Deutscher Gewerkschaftsbund

13.03.2012

Burn-Out – die Kehrseite der Effizienz

michaela

Mr. Blank / photocase.com

Geschichten über Burnout erzählen sich in der Regel so: „Die Reise stromabwärts setzte sich Morgen für Morgen um fünf Uhr fort. Die 43-jährige Frau sprang aus dem Bett, machte die Wäsche, deckte den Frühstückstisch, brachte die zwei kleinen Töchter zur Schule und ging ins Büro. Als Volljuristin leitete sie eine städtische Behörde, die sie aus Kostengründen mit einer anderen fusionieren sollte. Ihre Energie verschwand in dem Job wie in einem schwarzen Loch. Abends kam sie mit Akten unterm Arm nach Hause, schrieb noch E-Mails an den Schulelternbeirat, bügelte eine Bluse für den nächsten Tag, ehe sie sich um zwei Uhr nachts schlafen legte. Ihren Mann, der arbeitslos geworden war, versuchte sie aufzubauen. Ein Jahr sei das so gegangen. Als der Absturz kam, verstand die Juristin die Bedienung der Waschmaschine nicht mehr – und sank weinend zusammen.“

So beginnt die Titelgeschichte des Spiegel „Schwermut ohne Scham“ (6/2012). Eine Juristin, Druck im Job, grenzenlos die Arbeitszeit. So gehen sie weiter, die Geschichten der Burnout-Betroffenen. Vom Aufsteiger, der mit Vollgas Job und Zweitstudium durchläuft. Vom Klinikmanager, der 60 Stunden pro Woche arbeitet, abends Unterlagen wegschafft und sogar mit gebrochenem Bein ins Büro humpelt. Burnout wirkt wie die logische Folge von permanenten Dienstreisen, Führungsverantwortung und beruflichem Ehrgeiz, wie das i-Tüpfelchen der Jetlag-Karrieristen. Nicht zu vergessen die Prominenten: Den Starkoch Tim Mälzer hat es erwischt, den Skispringer Sven Hannawald, den Rapper Eminem, den Fußballtrainer Ralf Rangnick – sie alle waren am Ende ihrer Kräfte. „Ich bin für jeden Prominenten dankbar, der den Mut hat, sich zu outen“, sagt Gesundheitswissenschaftler Bernhard Badura. Sie machen öffentlich, woran sie zerbrechen, wenn der Druck zu groß ist. Burnout, so scheint es, ist kein Tabu mehr. Die Krankheit hat einen festen Platz. Sie hat es in die Medien, sie hat es ins Kabarett geschafft und ist sogar bis zu Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgedrungen. Und sie scheint doch reserviert für die Alphatiere, für die Überengagierten, die Selbstverbrenner. Die sich verausgabt und aufgeopfert haben, um sich selbst und die Firma voranzubringen. Selber schuld, oder?

Die ungelernte Arbeiterin, den Facharbeiter und die Sekretärin, Projektarbeiter, Leiharbeiter und Befristete trifft die Krankheit jedoch genauso, für Titelgeschichten sind sie aber nicht interessant genug. Und doch werden es immer mehr Menschen, wie die Zahlen der Krankenkassen belegen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Krankenhausbehandlungstage aufgrund psychischer Störungen mehr als verdoppelt. „Psychische Störungen sind eine neue, aber verdeckte Volkskrankheit“, sagt Barmer-GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker. Psychische Störungen sind auch zum häufigsten Grund für Erwerbsminderungsrenten geworden. Innerhalb von zehn Jahren ist der Anteil von 24,2 auf 39,3 Prozent gestiegen. Sicher, zu psychischen Störungen gehören auch Schizophrenie, Psychosen, Demenz und Suchtkrankheiten. Aber – so die BarmerGEK – depressive Störungen machen mit 40 Prozent den Löwenanteil aus.

Die Krankheit ohne richtige Diagnose

Burnout ist in der internationalen Klassifikation der Krankheiten lediglich als Zusatzziffer gelistet. Sie nimmt deshalb zu, weil sich die Arbeitsbedingungen dramatisch verändert haben. Zum Beispiel im Callcenter. Teamleiter können sich jederzeit und unbemerkt in die Telefonate der Beschäftigten einschalten. Ob sie das tun, ist zweitrangig. Dass es jederzeit geschehen könnte, weiß jeder Callcenter-Agent. Und das diszipliniert. Einmal pro Woche gibt es ein Gespräch mit dem Chef. Dort geht es um alles, was in einem Callcenter kontrolliert werden kann. Ob sich jemand pünktlich einloggt, wie lang er braucht, um das DSL-Paket zu verkaufen, ob das Telefon länger als zehn Sekunden geklingelt hat, bis das Gespräch angenommen wurde. Länger darf es nicht dauern, lautet die Vorgabe des Auftraggebers. Sonst ist die Prämie futsch und das Callcenter muss eine Strafe zahlen. Der Auftraggeber ist womöglich unzufrieden, wandert ab zur Konkurrenz, die Jobs sind in Gefahr. Es liegt ganz allein an euch, sagt der Arbeitgeber, ob ihr auch morgen noch hier arbeiten könnt. Für 1.350 Euro brutto. Strengt euch an, „das Team Anja muss mal reinhauen.“

Druck durch Kontrolle, um Leistung zu erzwingen, das gibt es in der Projektarbeit nicht. Projektarbeiter, etwa in der IT-Branche, arbeiten selbstständig, ohne dass ein Vorgesetzter anweist und kontrolliert. Oft gibt es nicht einmal Stechuhren. Der Entscheidungsspielraum ist groß. Ganz so, wie es Arbeitswissenschaftler für gutes Arbeiten immer empfohlen haben. Fragt sich nur, warum ein Viertel der IT’ler Anzeichen von chronischer Erschöpfung zeigt, zwei Drittel nach der Arbeit nicht abschalten können und die Mehrheit meint, ihre Arbeit sei auf Dauer nicht durchzuhalten. Das ergab eine Untersuchung des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Fragt sich, warum IT’ler stark von Burnout bedroht sind.

Der Druck ist subtil, die Menschen werden indirekt gesteuert, sagen Sozialwissenschaftler, die analysiert haben, welche Managementmethoden dort angewandt werden. Beschäftigte sollen agieren wie Unternehmer. Dazu werden teilautonome Einheiten, Profitcenter und kleinere GmbH organisiert. „Dann wird gesagt: Hier ist Euer Markt! Ihr wisst selbst am besten, was zu tun ist. Bitte legt los“, erklärt der Philosoph Stephan Siemens. Bezahlt wird nicht mehr nach Arbeitszeit, sondern fürs Ergebnis.

Ist Selbstausbeutung Freiheit?

Tut, was ihr für richtig haltet, das klingt gut. Frei von Vorgaben sind die abhängig Beschäftigten, die nun denken und handeln sollen wie Unternehmer, dennoch nicht. Das Unternehmen erwartet Gewinne, setzt Rendite- und Umsatzziele fest, bricht sie herunter auf jede Einheit. Wird das Ziel verfehlt, droht die Auslagerung oder Schließung der Abteilung. Jeder Einzelne spürt den Druck, arbeitet mehr und länger. Der Kunde darf nicht warten, der Kunde muss zufrieden sein. Damit er nicht abwandert zur Konkurrenz.

Die Mitglieder des Teams setzen sich gegenseitig unter Druck. Wie können wir noch effektiver sein? Können wir uns erlauben, einen mitzuschleppen, der weniger leistet? Sie arbeiten bis zum Rand der Erschöpfung. Und dort wartet Burnout, sagt Stephan Siemens.

Gehen wir in die Industrie, direkt ans Fließband. Dort sind die Zeiten der Humanisierung längst vorbei. Als es noch Mitfahrbänder gab und keine Überkopfarbeit mehr. Als die Arbeiter noch auf einen Knopf drückten und das Auto freigaben. Als noch sie den Takt bestimmten und nicht der Takt sie. Das ist vorbei. Alles, was an Wissen und Fähigkeiten mit teilautonomer Gruppenarbeit aus den Menschen herausgeholt werden konnte, ist abgeschöpft worden. Jetzt wird Arbeit zerhackt in einzelne Handgriffe. Je einfacher die Handgriffe, desto niedriger die Fehlerquote, desto besser die Qualität, desto höher die Effizienz, sagen Produktionsexperten. Und lassen nicht nur Arbeitsumfänge und Takte zusammenschnurren, sondern machen Arbeit damit auch eintöniger. Gleichzeitig steigt, was Betriebsräte als „emotionale Verdichtung“ bezeichnen: Zu jeder Minute am Tag gleiche Leistung und gleiches Tempo bringen, um die vor- und nachgelagerte Station nicht zu blockieren. Das macht Druck. „Die größten Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sind psychische Belastungen, der Leistungsdruck und die Ökonomisierung sämtlicher Prozesse. Am liebsten wäre es dem Arbeitgeber, dass jeder Beschäftigte denkt und handelt, als sei es sein eigenes Unternehmen“, sagt ein Betriebsratsmitglied eines Automobilproduzenten.

Die Aufgaben werden mehr, das Personal nicht.

Hinzu kommt, dass sich seit den 90er Jahren die Unternehmen schneller verändern als früher; ob Krise oder keine, das spielt keine Rolle. Die Gründe sind allerdings keine anderen: Unternehmen wollen mehr Gewinne machen. Dafür wird hier ein Werk geschlossen, dort das Rechnungswesen ausgelagert, hier das Marketing am Firmensitz gebündelt und dort fusionieren zwei Krankenhäuser. Man kappt die Hierarchieebenen oder heuert Freiberufler mit Werkverträgen an. „Vielerorts hat Restrukturierung ein solches Ausmaß angenommen, dass in den Betrieben kein Stein mehr auf dem anderen bleibt“, schrieb Martin Behrens vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI). Restrukturierungen haben immer Folgen für die Beschäftigten, die hässlichste Form sind Standortschließungen und Personalabbau. Doch auch wer die Arbeit nicht verliert, kann sich nie sicher sein, ob es ihn nicht bei der nächsten Welle erwischt. Sicher ist nur, dass die Aufgaben mehr werden, aber nicht das Personal. In Folge dessen gibt es immer mehr Beschäftigte, die über Arbeitsverdichtung und Zeitdruck klagen.

Und wer nicht mehr kann, wer unter dem Druck zusammenbricht, landet in einer psychosomatischen Klinik. Mit Schlafstörungen und Angstattacken, innerer Unruhe und Antriebslosigkeit, wegen Freudlosigkeit und Niedergeschlagenheit. „Und dann werden sie sozusagen wieder widerstandsfähig gemacht, kommen in den Arbeitsprozess zurück und finden exakt die gleichen Verhältnisse vor, die sie krank gemacht haben“, sagte der Politikwissenschaftler Claus Leggewie in einem Hörfunkinterview. Es ginge aber darum, die Menschen nicht nur widerstandsfähiger, sondern auch widerständiger zu machen gegen Verhältnisse, die sie immer wieder krank machen würden.

Es wird in erster Linie Aufgabe von Betriebsräten und Gewerkschaften sein, Arbeitsbedingungen so zu verändern, dass es nicht zu seelischen Störungen kommt. Die sind in Betrieben immer noch ein Tabu. Nach harter Arbeit körperlich kaputt zu sein, wird akzeptiert. Nicht aber geistige und seelische Erschöpfung. Insofern wird es vordringlich sein, Burnout zum Thema zu machen und psychische Belastungen vom Stigma der individuellen Unzulänglichkeit zu befreien. Betriebsräte können zum einen die Funktion von Whistleblowern übernehmen und Missstände öffentlich machen. Und zum anderen als Lotsen agieren, ein Hilfenetz knüpfen und Betroffene im akuten Fall unterstützen.

 

Mehr dazu in der IG-Metall-Broschüre: Ausgebrannt. Betriebsräte als Lotsen für Burnout-Betroffene, Frankfurt/Main. Für 3 Euro zu beziehen unter www.igmetall.de/shop, im Suchbegriff „Burnout“ eingeben.


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Michaela Böhm
Freie Hörfunk- und Printjournalistin
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