Deutscher Gewerkschaftsbund

06.08.2012

Die Rolle der Gemeingüter in den Städten

Die kontextuelle Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft

Häuser mit Paradiesschild

napri / photocase.com

Das Thema der Rolle der Gemeingüter in den Städten ist besonders geeignet, die Grundlagen einer kontextuellen Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft zu veranschaulichen, die zu einem Paradigmenwechsel in der Entwicklung der modernen Wirtschaftswissenschaft führen könnte. Dabei geht es um drei Fragen: Was kommt nach dem Wachstum? Welche Ökonomie benötigt die Postwachstums-Gesellschaft? Warum gehören Gemeingüter in die Städte?

Die Ursache der aktuellen Wachstumskritik liegt in einem historisch neuartigen Zusammentreffen von Klima-, Energie- und Finanzmarktkrise. Das Überschreiten der Grenzen des planetaren Ökosystems wirkt erstmals unübersehbar zurück auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Wirtschafts- und Sozialsystems im industriell entwickelten Norden. Dabei sind drei Schockgeneratoren auszumachen: Zum ersten setzt die Klimakrise absolute Grenzen für die Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre. Zum zweiten verweist die Energiekrise auf eine Globalisierungskrise, möglicherweise auch eine Systemkrise. Zum dritten besteht die faktische Strategie der Lösung der aktuellen Finanzmarktkrise in der Verschiebung des Verschuldungsproblems von der privaten in die öffentliche Sphäre.

In der deutschen Debatte lassen sich drei konzeptionelle Strömungen der Wachstumskritik unterscheiden (Adler und Schachtschneider 2010). Zum ersten Konzeptionen einer fundamentalen Systemkritik, die die Ursachen der ökologischen Krise im allgemeinen Herrschaftssystem, in der Produktion abstrakter Werte oder der Industrialisierung ausmachen sowie Perspektiven der Subsistenzproduktion oder des Ökosozialismus einnehmen. Zum zweiten Konzeptionen einer ökologischen Modernisierung im System, wie sie aktuell unter den Stichworten einer „Green Economy“ diskutiert oder auch von der evolutorischen Sozialökonomie vertreten werden. Unter der dritten Rubrik „Phasenwechsel mit offenem Ausgang“ können Positionen zusammengefasst werden, welche die Lösung der Frage „Systemimmanenz oder Systemtransformation?“ als sekundäres Ergebnis eines sozial-ökologischen Wandels sehen. Dazu gehören Ansätze einer reflexiven Modernisierung, einer Fokussierung auf die Re-Produktivität des sozial-ökologischen Systems, einer Marktwirtschaft ohne Wachstum und der Transformation in Richtung auf ein sozial-ökologisches Akkumulationsregime, wobei Teile der letzteren, regulationstheoretischen Schule auch der systemkritischen Strömung zugerechnet werden können.

Dilemmata fehlender Entkoppelung

Im Zentrum der aktuellen wachstumskritischen Debatte steht das Dilemma einer fehlenden Entkoppelung zwischen Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum. Auch wenn die deutsche Bundesregierung auf der Rio+20-Konferenz etwas anderes behauptete, kann von einer Entkoppelung zwischen diesen beiden Größen keine Rede sein: der absolute Ressourcenverbrauch der Industriestaaten ist seit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro in allen entscheidenden Bereichen nicht gesunken, sondern gestiegen. Der Ressourcenverbrauch wie auch die Emissionen von Treibhausgasen wachsen vielleicht etwas langsamer, aber immer noch mit Produktion und Einkommen, während eine absolute Entkoppelung, also ein Sinken der Werte, unter dem Aspekt ökologischer Nachhaltigkeit dringend erforderlich wäre. Vor diesem Hintergrund gibt es keine Begründung mehr für ein wirtschaftspolitisches „Weiter so“, das sich blind gegenüber den Umweltwirkungen des Wirtschaftswachstums zeigt. Aber auch Strategien, die nun auf ein „grünes“ oder „nachhaltiges“ Wachstum setzen, müssen sich kritisch fragen lassen, ob sie tatsächlich zu einem absoluten Rückgang des Ressourcenverbrauchs beitragen und die Umweltbelastungen wieder zurück in die „planetaren Grenzen“ bringen, die sie teilweise schon überschritten haben.

Ein starkes – und in gegenwärtigen Euro-Krise ist besonders virulentes – Argument für Wirtschaftswachstum ist der enge Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Erwerbstätigkeit: steigt das Wirtschaftswachstum, steigt auch die Erwerbstätigkeit und sinkt die Erwerbslosigkeit. Dieser Zusammenhang ist zwar von Land zu Land unterschiedlich stark, aber er existiert. In der Regel ist er in ausgeprägten Wohlfahrtsstaaten schwächer, als in Ländern mit schwachem Wohlfahrtsstaat. In allen Demokratien ist er aber zentral für die Legitimation der Politik, denn es ist üblich, dass Regierungen abgewählt werden, die einen starken Anstieg der Erwerbslosigkeit zulassen. Das muss auch eine Politik bedenken, die auf ein Konzept des „Postwachstums“ setzt.

Ein weiteres starkes Argument für Wachstum aus Sicht der politischen Klasse ist die enge Kopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen (bzw. Haushaltssaldo): nehmen Produktion und Einkommen einer Volkswirtschaft zu, steigen auch die Einnahmen aus Umsatz- und Einkommensteuer – und damit auch die Handlungsmöglichkeiten der Politik. Es gibt daher auch nur wenige Politiker, die diesen Zusammenhang entkoppeln wollen. Margaret Thatcher machte die Einführung einer Kopfsteuer, die praktisch ist von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Bürger unabhängig, zu einem ihrer zentralen Programmpunkte. Letztlich scheiterte sie an dieser vormodernen Politik.

Welche Ökonomie benötigt die Postwachstumsgesellschaft?

Eine politische Strategie, die den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft weisen soll, muss nicht nur die benannten Entkoppelungsdilemmata auflösen, sondern benötigt auch eine solide ökonomische Fundierung. Da ist zu allererst die Idee einer Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext. Ein relevanter Teil der aktuellen Debatte bezieht sich dabei auf das Werk The Great Transformationvon Karl Polanyi, der das Problem der liberalen Marktwirtschaft in ihrer „Entbettung“ aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen sah. Heutzutage verortet die moderne ökologische Ökonomie das Wirtschaftssystem als Subsystem des ökologischen Systems. Eine sozial-ökologische Transformation muss demnach die doppelte Aufgabe der theoretischen und praktisch-politischen „Wiedereinbettung“ der Ökonomie in Gesellschafts- und Ökosystem leisten. Diese Idee hat mittlerweile einen prominenten Platz in der wissenschaftlichen Politikberatung eingenommen.

Neuer Ökonomiebegriff

Im Zentrum einer Theorie der Postwachstumsgesellschaft wird ein neuer Ökonomiebegriff stehen, der wegführt vom Thema der individuellen Nutzenmaximierung hin zum Thema der kooperativen Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis. Damit wird auch die Abkehr vom Paradigma der „unsichtbaren Hand“ des Marktes verbunden sein. Es setzt sich immer mehr die Idee einer institutionellen Pluralität durch, die moderne Wirtschaftssysteme nicht in ein schlichtes zweidimensionales Schema von Markt und Staat presst.

Aus dieser neuen Sichtweise wird für eine Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft die Lösung der „Tragik der Allmende“ zentral. Laut neoklassischer Ökonomie ist die gemeinschaftliche Verwaltung von Gemeingütern nicht stabil. Der offene Zugang zu knappen Ressourcen wie Wäldern, Weideland und Fischgründen führe immer zur Übernutzung. Gerade weil sich die Nutzer ökonomisch rational verhalten und das auch von den anderen Nutzern erwarten, nutzen sie das Gemeindeland, solange es noch nutzbar ist. Entscheidend für eine Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft ist bei diesem (nur) scheinbar unlösbaren gesellschaftlichen Dilemma, dass das Nachhaltigkeitsproblem untrennbar mit diesem Kollektivgutproblem verbunden ist.

In der Logik der neoklassischen Ökonomie gibt es nur zwei stabile Lösungen für die Tragik der Allmende. Entweder die Allmende abzuschaffen - Grund und Boden, Naturressourcen allgemein zu privatisieren – das führe zu effizienten, wirtschaftlich rationalen Ergebnissen - oder die Allmende zu verstaatlichen, zumindest aber staatlich zu regulieren. Selbstorganisation jenseits des Marktes führe zu keinem stabilen Ergebnis. Die Forschungen der kürzlich verstorbenen Elinor Ostrom, erste Nobelpreisträgerin für Ökonomie, und ihres Netzwerkes zeigen jedoch ein anderes Ergebnis: Gemeingüter können sehr wohl erfolgreich gemeinschaftlich verwaltet werden! In ihrer polyzentrischen Sichtweise sieht sie moderne Wirtschaftssysteme aufgespannt zwischen vier statt nur zwei zentralen Güterbegriffen: Neben privaten Gütern, die die Grundlage für Marktwirtschaften bilden und öffentliche Gütern, für die der Staat zuständig ist, betrachtet sie Mautgüter und vor allem Gemeingüter, wie z.B. Grundwasserbecken, Seen, Bewässerungssysteme, Fischgründe und Wälder, die jenseits der orthodoxen Markt-Staat-Dichotomie funktionieren.

Die kontextuelle Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft

Elinor Ostrom arbeitete in ihren letzten Lebensjahren daran, ihre Theorie der gemeinschaftlichen Verwaltung von Allmendegütern auf breitere, verhaltenswissenschaftliche Grundlagen zu stellen. Dabei unterscheidet sie drei Analyseebenen zur Bestimmung der Bedingung der kooperativen Verwaltung von Gemeingütern: die Ebene des individuellen menschlichen Verhaltens; die Ebene des Mikrokontextes sozialer Dilemmata (wie der „Tragik der Allmende“) und die Ebene des sozio-ökologischen Kontextes. Sie entwickelte so einen eigenständigen Ansatz zu einer Kontextuellen Ökonomie im Sinne einer Mehrebenen-Theorie des kooperativen ökonomischen Verhaltens. Dieser Ansatz kann einen allgemeineren Geltungsanspruch erheben, als die neoklassische Ökonomie des homo oeconomicus, dessen kontext- und kommunikationsfreies Verhalten von vorneherein so konstruiert wurde, um die vermeintliche Überlegenheit jeder Marktlösung zu demonstrieren. Dabei ist der Begriff der Kontextuellen Ökonomie nicht neu, er wurde schon in den 1990er Jahren von Neva Goodwin und Martin Büscher verwendet, jedoch bekommt er mit Ostroms Ökonomie des Gemeingutes eine vollkommen neue Bedeutung. Es handelt sich bei Ostroms Ansatz um eine Kontextuelle Ökonomie der Postwachstumsgesellschaft, weil sie von vorneherein die nachhaltige Schonung und Reproduktion der Ressourcen durch gemeinschaftliches Handeln in das Zentrum ihrer Forschung stellt.

Individuelles Verhalten ist für Ostrom – wie für viele Kritiker des homo oeconomicus – von Normen geleitetes und lernendes Verhalten. Der Mikrokontext erfolgreicher Lösung sozialer Dilemmata – wie der „Tragik der Allmende“ – hängt nach den Ergebnissen ihrer Gemeingut-Forschung von acht Bedingungen ab:

  1. Die Nutzungs-Gruppen sowie die sozio-ökologischen Systeme sind klar voneinander abzugrenzen.

  2. Die Orte von Ressourcen- und Entscheidungssystem sowie von geleistetem Aufwand und erzielten Ertrag müssen übereinstimmen.

  3. Alle Nutzer des Ressourcensystems beteiligen sich an der Regelfindung.

  4. Der Zusammenhang zwischen individuell geleisteten Aufwand und erzieltem Ertrag wird überwacht.

  5. Regelverletzungen werden abgestuft sanktioniert.

  6. Es existieren Konfliktlösungsmechanismen innerhalb der Nutzungs-Gruppe.

  7. Der Staat muss zumindest minimale Organisationsrechte bei der Selbstverwaltung von Gemeingütern respektieren.

  8. Lokale Ressourcensysteme, die Teil größerer Ressourcensysteme sind, müssen nach dem Subsidiaritätsprinzip verwaltet werden.

Sind diese acht Bedingungen erfüllt, so lassen sich Gemeingüter sehr wohl gemeinschaftlich verwalten, wie die umfangreichen Fallstudien und Experimente des Forschungsnetzwerkes um Ostrom ergaben.

Zu den kritischen Variablen des breiteren und den Mikrokontext einschließenden sozio-ökologischen Kontextes gehören vor allem vier Themenkomplexe (Sauer 2012):

a)      Variablen, welche die Verfügbarkeit von Informationen beschränken, wie die Größe des Ressourcensystems, die Größe der Nutzungs-Gruppe, die Produktivität des Ressourcensystems sowie die  Voraussagbarkeit der Entwicklungsdynamik des Ressourcensystems.

b)      Die Normen und Präferenzen der Nutzer, die berücksichtigen, dass Normen und soziales Kapital von der Möglichkeit zur Kommunikation untereinander abhängig sind und die Kosten der Entscheidungsoptionen beeinflussen. Gruppenmitglieder, die leicht die Nutzung der Gemeinschaftsressource durch eine andere ersetzen können, sind in einer anderen Position, als Gruppenmitglieder, die nicht über diese Substitutionsmöglichkeiten verfügen. Andere Faktoren, welche die soziale Heterogenität und Machtasymmetrien innerhalb der Nutzungs-Gruppe vergrößern und sich negativ auf den Erfolg gemeinschaftlichen Handelns auswirken können, bestehen in einer ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen.

c)       Entscheidungsregeln, die erfolgreichem Gemeinschaftshandeln zugrunde liegen, profitieren sehr stark von Erfahrungswissen und Engagement bei der Verwaltung des Gemeingutes sowie auf dem Verständnis des sozio-ökologischen Systems.

d)      Als zentrale Variable ist schließlich die lokale Autonomie bei Regelsetzung und Entscheidungsfindung zu nennen.

Gemeingüter in den Städten

Elinor Ostrom und ihrForschungsnetzwerkhaben sich bei ihrer Forschung über die Lösbarkeit sozialer Dilemmata des Gemeinschaftshandelns vor allem auf die Untersuchung der Verwaltung traditioneller, vor allem ländlicher Gemeingüter konzentriert, wie Grundwasserbecken, Seen, Bewässerungssysteme, Fischgründe, Wälder. Daher stellt sich die Frage: Finden wir Gemeingüter auch in den Städten? Die Frage lässt sich mit Ja beantworten, denn auch in den Städten sind Themen wie Wasserversorgung und Landnutzung zentral, denken wir nur an Parks und städtische Wälder. Neuerdings spielen Themen wie Urban Gardening und Urban Agricultur in gemeinschaftlicher Nutzung eine zunehmende Rolle gerade in großen Städten. Carrot Cities und Hands-on Urbanism sind Themen von Ausstellungen, die weltweit große Beachtung finden. Es scheint so, dass traditionelle Gemeingüter, die vor allem dem ländlichen Kontext zugerechnet wurden, nun auch in die Städte einrücken. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass Treiber des städtischen Wachstums bislang die Vermarktung privater Güter und privaten Grundbesitzes im globalen Kontext einerseits sowie die Bereitstellung öffentlicher Güter und Infrastrukturen andererseits sind. Angesicht dieser marktgetriebenen Dynamik ist die zweite Frage, welche Rolle Gemeingüter beim Übergang von Städten zur Nachhaltigkeit spielen werden.

Diese Frage ist erst in Ansätzen systematisch untersucht. Hier soll ihr exemplarisch am Beispiel der schwedischen Stadt Växjö nachgegangen werden, eine Kommune mit 82000 Einwohnern im südschwedischen Småland, die sich stolz „Europas grünste Stadt“ nennt, seit sie in einem BBC-Bericht aus dem Jahr 2007 so bezeichnet wurde. Bekannt wurde Växjö, weil es der Stadt gelungen war, ihren CO2-Ausstoß innerhalb von wenigen Jahren überdurchschnittlich stark zu senken – in 16 Jahren um ein Drittel, ausgehend von einem bereits niedrigen Niveau von 4,6 Tonnen im Jahr 1993 auf drei Tonnen pro Einwohner im Jahr 2009. In diesem Zeitraum ging der CO2-Ausstoß für Wärmeenergie um 74% zurück und der für Elektroenergie um 51%.Der Block, in dem die geringsten Erfolge erzielt wurden, besteht aus dem Verkehr und dem Einsatz von Maschinen in der Produktion: dieser ist mittlerweile für 78% der drei Tonnen CO2-Austoß verantwortlich.

Es gibt zwei Ressourcensysteme, die Växjö als Untersuchungsgegenstand der Gemeingutforschung interessant machen: Das ist zum Einen der Wald, der einen Großteil der Gemeindefläche ausmacht und das sind zum anderen die 200 Seen, die sich auf dem Gebiet der Kommune befinden. Insbesondere die stadtnahen Seen Växjo und Trummen waren in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch die zunehmenden Abwässer von Bevölkerung und Industrie extrem verschmutzt und überdüngt. Fische konnten wegen Sauerstoffmangels dort nicht mehr überleben. Nachdem erste Versuche, industrielle und Haushaltsabwässer zu trennen, keine Verbesserung brachten, wurde in den sechziger Jahren das Problem eingehend ökologisch untersucht und 1970/71 zunächst der See Trummen von einer 60 cm dicken Schicht braunen und schwarzen Schlamms befreit, was zusammen mit umfangreichen Kanalisationsmaßnahmen zu seiner vollkommenen Restauration führte. Mittlerweile sind die Seen Trummen und Växjö wieder im besten ökologischen Zustand und beliebte Naherholungsziele der Bevölkerung geworden. Aktuell scheint sich auch die Kommune erneut für die Fortsetzung der Restaurationsarbeiten zu interessieren, weil Seegrundstücke an restaurierten Seen im Wert steigen und sich die Kommune, die einen Großteil dieser Seegrundstück besitzt, hohe Erträge davon verspricht.

Kommen wir zum Wald, der Växjö umgibt. Noch während der zweiten Ölkrise begann der kommunale Energieversorger VEAB sich nach Alternativen zur Verbrennung von fossilen Brennstoffen umzusehen und wurde bei den Abfällen der lokalen Holzindustrie, Hobelspäne und Sägemehl, fündig. 1980 wurde in Växjö das erste schwedische Fernwärmesystem in Betrieb genommen, dass auf der Verfeuerung von Biomasse der lokalen Forst- und Holzwirtschaft beruhte. Als Schweden 1991 eine CO2-Steuer einführte, war Växjö gut auf den vollständigen Umstieg auf Bioenergie vorbereitet. Mitte der 90er Jahre begann die Kommune eine Kooperation mit der Schwedischen Naturschutzgesellschaft, die in der Proklamation mündete, Växjö zu einer von fossilen Brennstoffen unabhängigen Stadt zu machen. Mittlerweile lautet das Ziel, bis 2015 eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 55% gegenüber 1993 zu erreichen (nachdem das 50%-Ziel 2010 nicht erreicht wurde) und um 100% bis 2030. Entscheidende Weichenstellung war die Inbetriebnahme des mit Holzabfällen gespeisten Blockheizkraftwerkes Sandvik II, das 1997 in Betrieb genommen wurde (und 2013 durch ein weiteres Kraftwerk ergänzt werden soll). Von vorneherein war die Genossenschaft der südschwedischen Waldbesitzer, SÖDRA, in das Projekt einbezogen. SÖDRA ist nun verantwortlich für die Lieferung der erneuerbaren Brennstoffe. Diese öffentlich-genossenschaftliche Partnerschaft bildet den Kern der Energiewende in Växjö und schließt die lokale Wertschöpfungskette. Unterstützt wurde diese lokale Energiewende von kompetenten Nichtregierungsorganisationen auf dem Gebiet der Ökologie und der örtlichen Linné-Universtität Växjö-Kalmar auf dem Gebiet der Ingenieurwissenschaften.

Mit dem Energykontor Sydost haben sich die Städte und Gemeinden der Landkreise Kronoberg (zu dem Växjö gehört), Kalmar und Blekinge eine flexible Plattform für den Sektor nachhaltiger Energien geschaffen, die sie bei der Beantragung von Fördermitteln unterstützen soll. Zugleich bündelt der Energykontor Sydost die Verbindungen zwischen Universitäten, Industrie und Kommune in den Sektoren Bioenergie als auch beim Bau von energieeffizienten Häusern. In beiden Sektoren sind im Landkreis Kronoberg inzwischen im nennenswerten Umfang neue Arbeitsplätze entstanden, allein im Bioenergie-Sektor 5000. Die lokale „grüne“ Industrie finanziert zwei Lehrstühle für die in den beiden Sektoren benötigten Technologien.

Das Beispiel Växjö zeigt: Die Gemeingüter Seen und Wälder können eine zentrale Rolle beim Nachhaltigkeits-Übergang von Städten spielen. Die Rückbesinnung auf das Gemeingut Seen auf dem Territorium von Växjö und deren Renaturierung bildete den Ausgangspunkt dieser Wende. Hier wurden erstmals Lernprozesse durchlaufen und Erfahrungswissen für das Management von lokalen Ressourcensystemen gesammelt, von dem die später einsetzende Energiewende vor Ort profitieren konnte, die das zweite lokale Ressourcensystem, den Wald, systematisch zu nutzen begann. Es wird auch deutlich, welch starke Rolle die Kommune und kommunale Unternehmen, wie der örtliche Energieversorger für die sozio-ökologischen Übergangsprozesse spielt. Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugen Energieträger haben. Wesentlich war außerdem die frühe Hinzuziehung wissenschaftlicher Expertise, zunächst von der Universität Lund im Fall der Seenrenaturierung und nun von der lokalen Universität auf den Gebieten der Bioenergie und Passivhaustechnologie.

In Bezug auf die oben genannten vier kritischen Variablenkomplexe des sozio-ökologischen Kontextes lässt sich für den Fall Växjö folgendes festhalten:

1. Im Zuge der Renaturierung der Seen und des Übergangs zu Erneuerbaren Energien in Växjö wurden die Verfügbarkeit von Informationen über die Größe, die Produktivität und die Entwicklungsdynamik dieser lokalen Ressourcensysteme systematisch und mit der Unterstützung von wissenschaftlicher und fachlicher Expertise erweitert. Hinzu kam, dass die lokalen Nutzungs-Gruppen von vorneherein klar definiert waren.

2. Die Normen und Präferenzen der lokalen Nutzungsgruppen haben sich im Übergangsprozess selber ständig zugunsten des sozio-ökologischen Wandels verändert. Besonders relevant war in diesem Zusammenhang der Lernprozess der mit der Renaturierung der Seen begann und in dem Zielformulierungsprozess für die lokale Energiewende in den 1990er Jahren kumulierte. Andererseits kann vermutet werden, dass die soziale Heterogenität und Machtasymmetrien im Rahmen des egalitären schwedischen Wohlfahrtssystems von untergeordneter Bedeutung waren und daher den Erfolg gemeinschaftlichen Handelns in der Kommune nicht ernsthaft behinderten (das wäre aber im Vergleich zu anderen Wohlfahrtssystemen noch zu überprüfen).

3. Die Entscheidungsregeln, die das erfolgreiche Gemeinschaftshandeln in Växjö unterstützten, profitierten im Fall der lokalen Energiewende sehr stark vom Erfahrungswissen, das die Kommune in der frühen Phase des sozio-ökologischen Wandels vor Ort erlangen konnte und das Verständnis der Gemeingüter erweiterte.

4. Schließlich ist als vierter förderlicher Faktor für den sozio-ökologischen Wandel vor Ort der hohe Grad der Autonomie zu nennen, über die schwedische Kommunen bei der Regelsetzung und Entscheidungsfindung verfügen.

 

Literatur

Adler, Frank; Schachtschneider, Ulrich (2010): Green new deal, Suffizienz oder Ökosozialismus? Konzepte für gesellschaftliche Wege aus der Ökokrise. München: Oekom Verl.

Sauer, Thomas (2012): Elemente einer kontextuellen Ökonomie der Nachhaltigkeit. Der Beitrag Elinor Ostroms. In: Thomas Sauer (Hg.): Ökonomie der Nachhaltigkeit. Grundlagen, Indikatoren, Strategien. Marburg: Metropolis (91), S. 135–160.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Thomas Sauer
Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena.
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