Deutscher Gewerkschaftsbund

21.02.2012

Moderne Industrienationen brauchen eine aktive Industriepolitik

Industriepolitik hat in Deutschland nicht unbedingt einen guten Ruf. So wurde viel Geld einseitig in Technologien wie die Kernenergie investiert oder über Jahrzehnte hinweg mit Milliarden der Rückbau des Kohlenbergbaus begleitet. Unabhängig von solchen Beispielen bleibt aber festzuhalten, dass eine moderne Volkswirtschaft wie die der Bundesrepublik ohne eine aktive Industriepolitik nicht denkbar wäre. 

In der Erschließung von neuen Technologiebereichen wie etwa der Elektromobilität können die Unternehmen oder gar einzelne Unternehmer die Entwicklung marktgängiger Produkte nicht alleine schultern - weder in Deutschland noch in anderen Ländern. Wir brauchen also eine aktive Industriepolitik, die bewusst steuert, zum Beispiel Forschungsnetzwerke initiiert und Forschungsinfrastruktur zur Verfügung zu stellt. In manchen Fällen wie der Förderung erneuerbarer Energien geht es darüber hinaus auch darum durch stattliche Maßnahmen die Nachfrage zu stimulieren um eine langfristige Entwicklung zur Marktreife zu ermöglichen.

Der Bedarf der Industrieproduktion

Man darf Industriepolitik zudem nicht nur auf Technologiepolitik verkürzen. Die moderne Industrie setzt immer mehr Humankapital ein. Der Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften ist groß. Die Qualifikationsanforderungen werden immer höher und spezifischer. Auch hier geht es nicht ohne Kooperation von Wirtschaft und Staat. Das duale Ausbildungssystem in Deutschland ist ein Beispiel dafür. Und vielleicht ist Deutschland auch deshalb nicht zur Basarökonomie geworden, sondern Industrienation geblieben, weil wir dieses Ausbildungssystem haben?

Wie wichtig Industriepolitik ist, hat sich gerade auch die letzte globale Wirtschaftskrise gezeigt. Im Zuge der Globalisierung nimmt die Spezialisierung der einzelnen Volkswirtschaften stark zu. Daraus sind einerseits hohe (bislang wohl nicht gerecht verteilte) Spezialisierungsgewinne entstanden. Andererseits hat mit der Spezialisierung auch die Krisenanfälligkeit zugenommen, wenn in bestimmten Märkten die Nachfrage zusammenbricht. So ist es im Herbst 2008 geschehen als die Investitionsgüternachfrage weltweit einknickte. Dass Deutschland diese Krise gut überstanden hat, lag auch an einer aktiven Industriepolitik, die gezielt Instrumente der Arbeitsmarktpolitik wie das Kurzarbeitergeld oder die Abwrackprämie für den Erhalt der Produktionskapazitäten in der deutschen Industrie einsetzte.

Industriedaten

Eine aktive Industriepolitik in ihren verschiedenen Facetten ist demnach für eine moderne Volkswirtschaft wie in der Bundesrepublik unabdingbar. Die Frage ist also nicht, ob Industriepolitik betrieben werden soll, sondern höchstens wie. Der Staat muss lernen unternehmerischer zu denken und zu handeln. Er muss Chancen und Risiken abwägen. Muss entscheiden, ob bestimmte Technologien gefördert und ob bestimmte Industriestrukturen temporär gesichert werden sollen. Für diese Abwägungen braucht die Politik Informationen darüber, wo die deutsche Industrie im globalen Vergleich steht, wie die Entwicklungen und Erfahrungen andernorts sind und welche Benchmarks gesetzt werden. Im Rahmen der sogenannten Strukturberichterstattung stand hierzu seit Ende der 1970er Jahre ein regelmäßiges und dichtes Informationssystem zur Verfügung. Heute allerdings müssen wir uns mit einzelnen Analysen und Auswertungen begnügen, wie sie beispielsweise das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Rahmen der Studien zum deutschen Innovationssystem erstellt.[i] Die Ergebnisse aus diesen Analysen werden im Folgenden zusammengefasst.

Die Industrieproduktion steigt seit Jahren weltweit deutlich an. Die Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes in den OECD- und BRIC-Staaten liegt laut UN-Statistik heute real um fast 35% höher als im Jahr 2000. Die globalen Marktanteile haben sich dabei deutlich verschoben (Abbildung 1). Gestiegen ist vor allem das Gewicht Chinas. Der Marktanteil Chinas verdoppelte sich von gut 11% (2000) auf rund 23% (2010). Der Marktanteil anderer dynamischer Aufholländer blieb dagegen nahezu konstant. Weder Indien, noch Brasilien oder Russland können ihren Marktanteil auf über 3% ausweiten.

 

tab 1

UNSD, IMF WEO Database, OECD, STAN, Berechnungen DIW Berlin

Die Verlierer des Standortwettbewerbs finden sich unter den etablierten Industriestaaten. So ging der Anteil der USA an der globalen Industrieproduktion von fast 30% auf 25% zurück. In den westeuropäischen Länder zusammen (EU14) war ein Rückgang des Marktanteils von 25% auf unter 20% zu beobachten. Hier ging die reale Industrieproduktion trotz globalen Wachstums zurück.

Vergleichsweise stabil entwickelte sich dagegen die Marktposition Deutschlands und Japans. Insbesondere Deutschland konnte seinen Marktanteil von rund 10% an der globalen Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes lange halten. Erst in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise knickte der Anteil an der globalen Industrieproduktion ein und konnte in 2010 noch nicht wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Die Anteilsverluste Japans halten sich ebenfalls in engen Grenzen. Der Anteil an der Industrieproduktion Japans liegt heute mit 16% nur um rund 1 Prozentpunkt unter dem Wert des Jahres 2000.

Die Bedeutung der deutschen Industrie

Die Veränderungen in den globalen Marktanteilen spiegeln sich auch in der Bedeutung wider, die die Industrie heute in den verschiedenen Ländern besitzt. Deutschland zeichnet sich dabei, wie kaum eine andere etablierte Volkswirtschaft durch den starken Fokus auf das verarbeitende Gewerbe aus. Nachdem für das Gesamtjahr 2011 erwartet werden kann, dass die Industrieproduktion wieder das Vorkrisenniveau erreicht, dürfte fast ein Viertel der Wertschöpfung hierzulande direkt im verarbeitenden Gewerbe entstehen.

Die deutsche Industrie konnte insgesamt ihre Wettbewerbsstellung in den letzten Jahren weiter festigen. Mit China und den osteuropäischen Ländern sind zwar neue Konkurrenten auf den Weltmarkt vorgedrungen, was vor allem zu Lasten anderer etablierte Industrieländer ging. Grundlage für die hohe Attraktivität des Produktionsstandortes Deutschland sind eine stabile Kostensituation, ein hohes Innovationspotential und ein günstiges Investitionsklima. Der Erfolg der deutschen Industrie ist langfristig aber vor allem Ergebnis einer starken sektoralen Spezialisierung.

Deutschland ist weltweit am stärksten auf forschungsintensive Industrien fokussiert. Hierzu zählen zum einen die Branchen der Hochtechnologie wie Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemie und Straßenfahrzeugbau. Hier weißt Deutschland selbst in der Krise 2009 mit einem Wertschöpfungsanteil von allein fast 10% weit höhere Werte auf als die Konkurrenten aus anderen OECD-Staaten. Auch im Bereich der Spitzentechnologie, wozu die Pharmazie, Mess- und Regeltechnik, Medizintechnik, EDV, Nachrichtentechnik und der Luftfahrzeugbau zählen, konnte Deutschland im vergangenen Jahrzehnt stark zulegen. Nur in den USA und Japan ist dieser Bereich derzeit noch stärker ausgeprägt.

Tab. 2

EUKLEMS, OECD STAN, Eurostat; Berchnungen und Schätzungen DIW Berlin

Grundlage für die sektorale Spezialisierung ist die ausgeprägte Wettbewerbsstärke der in Deutschland produzierenden Unternehmen, was sich vor allem beim Außenhandel mit forschungsintensiven Gütern bemerkbar macht. Es lohnt daher auch ein Blick auf die geografische Ausrichtung der deutschen Exporte insbesondere bei forschungsintensiven Industrien.

Der industrielle Export

Deutschland setzt weiterhin den Großteil seiner Waren im europäischen Ausland ab. 2009 gingen mehr als 70% aller Ausfuhren in die EU-Staaten. Allerdings ändern sich die räumlichen Gewichte der globalen Wirtschaft zunehmend. Insbesondere der Aufstieg der BRIC-Länder schafft neue Schwerpunkte. In der Vergangenheit konnte insbesondere die japanische forschungsintensive Industrie aufgrund der räumlichen Nähe vom Wachstumstempo der asiatischen Aufholländer profitieren. Mehr und mehr gewinnen China und die anderen BRIC-Staaten aber auch für deutsche forschungsintensive Güter als Absatzregionen an Bedeutung (Abbildung 3). So gingen 2009 fast 6% der deutschen Exporte solcher Güter nach China.

Tab. 3

UN Comtrade; Berechnungen DIW-Berlin

Der gegenwärtig sichtbare Erfolg der Industrie in Deutschland gibt allerdings keinen Anlass, die Hände in den Schoss zu legen - im Gegenteil. Mit der sektoralen Spezialisierung auf Hochtechnologien, wie auch der zunehmenden Ausrichtung auf die künftigen Wachstumsmärkte, sind zwar positive Weichenstellungen vorgenommen worden. Jedoch begründet die hohe sektorale Spezialisierung auch Risiken. In den forschungsintensiven Industrien muss Deutschland auch in Zukunft in der Lage sein, neue Technologien zu entwickeln, sie in Produkte zu integrieren und sie effizient zu produzieren. Gleichzeitig müssen Wege gefunden werden die Folgen der hohen Volatilität der Nachfrage in diesen Bereichen in den Griff zu bekommen. Beides wird nur in Kooperation von Gesellschaft und Unternehmen gehen, beides steht für moderne Industriepolitik.

 


[i] DIW Wochenbericht Heft 17/2011: Hoch- und Spitzentechnologie: Starke Triebkraft der deutschen Wirtschaft.

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.371987.de/11-17.pdf

Belitz, H., M. Clemens, M. Gornig, F. Mölders, A. Schiersch, D. Schumacher: Die deutsche Forschungsintensive Industrie in der Finanz- und Wirtschaftskrise im internationalen Vergleich. Expertenkommision Forschung und Innovation, Studien zum deutschen Innovationssystem, 4-2011.

http://www.e-fi.de/fileadmin/Studien/StuDIS_2011/StuDIS_4_2011.pdf

Gornig, M., F. Mölders, A. Schiersch, V. Zambre:  Wie wettbewerbsfähig ist die deutsche Industrie? Daten, Fakten, Einschätzungen. In Allespach, M. und A.Ziegler: Zukunft des Industriestandortes Deutschland 2020. Schüren Verlag: Im Druck.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Martin Gornig
Kommissarischer Leiter der Abteilung Innovation, Industrie, Dienstleistungen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin

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