehmervertreter; Hans Böckler Stiftung, Düsseldorf 2010

[2] DGB Studie

[3] Einen aktuellen Überblick hierzu geben Martin Allespach/ Hilbert Meyer/ Lothar Wenzel in: Politische Erwachsenenbildung am Beispiel der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, Marburg 2009

[4] Johannes Prahl: Bildungsangebote der IG Metall für Betriebsräte – Wahrnehmung, Erfahrungen, Image, und Anforderungen aus der Perspektive der Zielgruppe, April 2010

[5] Gertrud Hovestadt: Wissenserwerb und Lernverhalten von Betriebsratsmitgliedern, Düsseldorf 2005


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