Deutscher Gewerkschaftsbund

16.01.2012

Moderne Industriepolitik ist zuallererst Innovationspolitik

Das Beispiel Elektromobilität

Elektro

PiLens / photocase.com

Auch wenn Elektrofahrzeuge noch nicht zum Straßenbild gehören und ab und zu kritische Kommentare zu lesen sind, so gibt es doch Einigkeit in einem Punkt: Die Elektromobilität wird kommen. Denn Mobilität ist ein wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft. Sie erhöht die Lebensqualität und ist Grundlage unserer globalen Wirtschaft. Das Bedürfnis nach Mobilität steigt weltweit und damit die Notwendigkeit ihrer Elektrifizierung: Umweltschonend und effizient mit einer drastischen Reduktion der Abgas- und Lärmemission insbesondere in den Ballungsgebieten.

Die Bundesregierung hat deshalb als Ziel vorgegeben: Deutschland soll bis 2020 Leitmarkt werden mit einer Million Elektrofahrzeugen. Aus Sicht des Kunden geht es vor allem um zwei Themen:  Wirtschaftlichkeit und die Verfügbarkeit der Ladeinfrastruktur. Aus Energie- und umweltpolitischer Sicht sollte der Strom aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Die Batterien der Elektrofahrzeuge sollten als mobile Stromspeicher wichtige Bausteine der neuen Energiesysteme werden. Die Wirtschaft schließlich muss frühzeitig Allianzen schmieden, um im weltweiten Innovationswettlauf vorn dabei zu bleiben.

Einen so tiefgreifenden Wandel können weder die Regierung noch einzelne Unternehmen allein ausgestalten. Branchen, die bisher wenig miteinander zu tun hatten, müssen eng kooperieren. Wissenschaftler müssen interdisziplinär zusammenarbeiten, Arbeitnehmer rechtzeitig qualifiziert werden und die Gesellschaft muss mitziehen, sprich elektrische Fahrzeuge und neue Mobilitätsmodelle auch annehmen.

Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE)

All das wird nicht von unsichtbarer Hand gelingen. Die Bundesregierung hat deshalb eine Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) gegründet, die den Aufbruch orchestrieren soll. In der NPE arbeiten Industrie, Gewerkschaften, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zusammen. Eine solche Orchestrierung brauchen wir bei den großen Technologietrends. Moderne Industriepolitik ist daher zu einem großen Teil Innovationspolitik.

Doch kann eine derart breite Zusammenarbeit wie in der NPE Ergebnisse bringen? Die Frage war zu Beginn nicht unberechtigt. Die bisherige Arbeit hat gezeigt: Sie kann! Die NPE hat binnen sechs Monaten ihren ersten Bericht vorgelegt und im Mai 2011 nach kaum einem Jahr ihr zweites Gutachten. Die 150 Teilnehmer waren sich einig: Wir wollen nicht nur einen deutschen Leitmarkt etablieren, sondern auch Leitanbieter der Elektromobilität werden. Wir wollen Wertschöpfung und Jobs nicht nur halten, sondern zusätzlich schaffen.

Dazu sind unternehmerische Entscheidungen von enormer Tragweite zu fällen. Allein in der Phase der Marktvorbereitung wird die Wirtschaft rund 17 Milliarden Euro in alternative Antriebskonzepte investieren, überwiegend in Elektromobilität. Zudem hat die NPE ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm von etwa vier Milliarden Euro erarbeitet, das gemeinsam von der Wirtschaft und der öffentlichen Hand finanziert wird. Die Politik hat wichtige Empfehlungen der NPE bereits aufgegriffen und Mittel bereitgestellt für Forschung und Entwicklung bis zur Großserientauglichkeit sowie Ausbildung und Qualifizierung. Ja, Industriepolitik kostet Geld. Als Innovationspolitik wird sie sich auszahlen.

Eine Journalistin fragte mich kürzlich, ob denn die Erfolge deutscher Autohersteller nicht die Fortschritte bei den E-Autos behindern. Warum stimmen uns eigentlich Erfolge zuallererst skeptisch? Dank der überraschend guten Ergebnisse verfügen wir über die notwendigen Mittel, um verstärkt in die Technologien von morgen zu investieren. Wir haben nicht nur Marken von Weltruf. Jüngsten Umfragen unter Branchenexperten zu Folge traut man den deutschen Herstellern zuvorderst eine Leitanbieterschaft zu.

Innovationspolitik ist kooperativ, zukunftsoffen, systemisch und marktorientiert

Experten sehen die NPE als eine weltweit einzigartige und erfolgreiche Bündelung aller Kräfte: Als Dialogplattform ganz neuen Zuschnitts, als umfassendes Kompetenznetzwerk und als Brutstätte neuer Konsortien und Innovationsallianzen. Das wird auch international so gesehen. Kein Player kann Elektromobilität im Alleingang einführen, das haben alle erkannt.

Innovationspolitik muss systemisch sein und zukunftsoffen bleiben. Zukunftsoffen bleiben heißt, alle aussichtsreichen Technologiepfade zu verfolgen. Beim Auto sind das die Optimierung des Verbrennungsmotors, alternative Kraftstoffe, Wasserstoff und Brennstoffzelle sowie die Batterie. Ob und welche Technologie sich langfristig durchsetzen wird, kann bei einem Entwicklungshorizont von zehn oder mehr Jahren niemand verlässlich vorhersagen. Ein unerwarteter Durchbruch kann ebenso alles verändern wie ein nicht einkalkuliertes Käuferverhalten. Deshalb werden die Akteure der NPE die Fortschritte beobachten, einen jährlichen Fortschrittsbericht erstellen und bei neuen Erkenntnissen oder Marktentwicklungen korrigierend eingreifen.

Systemisch denken heißt, die gesamte Marktentwicklung bis zum Eintritt in den Massenmarkt im Blick zu halten, also die gesamte Wertschöpfungskette und alle Schlüsseltechnologien. Es bedeutet, Elektromobilität nicht allein als Elektrifizierung des Antriebes, sondern als System zu begreifen, als integrativen Bestandteil eines intelligenten Energie- und Verkehrssystems. Wir müssen das Verbraucherverhalten untersuchen, Nutzungsprofile erstellen und neue tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Die klassischen deutschen Stärken, Vernetzungsfähigkeit und Systemintegration, müssen wir dabei nutzen.

Die Verknüpfung eines umwelt- und energiepolitischen Zieles (Leitmarkt) mit einem industriepolitischen (Leitanbieter) macht Elektromobilität zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Das bedeutet Investitionen in Bildung und Qualifizierung, in Forschung und Entwicklung sowie Normung und Zertifizierung. Es erfordert aber auch Anreize beim Aufbau des Leitmarktes, auch wenn wir dies in der NPE immer als flankierende Maßnahme auf Zeit gesehen haben. Unsere Zielvorgabe war von Anfang an, noch vor 2020 zu einem sich selbst tragenden Markt zu kommen. Modellrechnungen bestätigen, dass dies bei rechtzeitigen Weichenstellungen möglich ist und wir positive Arbeitsplatzeffekte – nach unseren Berechnungen etwa 20.000 Jobs im Saldo – und jährliche Haushaltsüberschüsse erreichen können. Die Investition in Elektromobilität lohnt bei einem marktorientierten Vorgehen auch gesamtwirtschaftlich.

Die NPE – ein Modell für moderne Innovationspolitik?

Der Sachverständigenrat hat kürzlich die Prinzipien einer Erfolg versprechenden Innovationspolitik für Deutschland formuliert: „Sie sollte (i) einem umfassenden, konsistenten und transparenten Konzept folgen, das sie offensiv vermittelt, (ii) ihre Priorität durch die Betonung von Wettbewerb, Eigenverantwortlichkeit und -initiative auf wirtschaftliches Wachstum richten und (iii) durch Transparenz, regelmäßige Leistungskontrolle und die temporäre Ausgestaltung ihrer Förderaktivitäten ein positives Reizklima für innovative Leistungen schaffen.“ Gemessen daran kann der NPE-Ansatz beispielgebend sein – und sollte auch in anderen Technologiebereichen aufgegriffen werden.

Nach meiner Erfahrung brauchen wir eine übergeordnete innovationspolitische Kooperation in zwei Fällen: Wenn disruptive technologische Entwicklungen Paradigmenwechsel auslösen, also Märkte revolutionieren, etablierte Geschäfts- und Dienstleistungsmodelle in Frage stellen und neue entstehen lassen, oder wenn globale Trends einen tiefgreifenden Wandel auslösen.

Disruptive Innovationen führen zum sogenannten „Dilemma des Innovators“, in das etablierte Standorte ebenso geraten können wie etablierte Firmen. Plakativ gesprochen kann der Erfolg der Vergangenheit ein Risiko für die Zukunft bedeuten, wenn man zu lange bestehende Produkte und Strukturen optimiert und sich zu spät auf Innovationen und Strukturanpassungen vorbereitet. Enorme Investitionen in der Vergangenheit können einen Rückstand gegenüber Wettbewerbern nach sich ziehen, die in neueste Infrastruktur investieren.

Paradigmenwechsel erleichtern den Markteintritt neuer Wettbewerber und verändern nachhaltig die Wettbewerbslandschaft – man erinnere sich nur an die digitale Fotografie, den Onlinehandel oder den erst kürzlich begonnenen Siegeszug der Smartphones. Bei der Elektromobilität kommen drei Paradigmenwechsel zusammen, nämlich in der Automobilindustrie, der Energiewirtschaft sowie den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT): Der elektrische Antrieb ermöglicht neue Fahrzeug- und Mobilitätskonzepte und damit auch neue Geschäftsmodelle. Die Energiewende erzwingt den Übergang von einer am Verbrauch orientierten Energieproduktion hin zu einem produktionsorientierten Verbrauch, an den wir uns in naher Zukunft gewöhnen müssen. Und damit die Stromnetze der Zukunft intelligent werden, brauchen wir den nächsten Entwicklungsschritt zu einem Internet der Dinge, Daten und Dienste.

Kein Wunder also, dass wir bei der Elektromobilität eine enorme Wettbewerbsdynamik mit erheblicher staatlicher Subventionierung insbesondere in China, aber auch in den USA, Japan und Frankreich erleben. Sollte dies zu anhaltenden Wettbewerbsverzerrungen zuungunsten Deutschlands führen, liegt ein Marktversagen vor und damit ein Grund für aktive Industriepolitik. Aber auch in diesem Fall ist es zweckmäßiger, Innovation zu subventionieren und nicht den Absatz von Elektrofahrzeugen.

Trends mit Innovationspolitik auffangen und gestalten

Globale Trends wie die Verknappung der Ressourcen, der Klima- und Umweltschutz, die Urbanisierung und der demografische Wandel sind ebenfalls Auslöser für eine Neuorientierung unserer Innovationspolitik. Wie werden Städte der Zukunft in den westlichen Industrienationen aussehen, in denen zunehmend ältere Menschen wohnen? Wie können wir die Zukunftsfähigkeit der herstellenden Industrie, das Rückgrat unseres volkswirtschaftlichen Erfolgsmodells, sicherstellen in einem Hochlohnland mit alternder Bevölkerung? Solche Herausforderungen können wir nur durch eine aktive Innovationspolitik bewältigen.

Disruptive neue Technologien und Globale Trends erfordern – hier schließt sich die Analogie zur Elektromobilität – die Kooperation von Unternehmen, Wirtschaftszweigen und politischen und gesellschaftlichen Playern. Wenn wir uns gut vorbereiten und frühzeitig die richtigen Impulse setzen, erreichen wir mehr Nachhaltigkeit und schaffen Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Deutschland. Die NPE zeigt, dass wir dazu in der Lage sind.


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Prof. Dr. Henning Kagermann
Präsident von acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.
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