Deutscher Gewerkschaftsbund

10.08.2012

Commons als Alternative zum Neoliberalismus

Laub mit Schild

careaux mit o./photocase.com

Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist.
Friedrich Schiller, Sämtliche Werke 1-5 - Universalgeschichte

Am Anfang war die Einzäunung…

Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte von Trennungen. Sie fanden oft gewaltsam statt und haben einen Namen: Einhegung der Allmende (engl: enclosure of the commons). Wobei die Rede von der 'Einhegung' durchaus in die Irre führt, denn nicht das „hegen und pflegen“ ist gemeint, sondern das „einzäunen und trennen“. Getrennt werden die Menschen von den Dingen, die sie zum Leben brauchen. Früher wie heute sind das Zugang zu Grund und Boden, zu Energieträgern, Wasser, Saatgut, Wissen, Heilmitteln, Kultur, öffentlichem Raum und vielem mehr. Es sind die Dinge, die niemanden allein gehören - sollten.

Die klassische Einhegung - die Einzäunung des Landes - vollzieht sich seit  Hunderten von Jahren. Ihren Höhepunkt erlebte sie mit dem Beginn der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts. In unseren Gefilden kamen die so genannten Verkoppelungen oder Gemeinheitsteilungen erst Anfang des 20. Jahrhunderts zum Abschluss. Nur ein Rest der traditionellen Allmende existiert noch heute. Diese Rechtsform gemeinschaftlichen Besitzes und individueller Nutzung gilt als „mittelalterlich“, daher wird oft übersehen, wie ungemein beständig und anpassungsfähig sie ist und war.

Einhegungen wurden im Laufe der Geschichte immer wieder mit der Behauptung gerechtfertigt, der Mensch sei ein homo oeconomicus, also in erster Linie ein individueller Nutzenmaximierer und als solcher nicht prädestiniert gemeinschaftlich zu handeln: "Ein Mensch, der kein Eigentum erwerben darf, kann auch kein anderes Interesse haben, als so viel wie möglich zu essen und so wenig wie möglich zu arbeiten, schrieb der schottische Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith im Jahr 1776 in Natur und Ursachen von Nationalreichtümern. Tatsächlich aber ging es nicht wirklich um die Angst vor der Faulheit. 'Enclosures' waren im Prinzip eine Art Mega-Landreform von und für Oben. Gemeinschaftliche Landnutzungsformen wurden aufgelöst und der Ackerbau im erbrechtlichen Pachtsystem auf die für die Landlords profitablere Schafzucht umgestellt. Zu Beginn der industriellen Textilproduktion überfluteten in England „infolge der gewerblichen Nachfrage nach Wolle, die Schafherden der Grundherren die Commons,“ schreibt der Historiker Hartmut Zückert[1].

Diese Einhegungen (die sich bis heute oft unsichtbar fortsetzen) trugen erheblich dazu bei, die Wirtschaft und Gesellschaft durchzuprivatisieren, was bislang nicht verhindert hat, dass Bodenerosion, Holzeinschlag, Überfischung, Schwund der Artenvielfalt und vieles mehr bedrohlich zunehmen. Fast alle wichtigen Nachhaltigkeitsindikatoren entwickeln sich negativ. Dennoch gehört gerade die etwas holzschnittartige Idee, Privateigentum garantiere den sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen, zu den Grundkonstanten liberalen Denkens.

ihr folgte die Metapher

Das Menschenbild vom homo oeconomicus wurde im Jahr 1968 von Garrett Hardin noch einmal befeuert und dabei mit der Problematik gemeinsamer Ressourcennutzung verknüpft. In der einflussreichen Wissenschaftszeitschrift Science argumentierte Hardin unter dem vielzitierten Titel „The Tragedy of the Commons“, die Commons seien keine Lösung, sondern selbst das Problem. Hardin bringt eine Metapher ins Spiel, die sich in ihrer Schlichtheit „auf leisen Sohlen ins Gehirn“ (Lakoff) ganzer Generationen schlich und bis heute dort herumlungert. Es ist das Bild der Schäfer, die isoliert voneinander ihre Schafe auf eine gemeinsame Weide treiben. Jeder versuche dabei den eigenen Nutzen zu maximieren. Noch ein Schaf und noch eins und noch eins, „als seien die Schäfer dümmer als die Schafe“ (Paysan). Die Folge sei zwangsläufig die Übernutzung der Weide. Hardin zementierte seine Grundannahme, dass eine Tragödie bei gemeinsamer Ressourcennutzung unvermeidlich sei und schloss daraus: der beste Schutz vor Übernutzung der Ressourcen sei entweder die private Kontrolle (durch Eigentümer) oder die externe Kontrolle (z.B. durch den Staat).

Aus diesem Entweder-Oder-Schema, das die eigentlichen Nutzer_innen der Ressourcen entweder zum Befehlsempfänger degradiert oder ausgrenzt, hat sich das politische Denken bis heute nicht wirklich befreien können. Im Gegenteil: diese proprietäre Logik ist nicht nur in unser Denken, sondern auch in unsere Rechtsordnung eingegangen. Sie ist uns zur DNA geworden.

Der Hauptfehler Hardins war, die Allmende als Niemandsland zu begreifen; ein Schlaraffenland gewissermaßen, in dem sich jeder nach Gutdünken bedienen könne. Dabei beschrieb er in seinem Science-Beitrag keine Allmende, sondern ein sogenanntes Open-Access-Regime, das heißt den ungeregelten Zugang zu Ressourcen. Gerade die gemeinschaftliche und selbstbestimmte Regelung von Zugangs- und Nutzungsbedingungen ist aber für die Allmende/Commons charakteristisch. Und zwar überall auf der Welt. Das zeigt eindrücklich die historische wie aktuelle Commonsforschung. Wer den Unterschied zwischen der Essenz der Commons[2] und „open access“ als konkrete Form der Zugangsregelung übersieht, der wird auch facebook oder youtube mit einem Commons verwechseln.

...und die Abhängigkeit

Die höhere Produktionseffizienz, die den Einhegungen folgte, war begleitet von verschärften sozialen und finanziellen Abhängigkeiten, die mit zunehmendem Geldverkehr immer mehr wurden. Dies hat gerade in den 'entwickelten Industrieländern' dazu geführt, dass ohne Geld nichts mehr geht. Und Geld bekommt man entweder durch bezahlte Arbeit oder vom Staat. Wenn aber bezahlte Arbeit nicht verfügbar ist und staatliche Leistungen sich entweder ungerecht verteilen, dahinschmelzen oder zur Überschuldung ganzer Generationen führen, dann offenbart unsere Geldabhängigkeit ihr wahres Gesicht.

Auch die modernen Einhegungen (etwa die ausufernde Patentierung von Bausteinen des Wissens und des Lebens) gehen regelmäßig mit neuen Produktivitäts-, Wohlstands-, Freiheits- und Privilegienversprechungen einher. Sie wecken stets die Hoffnung, das auch unten etwas ankomme. In Teilen der Welt trifft dies zu; insbesondere da wo die ökosozialen Kosten der Wohlstandsproduktion nach anderswo verschoben werden. Denn wenn ich in einem deutschen Mediamarkt einen Flachbildschirm kaufe, dann erwerbe ich die Gemeinressourcen (common pool resources) der anderen. Wenn ich im Supermarkt den Einkaufskorb fülle, bringe ich Wasser, Boden und Biodiversität der Anbauregionen auf meinen Tisch.

Begriffliche Klärung tut not

Es ist wichtig, die beiden Begriffe Ressourcen und Commons/Allmende auseinanderzuhalten. Ressourcen sind frei. Sie kennen kein Eigentum und keine Staatsgrenze. Ressourcen wissen nicht, ob wir sie zum Leben brauchen oder nicht. Wir hingegen sind an die Nutzung von Ressourcen gebunden. Das alte Wort für Commons, Allmende, hat diese Bindung für uns bewahrt. Es setzt sich zusammen aus all(e) + gemeinde, so glauben zumindest die Sprachhistoriker. Der Begriff erfasst damit den Kern der Auseinandersetzung mit den Commons[3]: alle, die zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören und Ressourcen gemeinsam nutzen, müssen sich darüber verständigen, wie sie das tun. Sie müssen Regeln entwickeln, die intergenerationelle Fairness garantieren und sie müssen die Freiheit haben dies zu tun. Das wäre die Zielperspektive. Dass dies nicht immer gelingt, liegt auf der Hand. Auch „commoners“ nutzen im gegebenen System die Ressourcen der Anderen.

Nicht minder wichtig zu verstehen ist, dass der Commonsbegriff nicht an ein bestimmtes Eigentumsregime geknüpft werden kann. Anders ausgedrückt: Commons sind nicht dasselbe wie Gemeineigentum. Vielmehr gibt es de jure viele verschiedene Eigentumsformen, die individuelle Nutzung und gemeinsamen Besitz miteinander kombinieren. Commons sind zudem nicht zwangsläufig überall da, wo Gemeinschaften oder Netzwerke sind. Die Existenz derselben sind zwar notwendige, nicht aber hinreichende Bedingungen für das, was „Commoning“ genannt wird: den Aushandlungs- und Reproduktionsprozess der Commons selbst. In einem Satz: Commons sind nicht, sie werden gemacht. „There is no commons, without commoning“ (Peter Linebaugh).

Wie komplex der Aufbau und die Stabilisierung gelingender Commons-Institutionen ist, war Forschungsgegenstand der kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Sie hat über Jahrzehnte die Welt und die Forschungsliteratur durchkämmt und unzählige Praktiken analysiert, in denen es Menschen gelingt (oder auch nicht), kollektive Ressourcen miteinander zu nutzen und sie dabei zu erhalten. Dabei geht es wie oft angenommen nicht nur um kleine, eng begrenzte Ressourcensysteme, sondern auch um komplexe sozio-ökologische Systeme. Es geht nicht nur um das Land, sondern auch um die Stadt. Es geht nicht nur um Wasser, sondern auch um Kultur. Ostrom hat, mit ihren Kolleginnen und Kollegen so genannte Design-Prinzipien für gelingende Commons kristallisiert. Im Kern sagen sie Folgendes: je mehr Regeln der Ressourcennutzung von den Nutzern selbst vereinbart, permanent angepasst und kontrolliert werden können und je klarer die Grenze der Ressourcennutzung ist, umso wahrscheinlicher ist die nachhaltige und faire Bewirtschaftung von Gemeinressourcen. So zentral diese Erkenntnis auch erscheint, so häufig wird sie ignoriert. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, wie kollektives Handeln eigentlich funktioniert. Nicht umsonst heißt Ostroms Hauptwerk im Deutschen (anders als in der englischen Originalfassung) „Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Markt und Staat“[4]. Der wohlüberlegte Titel weist darauf hin, dass es sich bei Commons nicht um Dinge, Ressourcen oder einfach Güter handelt. Und schon gar nicht um ein vorwiegend ökonomisches Thema. Im Grunde geht es um die Verfasstheit der Gesellschaft selbst.

Die gegenwärtige eigentümliche Produktionslogik

Wie drängend das Thema ist, können wir täglich in den Nachrichten verfolgen. Tatsächlich erzeugt die gegenwärtige Art des Wirtschaftens mit ihrem Fokus auf den Schutz des Privateigentums einen systematischen Ausschluss von Menschen. Insbesondere die Bedürfnisse jener, die nicht über das nötige Kleingeld verfügen, spielen für den Markt keine Rolle. Und weil das so ist, weil die spätmoderne kapitalistische Gesellschaft systematisch Gewinner und Verlierer erzeugt und die Kluft zwischen beiden immer größer wird, konzentriert sich die politische Linke vor allem auf das Verteilungsproblem. Der Soziologe Hartmut Rosa findet das „unheilvoll“, da diese „Konzentration niemand anderem als dem neoliberalen Gegner in die Hände spielt und das unheilvolle Spiralsystem, welches jener betreibt, in Gang zu halten hilft“[5].

Unsere Produktionsweise ist darauf angewiesen, dass immer mehr Dinge, die ursprünglich gemeinsam genutzt und bewirtschaftet wurden, marktfähig werden. Selbst was sich mehrt, wenn wir es teilen: wie Ideen und Wissen wird mit denselben Instrumenten „eingefangen“ wie das, was tatsächlich geteilt werden muss. Die privateigentümliche Durchdringung aller Lebensbezüge im Dienste der Produktion für den anonymen Markt (der von immer weniger Akteuren kontrolliert wird) hat sich durchgesetzt. Beides erscheint uns selbstverständlich, obwohl die Logik der Produktion für den Markt immer auf Kosten anderer geht. Es kann immer nur einen Marktführer und einen Exportweltmeister geben! Die Beteiligung an dieser Form der Produktion ist auch in Gewerkschaften und Teilen der traditionellen Linken zum Garant für Existenzsicherung geronnen.

Eng verzahnt mit dieser Produktionslogik, hat sich in unserem Denken eingenistet, dass Zugang zu Lebensnotwendigem nur über Geld zu haben ist. Wer fragt, ob dies so sein muss, erntet ein verständnisloses: „Ja wie soll das denn sonst gehen?“ Schon im Ansatz erstickt die Erklärung, dass es auch Wohlstand durch Teilen und eine Logik der Fülle gibt, die sich den „knappheitsschaffenden Institutionen“ (Wolfgang Höschele) des kapitalistischen Marktes entzieht und die Dominanz der Geldlogik zurückdrängt.



[1]    Hartmut Zückert: Allmende ¨C Ein historischer Eigentumsbegriff, in Silke Helfrich und Heinrich Böll Stiftung: Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, transcript, Bielefeld 2012, S. 160.

[2]    Von den Nutzerinnen und Nutzern selbst bestimmt zu sein.

[3]    Ich nutze den Begriff der Commons im historischen Kontext analog zur Rechtsform der Allmende, darüber hinaus aber für alle Arrangements in denen Menschen selbstbestimmt über Ressourcen verfügen, die sie teilen.

[4]    Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Markt und Staat. Mohr Siebeck, 1999. (Engl. Titel  von 1990. Governing the Commons beyond Market and State).

[5]    Hartmut Rosa: Das Idiotenspiel, Le Monde diplomatique Nr. 9776 vom 13.4.2012.


Einige Beispiele:

  • Noch vor 70 Jahren hätten wir uns vermutlich kaum vorstellen können, dass einmal eine kleine und fast unbekannte Kommission wie die „Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels“[1] über die Eigentumsverhältnisse am Nordpol (und damit über eine Unmenge fossiler Bodenschätze) bestimmt. Dabei ist die Diskussion über die Frage, wem die Hohe See und wem die Arktis gehört jahrhundertealt. Unzählige Anträge der fünf Anrainerstaaten des Nordpolarmeers (Dänemark, Norwegen, Kanada, Russland und die USA) harren der dringenden Bearbeitung durch die Kommission. Die Staaten geben sich nicht mit den 200 Seemeilen zufrieden, über die sie nach dem UN-Seerechtsübereinkommen als „Ausschließliche Wirtschaftszone“ verfügen können. Sie beanspruchen das ausschließliche Nutzungsrecht (und damit zumindest auch die Schutzpflicht) über mindestens 350 Seemeilen und darüber hinaus. Deswegen lassen sie nun von ihren Geologenteams beweisen, dass ihre jeweiligen Festlandsockel weit ins Polarmeer hineinreichen: „erweiterter Festlandssockel“ heißt das Zauberwort. "Auf diese Weise können [sie] mit Hilfe des internationalen Rechts das Polarmeer wahrscheinlich nahezu restlos untereinander aufteilen. Sie können es sich sozusagen mit Hilfe geologischer Daten einverleiben. Denn der Meeresboden am Nordpol ist gebirgig und erlaubt die Interpretation, dass die Kontinentalsockel der angrenzenden Staaten sehr lange Ausläufer haben“, schreibt Gunnar Herrmann.[2] Russland hat am 2. August 2007 schon einmal vorsorglich, symbolisch und höchst medienwirksam eine Flagge auf dem Meeresgrund unter dem Nordpol gehisst. In mehr als 4000 Metern Tiefe.[3]
 
  • Noch vor 50 Jahren war der Begriff des „Geistigen Eigentums“ nur Experten geläufig. Heute empfängt mich die Garderobenfrau im Museum mit dem Satz: „Sie dürfen hier nicht fotografieren, wegen dem Geistigen Eigentum.“ Tatsächlich löste die Gründung der WIPO, der World Intellectual Property Organization' im Jahre 1967 die inflationäre Verwendung dieses Begriffs aus. Er trägt seither dazu bei, Patentrecht, Urheberrecht/Copyright und Markenrecht nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden und sich stattdessen abstrakt auf deren „dürftige Gemeinsamkeit“ zu beziehen, „die darin besteht, daß sie spezielle Machtzustände erzeugen, die gekauft und verkauft werden können.“ „Ein copyright-bezogenes Problem besteht beispielsweise darin, ob Musik-Tausch erlaubt sein sollte. Patentrecht hat damit nichts zu tun. Aber Patentrecht bringt die Frage auf, ob es armen Länder gestattet sein sollte, lebensrettende Medikamente zu produzieren und preiswert zu verkaufen, um Leben zu retten. Das Copyright hat damit nichts zu tun.“[4] Heute dient ein großer Teil der Patentanträge selbst nach Aussagen des Europäischen Patentamts in München eher der Sicherung von Marktmacht als dem Schutz von Erfindungen; und in Sachen Urheberrecht/Copyright werden Schlachten geschlagen, als ginge es um den Untergang des Abendlandes.
 
  • Noch vor 30 Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, dass Lebewesen patentiert werden. Das erste Patent auf Lebewesen wurde 1988 auf die so genannte Krebsmaus erteilt. Wissenschaftler der Harvard Medical School hatten eine gentechnisch veränderte Maus hergestellt, die besonders krebsanfällig war, nachdem ein Onkogen in ihr Erbgut eingeschleust wurde. (Merke: man schleust zwar nur ein Gen in Form eines DNA-Moleküls in die Maus ein, eignet sich aber den gesamten Organismus, der diesem Gen zur Wirkung verhilft, und seine sämtlichen zukünftigen Anwendungen gleich mit an. Das ist, als müssten Kinder eine lebenslange Abgabe an Pharmakonzerne bezahlen, weil sie unter der Wirkung eines Potenzmittels gezeugt worden sind. Und es ist wie in der Petroindustrie. Man fördert das Öl und eignet sich den Rohstoff selbst, zu dessen Entstehen der Förderer keinen Beitrag geleistet hat, gleich mit an. Mit welchem Recht?) Das amerikanische Patentamt gewährte den Patentschutz im Jahr 1988 mit dem expliziten Hinweis, „dass es sich um nicht-menschliches Tier handele“, erfahren wir aus der Wikipedia.
 
  • Noch vor 10 Jahren erschien die Warnung vor der Monopolisierung der Materie auf atomarer Ebene wie eine allzu blühende Phantasie von Technoskeptikern. Dabei beinhaltet der technikfixierte und (fleißig vom Staat geförderte) „Nanofuturismus“, durchaus den Glauben an die absolute Machbarkeit.Er zementiert die Grundannahme, dass der Mensch praktisch alles kontrollieren können, wenn er nur „den Beginn aller Kausalketten in der Hand hätte“[5]. Und dass genau das strategisch beabsichtigt ist, diagnostiziert einer der wichtigsten Beobachter der Entwicklung neuer Technologien, der Alternative Nobelpreisträger Pat Mooney. „Die Industrie kann heute recht einfach die Natur kontrollieren. Sie muss nur die so genannten Geistigen Eigentumsrechte über die 4 beziehungsweise  gut 100 Elemente kontrollieren“[6], resümiert er Ende Januar 2012 auf dem Thematischen Sozialforum im südbrasilianischen Porto Alegre. Es gibt heute einzelne Patente, die 33 Elemente der Periodentabelle betreffen, zum Beispiel das US Patent 5 897 945. Je „elementarer“ (im Wortsinn) ein Patent ist, umso mehr Bereiche der Ökonomie umfasst es. So funktioniert Kontrolle auf Nanoebene.

[1]    Die Festlandsockelgrenzkommission, ein Organ des Seerechtsübereinkommens, soll Empfehlungen über die äußere Grenze des Festlandsockels aussprechen. Sie stützt sich dabei auf die von den Küstenstaaten gewonnenen geographischen und geologischen Daten.
[2]    Gunnar Herrmann: Streit um den Nordpol. http://www.sueddeutsche.de/wissen/streit-um-den-nordpol-wem-gehoert-die-arktis-1.193244, Zugriff am 01. August 2012
[3]    Siehe auch: Auswärtiges Amt: 2000 Meilen unter dem Nordmeer, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/InternatRecht/Aktuell/070822nordpol_node.html vom 08.07.2011, Zugriff am 01. August 2012.
[4]    Zitiert nach: Richard Matthew Stallman: Meinten Sie "geistiges Eigentum"? Ein verführerisches Nichts, 2004, http://www.geistiges-eigentum.eu/meinten_Sie_geistiges_eigentum.php
[5]    Annette Schlemm: Risiken und Nebenwirkungen der Nanotechnig, 2010,  http://www.jenion.de/AS/nano4.htm, Zugriff am 01. August 2012.
[6]    Siehe: Rio+20. Nein zur geo-engineerten Grünen Ökonomie: Mitschrift eines Beitrags von Pat Mooney https://commonsblog.wordpress.com/2012/01/28/rio20-nein-zu-deren-geo-engineerten-grunen-okonomie/ (Zugriff am 01. August 2012)

Die Krisen und die Renaissance guter Ideen

Nun aber überschlagen sich die Krisen und es wird immer offensichtlicher, wieweit Markt und Staat der Gesellschaft ein Programm in die Rechtsordnung eingeschrieben haben, das vor allem Konkurrenz, Abhängigkeit vom Markt und Privateigentum sichert. Aber: die Entschärfung der damit verbundenen sozialen Konflikte ist mit Kosten verbunden. Auch die Aufgaben, um die sich der Markt nicht kümmert (öffentliche Daseinsvorsorge) bleiben kostenintensiv. Der Staat, der schon immer auch als Einheger der Commons fungierte, gerät zunehmend in die Handlungsunfähigkeit und unter Legitimationsdruck. Der Bedarf nach neuen Gesellschaftskonzepten jenseits von Markt und Staat brennt nicht mehr nur den Skeptikern des Bestehenden unter den Nägeln. Die Commons könnten ein solches Konzept sein. Wenn wir kurzschlüssige Vorstellungen vom Begriff der Commons zur Seite legen, wird dessen emanzipatorische Kraft hervortreten. Da ist etwa der Kurzschluß, Commons seien dasselbe wie gemeinsame Ressourcen, die als Güter (Naturkapital) betrachtet werden.

Commons sind mehr als gemeinsame Ressourcen, mehr als Güter. Sie entstehen durch Aneignung und Selbstermächtigung immer dann, wenn Menschen etwas für so wichtig halten, dass sie es als ihr Eigenes betrachten, sich darum kümmern und Verantwortung dafür übernehmen. Sie bestehen im Grunde aus drei Elementen, einer oder mehreren Ressourcen, den Menschen, die diese Ressourcen nutzen und dem Prozess des so genannten commoning (der regel- und normenbasiert ist).

Commoning kann man sich vorstellen wie einen kommunikationsintensiven Aushandlungsprozess darüber, wie geteilte Ressourcen so genutzt werden können, dass kein Nutzungsberechtigter ausgeschlossen ist und dass die Ressourcen weder über- noch unternutzt werden. Commons entstehen also aus einer sozialen Praxis, aus dem gemeinsamen Sorgetragen um etwas, sei es ein Gemeinschaftsgarten, ein Hackerspace oder eine genossenschaftliche Wohnform. Und 'Sorge-tragen'hat einen etwas anderen Zungenschlag als 'versorgt zu werden'.

Beim Commoning geht es um das Einüben von Gemeinschaftlichkeit. Das beginnt im Alltag, etwa in der Art wie wir lernen. Mein Sohn überraschte mich kürzlich mit der Aussage, dass sie als vierköpfige Arbeitsgruppe vor der Frage ständen, ob ihre abiturrelevante Projektarbeit einzeln oder getrennt bewertet werden solle. Diese Arbeit wurde monatelang gemeinsam und arbeitsteilig produziert und am Schluss genauso präsentiert. Zwei Mädchen und zwei Jungs haben lange zusammengearbeitet und mussten sich dann für einen Bewertungsmodus entscheiden: Bekommt jeder eine Note „für sich“ oder bekommt die Gruppe „eine gemeinsame“ Bewertung? Es kommt letztlich nicht auf das Ergebnis an, aber der Diskussions- und Reflektionsprozess samt der Notwendigkeit, zu einer von Allen getragenen Lösung zu kommen ist ein wunderbares Beispiel für Commoning.

In der gegenwärtigen Commons-Debatte bezieht sich der Begriff freilich umfassender auf kreative und oft dissidente Praktiken im Umgang mit Arbeit, Geld und Privateigentum, die über den Kapitalismus hinausweisen. Dass dabei produziert wird, ist offensichtlich. Allerdings sind es nicht unbedingt Waren für den Verkauf, sondern konkrete Problemlösungen und die Befriedigung der Bedürfnisse steht im Mittelpunkt. Das alles aber muss man auch wollen. Commons und Commoning sind daher auch eine Haltung. Vielleicht vergleichbar mit dem, was man in der Genossenschaftsbewegung „Genossenschaftsgeist“ nennt.

Commons-basierte Peer-Produktion

Derzeit ist eine Produktionsweise im Entstehen, die uns in die Lage versetzt, selbst sehr komplexe Dinge so herzustellen, dass sie gemeinsam genutzt werden können. Der Harvard-Ökonom Yochai Benkler hat dafür den Begriff Commons-basierte Peer-Produktion geprägt. In ihrer emanzipatorischen Idealform verwirklicht sich darin die Überwindung des Primats von Privateigentum und der Leitidee der Knappheit sowie die Loslösung aus der Abhängigkeit von Wohl und Wehe eines wachstums- und geldabhängigen Marktes. Auch wenn in einer kapitalistischen Umgebung Commons-basierte Peer Produktion nie ganz ohne Geld auskommt, kann sie doch Orientierung bieten für eine lebensdienliche und geldunabhängigere Produktionslogik. Und genau das tut sie: Wer diese Entwicklungen übersieht, wird den unfassbaren Erfolg von Wikipedia (der die klassische Art, Enzyklopädien zu produzieren längst „auskooperiert“ hat) nicht erklären können. Er wird nicht verstehen, wie ein Team von 12O Freiwilligen aus 10 Ländern unter Nutzung freier Webtools in nur drei Monaten (statt wie in der Autoindustrie üblichen zehn Jahren) ein Basismodell eines Rennwagens „produziert“, das 5-Sterne Sicherheitsstandard hat, 1,5 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbraucht, nicht zu warten ist und von jedem nachgebaut werden darf (sic!). Gibt's nicht? Gibt's doch! Das Projekt heißt Wikispeed[6] und dürfte dem Top-Down-Management der Autoindustrie gehörige Kopfzerbrechen bereiten. Es ist nicht das einzige Projekt, das materielle Güter nach dem „Wikiprinzip“ herstellt[7]. Allein 26 Open-Source Autoprojekte gibt es weltweit. Open Hardware und Open Design sind weitere Schlagwörter der Debatte.

Man kann also auch Hardware, Werkzeuge, Maschinen, Infrastrukturen und ganze Betriebe zum Commons machen. Dabei ist allerdings nicht die Frage der konkreten Organisations- und Eigentumsform entscheidend (die in der Diskussion über Genossenschaften, Kollektive oder von Belegschaften übernommene Betriebe oft überbetont wird), sondern entscheidend ist wofür produziert wird: Für den Gewinn oder für die Lösung von Problemen und die Befriedigung von Bedürfnissen? Und ebenso entscheidend ist, nach welchem „Betriebssystem“, nach welchen Prinzipien produziert wird. Hier lassen sich viele Brücken schlagen zum Diskurs und zur Praxis einer Vielzahl solidarischer oder gemeinwirtschaftlicher Ökonomien.

Commons-Basierte Peer-Produktion wird sich jedoch nur als sinnvoll erweisen, wenn es ihr tatsächlich gelingt, herrschaftskritisch zu bleiben und die profitorientierte Logik des Umgangs mit Ressourcen umzukehren. Derzeit werden endliche und damit in ihrer Nutzbarkeit begrenzte Ressourcen (Wasser, Land, Bodenschätze) dramatisch übernutzt, so als wären sie unbegrenzt verfügbar) und solche Ressourcen, die „mehr werden, wenn wir sie teilen“ (Ideen, Wissen) werden künstlich verknappt, so als wäre nicht genug davon da. Nur umgekehrt wird ein zukunftsfähiger Schuh daraus. 

Am Schluss steht eine radikale Demokratisierung

Soll die Logik strukturellen Ausschlusses aufgehoben und ein möglichst herrschaftsfreies Haushalten mit dem, was wir zum Leben brauchen, gestärkt werden, dann ist es hilfreich, „strukturelle Gemeinschaftlichkeit“ (Meretz) zu denken. Das individuelle Interesse steht dem Kollektiven nämlich nicht gegenüber, sondern es ist Teil eines Ganzen. Es ist zu verstehen, schreibt Stefan Meretz „dass die eigenen Bedürfnisse nur dann berücksichtigt werden, wenn die Bedürfnisse der anderen ebenfalls in den gemeinsamen Aktivitäten aufgehoben sind.

Freilich sind Commons nicht automatisch radikal-demokratisch, aber sie sind Ermöglichungsstrukturen für Orte relativer Autonomie, Räume kreativer Entfaltung und Prozesse der Selbstermächtigung. Darin liegt ein schier endloses Potential, die jeweils herrschenden Regeln immer wieder aufzubrechen, die Grenzen unserer „mentalen Infrastrukturen (Welzer) zu durchlöchern und unsere individuelle Freiheit zu erweitern.

Denn die herrschenden (Spiel-) Regeln selbst sind das Problem. Es geht daher am Kern der Sache vorbei darauf zu beharren, dass erst einmal die Spielchancen gleich verteilt werden und jede_r gleich viele Männchen im Spiel hat. Vielleicht bekommt man für einen Zug ein paar zusätzliche Männchen, aber  im nächsten Spielzug wandern sie wieder ab nach Rumänien und im übernächsten weiter nach China. Das Spiel selbst ist „idiotisch und ungesund“ und macht „über kurz oder lang alle zu Verlierern“, schreibt Rosa, da es nicht nur Gewinner und Verlierer erzeuge, „sondern zugleich die zugehörigen Muster von Angst und Begehren als psychische Antriebsenergien. Das Spiel selbst bestimmt, worauf die Akteure hoffen, wovon sie träumen und wovor sie sich fürchten. [...] Auch solche, die schon 20, 40 oder 400 Männchen im Ziel haben, werden weiter [...] spielen, auch wenn es sie selber ruiniert, sie spielen, auch wenn es ihre Familien zerstört, ihre Kinder in den Selbstmord oder Burnout treibt, die sozialen Bande untergräbt, die ökologischen Grundlagen unseres Lebens vernichtet.“ Recht hat er. Es ist höchste Zeit, das Suchtpotential des kapitalistischen Betriebssystems zu erkennen: Immer mehr Infrastruktur, mehr Wachstum, mehr Produktivität, mehr Effizienz, mehr Anteil am Weltmarkt. Aber auch mehr Erschöpfung.

Weil Commons Aushandlungs- und Entscheidungsfreiräume sind und die Entscheidungen über das Ziel der Ressourcennutzung umfassen, beinhalten sie tendenziell auch neue, substanziellere Formen der Demokratie. Das ist eine ihrer wesentlichen Stärken. Und wie sonst wäre der zunehmenden Schwächung der Parlamente und der aufgeblähten autoritären Macht ökonomischer Eliten (von denen die politischen Eliten abhängen) zu begegnen?

Der Staat wird uns deshalb vor dieser Macht und vor diesem „Idiotenspiel“ nicht bewahren. Er spielt nämlich mit. In der Commonsbewegung ist das weitgehender Konsens. Sie ist durchaus staatskritischer als es bei der traditionellen Linken oder in den Gewerkschaften der Fall sein mag. Sie setzt auf ein „Jenseits von Markt und Staat“ (was nicht unbedingt ohne Markt und Staat bedeutet[8]), und sie konzentriert sich dabei auf die Frage, welche institutionellen und strukturellen Bedingungen für ein gelingendes Leben und für eine lebensdienliche Wirtschaft erfüllt sein müssen.

Wo immer Menschen die Angelegenheiten, die für ihr unmittelbares Lebensumfeld von Bedeutung sind, selbst in die Hand nehmen, kann das Konzept der Commons als Analyseinstrument herangezogen werden, auch wenn die Menschen selbst diesen Begriff nicht verwenden.

 
Dieser Beitrag ist lizenziert unter einer Creative Commons Lizenz: BY-SA 2.0
 


[6]    http://wikispeed.com/

[7]    Alle dürfen beitragen und alle dürfen nutzen, Code und Design liegen offen und sind zum kopieren freigegeben.

[8]    Um diesen Punkt wird durchaus heftig gestritten.



Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Silke Helfrich
Freie Publizistin und Mitbegründerin der Commons Strategies Group.
Lebt und arbeitet in Jena.
» Zum Kurzprofil