Deutscher Gewerkschaftsbund

08.09.2011

Das Image der Armut

Ein deutsch-deutscher Vergleich in historischer Perspektive

„Unterschichtenfernsehen“ – öffentliche Verhöhnung von Hartz-IV-Empfängern – Diskussionen um das abgehängte Prekariat. Seit geraumer Zeit kursieren in der deutschen Gesellschaft bestimmte Schlagworte, die sich in teilweise provozierender Manier Armutserscheinungen nähern, nicht zuletzt auch, um als „Blitzableiter“ von anderen gesellschaftlichen Problem abzulenken.

Solche Zuschreibungen sind keineswegs zeitgenössische Eigenarten, sondern halten sich in öffentlichen Diskursen bereits seit vielen Jahrzehnten beharrlich.[1] Die Thematisierung von Armut in deutsch-deutscher Perspektive wie auch die Einschätzung von armen, „abgehängten“ Bevölkerungsschichten für die Zeit der deutschen Teilung werden von mindestens vier prägenden „diskursiven Strategien“[2] gekennzeichnet.

Negierung

Die alles bestimmende Strategie im Umgang mit „Armut“ ist die des Verneinens: Für die alte Bundesrepublik und die DDR lässt sich für den Zeitraum der Teilung eine Gleichgerichtetheit von Negierungs- und Verdrängungsmechanismen des Phänomens „Armut“ feststellen. Trotz aller Unterschiede en detail sind deutsch-deutsche Parallelen deutlich: Das Zugeben eines solchen Faktums stellte nicht nur wohlfahrtsstaatlich organisierten westlichen Gesellschaften ein schlechtes Zeugnis aus und deutete auf Lücken sozialer Sicherung hin; es hätte auf der anderen Seite auch Defizite sozialer Versorgung im Staatssozialismus offengelegt.

Im Unterschied zur DDR lässt sich nach bisherigen Untersuchungen für die Bundesrepublik ein Aufweichen dieser Negierung feststellen. Wurde der Begriff „Armut“ bis Ende der 1960er Jahre in wissenschaftlichen wie medialen Diskursen gezielt vermieden, taucht er in Überschriften von Zeitungsartikeln oder als Untersuchungsgegenstand von Forschungsarbeiten im Zuge allgemeiner gesellschaftlicher Wandlungs- und Liberalisierungsprozesse vermehrt auf. Als zentrale diskursive Ereignisse mit jeweils katalytischer Wirkung auf die Armuts-Thematisierung schälten sich die Diskussionen um die „Neue Soziale Frage“ (1975/76) sowie die Debatte um die „Neue Armut“ (1983-85) heraus. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die (Wieder-)Thematisierung in der Bundesrepublik mit den ersten Armutsberichten Ende der 1980er Jahre.

In der DDR dagegen lautete das vorherrschende Postulat bis 1989, dass es im eigenen Staat keine Armut gebe. Sozioökonomische Lagen der Unterversorgung im eigenen Land – quantitativ waren hiervon nach internen Untersuchungen 1970 etwa 30%, zum Ende der DDR ca. 20% der Bevölkerung betroffen[3] – wurden mit anderen Chiffren versehen und firmierten nicht selten unter negativen sozialen Zuschreibungen wie „Asozialität“, „Arbeitsscheu“ oder „Arbeitsbummelantentum“. Hierbei zeichnen sich im deutsch-deutschen Kontext verschiedene phasenverschobene Analogien ab, so mannigfache Transferprozesse wie etwa beim Nachziehen der DDR zu Fragen der Pädagogisierung, der Nutzung von Thesen der (angeblichen) Selbstverschuldung u.v.a.m.

Relativierung

Obwohl Armut in der Bundesrepublik wie der DDR gleichermaßen ausgeblendet wurde, unterlagen diese Mechanismen im Laufe der Teilung bestimmten Veränderungen. Wurden Armutslagen in der Bundesrepublik zwar insgesamt kommuniziert, so versuchten vor allem Regierungsverantwortliche dezidiert, ihr Vorhandensein zu marginalisieren und relativieren: Sowohl die SPD/FDP-Regierung in den späten 70er Jahren, als auch die christlich-liberale Koalition ab 1982 versuchten gezielt das Problem mit Hinweisen auf prekärere Zustände in der „Dritten Welt“ oder im sog. Ostblock zu relativieren. Armut wurde in jener Zeit zu einem klassischen Thema der Opposition.

Ebenso wie in der Bundesrepublik wurde Armut auch in der DDR gezielt exterritorialisiert. In der DDR gab es zeit ihrer Existenz immer wieder den Blick nach „drüben“. Negative Images[4] trugen dabei ganz entscheidend zur Abgrenzung und Aufwertung der DDR, zur Stärkung von Solidarität und Gleichgewicht („ideologischer Kitt“)[5] sowie der Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse im eigenen Land bei. Von unterversorgten Soziallagen im eigenen Land wurde konzentriert und je nach politischer „Großwetterlage“ durch Berichte über Armut in der Bundesrepublik, der USA, Chile u.a. abgelenkt.

Polarisierung

In beiden deutschen Staaten gab es vielfältige Parallelen bei der Beurteilung von Armen. Auch nach der Zäsur von 1945/49 existierten in deutsch-deutscher Perspektive vergleichbare mentale Beurteilungsschemata, wobei hier insbesondere auf die spätmittelalterlich-protestantische Tradition zurückgehende Trennung in „würdige“ (zumeist Rentner, alleinstehende Frauen, Kinder, Kriegsopfer) und „unwürdige“ Arme („Asoziale“, Obdachlose, z. T. Arbeitslose usw.) rekurriert wurde.

Besonders die „unwürdigen“ Armen wurden durch wiederkehrende Images v.a. „geistiger Armut“ definiert. (Pseudo-)Wissenschaftlich wurden – hier wie dort – mannigfache Versuche unternommen, bestimmte „Eigenheiten“ dieser Gruppe empirisch zu „beweisen“: Alkoholismus, Promiskuität (und als Folge davon Kinderreichtum), geistige und körperliche Labilität, häufiger Partner- und Berufswechsel, Unbeständigkeit, „Arbeitsbummelei“, geringe Planungsfähigkeit und Hang zur Spontaneität, geringe Intelligenz u.a. Mit dem Anwachsen einer fundiert-seriöseren Diskussion über Armut in der Bundesrepublik lässt sich eine allmähliche Abnahme solcher die Armen separierenden Argumentationsstrategien feststellen. In der DDR halten sich dergleichen Einteilungen – immer eng angelehnt an die klassische Unterscheidung zwischen den „lieben Armen“ und den „gefährlichen Lumpen“ – hartnäckiger; gleichwohl wurde durch gezielte Werbekampagnen in Zeitungen, Funk und Fernsehen beständig versucht, das soziale Image von „würdigen“ Armen aufzupolieren (insbesondere kinderreiche Familien, aber auch Rentner).

Personalisierung

Bei der Thematisierung von sozialen Randlagen ging es in beiden deutschen Staaten auch immer um das Kreieren eines Anti-Typs. Semantiken der Armuts(de-)legitimation dienten somit nicht zuletzt der Abschreckung. Solche Images von Armut machten bestimmte soziale Normen quasi verbindlich und mobilisierten eine Zustimmung in der breiten Bevölkerung gegenüber bestimmten, als negativ erachteten Verhaltensweisen. Sie erinnerten insbesondere die „Mitte“ an einen bestimmten Pflicht- und Arbeitsethos ebenso wie an die Wichtigkeit beständig-rechtschaffener Arbeit und versuchte somit, Arbeitsleistung zu mobilisieren. Personen, die diese Kriterien nicht erfüllten, wurden stigmatisiert und erfüllen somit – hüben wie drüben – die Funktion einer Negativfolie zum ehrbar-unbescholtenen Staatsbürger.

Images von Armut stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen und verhindern Auflehnungen gegen selbige (Durkheim[6]). Zu bestimmten Zeiten brauchen diese Ordnungen Negativbilder, und bestimmte soziale Images verteidigen in diesem Sinne „wünschenswerte Wirklichkeiten gegen rivalisierende alternative Wirklichkeitskonstruktionen“[7]. Welch entscheidende Prägekraft ein bestimmtes Image haben kann, zeigt ihr Einfluss bei Komprimierungen und Vereinfachungen. Durch ihre Verwendung kommt es nicht zuletzt auch immer zu einer „systemspezifische[n] Reduktion bzw. eine[m] systemverträglichen Aufbau von Komplexität“[8] zu Fragen sozialer Ungleichheit.

Ganz entscheidend abhängig vom jeweiligen „Sagbarkeitsregime“ (Foucault) stehen Images auch als Erfüllungsgehilfen der jeweiligen sozialstaatlichen Konfigurationen: Weder im „Wirtschaftswunderland“ der „alten“ Bundesrepublik, noch im Staatssozialismus der DDR durfte es „Armut“ geben. Tauchten dennoch soziale Problemlagen der (materiellen, kulturellen, geistigen) Unterversorgung auf, so mussten diese dissonanten Informationen in die vorhandene Vorstellungswelt offiziöser sozialstaatlicher Lesarten eingebettet werden. Am einfachsten und „systemverträglichsten“ geschah dies durch (1) eine Etablierung und damit Neuauflage der alten Unterteilung in „würdige“ und „unwürdige“ Armut; (2) als Resultat daraus in der Schaffung eines jeweiligen Anti-Typs, welcher den bundesrepublikanischen wie staatssozialistischen Moral- und Wertevorstellungen diametral entgegenstehen musste und schließlich durch (3) das Schüren von Angst.

Die schillernde Komplexität von Armutsvorstellungen in beiden deutschen Gesellschaften widerspiegelt sich in einem Paradoxon: Einerseits verkörpert Armut die Schattenseiten des Wirtschafts- und Sozialsystems und sollte daher möglichst aus dem (öffentlichen) Blickfeld verschwinden. Das Publikum erträgt zu keiner Zeit den Anblick von Armut, da es schmerzlich die eigene Bedrohung durch Arbeitslosigkeit, sozialem Absturz und Verarmung vor Augen hält. Gerade weil die regelmäßig wiederkehrende Thematisierung von Armut die Angst vor sozialer Deklassierung wachhielt, zerstörte sie so auch während der deutschen Teilung immer wieder die Illusion einer „heilen Welt“ und motivierte zu einer deutlichen Abgrenzung.

 


[1] Die Ausführungen sind entnommen aus dem laufenden geschichtswissenschaftlichen Dissertationsprojekt des Autors: „Zwischen Identität und Alterität. Soziale Images der „Armut“ in deutsch-deutscher Perspektive 1949-1989.“

[2] Schwab-Trapp, Michael: Kriegsdiskurse. Die politische Kultur des Krieges im Wandel 1991 – 1999, Opladen 2002, S. 57-60.

[3] Vgl. Manz, Günter: Armut in der „DDR“-Bevölkerung. Lebensstandard und Konsumtionsniveau vor und nach der Wende, (Beiträge zur Sozialpolitik-Forschung, Bd. 7), Augsburg 1992.

[4] Zum Begriff der sozialen Images vgl. Kleining, Gerhard: Über soziale Images, in: Glass, David V./ König, René (Hrsg.): Soziale Schichtung und soziale Mobilität, (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 5), Köln 1970, S. 144-170.

[5] Six, Ulrike: Vorurteile, in: Frey, Dieter/ Greif, Siegfried (Hg.): Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, Weinheim 41997, S. 365-371, hier S. 366.

[6] Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Neuwied 1973, S. 290.

[7] Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeiten der Images, in: Lischka, Gerhard Johann/ Weibel, Peter: Das Regime des Images. Zwischen mimischen Display und Corporate Branding, Wabern/ Bern 2003, S. 43-60, hier S. 56.

[8] Schmidt, Wirklichkeiten, S. 57-58.


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Kurzprofil

Christoph Lorke
Geboren 1984 in Querfurt
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der
Universität Münster
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