Deutscher Gewerkschaftsbund

12.12.2012

Das deutsche Rentensystem im internationalen Vergleich

Auf Platz 12 von 18!

Hat die PISA-Studie der OECD, die die Schülerleistungen von 15jährigen im internationalen Vergleich maßen und bewerteten, in Deutschland im Jahre 2000 einen Schock bewirkt, der das morsche dreigliedrige Schulsystem in Deutschland an den Reformpranger stellte, könnte die internationale Studie "MELBOURNE MERCER GLOBAL PENSION INDEX 2012“ (1), die jetzt im vierten Jahr erscheint, einen ähnlichen Reformschub bewirken.  Schließlich spiegelt diese internationale Studie ein für das deutsche Rentensystem peinliches  Ergebnis.

Die Rentenreform-Debatte ist in Deutschland bereits eröffnet, was aber die deutschen Mainstream-Medien nicht daran hinderte, diese internationale Studie vornehm zu übersehen. Offensichtlich kommt sie ungelegen - man fragt sich, warum wohl. Eine Sättigung, was internationale Vergleichsstudien anbelangt, kann es nicht sein, steht doch die OECD-Studie PIAAC (2) nächstes Jahr vor der Veröffentlichung, in der das Lebenslange Lernen in Deutschland  mit den OECD-Staaten verglichen wird (3). Die Tatsache, dass ein international tätiges privates Consulting-Unternehmen wie MERCER diese Studie publizierte, kann es auch nicht sein, wurde doch der MERCER GLOBAL PENSION INDEX 2012 von wissenschaftlich renommierten Partnern mitverfasst wie das "Australien Centre for Financial Studies" (ACFS), ein Non-Profit-Consortium der Monash University, eine unter den acht  angesehensten Universitäten Australiens,  und mit der RMIT University (dem Royal Melbourne Institute of Technology) und der FINSIA (Financial Services Institute of Australia).

Die Kriterien der MERCER-Studie

Im MERCER GLOBAL PENSION INDEX 2012 wurde die Altersversorgung im Hinblick auf ihre Angemessenheit (40 %), Nachhaltigkeit (35 %) und Integrität (25 %) untersucht und bewertet. Dabei wurden nicht nur die staatlichen Rentensysteme berücksichtigt, sondern auch die ergänzende betriebliche Altersversorgung. Unter dem Kriterium "Angemessenheit" wurden die derzeit gewährten Versorgungsleistungen und einige Charakteristika wie Versorgungsniveau, steuerliche Anreize und Sparquote untersucht und mit 40 % gewichtet. Das Kriterium Nachhaltigkeit, gewichtet mit 35 %, untersuchte, ob und wie weit das gegenwärtige System in Zukunft aufrechterhalten werden kann. Hier spielten Faktoren wie Rückdeckung, Finanzierung, Demographie, Staatsverschuldung und flexible Arbeitszeitmodelle für ältere Beschäftigte eine Rolle. Der Subindex "Integrität" mit  der Gewichtung von 25 % stellte auf die Bereiche der Privatvorsorge ab und untersuchte, wie beständig und "vertrauenswürdig" das Vorsorgesystem ist. Hier fanden staatliche Aufsicht, Governance, Risikosteuerung und Kommunikation Berücksichtigung.

Bei der Gewichtung könnte bereits die Kritik einhaken, wenn man bedenkt, dass der Index "Angemessenheit", der die materielle Versorgungsleistung enthält, nur zu 40 % gewichtet wird, während demgegenüber zu 60 % makro-politökonomische Faktoren bewertet werden. Man könnte auch das zu einem Viertel gewichtete Subkriterium „Integrität“ der privatisierenden Globalisierung geschuldet sehen. Jedenfalls nimmt es nicht Wunder, dass Deutschland im Vergleich zum Vorjahr ein wenig nach oben gerutscht ist und sich vor Frankreich geschoben hat: Bei der Notwendigkeit privater Vorsorge, Stichwort Riester-Rente, hat Deutschland zweifelsohne Wettbewerbsvorteile, während Frankreich bei den aktuellen Versorgungsleistungen (im Kriterium "Angemessenheit" berücksichtigt) an zweiter Stelle steht - Deutschland erst auf dem zehnten Platz.

Doch sehen wir uns die Ergebnisse etwas näher an: Im direkten Vergleich der Rentensysteme in 18 ausgesuchten Ländern, darunter die wichtigsten Industriestaaten, liegt Deutschland auf dem blamablen Platz 12. Asiatische Länder wie Singapur und China und Südkorea liegen dahinter, Japan und Indien sind die Schlusslichter. Den Spitzenplatz nimmt Dänemark ein, gefolgt von den Niederlanden und Australien. Schweden, die Schweiz und Großbritannien liegen auch noch vor Deutschland. Wieso stehen die Rentensysteme – und beschränken wir uns auf die beiden ersten -  in Dänemark und den Niederlanden an der Spitze? Einige Rahmendaten illustrieren das: In Dänemark (4) wie in Holland (5) steht das Rentensystem auf drei Säulen, der steuerfinanzierten Grundrente, einer betrieblichen Altersrente, von Unternehmen und Beschäftigten gemeinsam finanziert, und der privaten Vorsorge. Die über Steuern finanzierte Volksversicherung „AOW“ in Holland und die Volksrente „Folkepension“ in Dänemark stellt die erste Säule dar, die beide auf dem Wohnsitzprinzip basieren und das soziale Minimum (am Mindestlohn orientiert) abdecken. Zum Beispiel sind alle Einwohner der Niederlande im Alter zwischen 15 und 65 Jahren im Prinzip AOW-berechtigt. In Dänemark ist die Volksrente als Pauschbetrag festgelegt (2009 betrug die volle Grundrente 705 €, die volle Rentenzulage 709 €). Die zweite Säule ist die betriebliche Rentenversicherung: In Dänemark tarifvertraglich vereinbart (Branchen-)Fondsgestützt (Arbeitgeber 8,4 % und Arbeitnehmer 4,2 % Beitrag) plus eine obligatorische Arbeitsmarkt-Zusatzrente ATP, die vom Arbeitgeber mit etwa 24 € und Arbeitnehmer mit 12 € finanziert werden. In den Niederlanden werden die Betriebsrenten-Beiträge als Lohnbestandteil durch die Sozialpartner ausgehandelt. Dadurch haben rund 91 % der Arbeitnehmer Rentenansprüche über Betriebsrenten aufgebaut, um mit den beiden Renten etwa 70 % des letzten Einkommens erzielen zu können. In Dänemark beträgt das relative Bruttorentenniveau 80 % des durchschnittlichen Arbeitsentgelts, das relative Nettorentenniveau liegt sogar bei 90 % (6). Auch wenn in beiden Ländern – wie in der EU -  der Druck auf die Finanzierung sozialer Leistungen wächst - ein Rentensystem besteht, das die deutsche Reformdiskussion beflügeln könnte.

Empfehlungen

Die Agentur Mercer gibt den Spitzenreitern liberale Ratschläge auf den Weg: Beide Länder sollten  die Sparquote der Haushalte und den Beschäftigungsgrad älterer Arbeitnehmer erhöhen, aber auch für größeren Schutz der eingezahlten Rentenbeiträge bei Insolvenz der Fonds bzw. der Unternehmen sorgen. Die Dänen sollten Regelungen bei Scheidung einführen, um „die Interessen beider Parteien zu schützen“,  die Holländer ein Mindesteintrittsalter einführen, um klarzumachen, „dass die Leistungen der Rente vorbehalten sind“.

Für das deutsche Rentensystem stellt die Studie ebenfalls darauf ab, dass weitere wirtschaftsliberale Reformen nötig seien, um den "Herausforderungen einer alternden Gesellschaft besser gerecht zu werden und im weltweiten Vergleich bestehen zu können". So werden insbesondere technokratische Verbesserungen in folgenden Bereichen vorgeschlagen:

  • die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer weiter zu erhöhen,

  • die betrieblichen Versorgungsleistungen ganz oder zu einem wesentlichen Teil in Form einer lebenslänglichen Rente zu gewähren,

  • die Arbeitnehmer über die erreichten Leistungen der betrieblichen Altersversorgung fortlaufend zu informieren.

  • Die Mindestrenten für Niedriglohn-Rentner anzuheben verbleibt innerhalb der bestehenden Rentensystem-Grenzen, wie auch der völlig unzureichende Diskussions-Vorschlag der SPD (7).

Allerdings schlägt die Studie bezeichnenderweise selbst rentensystem-immanente soziale Verbesserungen nicht vor, wie:

  • die Rentenformel einzufrieren, um ein weiteres Absinken der Rente zu verhindern und

  • dies gegenzufinanzieren durch eine geringe Erhöhung des Beitragssatzes (8);

  • die Rente - wie in Frankreich - mit einem Bonus von 10 % für die Erziehungszeiten von mindestens 3 Kindern zu erhöhen, um zusätzliche Anreize zur Familienförderung zu geben.

  • Das Rentensystem zu öffnen für alle Beschäftigten, indem die Beitragsbemessungsgrenze aufgehoben, ersatzlos gestrichen, wird.

Der letzte Punkt könnte auch über die aktuelle Diskussion hinausweisen in die Richtung, das deutsche 2-Säulen-Modell (Rentenversicherung & private Vorsorge wie Riester-Rente) in ein 3-Säulen-Modell, wie es die in der Mercer-Studie führenden Länder haben, mit einer steuerfinanzierten, wohnsitzorientierten Grundrente zu untermauern, und dabei branchenbezogene tarifvertragliche Betriebsrentenregelungen staatlich zu fördern.

 

Anmerkungen

(1)   http://globalpensionindex.com/pdf/melbourne-mercer-global-pension-index-2012-report.pdf

(2)   Programme for the International Assessement of Adult Competencies, in Deutschland vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung und dem Leibnitz Zentrum für Lebenslanges Lernen evaluiert

(3)   Prof. Dieter Gnahs auf der GEW-Herbstakademie in Weimar am 16.11.2012

(4)   Rente Dänemark Endbericht. in: http://www.efbww.org/pdfs/18%20-%20Denmark%20DE.pdf Siehe auch: http://www.workinfo.dk/de-DE/EMNER/ID117/ID143/ID144.aspx

(5)   Boris Krause und Anneke Wardenbach: Demografischer Wandel in den Niederlanden. VI. Wie ist das Rentensystem in NL organisiert? in: http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nlwissen/soziales/vertiefung/demografie/rentensystem.html. (Januar 2008)

(6)   siehe Anmerkung 2 und 3

(7)   Bevor Mindestrenten für Niedriglohn-Rentner angehoben werden könnten – wie Mercer es vorschlägt -  wären allerdings zuerst Mindestrenten einzuführen. Einen völlig unzureichenden Vorschlag brachte der SPD-Vorsitzende Gabriel ein (850 € nach 40 Beitragsjahren) siehe: Die Zeit vom 8.9.2012

(8)   wie dies der DGB in seinem Rentenkonzept vom 16.10.2012 „Demografiereserve aufbauen statt Rentenbeitrag senken“ und  in der aktuellen Initiative „Heute die Rente von morgen sichern“ (www.ichwillrente.net) vorschlägt.


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Georges Hallermayer
Dozent, Steuerinspektor und staatsexaminierter Historiker
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