Deutscher Gewerkschaftsbund

24.05.2013

Gedruckte Zeitzeugen der „Machtergreifung“

Über die Berliner Ausstellung „Die Gleichschaltung der Gewerkschaftspresse“

In der ver.di-Ausstellung werden Titelseiten und ihre Überschriften und Artikel zu Zeitzeugen, die davon berichten, wie die ADGB-Gewerkschaften vor der Machtergreifung 1933 die Nationalsozialisten bekämpften, aber auch unterschätzten, wie sie nach den Reichstagswahlen im März 1933 zwischen Widerstand, Resignation und Anpassung schwankten.

Ein Konterfei von Karl Marx neben einem Beitrag „zum 50. Todestage des großen Sozialisten“. Und drei blonde junge Männer in der typischen Ikonographie der Nationalsozialisten, von denen einer als stilisierter Arbeiter einen Hammer über der Schulter trägt und den Arm zum „Hitlergruß“ reckt. Zwei Illustrationen von Titelseiten deutscher Gewerkschaftszeitungen aus dem Jahr 1933. Zwischen den beiden Ausgaben aus den Monaten März und September liegt nur knapp ein halbes Jahr – und die Zerschlagung der freien deutschen Gewerkschaften.

Es sind gerade diese kleinen Querverweise und Bezüge mit viel Symbolkraft, die die Ausstellung „Die Gleichschaltung der Gewerkschaftspresse“ in der MedienGalerie Berlin des Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie von ver.di Berlin-Brandenburg für die Besucher beeindruckend machen. Gut zwei Dutzend Titelseiten von Zeitungen der Gewerkschaften des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) haben die Ausstellungsmacher vom ver.di-Archiv zusammengetragen. Die Ausstellung ist Teil des Berliner Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“, das mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und Ausstellungen zeigt, wie sehr die Machtergreifung der Nationalsozialisten vor 80 Jahren die kulturelle, religiöse, politische und gesellschaftliche Vielfalt in Berlin und ganz Deutschland zunichtemachte.

Titel und Aufmacher vor der Gleichschaltung

Die Exponate sind naturgemäß vor allem eines: textlastig. Anders als Ausstellungen, die mit Gemälden, Skulpturen, Foto- oder gar Filmmaterial arbeiten können, standen die Macher der Ausstellung in der MedienGalerie vor der Herausforderung, schwarz-weiße Textblöcke mit wenigen Bildern und Illustrationen so auszuwählen und zusammenzustellen, dass sie trotzdem für sich selbst sprechen und die Besucher mit wenigen Blicken den historischen Kontext und die Aussage des jeweiligen Exponats erfassen. Das ist gelungen. Denn die Ausstellung beschränkt sich ausschließlich auf die Präsentation von Titelseiten – und die mussten schon damals mit klaren, plakativen Überschriften oder symbolstarker Bebilderung für sich selber sprechen können.

In der ver.di-Ausstellung werden diese Titelseiten und ihre Überschriften und Artikel so zu Zeitzeugen, die davon berichten, wie die ADGB-Gewerkschaften vor der Machtergreifung 1933 die Nationalsozialisten bekämpften, aber auch unterschätzten, wie sie nach den Reichstagswahlen im März 1933 zwischen Widerstand, Resignation und Anpassung schwankten und wie schließlich nach der Erstürmung der freien Gewerkschaftshäuser durch die Nationalsozialisten am 2. Mai 1933 auch die Gewerkschaftspresse endgültig gleichgeschaltet wurde.

Für all diese Phasen vor und nach der Gleichschaltung der Gewerkschaftspresse wurden Zeitungstitel, die die Einstellung und Stimmung innerhalb der damaligen deutschen Gewerkschaftsbewegung deutlich machen, treffend ausgewählt. Gerade die Schlagzeilen der Titelseiten wirken dabei oft wie symbolhafte Überschriften historischer Kapitel. Zum Beispiel wenn die „Einigkeit“, das Organ des Verbandes der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter und Vorläufer der noch heute erscheinenden „Einigkeit“ der NGG, nach den Reichstagswahlen 1933 ihre Titelseite in großen Lettern schlicht mit der Frage überschreibt: „Was nun?“ Oder wenn „Der Grundstein“, das Wochenblatt des Deutschen Baugewerkbundes und Vorgänger des noch heute erscheinenden „Grundstein“ der IG BAU, schon im Juli 1932 „Schlagt Faschismus und Reaktion“ titelt und ein Drittel seiner Titelseite für eine Karikatur reserviert, die Hitler zeigt, der in einer Schatzkiste die geraubten Gelder der Arbeiterschaft sammelt. Oder auch, wenn die nach Mai 1933 erfolgte völlige Gleichschaltung durch eben nichts deutlicher wird, als durch die übergroße Sütterlin-Schlagzeile „Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer“ auf der Titelseite des „Korrespondent“, der ehemals stolzen Zeitung des Verbandes deutscher Buchdrucker – einer der ältesten deutschen Gewerkschaftsorganisationen.

Mehr Gewerkschaftsgeschichte auf einen Blick ist kaum möglich

Reizvoll an der Ausstellung sind aber auch die „Exoten“ unter den Exponaten. Vor allem die, die zeigen, wie einige deutsche Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auch nach der Gleichschaltung weiter mit gewerkschaftlichen Publikationen Widerstand leisteten. Auch bei diesen „Zeitungen“ hat gerade die Gestaltung der Titelseiten Symbolkraft: So sind die präsentierten Ausgaben der im Exil hergestellten Publikationen „Hakenkreuz über Deutschland“ (1934, herausgegeben von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation ITF) oder „Die Schiffahrt“ (1935, herausgegeben von Exil-Mitgliedern des Gesamtverbandes der Seeleute, Binnenschiffer und Hafenarbeiter Deutschlands) keine professionell gesetzten und gedruckten Zeitungen mehr, sondern mit handgezeichneten Illustrationen versehene Schreibmaschinenseiten: Die Infrastruktur der freien deutschen Gewerkschaftspresse, die in der Weimarer Republik mit Dutzenden Zeitungstiteln und einer Gesamtauflage von über sechs Millionen Stück eine erhebliche Medienmacht hatte, war zerstört. Stimmen des Widerstands wurden aber immer noch über die Grenzen ins deutsche Reich geschmuggelt.

Manche der präsentierten Exponate der Ausstellung wirken mit dem Wissen von heute zudem wie konzentrierte Destillate bedeutender historischer und gewerkschaftspolitischer Ereignisse ihrer Zeit. Für gewerkschaftshistorisch Interessierte ist beispielsweise die bereits eingangs erwähnte Titelseite mit dem Marx-Konterfei ein faszinierendes Fundstück: Die Ausgabe von „Der Deutsche Eisenbahner“, Verbandszeitschrift des Einheitsverbands der Eisenbahner Deutschlands, thematisiert am 12. März 1933 auf nur einer Seite nicht nur den 50. Todestag von Marx – sondern auch den acht Jahre zurückliegende Todestag Friedrich Eberts, den Reichstagsbrand und die darauf folgenden Notverordnungen der Nationalsozialisten, die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 sowie die Betriebsratswahlen von 1933, bei denen die freien Gewerkschaften sich vor der Machtergreifung letztmals deutlich gegen die Kandidaten der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) durchsetzen konnten. Mehr arbeiter-, gewerkschafts- und zeitgeschichtliche Zeugnisse auf einen Blick sind kaum möglich.

Am historischen Ort

Die präsentierten Titelseiten ergänzt die Ausstellung mit kurzen, knappen und gut verständlichen Texttafeln, die jeweils den historischen Kontext erläutern und die Exponate nach den historischen Phasen gliedern – von Konfrontation gegenüber dem erstarkenden Nationalsozialismus, über Anpassung bis hin zu Gleichschaltung und Widerstand. Die Ausstellung findet zudem selbst an einem Ort statt, dessen Historie für die Ausstellungsthematik treffender nicht sein könnte: Die MedienGalerie Berlin des ver.di-Landesbezirks befindet sich im „Haus der Buchdrucker“, das auf einen Beschluss des Verbandes der Deutschen Buchdrucker von 1920 hin eingerichtet wurde und unter anderem die Redaktion der bereits erwähnten Zeitschrift „Korrespondent“ beheimatete. Gerade dieser historisch eigentlich äußerst passende Ausstellungsort ist aber auch ein Makel der Ausstellung. Denn das „Haus der Buchdrucker“ beherbergt heute auch die Beratungsstellen der Erwerbslosen- und Rentenberatung zweier ver.di-Ortsvereine. In den zweckdienlich eingerichteten Räumlichkeiten mit Besprechungstisch hören Ausstellungsbesucher in den Beratungszeiten fast zwangsläufig Beratungsgespräche über Einsprüche gegen Bescheide des Jobcenters oder der GEZ mit. Das mag einen authentischen Eindruck über einen bestimmten Aspekt gewerkschaftlicher Basisarbeit vermitteln, ist aber sicher weder für die Ausstellungsbesucher noch für die mit sehr intimen Problemen Beratungssuchenden eine angenehme Situation.

 

Ausstellung „Die Gleichschaltung der Gewerkschaftspresse“:

Noch bis zum 28. Juni 2013 im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt - Berlin 1933-1938“ in den Räumen der

MedienGalerie Berlin

Dudenstraße 10, 10965 Berlin

www.mediengalerie.org

Öffnungszeiten:

montags und freitags 14 - 16 Uhr

dienstags 17 - 19 Uhr

donnerstags  14 - 19 Uhr


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Kurzprofil

Timm Steinborn
Geboren am 30. Juni 1980 in Düsseldorf.
Freier Journalist und Medienberater.
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