Deutscher Gewerkschaftsbund

22.08.2012

Wachstum – ein leidiges Thema?

Baum vor Beton

giftgruen / photocase.com

Der „Transformationskongress“, den der DGB, der Deutsche Naturschutzring und Einrichtungen der evangelischen Kirchen Anfang Juni 2012 zusammen organisiert haben, hat es in seinen acht Workshops erneut gezeigt: Auch wenn man „Wachstum“ nicht direkt zum Gegenstand der Diskussionen macht, das Thema schwingt fast immer mit wenn grundsätzliche wirtschafts- und gesellschaftspolitische Probleme erörtert werden. Und die Antwort auf die Frage „wie hältst Du es mit dem Wachstum?“ markiert im Grunde immer zentrale Positionen, die dann für viele strategische Überlegungen, die bei der Gestaltung der Transformation der Gesellschaft eine Rolle spielen, von entscheidender Bedeutung sind.

Wachstum wird in der politischen und in der wissenschaftlichen Debatte wie auch in den Medien noch immer fast ausschließlich auf das Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP) bezogen. Alle Diskussionen der letzten dreißig Jahre, die eine Ersetzung des rein quantitativen Wachstums durch Konzepte eines qualitativen Wachstums einforderten, sind hier bislang praktisch wirkungslos geblieben. Wenn der herkömmliche Wachstumsbegriff aber einer der wichtigsten, wenn nicht gar der bedeutsamste Indikator für wirtschaftlichen Erfolg ist, dann kommt jede politische Strategie zu einer gesellschaftlichen Transformation in große Legitimationsschwierigkeiten, wenn sie nicht unmittelbar verspricht, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Ein Politiker, der eine Ökonomie der Genügsamkeit propagieren würde, läuft eben Gefahr, den zentralen Erfolgsindikator – wenn er denn nicht verändert wird – negativ zu beeinflussen, und wird deswegen befürchten, mit einer solchen Strategie seine eigene Abwahl zu riskieren.

Das Wachstums- und Wohlfahrtsversprechen

Auf der anderen Seite kann aber auch gerade eine Politik, die unbeeindruckt Wirtschaftswachstum als gesellschaftlichen Erfolg verkündet, ein Problem der Glaubwürdigkeit bekommen – dann nämlich, wenn das Wachstum bei einem großen Teil der Bevölkerung gar nicht mehr als Einkommenssteigerung ankommt, wenn die Einkommensverteilung in einem wirtschaftlich prosperierenden Land zunehmend ungleich wird. In diesem Fall stimmt die Gleichung, dass Wirtschaftswachstum mit gesellschaftlicher Wohlfahrt gleichzusetzen sei, schon allein aus Gründen der Reichtumsverteilung nicht mehr. Dies war mit der entscheidende Grund dafür, dass der französische Präsident Sarkozy 2008 eine Kommission berufen hat, die dann ein Jahr später Konzepte zu einer alternativen Art der Wohlfahrtsmessung vorgelegt hat. Die Überlegungen, die eine solche Alternative auch politisch erwünscht erscheinen lassen, haben bislang zwar die Fragwürdigkeit der Eignung des BIP als Wohlfahrtsmaß weitgehend bestätigt, die Dominanz der Idee des Wachstums konnten sie bislang nicht brechen: Die gängige Interpretation der Vorstellung einer „green economy“ besteht nach wie vor darin, dass die so begrünte Wirtschaft dann das BIP weiter wachsen lässt.

Das führt zunächst zur Frage, welche prinzipiellen Einstellungen zur Frage des Wirtschaftswachstums derzeit in der Diskussion vorhanden sind. Im Grunde lassen sich vier sehr unterschiedliche Haltungen unterscheiden:

  1. Eine klassisch-traditionelle Sicht setzt das Ziel des Wirtschaftswachstums nach wie vor als höchste Priorität und als Voraussetzung, um aus den Erträgen des Wachstums ökologische und soziale Fortschritte bezahlen zu können.

  2. Die bereits genannte Strategie des „grünen“ Wachstums will Impulse vor allem in den grünen Wirtschaftsbereichen setzen und erhofft dort so starke Wachstumsimpulse, dass eine weitere BIP-Steigerung möglich sei.

  3. Kritiker des BIP-Konzepts sehen es in der Regel für unerheblich an, ob im Rahmen einer ökologisch-sozialen Transformation die Wirtschaft – gemessen am BIP – wächst oder schrumpft, da dieser Indikator zu wenig über die Wohlfahrt eines Landes aussagt; erforderlich sei eine entschiedene ökologisch-soziale Transformation, die die Gesellschaft vom Wirtschaftswachstum unabhängig machen könne.

  4. Befürworter einer Postwachstumsstrategie halten eine – zum Teil deutliche – Absenkung der Höhe des BIP in entwickelten Industrieländern für erforderlich, um das Ziel der nachhaltigen Ökonomie in den Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit des Planeten überhaupt erreichen zu können.

Nun ist das Unbehagen an einer tendenziell alle Lebensbereiche durchdringenden Wirtschaftsweise keineswegs neu. Aber die klassische Kritik am Versagen des Marktes trifft in jüngster Vergangenheit auf multiple Krisen, die sowohl die virtuelle Ökonomie im Bereich der Finanzmärkte als auch die reale Ökonomie durch die dramatische Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen dieser Erde umschließt. Genau dies führt zu dem Ruf nach einer umfassenden Transformation der kapitalistisch orientierten Wirtschaft, die sowohl die Naturvergessenheit des Marktes reparieren soll, die eine gerechte Einkommensverteilung sicherstellen soll und die die Finanzmärkte wieder an den Bedürfnissen der realen Ökonomie ausrichten soll. Das wird kaum möglich sein, ohne das Thema Wirtschaftswachstum und seine vielfältigen Folgen zentral in den Blick zu nehmen. Denn es ist bisher völlig unklar, wie ein BIP-Wachstum vereinbar mit dem politischen Ziel einer Begrenzung der maximalen Klimaerwärmung auf zwei Grad gemacht werden könnte oder dem Ziel der Beendigung des Artenverlustes. Völlig ungeklärt ist weiter, wie das Wirtschaftswachstum vom Ressourcen- oder Flächenverbrauch abgekoppelt werden kann. Das Wirtschaftswachstum, so scheint es, bietet nicht mehr die über Jahrzehnte versprochenen Lösungen zum Wohlergehen der Gesellschaft, vielmehr untergräbt es sie teilweise - oder es fällt in den alten Industrienationen als empirisches Phänomen immer häufiger sogar einfach aus, obwohl alle Anstrengungen unternommen werden, es herbeizuführen – siehe die Vereinigten Staaten von Amerika. Zudem wird unterschätzt, dass immer mehr finanzielle Mittel aufgebracht werden müssen, um auch nur den bisherigen Lebensstandard in den Industrienationen zu halten. Diese „defensiven Kosten“ sind Ausgaben, die nötig sind, um eingetretene Schäden oder Verluste im Bereich der gebauten Infrastruktur, des Naturkapitals und auch des Humankapitals auszugleichen.

Was ist Wohlfahrt?

Diese Situation bietet neue Chancen einer öffentlichen Diskussion darüber, was die Kernelemente gesellschaftlicher Wohlfahrt sein könnten – unter den sich verändernden ökologischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Ein Vorschlag dafür bietet die Zusammenstellung der Komponenten, die bei der Berechnung des alternativen „Nationalen Wohlfahrtsindex“ (NWI) aufgenommen wurden:

  • Der NWI geht von der Basisgröße „Privater Verbrauch“ aus. Dieser Ausgangspunkt beruht auf der Annahme, dass der Private Verbrauch – der Konsum von Gütern und Dienstleistungen durch die Haushalte – einen positiven Nutzen stiftet und damit zur Wohlfahrt beiträgt.

  • Aufgrund der wohlfahrtstheoretischen Überlegung, dass ein zusätzliches Einkommen für einen armen Haushalt eine höhere zusätzliche Wohlfahrt stiftet als für einen reichen Haushalt, wird der Private Verbrauch mit der Einkommensverteilung gewichtet. Je ungleicher verteilt das Einkommen einer Gesellschaft ist, desto niedriger ist – unter sonst gleichen Bedingungen – der NWI.

  • Dann wird die nicht über den Markt bezahlte Wertschöpfung durch Hausarbeit und Ehrenamt einbezogen. Die Entscheidung, diese Formen der Wertschöpfung im BIP nicht zu berücksichtigen, war bereits zur Zeit der Konzeptbildung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kontrovers diskutiert worden.

  • Sechs Indikatoren bilden zusätzliche soziale Faktoren ab, wobei einerseits Wohlfahrt stiftende Ausgaben des Staates für Gesundheit und Bildung addiert, andererseits Kosten etwa von Kriminalität oder Verkehrsunfällen abgezogen werden.

  • Ökologische Faktoren werden durch weitere neun Variablen erfasst: Ausgaben zur Kompensation von Umweltschäden, Schadenskosten aufgrund unterschiedlicher Umweltbelastungen und Ersatzkosten für den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen.

Es ergibt sich nun das Bild, dass das BIP nahezu kontinuierlich steigt, während der NWI seit der Jahrtausendewende in der Tendenz wieder deutlich abfällt. Verantwortlich für das Sinken des NWI sind insbesondere die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung und die negativen externen Effekte im Umweltbereich, deren quantitativ größter Posten die Ersatzkosten für den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen darstellen. Positive Faktoren, insbesondere der Wert der Hausarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeiten, die ebenfalls zunehmen, können dies nicht ausgleichen. Interessant ist auch, dass sich BIP und NWI während der Wirtschaftskrise 2008 bis 2010 gegenläufig verhalten.

Die Frage nach der „realen“ Wohlfahrt eines Landes kann vermutlich nie ganz „objektiv“ beantwortet werden. Aber die unterschiedlichen Entwicklungen von BIP und NWI machen doch evident, dass herkömmliches Wachstum mit Wohlfahrt nicht gleichgesetzt werden kann. So eröffnet der NWI die Chance, andere Quellen des Wohlstands und der Wohlfahrt zu erkennen und zu stärken: eine gerechtere Einkommensverteilung, die Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit, die Wertschöpfung durch ökonomische Aktivitäten, die nicht über den Markt vermittelt werden, schließlich die Minderung von Umweltbelastungen und die Absenkung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen. Eine Politik, die sich an diesen Zielen orientieren würde, würde das alternative Wohlfahrtsmaß NWI steigern – aber es wäre nicht sicher, wie bei einer entsprechenden Politik das BIP reagieren würde. Das gilt insbesondere dann, wenn sich eine solche Politik nicht in erster Linie darauf konzentrieren würde, Wachstumspotentiale in „grünen“ Wirtschaftssektoren zu identifizieren, sondern wenn sie mit hoher Priorität Anreize für eine Veränderung des Lebensstils in Richtung auf das Ziel einer (materiellen) Genügsamkeit befördern würde.

Ökonomie der Genügsamkeit

Dieser Punkt ist auch im Workshop zur Energiewende beim Transformationskongress angesprochen worden, denn die Politik in der Bundesrepublik Deutschland kümmert sich bislang in erster Linie um die Steigerung der Effizienz bei der Verwendung von Energie für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Über Fragen der Veränderung des Lebensstils auf der individuellen Ebene, geschweige denn über eine „Ökonomie der Genügsamkeit“ auf gesamtwirtschaftlicher Ebene wird allenfalls in Randbemerkungen und Fußnoten gesprochen. Aber für eine komplette Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energien bis zur Mitte des Jahrhunderts wird es nicht reichen, Suffizienz nur zur Bewältigung des ungeliebten Restes der Transformation zu betrachten, der durch Effizienzsteigerungen nicht zu bewältigen ist, und Suffizienz dann noch unter dem Stigma einer Forderung nach Verzicht und Entsagung zu führen. Suffizienz ist mehr als das, was an Effizienz (noch) nicht leistbar ist, denn die sogenannten Rebound-Effekte sind sehr verbreitet: Bleibt das Leitbild des Wachstums unverändert intakt, dann leistet man sich eben an anderer Stelle mehr, wenn bestimmte Dinge effizienter bewältigt werden können – und der Netto-Effekt von Effizienzsteigerungen kann dadurch stark verringert, wenn nicht gar kompensiert werden.

Ein Diskurs über die Transformation einer reichen Industriegesellschaft könnte daher einmal – versuchsweise – von einer umgekehrten Prioritätensetzung ausgehen und zunächst einmal mögliche Grenzen des Konsums, Veränderungen des Lebensstils, auf volkswirtschaftlicher Ebene eben eine „Ökonomie des Genug“ thematisieren – um von da aus dann den „Rest“, was an Reduktionszielen durch Einsparungen nicht erfüllt werden kann, durch Effizienzsteigerungen in Angriff zu nehmen. Dies hätte gerade auch für die ökonomische Theorie weitreichende Folgen, denn dies würde bedeuten, in der politischen Planung Abschied zu nehmen vom Gedankenkonstrukt des Homo Oeconomicus, dieses gefräßigen Wesens, das niemals ganz satt und zufrieden ist.

In der  modernen ökonomischen Theorie ist diese Wende längst vollzogen, in der real existierenden Grundausrichtung der (Wirtschafts-)Politik ist dies noch nicht angekommen, aus Angst vor ungeliebten Assoziationen. Das Trauma der „5 DM pro Liter Benzin“-Programmatik ist nach wie vor virulent.

Suffizienz muss daher mit anderen Wohlstandsmodellen verbunden werden: mit Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Benutzerfreundlichkeit von Produkten, mit ästhetischer Qualität, mit der Befreiung von unnützem materiellen Ballast, mit der Verringerung des Bedürfnisses nach Ersatz-Konsum für die mangelnde Zufriedenheit mit dem Arbeitsleben – eben durch eine Veränderung in Richtung auf „gute Arbeit“; alle, wirklich alle diese Elemente sind längst bekannt. Sie funktionieren noch immer nur zum Teil. Es bedarf sicher auch einer neuen Sensibilität für die Einflussstrategien der Industrie und der Medien über die Werbung, über die Vermittlung von Lebensentwürfen in den Vorabendserien im Fernsehen. Und es bedarf eines Umschwungs „vom Reden zum Tun“: eine Umstellung auf Ökostrom, die Umschichtung von Geldanlagen nach den Kriterien des ethischen Investments, ein Wechsel zu regional orientierten Banken, der Kauf von Kaffee und Tee ausschließlich nach Fair Trade Standards, und, sofern der Verzehr von Fleisch gewünscht wird, eine sorgfältige Information über die Herstellbedingungen. All dies lässt sich mühelos und ohne große Probleme verwirklichen. Transformation beginnt im Kleinen, und die dringend notwendige Diskussion über Wachstum könnte an eben diesen Punkten ansetzen.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Hans Diefenbacher
Stellvertrender Leiter der FEST (Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft) in Heidelberg
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