Deutscher Gewerkschaftsbund

18.01.2012

Eine nachhaltige Rating-Agentur für die Gesellschaft und das Gemeinwohl

Der Finanzmarkt ist außer Rand und Band. Wenige werden reich, viele werden ärmer. Das ist nicht fair, deshalb benötigen wir Steuern für Vermögende und für Finanztransaktionen. Beides wird kommen. Doch wird der Finanzmarkt damit fair und nachhaltig?

Nein, denn die Maßstäbe der Gier und des grenzenlosen Wachstums bleiben weitgehend unberührt. Diese Maßstäbe werden definiert durch die großen drei Ratingagenturen, die im Dienste ihrer Auftraggeber stehen. Sie sind NICHT nachhaltig, gemeinnützig, fair, transparent und ohne Wettbewerb.

Sie haben falsche Maßstäbe, die die Armut steigern, die Natur zerstören, die Realwirtschaft wie Staaten ruinieren und sprachlos machen. Alle vier Dimensionen der Nachhaltigkeit werden durch das Ratingkartell und die ihm zugrundeliegende Wachstumsideologie missachtet und zerstört. Man könnte den Neoliberalismus pointiert auf die Formel bringen: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Unterlegt mit der Annahme, ein grenzenloses Wachstum sei möglich.

Diese neoliberale Wachstumsideologie ist mittlerweile auch für die Wirtschaft kontraproduktiv und schädlich; vor allem für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen. Steuereinnahmen dürfen nicht mehr zur Bankenrettung auf Kosten der Allgemeinheit eingesetzt werden. Sie müssen nachhaltig investiert werden.

Eine Unruhe geht im Lande um. Bürger/innen fragen sich, wo heute Wandel und Hoffnung in Europa liegen? Eine repräsentative Umfrage aus Deutschland (Bertelsmann Stiftung, August 2010) besagt, dass 90% der Bevölkerung nicht mehr an die Marktwirtschaft glauben und sich vielmehr eine nachhaltige Wirtschaft wünschen, in der Umwelt und Mensch im Mittelpunkt stehen. Dafür braucht es neue Maßstäbe und neue Rahmenbedingungen. Das Projekt einer Europäischen Nachhaltigen Ratingagentur (ENRA), welches die Deutsche Umweltstiftung im Oktober 2011 gestartet hat, soll hierzu einen Beitrag leisten.

Die Alternative – ENRA

Die Alternative ist die Gründung einer gemeinnützigen auf Kriterien der Nachhaltigkeit fußenden Ratingagentur. Eine Forderung, die die Deutsche Umweltstiftung (mit eh. Stifter/innen wie Heinrich Böll und Petra Kelly) Ende Oktober unter dem Namen „ENRA“ gestartet hat und die aktuell von rund 500 Persönlichkeiten unterstützt wird. Zu ihnen zählen: Herbert Tumpel (Präsident der Bundesarbeitskammer), Heiner Geißler, Erhard Eppler, Ernst Ulrich von Weizsäcker und zahlreiche Abgeordnete der SPD , von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Partei DIE LINKE wie Edelgard Buhlmann, Roland Claus, Barbara Hendricks, Tobias Lindner, Matthias Miersch, Hermann Ott, Stefan Rebmann, Sylvia Kotting-Uhl. Zu den Unterstützern zählen auch führende Wissenschafter und zahlreiche Unternehmen wie die EthikBank, Triodos Bank, ForestFinance Gruppe, NFN AG, Zotter Schokolade oder GLS Bank.

ENRA wird von führenden Kreisen der nachhaltigen Finanzwirtschaft unterstützt, damit sprechen sich höchst erfolgreiche Unternehmen für eine gemeinnützige Ratingagentur aus, die soziale, ökonomische, ökologische und kommunikative Gerechtigkeit in den Fokus stellt. Das ist eine neue Qualität von Bündnis zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft.

ENRA wird die Gesetze des Finanzmarktes nicht aufheben oder gar abschaffen, sondern in eine alternative Richtung umgestalten, wie es auch die Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer anstrebt. Durch ENRA  wird Raubtierkapitalismus gebrandmarkt, werden nicht-nachhaltige Fonds, Anlageprodukte oder Unternehmen negativ bewertet. Ein Beispiel: Renten zu kürzen und die Kaufkraft implodieren zu lassen, ist nicht nachhaltig. Fonds und Maßnahmen, die darauf setzen, werden entsprechend schlechter geratet, da sie nicht zukunftsfähig sind.

Die Grundidee

Die Grundidee der gemeinnützigen Ratingagentur kann man zugespitzt so formulieren: Geht es dem Bürger gut, geht es der Wirtschaft gut. Umgekehrt gilt dieser Satz nicht zwingend. Deshalb sollte ein Rating erstens unabhängig und zweitens von der Idee des Gemeinwohls getragen sein .Beides verspricht auch und gerade für den Anleger, perspektivisch einen Gewinn im Einklang mit Natur und Mensch. Beides geht nicht ohne soziale, ökonomische, ökologische und kommunikative Gerechtigkeit, also nicht ohne Nachhaltigkeit. Die Unabhängigkeit bedeutet, dass kein Geschäftsinteresse zu Grunde liegt. ENRA ist angedacht als gemeinnützige Stiftung. Sie ratet ohne Auftrag, aus sich heraus und stellt die Ergebnisse der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung unter Abbildung der jeweils verwendeten Methoden. Sie ist eine Art „Open source“, das durch engagierte Bürger/innen begleitet von Expert/innen laufend verbessert werden soll.

Damit will ENRA eine europäische, transparente, gemeinnützige und nachhaltige Alternative zu den drei großen Ratingagenturen darstellen.

Durch ENRA sollen in Zukunft Geldanlagen und ihr Einsatz bewertet werden, ob sie

  • nachhaltig sind
  • die Schöpfung und die Natur bewahren
  • den Wohlstand für Alle mehren
  • die Menschenrechte befördern
  • und eine nachhaltige Realwirtschaft ermöglichen.

Nachhaltigkeit heißt daher nicht ausschließlich nur die Welt zu bewahren wie sie ist, sondern eine bessere Welt (Chancengerechtigkeit) für zukünftige Generationen (Langfristigkeit) zu schaffen und zu hinterlassen.

Was ist Nachhaltigkeit?

Oft ist Nachhaltigkeit angesprochen worden. Jeder versteht etwas anderes darunter. Der Begriff ist heiß umstritten und das ist auch gut so. Nachhaltigkeit ist im Wesentlichen eine gesellschaftspolitische, dynamische Kategorie und keine technokratische, statische Definition. Hier muss auch die Wissenschaft lernen. Darum soll der Begriff „Nachhaltigkeit“ in diesem Kontext ein wenig ausgeführt werden:

Bisher wird Nachhaltigkeit statisch aufgefasst. Ausgehend vom klassischen, statischen „Drei-Säulenmodell der Nachhaltigkeit“ (ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Säulen). Zu ihnen sollte der Bereich Kommunikation als die dynamische, Ganzheitlichkeit schaffende vierte Dimension gesetzt werden. So entsteht ein dynamisches Modell der Nachhaltigkeit, welches auch eine dezidiert politische Dimension aufweist: die Realisierung und Orientierung an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dieser Ansatz gewährleistet den 360 Grad Blick, da die Menschenrechte als Grundrechte alle für den Menschen relevanten Dimensionen abbilden und damit Basis für die Herstellung von Glück sind.

Bei Nachhaltigkeit geht es darum eine grundsätzlich neue Sichtweise des innovativen Wandels einzunehmen, der weniger auf das Bewahren von nicht-nachhaltigen Strukturen abzielt, sondern auf deren Transformation. Nachhaltigkeit ist daher im Kern als kooperative Modernisierungs- und Innovationsstrategie zur Herstellung von Zukunftsfähigkeit der vier Dimensionen zu verstehen. Nachhaltigkeit heißt daher nicht ausschließlich nur die Welt zu bewahren wie sie ist (statisches Konzept!), sondern eine bessere Welt (Chancengerechtigkeit) für zukünftige Generationen (Langfristigkeit) zu schaffen.

Grundlage und Basis einer jeden Nachhaltigkeitsstrategie ist der Einzelne, der Mensch. Von daher ist eine nachhaltige Strategie nur realisierbar, wenn der Mensch sich glücklich fühlt. Der glückliche Mensch ist Voraussetzung für die Wende zur Nachhaltigkeit. All dies setzt Kommunikation als dynamisches Element voraus, denn „Information ist Alles“. Dies meint aber nicht die Trivialisierung der Information, denn zugespitzt formuliert ist Nachhaltigkeit eine komplexe Strategie in einer komplexen Welt und beansprucht daher komplexe Lösungen, die komplexes Denken verlangen.

Die Perspektive

Gelingt es uns eine europäische, nachhaltige Ratingagentur Wirklichkeit werden zu lassen? Es bleibt abzuwarten, jedoch beginnen alle gesellschaftlichen Innovationen mit ersten, kleinen Schritten.

Die Deutsche Umweltstiftung will im Frühjahr 2012 eine Machbarkeitsstudie hierzu starten, denn viele Fragen – auf die wir uns freuen, brauchen noch ausgefeilte Antworten. Wir haben eine Vision vorgelegt, die gleichermaßen von der Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und gewerkschaftlichen wie kirchlichen Kreisen mitgetragen wird, jetzt muss zügig der Bauplan erstellt werden, mit dem man dann das Schiff baut.

Das Konzept und die laufenden Diskussionen sind einsehbar unter: www.enra.deutscheumweltstiftung.de


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Kurzprofil

Dr. Christian Neugebauer
Hauptstadtrepräsentant der Deutschen Umweltstiftung. Koordinator des Projektes ENRA und des Wirtschaftsrates der Deutschen Umweltstiftung.
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