Deutscher Gewerkschaftsbund

19.02.2015

Arbeiten in der IT-Branche

Selbstbestimmung unter Zeitdruck

Die Beschäftigten in der IT-Branche besitzen mehr eigene Gestaltungsmöglichkeiten für ihre Arbeit und sie haben durchschnittlich ein höheres Einkommen als in der Gesamtwirtschaft, aber auch der Arbeitsdruck ist sehr intensiv. Das zeigt die ver.di-Sonderauswertung auf Basis der jährlichen Befragung von Beschäftigten im Rahmen des DGB-Index Gute Arbeit.

Die Bedeutung der IT-Dienstleistungsbranche nimmt zu

Zur IT-Dienstleistungsbranche zählen Programmiertätigkeiten, Beratungs- und sonstige Dienstleistungen auf dem Gebiet der IT und Informationsdienstleistungen wie Datenverarbeitung, Hosting, Erstellen von Webportalen und sonstige Informationsdienstleistungen. Die ver.di-Sonderauswertung gibt zunächst einmal einen spannenden Einblick in die Zusammensetzung der Branche: ca. 42 Prozent der Beschäftigten haben ein Fach- oder Hochschulstudium absolviert. Das Qualifikationsniveau ist damit im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt sehr hoch. Vollzeit arbeiten in der Branche 78 Prozent der Beschäftigten, was auch damit zu tun hat, dass nur 26 Prozent in dieser Branche Frauen sind. Eine befristete Beschäftigung haben 9 Prozent, was ungefähr dem Anteil in der Gesamtwirtschaft entspricht. Allerdings sind mit 14 Prozent Anteil sehr viele Erwerbstätige solo-selbständig im Vergleich zu 6 Prozent in der Gesamtwirtschaft (Statistisches Bundesamt 2014, Stand 2012; vgl. Roth 2014, 13). Diese Entwicklung wird sich in Zukunft durch neue Arbeitsorganisationsformen wie das Crowdsourcing noch beschleunigen. Damit sind „neue Unsicherheiten“ verbunden, die sich vor allem an der fehlenden Absicherung im Krankheitsfall und im Alter zeigen (ebd., 10; Schröder/Schwemmle 2014).

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des IT-Sektors wird in den nächsten Jahren stark zunehmen. Die Branche hat nicht nur ein enormes wirtschaftliches Gewicht mit kontinuierlichen Zuwächsen bei Umsatz und Erwerbstätigen. Sie ist auch der „klassische“ Kern des sich ausbreitenden Bereichs sogenannter „digitaler Arbeit“. Darunter sind alle Tätigkeiten mit digitalen Arbeitsmitteln zu verstehen (Schwemmle/Wedde 2012).

Ergebnisse der ver.di-Sonderauswertung IT: Gestaltungsmöglichkeiten versus Arbeitshetze

Die Sonderauswertung für den IT-Bereich zeigt zunächst mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Ressourcen, dass die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten höher sind als im Durchschnitt aller Branchen. IT-Beschäftigte können ihre Arbeit weitaus eher selbständig planen und einteilen (79 Prozent IT-Branche zu 64 Prozent im Durchschnitt). Sie haben eher Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit (67 Prozent IT Branche zu 46 Prozent im Durchschnitt) und sogar auf die zu bewältigende Arbeitsmenge (45 Prozent IT-Branche zu 33 Prozent im Durchschnitt), wobei die Differenz beim letzten Indikator schon auffällig geringer ist und die Einflussmöglichkeiten nur für weniger als die Hälfte der Beschäftigten zutrifft. Der nächste Indikator übertrifft den letzten noch und verweist zugleich auf die zentrale Problematik der Beschäftigten in der IT-Branche: Der Einfluss auf „widersprüchliche Anforderungen und Arbeitsintensität“ im Bereich „Belastungen“ schneidet mit 41 Punkten am schlechtesten ab und ist damit noch schlechter als in der Gesamtwirtschaft (47 Punkte). Hier macht sich dringender Handlungsbedarf deutlich (s. Abb. 1).

Tabelle 1

Abbildung 1

Der Handlungsbedarf wird noch offensichtlicher angesichts des demografischen Wandels und des zumindest vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) beklagten „gravierenden Fachkräftemangels“ (BITKOM 2013). Eine schlechte Arbeitsqualität bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die zukünftige Arbeitsfähigkeit, denn diejenigen mit guten Arbeitsbedingungen meinen eher, ihre Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben zu können, als diejenigen, die unter einer schlechten Arbeitsqualität leiden (Abb. 2). Eine steigende Arbeitsverdichtung wirkt sich massiv auf die Gesundheit der Beschäftigten aus. Ver.di fordert deshalb verbindlichere gesetzliche wie auch tarifliche Regelungen zum Gesundheits- und Belastungsschutz (Hannack/Schröder 2013, Bsirske 2015).

Tabelle 2

Abbildung 2

Laut der Sonderauswertung sind im Durchschnitt nur knapp über die Hälfte, nämlich 59 Prozent, der IT-Beschäftigten der Meinung, dass sie ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben können. Die Qualität der Arbeitsbedingungen spielt auch im Hinblick auf die Bereitschaft, beim Arbeitgeber zu bleiben oder zu wechseln, eine große Rolle (Abb. 3). Insgesamt gelingt es den Unternehmen in der IT-Dienstleistungsbranche nur unzureichend, ihre Mitarbeiter/innen an sich zu binden. Die potenzielle Wechselbereitschaft ist im Vergleich zur Gesamtwirtschaft etwas höher. Nur gut die Hälfte aller Befragten (56 Prozent) würde den Arbeitgeber auch dann nicht wechseln, wenn sich die Möglichkeit dafür böte. 17 Prozent der IT-Beschäftigten legen sich diesbezüglich nicht fest, und mehr als ein Viertel (27 Prozent) nähme wahrscheinlich die Möglichkeit zum Wechsel wahr. Entspricht das Beschäftigungsverhältnis eher den Kriterien der Guten Arbeit, verbleiben die MitarbeiterInnen im Unternehmen.

Tabelle 3

Abbildung 3

In Anbetracht der Bedeutung der kontinuierlichen Entwicklung von Kompetenzen und Fachwissen in der IT-Branche ist es alarmierend, dass die Weiterbildungsmöglichkeiten von den Beschäftigten schlechter bewertet werden als im Durchschnitt der Gesamtwirtschaft (vgl. Müller 2014). Gerade in den vielen wissensintensiven Bereichen der IT-Branche sollte das lebenslange Lernen ein zentrales Element des wirtschaftlichen Erfolgs der Unternehmen bilden. Gerade die kreative Aneignung des Wissens in der IT-Branche sollte erhalten und über Qualifizierungen weitergegeben werden. Wenn Beschäftigte ihr IT-Unternehmen verlassen, nehmen sie nicht nur einen Teil des Wissens mit, sondern auch ihre spezifischen Fähigkeiten. Mit Blick auf den beklagten IT-Fachkräftemangel und den demografischen Wandel braucht also die IT-Branche nicht nur einen angemessenen Gesundheits- und Belastungsschutz, sondern auch Regelungen für eine strategische Personalplanung und Qualifizierung. Ver.di hat bereits erste gute Standards mit den Tarifverträgen bei T-Systems und IBM gesetzt.

Leitlinien für gute digitale Arbeit

Mit der digitalen Arbeit – für die prototypisch die IT-Branche steht – sind durchaus emanzipatorische Potentiale verbunden. Sie kommen in der ver.di-Sonderauswertung über die Bewertung der Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten zum Ausdruck. Es könnte beispielsweise mehr Ort- und Zeitsouveränität und damit eine bessere Life-Work-Balance erreicht werden. Es wird aber auch deutlich, dass verstärkt die Gestaltung von Guter Arbeit in den Blick genommen werden muss, insbesondere aus der Perspektive der Beschäftigten. Das bedeutet, die Beschäftigten inklusive der wachsenden Gruppe der IT-Freelancer als Experten einzubeziehen. Dadurch können praxisnahe Konzepte zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse entstehen. Die Anknüpfungspunkte sind die Leitlinien für gute digitale Arbeit, für die sich ver.di bereits in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ eingesetzt hat und im September 2014 mit einer gewerkschaftlichen Erklärung auf dem „Digitalisierungskongress“ bekräftigt wurden. Gute Arbeitsbedingungen mit den Erwerbstätigen gemeinsam zu gestalten, bleibt eine große gewerkschaftliche Herausforderung, der sich ver.di auch im Hinblick auf die Solo-Selbständigen bereits stellt: Knapp 30.000 Freelancer – auch aus dem IT-Sektor – sind Mitglied in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft.

Die gesamte Sonderauswertung steht zum Download bereit unter:

http://innovation-gute-arbeit.verdi.de/gute-arbeit/materialien-und-studien

Literatur

BITKOM (2013): Quereinsteiger haben es in der IT zunehmend schwer. Presseinformati­on vom 12.12.2013

Bsirske, F. (2015): Politik für Gute Arbeit – die nächste Etappe, in: Schröder, L./Urban, H.-J. (Hg.): Jahrbuch Gute Arbeit, Frankfurt, 28-41.

DGB-Bundesvorstand (2014): Leitlinien für gute digitale Arbeit. Beschluss des DGB-Bundeskongresses, Stand: 14.05.2014

Hannack, E./Schröder, L. (2013): Gesetzeslücken schließen, Sanktionen verschärfen, Beteiligungsrechte stärken und Arbeitsqualität verbessern, in: Schröder, L./Urban, H.-J. (Hg.): Jahrbuch Gute Arbeit, Frankfurt, 51-64.

Müller, N. (2014): Innovationen. Nicht ohne Gute Arbeit! In: KOMM, Heft 3/2014, Berlin.

Roth, I. (2014): Die Arbeitsbedingungen in der IT-Dienstleistungsbranche aus Sicht der Beschäftigten. Branchenbericht auf der Basis des DGB-Index Gute Arbeit 2012/13, hrsg. von ver.di, Bereich Innovation & Gute Arbeit, Berlin

Schröder, L./Schwemmle, M. (2014): Gute Arbeit in der Crowd? In: Schröder, L./Urban, H.-J. (Hg.): Jahrbuch Gute Arbeit, Frankfurt, 112-125.

Schwemmle, M./ Wedde, P. (2012): Digitale Arbeit in Deutschland, Bonn.

Statistisches Bundesamt (2014): Sonderauswertung des Mikrozensus 2012.

ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit (2014) (Hrsg.): Digitalisierung und Dienstleistungen –­ Perspektiven Guter Arbeit. Gewerkschaftliche Positionen, Berlin, http://innovation-gute-arbeit.verdi.de/themen/digitale-arbeit

ver.di (2014), Gewerkschaftliche Erklärung: „Gute Arbeit in Zeiten des digitalen Umbruchs!“, Berlin, 11. September 2014, www.verdi.de/themen/recht-datenschutz/kongress


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Kurzprofil

Dr. Nadine Müller
Referentin im Bereich Innovation und Gute Arbeit beim Ver.di-Bundesvorstand in Berlin.

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