Deutscher Gewerkschaftsbund

09.02.2012

Aus der Krise lernen: Von industrieller Entwicklung zu vielfältigen Industriestrategiepolitiken

von Prof. Dr. Ulrich Hilpert
kraftwerk

Mathias the Dread / photocase.com

Die Erschütterungen seit der Finanzkrise haben den Blick auf die Industrieproduktion verändert. Erneut haben sich leistungsfähige Unternehmen und Branchen sowie deren hochwertige Produkte als wesentliche Träger einer soliden Entwicklung erwiesen. Manche Unternehmen mit besonders gefragten Angeboten hatten die Krise nicht einmal zu spüren bekommen und haben – Krise hin oder her – weiterhin nach hochqualifiziertem Personal gesucht. Das unterstreicht zum einen wie unterschiedlich und spezifisch die Entwicklungen sein können, und zeigt zum anderen wie differenziert die Betrachtung der Industrie, industrienaher Dienstleistungen und deren Standorte sein muss. Industrie ist ebenso vielfältig wie hochwertige produktionsorientierte Dienstleistung und Regionen eignen sich in unterschiedlicher Weise für industriepolitische Strategien. Ungeachtet dessen hat die in letzter Zeit wieder intensiver diskutierte Frage des heraufziehenden Fachkräftemangels deutlich dargelegt, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur eine Frage des Kapitals sondern zunehmend auch des Humankapitals sein wird. Ohne entsprechend qualifizierte Arbeitnehmer wird die industrielle Modernisierung hin zu einer wissensintensiven Industrie mit hoher Wertschöpfung nicht gelingen. Damit steht die Industriepolitik in Deutschland vor einer Reihe von Herausforderungen.

Technologieentwicklung in Metropolen

Wie in allen anderen führenden Industrieländern verändern sich auch in Deutschland mit dem Wandel zu High Tech-Industrien die Standortbedingungen. Gute Forschungseinrichtungen, hochqualifizierte Absolventen der Hochschulen, ein reger Austausch zwischen Forschung und Wirtschaft und ein Zugang zum internationalen Stand der Forschung sind für viele Branchen und neue Technologiebereiche grundlegend. Die internationale Verflechtung auf den Gebieten der Forschung und Technologieentwicklung erfordert mehr Kommunikation, die nur begrenzt durch Internet und neue Kommunikationstechniken ersetzt werden kann. Kurze Wege und schneller Transport werden zu wichtigen Elementen wertschöpfungsintensiver High Tech-Industrien und der darauf orientierten High Tech-Dienstleistungen.

Was sich zunächst in den USA an einigen Stellen (z.B. Boston, San Francisco Bay, Los Angeles) zeigte und auch in Europa wiederholte (z.B. Kopenhagen und der Öresund) ist auch in Deutschland festzustellen: Unternehmen der Spitzentechnologien konzentrieren sich auf einige wenige Standorte und bilden dort Innovationsinseln (z.B. die Großräume München oder Stuttgart und in zunehmendem Maße auch Berlin). Metropolen werden zu wichtigen Industriestandorten, hier findet auf der Grundlage neuer Technologien und Forschungsergebnisse die besonders hohe Wertschöpfung statt. Hier werden die nationalen Entwicklungen an internationale Tendenzen gebunden und zwischen den Metropolen wird das besonders hochqualifizierte Personal in Forschung und Entwicklung ausgetauscht. Mit dem Austausch des Personals werden zwangsläufig auch innovative Kompetenzen aufgebaut und neue Möglichkeiten des Austauschs eröffnet.

Industrie für die Peripherie

Während also in Metropolen zunehmend die High Tech-Industrie Einzug hält, die durch weniger Flächenkonsum, Lärm, Schmutz und Umweltbelastung geprägt ist, eignet sich ein weites Spektrum anspruchsvoller und innovativer Produktionen nicht für die Metropole – und lässt so Raum dafür, dass eher periphere Regionen auch in Zukunft Standorte moderner Industrien bilden können (z.B. Gummi- und Kunststoffindustrie in Thüringen oder Maschinenbau auf der Schwäbischen Alb). In dem Maße, wie die Metropolen einen Sog auf hochqualifizierte junge Menschen ausüben, wird die Lage für Betriebe außerhalb dieser zentralen Räume schwierig. Es entsteht zunehmend Konkurrenz um die knappe Arbeitskraft; und auch in eher peripheren Räumen suchen Betriebe nach Auszubildenden, Jungingenieuren etc.. Der demographische Wandel mit bisweilen erheblichen Einbrüchen bei den Zahlen der Schulabgänger trägt zu weiteren Verschärfungen dieser Situationen in den Regionen bei. Damit entsteht eine Konstellation, in der wirtschaftlich mögliche Entwicklungen zunehmend damit konfrontiert werden, dass ein Mangel an hochqualifizierten Arbeitnehmern vom Facharbeiter bis zum Entwicklungsingenieur die Wahrnehmung der Chancen innovativer Unternehmen und ihres Beitrags zur Wirtschaftsentwicklung begrenzt.

Beide Konstellationen – die der Metropolen wie die der peripheren Räume – verweisen auf die Bedeutung der Arbeitskräfte und der Förderung ihrer Fähigkeiten für eine Fortsetzung moderner, innovativer Entwicklung. Dabei sind die Konstellationen in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich und bedürfen spezifischer Entwicklungsstrategien. Wie sich manche Branchen nur für bestimmte Standorte eignen, so können Programme der Bundesländer auch nur dann die größtmögliche Wirkung erzielen, wenn sie auf die tatsächlich bestehenden Chancen zielen. In Zeiten des Fachkräftemangels werden manche Standorte, wie die vitalen und attraktiven Metropolen, weniger Schwierigkeiten haben, hoch- und höchstqualifiziertes Personal anzuwerben, während in abgelegenen Gebieten das Problem bereits aktuell ist. Hier ist eine aktive und offensive Fachkräftepolitik eine wichtige Voraussetzung für Wirtschaft und Beschäftigung und schließlich auch für die Regionalentwicklung insgesamt. Fehlen die entsprechend qualifizierten Arbeitskräfte, dann fehlen auch die Träger von Wissen, Kompetenz, Kreativität und Innovation.

Ausbildung für Innovationspotenziale

So wie die Beteiligung an internationaler Spitzenforschung den nationalen Zugang zu neuen Innovations- und Produktfeldern eröffnet und erhält, so ist die betriebliche Ausbildung für die Umsetzung in wertschöpfungs- und technologieintensive Produkte grundlegend. Damit wird eine gute Grundqualifikation durch die schulische Ausbildung und die Förderung aller Talente in unserer Gesellschaft zu einem wichtigen Element der Industriepolitik: auf dieser Grundlage bauen betriebliche Ausbildungen und Hochschulen auf. Vermitteln Schulen und Hochschulen die erforderliche Kompetenz, dann können innovative Unternehmen in Metropolen und peripheren Räumen moderne Produkte weiterhin herstellen und auch neu entwickeln. Industriebezogene und High Tech-Dienstleistungen benötigen solche Arbeitskräfte, um ihren Beitrag zur dynamischen Entwicklung in der internationalen Arbeitsteilung zu liefern – sowie die Fähigkeit anderer Hersteller an anderen Standorten mit der Zeit ähnliche Produkte herzustellen. Das erfordert beständigen Wandel und Modernisierung.

Erst das Zusammentreffen dieser vielseitigen Kompetenzen in Forschung, Entwicklung und Produktion erlaubt eine heterogene und flexible Wirtschaftsstruktur. Mit der hochwertigen Produktion von High Tech- und Medium Tech-Gütern wird dann nicht nur ein qualitativ hohes Niveau der Erzeugnisse, eine gute Position in der internationalen Arbeitsteilung und eine stabile Konstellation der regionalen Struktur erzielt. Zumal Metropolen, die durch entsprechend innovative und moderne Industriestrukturen (incl. der darauf orientierten hochwertigen Dienstleistungen) gekennzeichnet sind, auch einen höheren Beschäftigungsstand aufweisen, höhere Arbeitnehmereinkommen besitzen (bei gleichzeitig weiterhin bestehenden hohen Spitzeneinkommen), weniger von Armut bedrohte Personen und eine günstige Integration von Personen mit Migrationshintergrund haben. Der Austausch mit der Welt wird dann nicht nur über Waren realisiert, sondern umfasst zunehmend auch Arbeitnehmer. Die USA als klassisches Einwanderungsland zeigt diese Differenzierung besonders deutlich.

Differenzen sind Potentiale

Die Gesellschaft in modernen Industriemetropolen ist günstiger strukturiert und erlaubt eine breitere Beteiligung an dem durch moderne und High Tech-Industrien erwirtschafteten Wohlstand. Hohe Wertschöpfung bedarf aber grundlegend hoher Qualifikation – und die erfordert in Zeiten des demographischen Wandels des wachsenden Fachkräftemangels die Entfaltung aller Talente, zumal derjenigen, die sich in bildungsfernen Schichten und bisher eher am Rande der Gesellschaft verbargen. Bildungschancen und Förderung sind also nicht nur Fragen gesellschaftlicher Chancengleichheit, sie sind sogar wesentliche Grundlagen für die Zukunft einer modernen und wohlhabenden Industriegesellschaft.

Die regionale Differenzierung (z.B. Metropolen vs. periphere Räume) betont die Bedeutung qualifizierter Arbeitskraft besonders stark. Dadurch ist Qualifikation nicht mehr allgemein gesucht, sondern spezifisch solche, wie sie der regionalen Struktur entspricht und viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Regionen und Metropolen bemühen sich um diese Träger der Kompetenz. Dann werden angebotene Arbeitsplätze vergleichbar; Lebensqualität und persönliche Orientierung, Heimatgebundenheit und Wanderlust werden Kriterien für eine Entscheidung, aber auch wie zukunftsweisend die Arbeitsplätze sind und welche Gehälter angeboten werden. Da qualifiziertes Personal auch immer mit Einkommen verbunden ist, liefern moderne und innovative Industriestrukturen einen Beitrag zu Einkommensentwicklungen in peripheren Regionen.

Industriepolitik steht nun nicht nur vor einem Wandel durch neue Herausforderungen, sondern muss sich selbst wandeln: hin zu einer Industriestrategiepolitik, einem umfassenden Bemühen um eine industrielle Zukunft sehr unterschiedlicher Standorte. Als Strategie umfasst sie die beständige Steigerung der – schulischen und betrieblichen – Ausbildung und hat den demographischen Wandel sowie die Entwicklung der Fachkräfte als Ausgangspunkt. Soviel hat uns die Finanzkrise gelehrt: Moderne und innovative Industrie bietet stabilere Entwicklungen und vielseitige Möglichkeiten für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wohlstand in Metropolen und peripheren Räumen – aber die Strategieoption muss politisch und gesellschaftlich wahrgenommen werden!


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