Deutscher Gewerkschaftsbund

11.07.2011

Jenseits des Wirtschaftswachstums

straße

nordreisender / photocase.com

Die schon seit Jahrzehnten bestehende Kritik an der gängigen Praxis der Wohlstandsmessung mittels des Bruttoinlandsprodukts (BIP), meist von Politikern und breiter Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen, ist vor wenigen Jahren in das Zentrum einer gesellschaftlichen Debatte gerückt.

2009 legte eine von Sarkozy einberufene Kommission unter dem Vorsitz der Nobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz einen Bericht über die Eignung des BIP als Wohlstandsindikator vor. Auch Deutschland beschäftigt sich damit: Anfang des Jahres hat der Deutsche Bundestag die Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft” ins Leben gerufen. Laut eigener Mitteilung soll die Kommission „konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln. Sie soll Wege aufzeigen, wie die Ansätze zu nachhaltigem Wirtschaften in der Sozialen Marktwirtschaft weiter umfassend und konsequent gestärkt werden können, Wege zu einem tragfähigen Wohlstand und gesellschaftlichem Fortschritt weisen und Schritte hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften definieren, das ökonomische, ökologische und soziale Zielvorstellungen verstärkt in Einklang bringt.“.


 

Am Tag der Deutschen Einheit 2004 wurde in Hamburg der Think Tank 30 Deutschland unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft Club of Rome gegründet. Der Think Tank ist ein interdisziplinäres Netzwerk junger Leute um die 30, die sich mit Zukunftsfragen auseinandersetzen. Als unabhängige Gruppe tragen sie zu gesellschaftlichen Debatten bei und formulieren Empfehlungen für eine langfristige Politik. Sie arbeiten, forschen und studieren in allen gesellschaftlichen Bereichen.

„tt30“ http://www.tt30.de beschäftigt sich seit zwei Jahren in einer eigens dafür gegründeten Arbeitsgruppe mit der politischen Debatte um Wachstum und Wohlstand. Der folgende Artikel ist aus der Arbeit dieser Gruppe entstanden und gibt einen Überblick über die Kritik an der Praxis der Wohlstandsmessung durch das BIP und über alternative Ansätze.

 

„Jenseits des Wirtschaftswachstums“stellt sich der Frage, wie wir Wohlstand messen müssen. Dies ist nicht eindeutig zu beantworten, weil es bisher keinen geeigneten Indikator gibt. Als „Ersatz“ wird meist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – ein Indikator für die Wirtschaftsleistung eines Landes – verwendet, das jährlich vom Statistischen Bundesamt errechnet wird. Wächst das BIP, so die Argumentation, verdienen nicht nur alle Akteure in der Volkswirtschaft besser, also Arbeitnehmer und Unternehmen, sondern auch die Wohlfahrt steigt. Schrumpft es, wird das als Wohlfahrtsabnahme und großer Misserfolg der Wirtschaftspolitik der amtierenden Regierungen bewertet.

Aber ist das tatsächlich so? “[...] Wir können die Seele unserer Nation weder durch den Dow Jones Index, noch durch die nationale Leistung anhand des Bruttosozialproduktes messen“, erklärte einst Robert F. Kennedy und verwies darauf, dass das Bruttosozialprodukt längst nicht alles von dem umfasst, was das Leben lebenswert macht.[i] Erst 43 Jahre später wird dieser Punkt nun auch ausführlich in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Zweifel am Primat der ewig steigenden Wirtschaftsleistung werden laut, Kritiker wagen zu reflektieren, ob Wirtschaftswachstum auch eine Steigerung von Wohlstand bedeutet und ob Stagnation zwangsläufig im Hinblick auf eben diesen Wohlstand negativ zu sehen ist.

Der Vorsitzende des Vorstands des Denkwerks Zukunft und Sachverständige der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, Prof. Dr. Meinhard Miegel, erklärte in einem Interview im März 2011: Es hat sich gezeigt, „dass für das Wohlstandsverständnis der meisten nicht nur und noch nicht einmal vorrangig materielle Aspekte bedeutsam sind. Mindestens ebenso wichtig sind Gesundheit, eine intakte Familie, Freunde, Muße und vieles andere.“[ii]. Das Bruttoinlandsprodukt ist auch in dieser Hinsicht demnach längst nicht mehr das Maß aller Dinge, denn es kann diese Aspekte nicht erfassen. Darin stimmen auch andere Experten überein: those attempting to guide the economy and our  societies are like pilots trying to steering a course without a reliable compass. The decisions they (and we as individual citizens) make depend on what we measure, how good our measurements are and how well our measures are understood“, kritisieren die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen.[iii]

Aber was genau misst das BIP, und gibt es bessere Alternativen, um Wohlstand zu erfassen?

Was das BIP misst

Das BIP wird auf der Grundlage der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erfaßt, einem statistischen Rechenwerk, das die auf Märkten stattfindenden Produktions-, Einkommens- und Ausgabensaktivitäten einer Volkswirtschaft berechnet. Der Fokus auf diese Aktivitäten hat aber auch zur Folge, dass für die Lebensqualität wichtige Aspekte nicht oder nur teilweise erfasst werden. Zum Beispiel Güter und Dienstleistungen, welche nicht über den Markt ausgetauscht werden wie Haushaltstätigkeiten oder ehrenamtliches Engagement.

Umgekehrt werden im BIP auch Praxen berücksichtigt, die mit der Erhöhung der Lebensqualität nichts zu tun haben. Dazu zählen zum Beispiel sogenannte defensive Kosten, also Kosten zur Bereinigung von volkswirtschaftlichen Schäden, die durch verschiedentlich wirtschaftliche Aktivitäten erst entstanden sind. Als Beispiel seien Autounfälle mit Personenschäden genannt: Die zur Behandlung der Verletzten eingesetzten Materialien und die Gehälter der Ärzte, Krankenpfleger und administrativen Mitarbeiter gehen positiv in das BIP ein. Somit entsteht die absurde Situation, dass ein erfolgter Schaden positiv bilanziert wird und – bei einer Interpretation des BIP als Wohlstandsindikator – Unfälle den Wohlstand steigern würden. Paradox ist zudem auch der Umgang mit natürlichen Umweltschäden wie beispielsweise Sturmschäden: ähnlich wie bei den defensiven Kosten werden auch hier sämtliche Aufwendungen zur Beseitigung der Schäden positiv im BIP angerechnet.

Bildet das BIP Wohlstand indirekt ab?

Die Befürworter der Nutzung des BIP als Indikator argumentieren häufig, dass das BIP Wohlstand zwar nicht direkt, aber immerhin indirekt abbilde. Grundlage dieser Argumentation ist eine Betrachtungsweise des BIP, die sich aus der zugrundeliegenden ökonomischen Kreislauftheorie ergibt. Gleichzeitig zum Gesamtwert aller Güter des Endverbrauchs stellt das BIP auch das gesamte Einkommen aller Wirtschaftsubjekte einer Gesellschaft dar. Wirtschaftswachstum erhöht also tatsächlich das durchschnittliche Einkommen. Allerdings wird darüber hinaus postuliert, dass sich aus einem höheren Durchschnittseinkommen auch bessere Wahlmöglichkeiten insbesondere der Haushalte ergeben, welche letztlich in höherem Wohlstand resultieren.

Dieser Argumentation folgend müsste das BIP mit einer Reihe von Indikatoren zusammenhängen, die Aspekte des menschlichen Wohlbefindens abbilden. Dies ist keineswegs der Fall, denn während zum Beispiel ein Anstieg des BIP bei geringem Pro-Kopf-Einkommen positiv mit Lebenserwartung und negativ mit Kindersterblichkeit korreliert, gilt dies ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr. Auch in Bezug auf andere wichtige Wohlfahrtsaspekte wie beispielsweise die Alphabetisierungsquote ist ein Zusammenhang nicht zu erkennen.

Alternative Wohlfahrtsindikatoren

In den letzten Dekaden wurden unterschiedliche Ansätze unternommen, zu einer besseren Wohlfahrtsmessung zu gelangen. Der erste Ansatz besteht darin, das BIP in geeigneter Weise zu verändern, so dass wohlstandsrelevante Aspekte berücksichtigt werden. In den 1980er und 1990er Jahren wurden dazu zwei konzeptionell ähnliche Indikatoren entwickelt, der Genuine Progress Indikator („Indikator echten Fortschritts“) und der Index of Sustainable Economic Welfare („Index für nachhaltige ökonomische Wohlfahrt“). Beide Indikatoren wollen erfassen, ob Wirtschaftswachstum tatsächlich den Wohlstand erhöht oder nur darauf basiert, dass bestimmte Leistungen und Kosten nicht berücksichtigt werden. Dazu werden vom BIP volkswirtschaftlich-relevante Kosten abgezogen, etwa Kriminalität oder Umweltdegredation. Die Auswahl ist allerdings willkürlich, und zudem lässt die Datenlage häufig zu wünschen übrig. Insgesamt finden diese alternativen Indikatoren nur begrenzt Resonanz und nur wenige Länder berechnen und publizieren einen dieser Indikatoren.

Ein zweiter Ansatz beschäftigt sich mit dem grundsätzlichen Problem, dass zur Erstellung von alternativen Indikatoren entsprechende umfassende Datensätze benötigt werden, die zum Beispiel die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Umwelt erfassen. Um diesen Mangel zu beheben wurde - speziell für den Bereich Umwelt – die umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR) konzipiert. Die namentliche Ähnlichkeit mit den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) kommt nicht von ungefähr: die UGRs sind als sogenannte „Satellitenkonten“ konzipiert, d.h. sie behalten die Struktur der VGR für Datenerhebung und –struktur bei, greifen aber umgekehrt nicht in die eigentlichen VGR ein. Erhoben werden Daten zu Umweltbelastung, Umweltzustand und Umweltschutzmaßnahmen, und auf dieser Basis können eine Reihe von alternativen Indikatoren berechnet werden. In viele dieser Indikatoren fließt allerdings das BIP wiederum prominent ein, und Kritikpunkte am BIP können somit auch auf diese alternativen Indikatoren übertragen werden.

Schließlich wurden in einem dritten Ansatz sogenannte „Kompositindikatoren“ entwickelt, bei denen das BIP nur einer von mehreren Unterindikatoren ist. Der bekannteste dieser Indikatoren ist der von Amartya Sen entwickelte Human Development Index (HDI), der auf der von Amartya Sen entwickelten Vorstellung von „capabilities“ beruht. Diese „capabilities“ erfassen die Handlungsspielräume, die Menschen zur Verfügung stehen sollten, um eine angemessene Lebensqualität zu realisieren. Darauf aufbauend misst der HDI Wohlstand in den drei als gleichberechtigt angenommenen Dimensionen materieller Wohlstand, Gesundheit und Bildung, die jeweils gemessen werden durch BIP, Lebenserwartung bei Geburt und Anzahl der (erwarteten) Schuljahre. Dass alle drei Dimensionen gleichwertig eingehen scheint im ersten Moment sinnvoll. Allerdings gibt es dafür keine normative Begründung und diese Gleichbehandlung der Dimensionen ist auch ein großer Kritikpunkt. Gleichwohl wird der HDI von vielen Ländern berechnet, und die alljährliche Publikation der weltweiten Rangliste von Ländern findet viel Beachtung. Es ergeben sich hierbei auch ganz andere Abfolgen als in der BIP-Rangliste: in 2010 rangierten beim HDI im Gegensatz zum BIP nicht USA, Japan und China, sondern Norwegen, Australien und Neuseeland auf den ersten Plätzen.

Schließlich sei noch zu erwähnen, dass - da alle alternativen Ansätze bisher nicht vollständig befriedigen - Frankreich einen neuen Vorstoß unternommen hatte, indem Präsident Sarkozy eine hochkarätige Kommission, die sogenannte „Sarkozy-Kommission“, aus internationalen Wissenschaftlern unter dem Vorsitz der beiden Nobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz berief. In ihrem Abschlussbericht erstellte diese Kommission zwar keinen neuen Indikator, zeigte aber Möglichkeiten auf, wie das BIP in geeigneter Weise in einen Wohlstandsindikator einfließen kann, etwa durch Einbeziehung von nicht auf Märkten gehandelten Gütern und Dienstleistungen.

Fazit

Die Antwort auf die Frage, ob das BIP ein geeigneter Wohlstandsindikator ist, muss klar verneint werden. Das BIP ist und bleibt ein erfolgreicher Wachstumsindikator für die Wirtschaftskraft eines Landes, kann aber nicht als Wohlstandsindikator dienen. Geeignete alternative Indikatoren sind nicht vorhanden, lediglich eine Reihe von Ansätzen, die eine große Verbesserung gegenüber der Verwendung des BIP darstellen, ohne dass sie normativen oder deskriptiven Ansprüchen gerecht werden – wie also der Wohlstand einer Gesellschaft zu messen ist oder ob das Gemessene mit Wohlstand korreliert.

Dies hat konkrete Auswirkungen für die Politik: wir stehen vor dem Problem, dass politische Zielvorstellungen zur Steigerung von Wohlstand nur ungenügend umgesetzt werden können, weil es keinen Indikator gibt, der angemessen misst und der somit auch nicht benutzt werden kann, um den Erfolg etwaiger Maßnahmen zu überprüfen. Wir steuern also in gewisser Weise blind, wenn wir Maßnahmen zur Wohlfahrtsverbesserung einsetzen. Daher ist es wichtig, dass die politische Debatte um Wohlstandsmessung weitergeführt wird, die in den letzten Jahren entstanden ist und die mit dem Bericht der Sarkozy-Kommission ihren bisherigen Höhepunkt hatte. Die zu diesem Thema Ende 2010 in Deutschland eingerichtete Enquete-Kommission wird bis Ende der Legislaturperiode ihren Bericht erstellen und es bleibt abzuwarten, ob daraus bedeutende neue Ansätze hervorgehen.

 


[i] Vgl.: Rede von Robert F. Kennedy, gehalten an der University of Kansas, Lawrence, Kansas, am 18. März 1968

[ii] Meinhard MIEGEL im Interview für "Unternehmerische Verantwortung", siehe: http://www.bosch.com/de/com/sustainability/current/interviews/interviews_2011/prof-dr-meinhard-miegel.html, 18. März 2011

[iii] Prof. Joseph E. STIGLITZ, Prof. Amartya SEN, Prof. Jean-Paul FITOUSSI, “Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress”, siehe: www.stiglitz-sen-fitoussi.fr


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Sina Frank
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