Deutscher Gewerkschaftsbund

27.05.2013

Neue Ansätze und Zugänge für die Demokratisierung der Arbeit

Anknüpfend an die aktuellen Diskussionen um eine Demokratisierung der Wirtschaft und Gesellschaft liefern die Autorinnen und Autoren – Wissenschaftler und Praktiker aus dem Arbeitskreis Arbeitspolitik der IG Metall – mit ihrem Buch „Demokratisierung der Arbeit“ wichtige Impulse.

„Ohne eine Demokratisierung der Arbeit wird es keine Demokratisierung der Wirtschaft geben“ – ist die Kernthese, die die wissenschaftlichen, gewerkschaftspolitischen und -praktischen Beiträge zusammenbindet.

Die Autorinnen und Autoren spannen einen Bogen, der von den Erfahrungen aus den Initiativen zur „Humanisierung der Arbeitswelt“ über das Konzept der Guten Arbeit bis zu den strategischen Herausforderungen der „Besser statt billiger“-Kampagne der IG Metall reicht.

Es geht um Demokratieerfahrungen und demokratische Lernprozesse der Beschäftigten am Arbeitsplatz, die wiederum grundlegende Voraussetzungen für die Demokratisierung der Wirtschaft und Gesellschaft schaffen. Betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung gehören ganz essentiell zu diesem Prozess.

Für die „Demokratisierung von unten“ bedarf es allerdings einer Neujustierung von kollektiver und individueller Interessenvertretung statt einer reinen Stellvertreterpolitik, so die Autorinnen und Autoren: „… mit mehr subjektiver Autonomie, mit gestärkten Selbstaushandlungsprozessen innerhalb und zwischen den Arbeitsteams, mit mehr Interaktion zwischen den alten und möglicherweise neuen Formen institutionalisierter Mitbestimmung, mit gestärkter direkter und weniger repräsentativer Demokratie gerade auch in der Arbeitswelt.“ (Richard Detje/Dieter Sauer).

Begleitforschungen zur „Besser statt billiger“-Strategie der IG Metall unterstreichen dies, wie Steffen Lehndorff in seinem Beitrag ausführt: Betriebsräte, die die Beschäftigten in die „strategische Interessenvertretung“ einbezogen und daran beteiligt haben, erfuhren eine Stärkung ihrer Legitimation. Dementgegen wurden Legitimationsdefizite  insbesondere dort beobachtet, wo Betriebsräte Maßnahmen unterstützt haben, ohne die Beschäftigten an der Entwicklung teilhaben zu lassen. Die Beteiligung der Beschäftigten ist die Basis und zugleich das „grundlegend Neue an (der) Mitbestimmungspraxis“. Damit durchbrechen die „strategischen Interessenvertreter“ das Handlungsmuster der Stellvertreterpolitik.

Die Erkenntnis über diesen Kulturwandel in der Mitbestimmungspraxis ist ein Meilenstein in der Entwicklung neuer Strategien und Handlungsoptionen sowohl für Betriebsräte und Gewerkschaften als auch für die Beschäftigten selbst.

Die Aktionsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten zu demokratischen Beteiligungsprozessen Erfahrungen gesammelt und Methoden entwickelt, bspw. wie ein „demokratischer Dialog“ (Werner Fricke) institutionalisiert werden kann. Das von Werner Fricke vorgestellte „Peiner Humanisierungsprojekt“ verdeutlicht, „… wie Reflexionsräume geschaffen werden können, in denen sich die Arbeitenden über ihre Interessen verständigen, in denen sie ihre innovativen Qualifikationen entwickeln und Konzepte zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen vereinbaren können.“

Diese Erfahrungen und Methoden greift das Konzept der „Guten Arbeit“ auf und entwickelt sie weiter. Tatjana Fuchs weist in ihrem Beitrag ebenfalls darauf hin, dass es entscheidend darauf ankommt, die „… Beschäftigten bei der Definition von anzustrebenden Standards Guter Arbeit und notwendigen Veränderungsbedarfen sowie als entscheidende Akteure für die Veränderung der betrieblichen Arbeits- und Einkommensbedingungen“ einzubeziehen. Auch in den Projekten zu Guter Arbeit hat sich die Erkenntnis bestätigt, dass die Aktivität der Beschäftigten eine Veränderung der Kultur der Betriebsratsarbeit bewirkt und die unmittelbare Demokratie im Betrieb stärkt.

Die Visionen für die Zukunft reichen von einer staatlich geförderten Humanisierungsoffensive (Gerd Peter) bis hin zu einer „Vertariflichung von betrieblichen Gestaltungszielen“ (Tatjana Fuchs). Nicht zuletzt gehört auch der Streik in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen als „einer der wenigen Akte unmittelbarer Demokratie, in der die abhängig Beschäftigten selbst über ihre Lage entscheiden“ (Detlef Hensche) in eine Debatte über Demokratisierung von Wirtschaft und Arbeit.

Betrieblichen und gewerkschaftlichen Akteuren werden mit dem vorliegenden Buch Wege aufgezeigt, wie durch unmittelbare Beteiligung Beschäftigte selbstbestimmt Arbeitsbedingungen gestalten können, um ihre Bedürfnisse und Interessen im Arbeitsleben gegenüber einer fremdbestimmenden Unternehmenssteuerung und Marktzwängen durchsetzen zu können.

Die Autorinnen und Autoren verbinden wissenschaftliche, arbeitspolitische und demokratietheoretische Analysen mit betrieblichen und gewerkschaftspraktischen Strategiebeispielen. Dadurch gelingt eine anschauliche Korrespondenz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen und gleichzeitig eine Fundierung der aufgezeigten These.

Die Fülle an Impulsen, Analysen, Informationen und Argumentationen zusammengefasst in einem Band gibt dem interessierten Leser, Wissenschaftler oder Praktiker eine fundierte Grundlage für eine Debatte über Demokratisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt.

 

Über das Buch:

Demokratisierung der Arbeit,

Neuansätze für Humanisierung und Wirtschaftsdemokratie;

Hg. Von Werner Fricke und Hilde Wagner,

VSA Hamburg, ISBN 978-3-89965-510-0


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Kurzprofil

Marika Höhn
Geboren 1971 in Freiberg/Sachsen
Referatsleiterin Industrielle Beziehungen und Arbeitspolitik in der Grundsatzabteilung beim DGB Bundesvorstand

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