Deutscher Gewerkschaftsbund

17.11.2011

Anforderungen an die transnationale Gewerkschaftsarbeit

Im Jahre 2006 haben nach Angaben der Weltbank weltweit über 70 Millionen Beschäftigte für Multinationale Unternehmen gearbeitet[1]; mittlerweile dürften es deutlich mehr sein. Dies ist zwar nur ein geringer Anteil der weltweit ca. 3 Milliarden Beschäftigten[2], umfasst aber auch nur die dort Beschäftigten.

Denn des Weiteren arbeiten ja auch zahlreiche Klein- und Mittelbetriebe und auch der informelle Sektor zu einem beträchtlichen Anteil im Dienst der globalen Großunternehmen. Multinationale Konzerne haben erheblichen Einfluss auf die nationale Gesetzgebung (Steuer-, Arbeitsmarktpolitik usw.) als auch auf die transnationalen politischen Absprachen, die längst nicht mehr nur auf die Ebene der EU beschränkt sind, sondern beispielsweise in neuen „Gremien“, wie den G 20, getroffen werden.

Eben dieser Einfluss und dessen undemokratische Ausprägungen führen zu Forderungen nach mehr Demokratie im Wirtschaftsleben und generell zur Stärkung und Sicherung des Primats der Politik. Da heute von diesen Einschätzungen kein Gewerkschafter mehr überzeugt werden muss, sondern es sich um allseits be- und anerkannte Tatsachen handelt, sollte man meinen, dass von Seiten der Arbeiterbewegung sehr gezielt daran gearbeitet wird, mit den Multinationalen Unternehmen auf gleiche Augenhöhe zu gelangen.

Gut aufgestellt

Institutionell sind die Gewerkschaften dabei recht gut aufgestellt. Seit dem Ende des „Kalten Kriegs“ und vor allem seit dem Zusammenschluss des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften (International Confederation of Free Trade Unions, ICFTU; 157 Mio. Mitglieder) mit dem christlichen Weltverband der Arbeitnehmer (World Confederation of Labour, WCL; 26 Mio. Mitglieder) im Jahr 2006 existiert mit dem Internationalen Gewerkschaftsbund (International Trade Union Confederation, ITUC) ein echter globaler Dachverband, der sogar regionale Unterorganisationen hat.

Darüber hinaus gibt es 10 Globale Branchen-Gewerkschaftsverbände (Global Union Federations, GUFs), je einen für die Bereiche Erziehung/Wissenschaft (30 Mio. Mitglieder), Metall (25 Mio.), Chemie/Bergbau/Energie/Papier (20 Mio.), Öffentliche Dienstleistungen (20 Mio.), Private Dienstleistungen/Handel (15,5 Mio.), Bau/Holz (12 Mio.), Textil/Bekleidung/Leder (9 Mio.), Transport (4,5 Mio.), Nahrung/Genussmittel/Gaststätten/Landwirtschaft (2,6 Mio.) und Journalismus (600 000)[3]. Auch diese haben teilweise regionale Unterorganisationen und zahlreiche regionale Büros.

Probleme und Kritik

Allerdings – und damit fangen die Probleme der transnationalen Gewerkschaftsbewegung an – handelt es sich beim Zusammenwirken all dieser Gewerkschaftsverbände keineswegs um eine geordnete Struktur mit klaren Hierarchien. So wurde zum Beispiel ein gemeinsamer Rat der Globalen Gewerkschaftsverbände eingerichtet, an dem sich aber unter anderem der IMB (Internationaler Metallgewerkschaftsbund) nicht beteiligt, weil er in dieser Einrichtung lediglich eine Ressourcenverschwendung ohne echten Nutzen sieht. Auch ist der Internationale Gewerkschaftsbund nicht etwa eine koordinierende Instanz, sondern verfolgt eine eigene Agenda, die oft eher die einer Entwicklungshilfeorganisation als einer Gewerkschaft ist. Eine Hauptschwierigkeit der transnationalen Gewerkschaftsverbände ist natürlich deren Finanzierung und vor allem die Veränderungen, die aus der Finanzierungsbasis der Organisationen resultieren.

Mit den deutlich ausgeweiteten Möglichkeiten der transnationalen Unternehmen nach dem Ende des „Kalten Kriegs“ ihre Produktionsketten weltweit zu vergrößern, stehen auch die Gewerkschaften vor neuen Herausforderungen Solidarität zu schaffen und vermeintliche Standortkonkurrenz abzufedern. Aber auch die finanzielle Basis der internationalen Verbände verändert sich, denn infolge der jüngeren Verschiebung der weltwirtschaftlichen Prozesse in Richtung der sogenannten „Schwellenländer“ erodieren die Einkünfte, da die Größe der Gewerkschaftsklientel in den traditionellen Industrieländern abnimmt und dies durch die einkommensschwachen Beschäftigten in den „Schwellenländern“ selbst bei gleichbleibenden Organisationsgraden nicht kompensiert werden kann. Als Folge dieser Entwicklung sinkt die Gesamtsumme der Mitgliedsbeiträge der Gewerkschaften und darüber hinaus die Bereitschaft der geschwächten Gewerkschaften der traditionellen Industrieländer die Finanzierung der transnationalen Gewerkschaftsorganisationen zu gewährleisten.

Die Diskrepanz

Als Ergebnis dieser Prozesse entsteht in Bezug auf die Gewerkschaftsbewegung eine seltsame Diskrepanz zwischen der objektiven Notwendigkeit, auf transnationaler Ebene handlungsfähiger zu werden, was zunehmend auch subjektiv zumindest in den Belegschaften der multinationalen Konzerne so empfunden wird, und einer weiter abnehmenden Leistungsfähigkeit aufgrund eines Mangels an Ressourcen und politischer Rückendeckung der transnationalen Arbeit in den nationalen Gewerkschaften. Die transnationale Gewerkschaftsarbeit befindet sich in diesem durchaus gefährlichen Teufelskreis. Die geringe Rolle, die ihr sowohl Ressourcen als auch politische Aufmerksamkeit betreffend zugebilligt wird, führt ihrerseits wieder zu einer Begrenzung auf Arbeitsweisen und Inhalte, die wenig Attraktivität ausstrahlen und oft nur wenig relevant erscheinen. Schon gar nicht kann die transnationale Gewerkschaftsarbeit so ein Ort innovativer Impulse für die Gewerkschaftsbewegung werden.

Von Außen betrachtet, aber auch in den Augen vieler Mitglieder der Gewerkschaften, verbleibt die Gewerkschaftsbewegung so auf dem Status einer rein beharrenden, tendenziell sogar rückschrittlichen Organisation stehen, während die multinationalen Unternehmen sich durch ihre Innovationskraft, aber auch zunehmende ökologische und soziale Imagekampagnen als Träger des globalen Fortschritts präsentieren. Auch dies ist übrigens ein interessanter Aspekt: Während die Gewerkschaften weltweit an Kraft verlieren, gibt es zahllose transnationale Initiativen der Vereinten Nationen, sowie von den Unternehmen ausgehende Vorstöße wie die „Corporate Social Responsibility“-Kampagne, die alle auf die ja eigentlich von den Gewerkschaften immer eingeforderte „soziale Verantwortung“ der Unternehmen abzielen. „CSR“ (Corporate Social Responsibility) ist bereits ein bedeutendes Geschäftsfeld für Beratungs- und Zertifizierungsunternehmen geworden.

Absurd erscheinen diese Initiativen vor dem Hintergrund, dass weltweit ein eindeutiger Trend zu unsicheren Arbeitsverhältnissen und der damit verbundenen Schwächung der Gewerkschaften, der Beeinträchtigung ihrer Streikfähigkeit und in vielen Fällen auch sinkenden Einkommen festzustellen ist. Die für die Gewerkschaften ungünstigen Entwicklungen werden sich nicht beliebig umkehren lassen, da sie bei allen Widersprüchlichkeiten offensichtlich globalen Trends und Kräfteverhältnissen entsprechen.

Wege zur globalen Arbeiterbewegung

Dennoch gibt es möglicherweise die ein oder andere Einflussmöglichkeit:

Es ist mit Sicherheit schwierig, aber nicht unmöglich, den institutionellen Aufbau der transnationalen Gewerkschaftsorganisationen zu optimieren. Ähnlich wie bei den Gewerkschaftsorganisationen in Deutschland ist hierbei zu klären, welche Ebene für was zuständig ist, und danach sind die Arbeitsebenen klar zu trennen, um Doppelarbeiten und damit Ressourcenverschwendung zu vermeiden.

In diesem Kontext ist es interessant, dass sich jetzt mit der Fusionierung der transnationalen Gewerkschaftsverbände der Metall-, der Chemie- und der Textilindustrie ein einziger Industriegewerkschaftsbund herausbildet. Auch wenn dieser Zusammenschluss wohl eher aus relativer Schwäche und wegen unzureichender Ressourcen betrieben wird, kann er zu verbesserter Koordinationsfähigkeit der transnationalen Gewerkschaftsbewegung in ihrem Kernfeld, dem Industriesektor, führen. Zumal sich die multinationalen Unternehmen ohnehin nicht immer exakt einem Sektor zuordnen lassen und sich die Problemlagen der Industriebranchen auch in vielen Punkten durchaus gleichen.

Es erscheint aufgrund der dargestellten Ausgangslage illusorisch, dass in absehbarer Zeit die nationalen Gewerkschaften, die noch über nennenswerte Ressourcen verfügen, einen höheren Anteil ihrer Mittel an die transnationalen Verbände weiterreichen. Daher muss über andere Wege der Ressourcenbeschaffung nachgedacht werden. Vermutlich muss im transnationalen Bereich wesentlich mehr als bisher rein projektbezogen für relativ kurze Zeiträume gearbeitet werden. Dies setzt eine hohe Flexibilität des eingesetzten Personals voraus. Arbeitsinhalte gibt es ja zweifellos genug.

Es ist aber zum Beispiel aus gewerkschaftlicher Sicht nicht akzeptabel, dass sich eine ganze „CSR-Industrie“ neben den Gewerkschaften entwickeln konnte, die mit durchaus beachtlichen Mitteln mitten im gewerkschaftlichen Kompetenzfeld der Bewertung der Qualität sozialer Beziehungen in Großunternehmen agiert. Es sollte versucht werden, diese Mittel oder zumindest einen Großteil davon durch die Gewerkschaften zu akquirieren. Auch über Staatenbünde wie die Europäische Union stehen Geldmittel zur Verfügung. Ob diese heute immer im Sinne der globalen Gewerkschaftsbewegung genutzt werden, kann bezweifelt werden.

Die Aufstellung von transnationalen Gewerkschaftskooperationen und –organisationen analog zu bestehenden Staatenbünden und transnationalen Kooperationen von Staaten wäre ein Schritt zu größerer Wahrnehmbarkeit der Gewerkschaften auf transnationaler Ebene. Auf EU-Ebene ist dies ja sogar gesetzlich unterlegt, auf Ebene der Organisation ASEAN streben zumindest einige Gewerkschaften eine vergleichbare Kooperation bei natürlich völlig unterschiedlichen Voraussetzungen als in der EU an. Wünschenswert wäre eine solche permanente gewerkschaftliche Zusammenarbeit auch auf der Ebene der G 20, die sich ja zu einer Art „Weltregierung“ entwickeln. Die Rolle der Gewerkschaften wäre dabei, auf die offensichtlichen Widersprüche vor allem auch in den G 20-Staaten zu der Situation der abhängig Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften hinzuweisen und natürlich die Interessen der Beschäftigten überhaupt auf dieser Ebene zu vertreten.

In dem ganzen Zusammenhang muss auch gesagt werden, dass für die Weiterentwicklung der transnationalen Arbeit der Gewerkschaften der hohe Anteil an Spezialisten, die in diesem Bereich tätig sind, eher ein Hindernis darstellt. Ein höheres Maß an Integration in das „normale“ Gewerkschaftsleben der transnationalen Aktivitäten wäre wünschenswert und sicher auch hilfreich. Dies betrifft sowohl die Arbeitsinhalte als auch die handelnden Personen.

Aus mehreren Gründen ist es sicherlich sinnvoll, wenn mit der Verschiebung der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in die Schwellenländer auch mehr hauptamtlich Beschäftigte aus diesen Ländern kommen. Dies stößt allerdings auf Grenzen, insoweit die multinationalen Konzerne nach wie vor in vielen Fällen weiterhin aus den traditionellen Industrieländern stammen und dort ihre Zentralen unterhalten. Die dortigen Gewerkschaften spielen also weiterhin eine bedeutende globale Rolle.

Fazit

Es ist also sowohl notwendig als auch möglich, neben dem „globalen Denken“ und dem „lokalen Handeln“ auch wenigstens in einigen Punkten global zu handeln. Vermutlich ist es unter den heutigen Bedingungen globaler ökonomischer Vernetzung und wechselseitiger Abhängigkeit einfach eine erforderliche Ergänzung, um handlungsfähig zu bleiben und der Komplexität der Probleme angemessen zu begegnen. Richtig bleibt natürlich trotzdem, sich vor „über-komplexen“ Ansätzen zu hüten.

 


[1] World Bank: „Global Economic Prospects 2007: Managing the next wave of globalization“, Washington, 2007

[2] R. Munck (ed.): „Labour and Globalization: Results and Prospects“, Liverpool, 2004

[3] Alle Zahlen zur Mitgliederzahl der Gewerkschaften aus: R. Croucher/E. Cotton: „Global Unions, Global Business“, 2009


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Dirk Linder
Geboren am 27. September 1964

Tätig für den Betriebsrat der Siemens AG weltweit
» Zum Kurzprofil