Deutscher Gewerkschaftsbund

08.08.2012

Die Deutsche Arbeitsfront, ihr Konzern und der Untergang der gewerkschaftsnahen Genossenschaftsbewegung

Der 2. Mai 1933 ist ein tiefer Einschnitt in der Geschichte der Gewerkschaften. Zum Schicksalstag wurde dieses Datum aber auch für die Genossenschaften und Unternehmen der Gewerkschaften – die zahlreichen Wohnungs- und Bauproduktivgenossenschaften, die Konsumgenossenschaften, die Volksfürsorge, die Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, die Büchergilde Gutenberg und die gewerkschaftseigenen Verlage und Druckereien sowie vieler weiterer Unternehmen. Sie alle hatten ab 1919 einen starken Aufschwung genommen und waren auch besser als die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise Ende 1930 gekommen. Nach dem 2. Mai 1933 gingen sie in den Besitz der Deutschen Arbeitsfront (DAF) über.

Mit der räuberischen Aneignung der gewerkschaftsnahen Unternehmen wurde die Zerschlagung der Gewerkschaften abgeschlossen und den proletarisch-sozialistischen Milieus zentrale institutionelle Halterungen genommen, wodurch deren Zerfall massiv beschleunigt wurde. Darüber hinaus beseitigte die DAF alle Mitbestimmungsrechte und Partizipationsmöglichkeiten der vordem gewerkschaftlichen bzw. gewerkschaftsnahen Unternehmen. Vor allem die Genossenschaften waren den Nazis ein Dorn im Auge, weil diese als Schulen einer basisnahen Demokratie, mit weitreichenden Rechten der Teilhabe der „Genossen“, den Gegenpol zu Führerprinzip und der Entmündigung breiter Bevölkerungsschichten markierten. Noch 1933 gingen deshalb die DAF-Führung, andere Nazifunktionäre und ihre konservativen Verbündeten in den Reichsministerien unverzüglich daran, den Genossenschaften ihren genossenschaftlichen Kern zu nehmen, sie (wie NS-freundliche Ministerialbürokraten formulierten) zu „entsozialisieren“.

Die Neuausrichtung der Wirtschaft mit Gewerkschafts- und Genossenschaftsvermögen

Die Genossenschaften wandelten sie in ‚normale’ Aktiengesellschaften oder GmbHs um und stellten sie damit den etablierten privatwirtschaftlichen Unternehmen gleich; Mitbestimmungsrechte gab es nicht mehr. Gleichzeitig machte die Führung der Arbeitsfront aus den zahllosen, dezentral entstandenen gewerkschaftlichen Unternehmen und gewerkschaftsnahen Genossenschaften eine Art Holding, die vom Umsatz her 1941/42 ungefähr die Dimensionen des damals weltgrößten Chemiekonzerns, der IG Farbenindustrie, erreichte und mit etwa zweihunderttausend Arbeitern und Angestellten fünfzigtausend Arbeitnehmer mehr beschäftigte als der Siemens-Konzern.

Aus den vielen gewerkschaftsnahen Wohnungsgenossenschaften wurden ab Ende 1938 regionale, zentralistisch gelenkte Neue Heimat-Gesellschaften. Aus dem Verband Sozialer Baubetriebe, in dem seit 1920 die genossenschaftlichen Bauhütten zusammengefasst waren, entstand die zentral geführte Deutsche Bau AG, die innerhalb weniger Jahre zu den großen Bauunternehmen - wie Hochtief oder Holzmann - aufschloss. Die Konsumgenossenschaften nahm die Arbeitsfront erst Anfang 1941 endgültig in ihren Besitz, um sie zu unter dem Namen „Deutsches Gemeinschaftswerk“ zu einer profitablen Einzelhandelskette für Nahrungsmittel mit einem Marktanteil von etwa zehn Prozent zu machen. Die „Bank der Deutschen Arbeit“, wie das vormalige Geldinstitut des ADGB seit Ende 1933 genannt wurde, überflügelte an Größe bis 1942 die Commerzbank und war nach der Deutschen und der Dresdner Bank das drittgrößte Geldhaus des Reiches. Der Versicherungskonzern der DAF war, mit der Volksfürsorge als Kern, nach der Allianz der zweitgrößte in Deutschland und Europa. Nach dem Verlag der NSDAP (Eher Nachf.) besaß die Arbeitsfront mit der Büchergilde Gutenberg den zweitgrößten Verlagskomplex des Dritten Reiches; nach 1939 erhielt sie mit der von ihr geleiteten Zentrale des Frontbuchhandels de facto ein Monopol über die Belieferung der Millionenheere deutscher Soldaten. Die Büchergilde bestand unter ihrem alten Namen weiter und belieferte die Mitglieder nun mit seichter Unterhaltungslektüre und NS-Propaganda.

Indem die DAF die übernommenen gewerkschaftlichen Unternehmen derart umbaute bzw. gänzlich neu ausrichtete, verstand sie sich als ein Instrument des NS-Regimes, das eine Massenkonsumgesellschaft förderte - allerdings nur für politisch konforme und „rassenreine“ deutsche „Volksgenossen“. Auch zu diesem Zweck baute die Arbeitsfront mit ehemaligen Gewerkschaftsgeldern ab 1938 das heutige Volkswagenwerk in Wolfsburg (damals: KDF-Stadt) auf. Ähnlich megalomane, gleichfalls fordistisch organisierte Werke plante die Organisation zur Produktion von Volkskühlschränken und Volkstraktoren. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges begann sie ein Werften-Imperium aufzubauen, das Schiffe in großer Zahl für die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KDF) bauen sollte. KDF wiederum war die größte Suborganisation der Arbeitsfront. Statt KDF-Schiffen bauten oder reparierten die DAF-Werften seit 1939 dann Kriegsschiffe; und das von KDF für einen modernen Massentourismus errichtete „Bad der Zwanzigtausend“ in Prora auf Rügen blieb eine riesige Bauruine, die heute noch zu besichtigen ist. Mit der Angliederung mitteleuropäischer Länder an das Dritte Reich ab 1938 und der Besetzung weiter Teile Kontinentaleuropas durch die Wehrmacht seit Herbst 1939 setzte die Arbeitsfront ihr Werk der Zerstörung genossenschaftlicher Strukturen gewerkschaftlicher Unternehmen und Einrichtungen auch außerhalb der Grenzen des deutschen „Altreiches“ fort.

Große Einheiten vs. basisnahe Genossenschaften

Nach 1945 sind dezentrale, gewerkschaftsnahe Genossenschaften – die deren Protagonisten vor 1933 auch als zentrale Elemente einer friedlichen „Sozialisierung von unten „ verstanden hatten – und damit auch die für eine funktionstüchtige Demokratie so wichtigen, basisnahen ‚Schulen der Demokratie’ dauerhaft nicht wieder erstanden. Führende Mitglieder des DGB und die leitenden Manager der den Gewerkschaften rückerstatteten Unternehmen und Genossenschaften erlagen der Faszination großer ökonomischer Einheiten. Dass sie damit weiter einen Weg beschritten, den die Deutsche Arbeitsfront 1933 eingeschlagen hatte, war ihnen scheinbar das kleinere Übel, als aufwendig eine Vielzahl von basisnahen, lokalen Einheiten wieder zu gründen. Der Crash des Neue-Heimat-Konzerns und der Coop AG Anfang der achtziger Jahre war für den DGB nicht allein ökonomisch eine Katastrophe. Er beschädigte zudem die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften in volkswirtschaftlichen Fragen nachhaltig.

Den in Deutschland starken genossenschaftlichen Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung bereiteten bereits NS-Regime und Arbeitsfront de facto ein Ende. Dass sie nach 1945 in der Bundesrepublik nicht wieder erstanden – und in der DDR letztlich zum Opfer einer zentralistischen Kommandowirtschaft wurden – , ist durch moderne technische Entwicklungen wie den PKW und den Kühlschrank begünstigt worden, da diese den Stellenwert der Verbrauchergenossenschaften zurücktreten ließen. Zudem trug eine genossenschaftsfeindliche Legislative und Exekutive in der Bundesrepublik das Ihre dazu bei, den Niedergang der Genossenschaften zu beschleunigen. Das Rabattgesetz vom 21. Juli 1954 knüpfte ziemlich nahtlos an das entsprechende Gesetz vom 25. November 1933 an, wenn es die Höhe der erlaubten Rabatte auf drei Prozent beschränkte. Bis 1933 hatte die Ausschüttung angesparter Rabatte am Jahresende in Höhe von oft zehn Prozent und mehr vielen einkommensschwachen Arbeiterfamilien die Finanzierung lang geplanter Anschaffungen erlaubt. Trotz Kühltruhe und Auto war der Niedergang der Genossenschaftsbewegung kein zwangsläufiger Prozess, wie der Blick in Länder zeigt, die nicht von der NS-Diktatur okkupiert wurden (Skandinavien, Schweiz etc.). Es war der staatsterroristische Akt vom 2. Mai 1933, der hier vollendete Tatsachen schuf.

Mit der von Terror begleiteten Zerstörung der Genossenschaftsbewegung in den Kernlanden Europas ab 1933 bzw. 1938 – neben dem Deutschen Reich vor allem Österreich – verschwanden auch politisch-ökonomische Alternativen, die mikro- und ebenso makroökonomisch neue Perspektiven weisen können. Das war und ist fatal, angesichts eines neoliberal entfesselten Kapitalismus, von dem behauptet wird, er sei alternativlos, der jedoch immer sichtbarer an seine Grenzen stößt.

 

Wer sich ausführlicher darüber informieren möchte, welche Bedeutung die Epochenzäsuren 1933 und 1945 für die Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung hatten, vor allem aber, welche Entwicklung die gewerkschaftlichen Unternehmen während der NS-Herrschaft nahmen, sei verwiesen auf: Rüdiger Hachtmann, Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront, Göttingen: Wallstein 2012.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann
Geboren am 3. Februar 1953 in Celle
Projektleiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
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