Deutscher Gewerkschaftsbund

06.06.2011

Fachkräftemangel im außerschulischen Bildungs-, Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesen

Vermerk zur augenblicklichen Situation angesichts unsicherer Befunde

Kinder

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Das Thema Fachkräftemangel steht seit einiger Zeit auf der Prioritätenliste von Medien und Politik ziemlich weit oben. Doch wenn in den öffentlichen Debatten ein Mangel an qualifizierten Fachkräften thematisiert wird, dann vornehmlich für den technischen Dienstleistungsbereich und die hochtechnologisierte Fertigungsindustrie.

Dass ein enormer Fachkräftebedarf in den pädagogischen, gesundheitsbezogenen und pflegerischen Dienstleistungsfeldern zu diagnostizieren ist, wird in der Regel übersehen oder schlicht und einfach ignoriert. Nicht erst zukünftig, schon heute ist der Mangel an qualifiziertem Personal insbesondere in der stationären und ambulanten Altenhilfe, in den Arbeitsfeldern der bildungsorientierten Betreuung von jüngeren Kindern sowie in der medizinischen Pflege enorm.

Vorsichtige Prognosen gehen davon aus, dass aufgrund der mit dem Kinderförderungs-Gesetz (KiföG) verbundenen Ziele und des in den kommenden fünf Jahren altersbedingten Ausscheidens von cirka 27.000 PädagogInnen in dem Zeitraum 2010 bis 2014 mehr als 110.000 neue Fachkräfte für eine Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen zusätzlich qualifiziert werden müssten. Hiervon entfallen 50.000 auf den Ausbau der pädagogischen Angebote für die unter dreijährigen Kinder (u3 Bereich) und knapp 60.000 auf den altersbedingten Ersatzbedarf bis 2014. Andere Prognosen berechnen aufgrund der Zielvorgabe, die bildungsorientierte Betreuung in den Kindertageseinrichtungen zudem in kleineren und damit kindgerechteren Gruppen mit einem besseren Personalschlüssel zu versehen, sogar noch einen wesentlich dramatischeren Personalbedarf und gehen beispielsweise im u3 Bereich allein für Rheinland-Pfalz von 37.400 fehlenden, qualifiziert ausgebildeten PädagogInnen aus. Darüber hinaus werden für den Ausbau der Kindertagespflege bundesweit bis 2014 zusätzlich knapp 40.000 pädagogisch ausgebildete Personen benötigt. Über die bisherigen Qualifizierungsangebote ist das nicht zu decken - jährlich schließen momentan schon 16.000 SchülerInnen eine sozialpädagogische Fachschule und 8.200 SchülerInnen eine für eine Tätigkeit im Sozialbereich qualifizierende Berufsfachschule erfolgreich ab.

Betreuung braucht Personal, braucht Qualifikation!

Sollte darüber hinaus der mit dem KiföG anvisierte personelle Ausbau der bildungsorientierten Betreuungsangebote für die unter dreijährigen Kinder auch nur teilweise über akademisch qualifizierte Personen gedeckt werden, also neben der quantitativen Bedarfssicherung auch eine fachliche Professionalisierung angestrebt werden, dann müssten in dem genannten Zeitraum jährlich cirka 18.000 Studierende auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium zurückblicken können und dann auch eingestellt werden. In den kommenden Jahren werden jedoch lediglich cirka 1.900 Personen jährlich ein kindheitspädagogisches Studium in einem der gegenwärtig knapp 70 existierenden Studiengänge erfolgreich abschließen. Die GesamtabgängerInnenquote von hochschulischen Studiengängen, Fach- und Berufsfachschulen wird den notwendigen Personalbedarf also nicht abdecken können. Sicher ist auch, dass der Mehrbedarf an Personal nicht über einen Minderbedarf in anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, etwa in den Hilfen zur Erziehung oder der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, auszugleichen ist, wenn nicht ein deutlicher Verlust an Fachlichkeit und Erreichbarkeit in diesen Angeboten in Kauf genommen werden soll.

Noch dramatischer zeigt sich die Situation im Bereich der Pflege. Im medizinischen Pflegebereich und in der Altenpflege werden in den nächsten Jahren auch in äußerst zurückhaltenden Prognosen bis zu 200.000 fachlich qualifizierte Personen zur Bedarfsdeckung zusätzlich benötigt. Im medizinischen, stationären Gesundheitsbereich könnten gegenwärtig sofort bis zu 50.000 Pflegekräfte eingestellt werden. 2020 werden, sollte keine Qualifizierungs- und Einstellungsoffensive stattfinden, über 140.000 medizinisch ausgebildete Pflegekräfte fehlen und die schon bestehende Personalunterdeckung nochmals gravierend potenzieren. Ein keineswegs günstiges Bild zeigen die Bedarfsberechnungen für die ambulante und stationäre Altenpflege. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich die Zahl der Beschäftigten im Pflegebereich um annähernd 30 % erhöht. Mitte des letzten Jahrzehnts arbeiteten in der Bundesrepublik Deutschland – gerechnet in Vollzeitäquivalentstellen – schon gut eine halbe Million Menschen im Pflegesektor der Altenhilfe. Wird den sehr unsicheren und vorsichtigen Prognosen vertraut, dann wird sich bis zum Jahr 2050 die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im Pflegesektor auf bis zu 1.600.000 Personen verdreifachen müssen, um dem gestiegenen Pflegedarf auch nur annähernd gerecht zu werden. Davon werden sich cirka 450.000 MitarbeiterInnen in der ambulanten und bis 1.200.000 Pflegekräfte in der stationären Altenhilfe beruflich engagieren. Die bisherigen Qualifizierungsformen werden diesen Bedarf nicht rekrutieren können und bereits 2020 werden so in der Bundesrepublik Deutschland in den diversen ambulanten und stationären Handlungsfeldern der Altenhilfe cirka 120.000 qualifizierte Altenpflegekräfte fehlen. Unberücksichtigt lassen diese Prognosen den Bedarf an pädagogisch qualifizierten Personen, denn die Zukunft der Altenarbeit muss sich an den Wünschen der älteren Menschen orientieren, ihr Altern aktiv zu gestalten. Neben pädagogischen MitarbeiterInnen in der direkten, personenbezogenen Altenhilfe, ältere Menschen bedürfen nicht nur der Pflege, sondern auch der pädagogischen Animation zur Gestaltung ihres Lebens und damit zur Sicherung ihrer Handlungsautonomie, werden PädagogInnen benötigt, die die Personen, die in der Pflege sich engagieren, qualifizieren. Sollen jährlich auch nur gut 20.000 Personen in einjährigen Bildungsprogrammen für den Altenpflegebereich zusätzlich qualifiziert werden, dann werden ab sofort cirka 2.000 PädagogInnen mit einschlägigen Kenntnissen in der Altenpflege benötigt.  

Die Zukunft sozialer Arbeit

Die Soziale Arbeit insgesamt und die Kinder- und Jugendhilfe insbesondere, aber auch berufliche Tätigkeiten in der medizinischen Pflege und in der Altenhilfe haben in den zurückliegenden Jahren an Anerkennung gewonnen. Insbesondere das öffentliche Bild der Sozialen Arbeit, nicht nur dort zu helfen, wo andere schon längst jegliche Hilfeleistung meinen als zwecklos erkannt zu haben, hat sich verändert. Die Soziale Arbeit wird weitgehend als ein unverzichtbares und komplexes gesellschaftliches Dienstleistungsfeld der professionellen Hilfe, Bildung, Erziehung, Betreuung und Unterstützung für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene und ältere Menschen angesehen. Im weitgefassten Feld der Sozialen Arbeit sind gegenwärtig ungefähr 1,4 Millionen Menschen tätig – davon 73 % bei privat-gemeinnützigen, 22 % bei den öffentlichen und 5 % bei privat-gewerblichen Trägern. Und, allen gegenläufigen Prognosen zum Trotz, ist die Soziale Arbeit weiterhin ein expandierendes Handlungsfeld. Dem „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (IAB) zufolge arbeiteten in den Bereichen „Erziehung und Unterricht“ Mitte 2009 4,2 % und im „Gesundheits- und Sozialwesen“ 3,8 % mehr Personen als noch ein Jahr zuvor. Insgesamt sind in den sozialen, erziehungs-, unterrichts- und gesundheitsbezogenen Arbeitsmarktsegmenten zu Beginn des 21. Jahrhunderts 4.4 Millionen MitarbeiterInnen sozialversicherungspflichtig tätig. Die sich in diesen Zahlen dokumentierende Expansionsgeschichte basiert zu einem nicht unerheblichen Maße auch auf der Personalentwicklung in dem Segment der Kinder- und Jugendhilfe. In den zurückliegenden 25 Jahren hat sich die Anzahl der Beschäftigten in der Kinder- und Jugendhilfe verdoppelt und zum Ende des ersten Jahrzehnts des noch jungen 21. Jahrhunderts stellt sie quantitativ das personalintensivste Handlungsfeld der Sozialen Arbeit dar. Gegenwärtig sind in der Kinder- und Jugendhilfe gut 620.000 MitarbeiterInnen beschäftigt, davon alleine im Feld der Kindertageseinrichtungen weit mehr als 430.000 sozialpädagogische MitarbeiterInnen. Die Soziale Arbeit spielt im Konzert der Bildungs-, Gesundheits- und Sozialberufe also keineswegs eine marginalisierte Rolle. Ihre Konsolidierung und Expansion stabilisiert und konturiert den individuums- und lebensweltbezogenen Dienstleistungsbereich wesentlich mit.

Vor dem Hintergrund dieser Erfolgsdiagnose ist die Soziale Arbeit und auch die berufsbezogene Weiterbildungslandschaft, der pflegebezogene Gesundheits- und Altenhilfebereich mit gravierenden, komplexen Herausforderungen konfrontiert. Auf der Ebene der institutionellen Verfassung haben die Felder der nicht-schulischen Bildung und Erziehung sowie des Sozial- und Gesundheitswesens grundlegende Transformationsprozesse und die Neuformatierung ihrer Angebots- und Organisationskulturen zu bewältigen. Die Prozesse der Deregulierung und Privatisierung zeigen auch Folgen für die bisherigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsformen. So sind zunehmend mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu registrieren. Allein 40.000 Jobs in der bundesweiten Weiterbildungsbranche sind bedroht. Allein in dem Bildungssegment des TÜV-Nord verlieren über 450 Mitarbeitende ihr berufliches Betätigungsfeld, wenn die beschlossenen Veränderungen des Sozialgesetzbuches in der ersten Jahreshälfte 2012 realisiert würden. Andere große Träger haben vergleichbare, deutliche Reduzierungen ihres Personals angekündigt. Insbesondere die geplanten Einsparungen der Bundesregierung bei beruflichen Eingliederungsleistungen werden zu massiven Personalreduktionen führen und die schon äußerst unsicheren Arbeitsbedingungen von Fort- und Weiterbildnerinnen weiter verschlechtern. Nicht wenige dieser hochqualifizierten MitarbeiterInnen arbeiten schon heute für Bruttolöhne von 1.500 Euro und weniger. Nicht besser sieht die Situation für die pädagogischen Beschäftigten in der berufsqualifizierenden Kinder- und Jugendhilfe, der sozialpädagogischen Familienhilfe sowie in den Integrationshilfen und den Sprachförderungsmaßnahmen aus. Dem dargestellten Fachkräftemangel auf der einen Seite steht somit ein weiter prekarisierender Arbeitsmarkt auf der anderen Seiten gegenüber.

Bessere Entlohnung und bessere Qualifikation für pädagogische und soziale Berufe!

Die Neujustierung der Vergesellschaftungsformen auf der Ebene der sozialen Arbeitsfelder findet ein Pendant auch auf der Ebene der Qualifizierungsangebote für die pädagogischen, aber auch gesundheits- und pflegerischen Arbeit- und Handlungsfelder. Die Implementierung neuer akademischer Studienprogramme sowie die Neuausrichtungen der berufs- und schulförmigen Aus- und Fortbildungsangebote führen insgesamt zu einer Verunsicherung sowohl auf Seiten der Studierenden und SchülerInnen als auch auf Seiten der sozialpädagogischen, gesundheitlichen und pflegerischen Anstellungsträger. Hinzu gesellt sich das nach wie vor ungelöste Problem, ob grundständige Qualifizierungen eher eine generalistische oder eine spezialisierte Kontur aufweisen sollten.

Die politischen AkteurInnen haben sich den deutlich abzeichnenden personellen Bedarfsprognosen in den Handlungsfeldern der Pädagogik der Frühen Kindheit, der Sozialen Arbeit, der medizinischen Pflege und der stationären wie ambulanten Altenpflege durch die Initiierung einer Qualifizierungs- und Einstellungsoffensive zu stellen. Sollten sie diese Herausforderung nicht durch kluge Lösungen bewältigen, und das heißt auch die Umsetzung eines Entlohnungssystems, das der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Arbeitsmärkte entspricht, dann steht uns nicht nur die Bewältigung eines sozialen, gesellschaftlichen Chaos bevor. Die Gesellschaft droht dann weiter an Zusammenhalt zu verlieren und sozial zu implodieren.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Werner Thole
Geboren am 7. Februar 1955
Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik und außerschulische Bildung am Institut für Sozialpädagogik und Soziologie der Lebensalter an der Universität Kassel.
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