Deutscher Gewerkschaftsbund

11.07.2011

Spekulation mit Nahrungsmittelrohstoffen beenden

G 20 Agrarminister springen zu kurz

zitrone

complize / photocase.com

Die Zocker im Finanzmarktcasino wenden sich immer stärker dem Spiel mit Nahrungsmittelrohstoffen zu. Dabei haben uns unsere Eltern und Großeltern schon im Kindesalter gelehrt: mit Essen spielt man nicht.

Die reine Finanzspekulation ist nichts anderes als ein Spiel mit den Grundlagen des Lebens, den Lebensmitteln. Es ist an der Zeit, dass die Politik diesen Grundsatz auch gegenüber den Finanzmarktakteuren zur Geltung bringt. Der rasante Anstieg von Nahrungsmittelrohstoffpreisen und die starken Schwankungen haben nicht unwesentlich zu den Hungerkrisen des Jahres 2008 beigetragen. Die Erkenntnis, dass die Nahrungsmittelrohstoffmärkte inzwischen zum Problem geworden sind, hat sich auch bei den G 20-Staaten durchgesetzt. Die Agrarminister haben einen ersten Fünf- Punkte-Aktionsplan im Juni in Paris beschlossen.

Was beeinflusst die Preise für Nahrungsmittelrohstoffe?

Die Preise für Nahrungsmittelrohstoffe sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. So ist der FAO-Foodprice-Index, der die Preise für fünf Nahrungsmittel-Rohstoffgruppen repräsentiert, von 53 Punkten im Jahr 2001 auf 232 Punkte im Mai 2011 gestiegen. Damit liegt der FAO-Foodprice-Index noch über der Marke von 200 aus dem Jahr der Hungerkrise 2008. Insbesondere sind die Preise für Getreide gestiegen.

Die Preise für einzelne Nahrungsmittelrohstoffe unterliegen zudem extremen Schwankungen. Dass Preise für Nahrungsmittelrohstoffe schwanken, ist nichts Neues. Schlechte Ernten, verursacht durch Dürren, Überschwemmungen etc. sind seit alters her Gründe für schwankende Preise. Hinzugetreten sind aber in den vergangenen Jahren sogenannte Finanzinvestoren, die mit verschiedenen Finanzinstrumenten (Derivaten, Index-Fonds usw.) mit Nahrungsmitteln spekulieren. Dass Nahrungsmittel-Rohstoffe an Börsen gehandelt werden, ist ebenfalls nichts Neues. Lange Zeit dienten diese Börsen jedoch der Absicherung von Preisschwankungsrisiken für Erzeuger und ihre Abnehmer. Das Ausmaß des Einflusses dieser Finanzspekulation auf die Nahrungsmittelpreise ist umstritten. Einige Experten vertrauen auf die Kräfte des Marktes; auch ließe sich nicht exakt nachweisen wie hoch der Einfluss der reinen Finanzakteure auf die Preisentwicklung sei. Demgegenüber kommt eine Studie im Auftrag der Welthungerhilfe (H. Baas: Finanzmärkte als Hungerverursacher? Studie der Hochschule Bremen im Auftrag der Welthungerhilfe; http://www.welthungerhilfe.de/nahrungsmittelsudie2011.html)  zu dem Ergebnis, dass bis zu 15 Prozent des Anstiegs auf solche Spekulanten zurückzuführen sind.

Dass reine Finanzakteure die Preise negativ beeinflussen, stellen – leidvoll - inzwischen auch die Verarbeiter von Lebensmittelrohstoffen fest. So sagte Hubert Weber, Kaffee-Chef von Kraft Foods in  der EU: „Der Markt wird mehr und mehr von Teilnehmern dominiert, die nicht Teil der Wertschöpfungskette sind und ihn über die gewohnte Volatilität hinaustreiben. Zwischen dem Erzeuger und einem Unternehmen wie Kraft Foods wird eine Kaffeeposition mittlerweile bis zu 14 Mal virtuell gehandelt – und jeder, der die Finger im Spiel hat, erwartet eine entsprechende Rendite.“ (Interview Lebensmittel Zeitung, 4.3.2011)

Angesichts der Auswirkungen der Preiserhöhungen auf die von Hungersnöten gefährdeten Länder, sollte nicht mit politischen Maßnahmen gegen die Spekulation gewartet werden, bis sich die Wissenschaft auf die exakte Höhe des Einflusses der reinen Finanzinvestoren nach Jahren geeinigt hat. Die Argumente derjenigen, die einen Einfluss bestreiten, erinnern im Übrigen stark an die Diskussionen über den Finanzmarkt vor der Krise. Auch dort wurde von interessierter Seite immer behauptet, die Märkte würden es schon regeln. Dass das Gegenteil richtig war, haben wir und viele Menschen in der „Dritten Welt“ teuer bezahlt.

Um hier klar zu unterscheiden: Der Handel mit Nahrungsmittelrohstoffen und die Absicherung von Produzenten und Herstellern von Lebensmitteln durch Termingeschäfte ist notwendig und ein notwendiges Instrument um für Produzenten und Hersteller Planungssicherheit zu erlangen. Etwas anderes ist es aber, wenn reine Finanzmarktakteure, die in keiner Weise mit der Produktion, dem Handel oder der Herstellung von Lebensmitteln zu tun haben mit Nahrungsmittelrohstoffen spekulieren, weil sich hier offensichtlich hohe Renditen erzielen lassen.

Die Projektionen der FAO gehen auch von mittel- und langfristig weiterhin steigenden Preisen für viele Nahrungsmittelrohstoffe aus (OECD-FAO Agricultural Outlook 2010-2019, p 14 ff.). Dieser Trend wird gespeist durch eine Reihe von Ursachen. Dazu zählen die zunehmende Nachfrage nach Lebensmitteln durch den Bevölkerungsanstieg, durch veränderte Konsumgewohnheiten in Schwellenländern wie China, Brasilien und Indien. Hinzu kommt die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittelproduktion und Verwendung zur Ethanolproduktion („Teller oder Tank“-Problematik) bei bestimmten Rohstoffen wie Mais und Soja. Ebenso, dass die Landwirtschaft und die Produktion von Nahrungsmittelrohstoffen in den vergangen Jahren nicht die Aufmerksamkeit und Förderung erfahren hat, die sie gebraucht hätte. Verbreitete Misswirtschaft, wie in Simbabwe, tut ein Übriges.

Die Zurückdrängung der Finanzspekulanten allein wird also das Problem des Hungers nicht lösen. Sie würde aber zu einer Entspannung beitragen. Während steigende und stark schwankende Nahrungsmittelpreise in den wohlhabenden Ländern der Welt in der Regel nur dazu führen, dass mehr vom verfügbaren Einkommen für Nahrungsmittel ausgegeben werden muss, sind die Folgen für die armen Länder dieser Welt dramatisch. Dort führen schnell steigende oder schwankende Preise rasch zu einer Ausbreitung des Hungers. Dies hat die Hungerkrise 2008 belegt.

Auswirkungen hat die reine Finanzspekulation aber auch in den Unternehmen der Ernährungswirtschaft. Stark ansteigende Preise können die Hersteller angesichts des Preiskampfes im Lebensmitteleinzelhandel, der von einem Oligopol von wenigen großen Lebensmittelketten beherrscht wird (siehe hierzu: Supermarktmacht - Den Missbrauch von Einkaufsmacht aufdecken und begrenzen.) nicht oder nur schwierig durchsetzen. Die Folge ist, dass die Arbeits- und Einkommensbedingungen der Beschäftigten stärker unter Druck geraten.

Daher muss es ein Ziel sein, die Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln zu verstetigen und die durch die Besonderheiten der Produktion (Trockenheit, Überschwemmungen) bedingten unvermeidbaren Schwankungen nicht noch durch zusätzliche Spekulation zu verschärfen.

Um nicht missverstanden zu werden: Steigende Nahrungsmittelpreise sind nicht per se ein Übel. Nahrungsmittel und auch Nahrungsmittel-Rohstoffe müssen ihren Wert haben. Bei berechenbar steigenden Preisen können die Erzeuger (z.B. Bauern in der sogenannten Dritten Welt) hiervon profitieren. Sie generieren ein höheres Einkommen und der Wohlstand in den Ländern kann steigen. Dabei ist zu bedenken, dass ein Großteil der Hungernden auf dem Land lebt.

Notwendig ist daher eine umfassende Transparenz samt entsprechend zwingenden Berichtspflichten im Nahrungsmittelrohstoffhandel. Diese Transparenz fehlt bisher. Im Jahre 2010 hat ein reiner Finanzinvestor aus rein spekulativen Gründen fast acht Prozent der gesamten Rohkakao-Ernte aufgekauft und so die Preise in die Höhe schnellen lassen. Diese Spekulation funktioniert auch deshalb, weil die Akteure den Hebeleffekt (Leverage) nutzen können. Um z. B. mit einem Kaffeekontrakt, der für einen Kaffeeproduzenten 90.000 $ Einsatz verlangt, spekulieren zu können, sind nur 3.000 $ Einsatz für den Erwerb von Optionen erforderlich (siehe Interview Hubert Weber, a.a.O.).

Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig reine Finanzspekulanten (Investmentfonds usw.) generell von den Märkten für Nahrungsmittelrohstoffe auszuschließen.

Ziel muss es aber mindestens sein, die reinen Finanzakteure, die die Lebensmittelrohstoffe zu einem ihrer neuen Spielfelder erkoren haben, zurück zu drängen. Dies könnte u. a. dadurch geschehen, dass die Geschäfte in voller Höhe hinterlegt werden müssen.

Weiterhin sind umfassende Berichtspflichten für die Marktakteure erforderlich. Die Märkte sind derzeit nicht transparent. Nur ein Teil wird über Börsen mit entsprechenden Publikationspflichten gehandelt.

G 20 springen zu kurz

Auf ihrer Tagung im Juni 2011 haben die G 20-Agrarminister einen ersten Aktionsplan (http://www.bmelv.de/SharedDocs/Downloads/Europa-Internationales/G20Actionplan110623.pdf?__blob=publicationFile)  beschlossen. Die fünf Punkte des Aktionsplans sprechen die richtigen Themen an, springen aber in einigen Punkten viel zu kurz. Der Plan sieht vor, dass  ein „Landwirtschaftliches Marktinformationssystem“ (AMIS – Agricultural Market Information System) aufgebaut werden soll, um für mehr Markttransparenz zu sorgen. Die landwirtschaftliche Produktion soll erhöht werden. Weiterhin soll ein Nothilfe-System aufgebaut werden, sowie Mittel bereit gestellt werden mit denen sich Produzenten gegen Produktionsrisiken absichern können. Allerdings: das Ziel der reinen Finanzspekulation mit Nahrungsmittelrohstoffen einen Riegel vorzuschieben, darauf haben sich die G 20 Agrarminister nicht einigen können. Dies ist an den Interessen gescheitert, die schon die Finanzmarktregulierung so schwer machten.

Die Durchsetzung der umfassenden Regulierung der Märkte für Nahrungsmittelrohstoffe kann nur international gelingen. Sie wird daher einen langen Atem erfordern. Wir haben schon bei der Finanzmarktkrise gesehen, dass die notwendige Regulierung - wenn überhaupt - nur in kleine Schritten gelingen wird. Dringend notwendig ist sie trotzdem.

Und, dies sei nicht vergessen: Niemand ist gezwungen auf die Angebote der Banken zur Anlage des Geldes in Nahrungsmittelrohstofffonds einzugehen. Diejenigen, die Geld anzulegen haben, müssen also nicht auf die Politik warten, um zu handeln.


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Kurzprofil

Franz-Josef Möllenberg
Geboren am 18. Mai 1953 in Hagen.
Von 1992 bis 2013 Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG).
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