Deutscher Gewerkschaftsbund

04.11.2011

Strategische Beratung für Betriebs- und Personalräte

von: Sandra Goldschmidt

Das Buch „Reflexiv-strategische Beratung“ ist ein Plädoyer für eine professionelle Beratung von Gewerkschaften und betrieblichen Interessenvertretungen, die über die Hinzuziehung von Sachverstand und Fachberatung bei rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Problemen hinaus geht.

Es wirbt für eine ganzheitliche Beratung, die die interne Organisation, die strategische Herangehensweise der Interessenvertretungen, die Gestaltung der inneren Beziehungen sowie die Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenz der Beteiligten in den Blick nimmt.

Es geht dabei von der Grundthese aus, dass im Zuge der Globalisierung in den Unternehmen nicht mehr nur ein Interessengegensatz zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten besteht, sondern immer stärker auch zwischen einzelnen Beschäftigtengruppen. Hinzu kommt, dass die vielfältigen neuen Managementstrategien - von Zielvereinbarungen über Flexibilisierung der Arbeitszeit bis hin zu leistungsabhängigen Entgelten die Interessenvertretungen vor neue Herausforderungen stellt. Sie sollen in Steuerungs- und Projektgruppen beteiligt werden und Mitverantwortung am unternehmerischen Geschehen übernehmen. Laut den Verfassern Tietel und Kunkel sind sie dabei nicht selten die einzige Instanz, die den Betrieb als Ganzes in den Blick nehmen kann und die Partialinteressen des Managements und der Shareholder abfedern kann.

Das ist eine mehr als ambivalente Rolle, die, wie Bernhard Pöter in seinem Beitrag "Coaching-Gruppen für Betriebsratsmitglieder" beschreibt, oft dazu führt, dass die Interessenvertretungen sich als hin- und hergerissen erleben zwischen gleichzeitig auftretenden, kaum zu vereinbarenden Ansprüchen. Sie geraten in einen Entscheidungs- und Wertekonflikt, der sich im Gremium häufig zwischen verschiedenen Fraktionen oder Personen aus unterschiedlichen Wählerschichten zuspitzt.

Wenn dann noch, wie Tietel und Kunkel in ihrem Vorwort treffend schildern, die Beschäftigten selber die Regelungen ignorieren, die eigentlich zu ihrem Schutz vereinbart worden sind, laufen die bewährten Formen der Gegenmacht von Interessenvertretungen und Gewerkschaften ins Leere. Interessenvertretung ist damit zu einem hohen Anteil "Beziehungsarbeit" geworden. Soziale und persönliche Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Kommunikationsvermögen, Kooperations- und Teamfähigkeit sowie konstruktives Konfliktverhalten werden dabei immer wichtiger.

In dem vorliegenden Buch sind theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen unterschiedlicher Beraterinnen gesammelt. Es richtet sich lt. den Herausgebern an "Lehrende und Studierende in den Erziehungs-, Sozial- und Arbeitswissenschaften, an Psychologen, Supervisoren, Mediatoren und Organisationsberater sowie an Gewerkschafter, Betriebsräte und Personalverantwortliche". Das Spektrum der einzelnen Beiträge reicht deshalb von sehr komplexen Abhandlungen auf einer eher wissenschaftlichen Diskursebene - so z.B. der Beitrag von Hans Pongratz "Reflexive Beratung und gewerkschaftliche Interessenvertretung - Hindernisse und Chancen", bis hin zu sehr praxisnahen und leichter verständlichen Erfahrungsberichten.

Als nicht so sehr wissenschaftlich interessierte Leserin muss man sich deshalb durch das ein oder andere Kapitel, vor allem am Anfang, etwas durchbeißen. Man erhält dafür vielfältige Anregungen und Denkanstöße, wozu professionelle Beratung von Interessenvertretungen dienen kann, die den Raum bietet, sorgfältig die eigene Strategie, Position und Rolle sowie die verschiedenen Umfeldbedingungen zu reflektieren und das Ergebnis dieser Reflexion mit strategischen Überlegungen zum eigenen Vorgehen zu verbinden.

Damit empfiehlt sich dieses Buch gerade für die Interessenvertretungen, die bisher nicht daran dachten, sich Beratung zu den eher weichen Faktoren ihrer Arbeit wie z. B. zwischenmenschlichen Problemen zu holen - sei es individuell oder als Gremium, sei es von von externen Beratern oder Gewerkschaften. Der Beitrag "'Gruppenfindungsdingsbums' - Erfahrungen von Interessenvertretern/innen" von Simone Hocke z.B. schildert auf amüsante und erkenntnisreiche Weise, wie schwer sich manches Gremium damit tut, sich an eine solche Beratung heranzuwagen und welch positive Erfahrungen es aus solchen Prozessen mitnehmen kann.

Bei denen, die bereits Beratungserfahrung haben, wird der Blick für die Verbindung von Strategie und Reflexion und der Schaffung des nötigen Raums dafür geschärft. Darüber hinaus bietet das Buch einen reichen Schatz an gut erklärten und ausführlich beschriebenen Werkzeugen bzw. Herangehensweisen, die auch direkt selbst in die eigene Arbeit übernommen werden können, so z.B. die Beiträge von Erhard Tietel "Teambildung mit Betriebsratsgremien oder von Roland Kunkel-von Kaldenkerken, Carla von Kaldenkerken und Susanne Legler "Konfliktfähiger werden - Unterstützung bei Machtkämpfen".

Und auch für hauptamtliche Gewerkschafterinnen bietet das Buch mehr als "nur" Anregungen für die eigene Arbeit als "Berater" der ehrenamtlichen Gremien. Die Beiträge von Ute Buggelen und Dieter Reinken "Reflexionen zum partizipativen Organisationsentwicklungsprojekt der IG Metall Verwaltungsstelle Bremen" sowie von Traute Müller und Wolfram Müller "Von der wissenden zur 'Lernenden Organisation' durch kollegiale Beratung und Dialog" zeigen Wege auf, wie sich die Gewerkschaften aufgrund der geänderten Herausforderungen und Rahmenbedingungen verändern und entwickeln können.

Alles in Allem also ein sehr empfehlenswertes Buch, das hoffentlich dazu beiträgt, eine erfolgversprechende Arbeit von Interessenvertretungen und Gewerkschaften nachhaltig zu stärken und zu fördern.

 

Erhard Tietel / Roland Kunkel, Reflexiv-strategische Beratung, VS-Verlag 2011, ISBN 978-3-531-17955-1

Sandra Goldschmidt ist Fachbereichsleiterin Sozialversicherung im Ver.di Landesbezirk Niedersachsen/Bremen


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil