Deutscher Gewerkschaftsbund

03.06.2013

„Innovation“ braucht Innovation

Für eine Innovationskultur im Zeichen der Guten Arbeit

Lichtreklame

guns.bo.rentsch@photocase.com

Zu den Kollateralschäden der Agenda 2010 zählt der Ruin des Reformbegriffs als Symbol für das Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Aber auch für andere Zwecke taugt das Wort nicht mehr so recht, seit es durch die Verwendung im neoliberalen Neusprech - angefangen bei den „Hartz-Reformen“ - in den Augen vieler Menschen diskreditiert worden ist. Selbst im Entwurf zum SPD-Regierungsprogramm 2014 findet „Reform“ nur vereinzelt Erwähnung, und wird dabei auch nur in einem administrativen Sinn verwendet, nicht aber als politische Leitidee. Dreimal häufiger ist in der Erklärung dafür von „Innovationen“ die Rede. Zum Vergleich: Im Wahlprogramm der SPD 1972 betrug das Verhältnis 28 zu 1 zugunsten der Reform.

Das Unbehagen an der „Innovation“

Der Fall ist exemplarisch: „Innovation“ ist als Wort mittlerweile omnipräsent und das ist unter anderem deshalb so, weil es aus der Sprache von Management, Entwicklungsabteilungen und Wirtschaftswissenschaften auch in den politischen Sprachgebrauch importiert worden ist. Doch was meint die Rede von „sozialen Innovationen“ oder von der „betrieblichen Innovationsfähigkeit“? Welches Standing haben gewerkschaftspolitische Anliegen in den viel beschworenen „Innovationsprozessen“? Welcher Zusammenhang besteht zu Guter Arbeit, Partizipation und anderen Beschäftigtenanliegen? Und wie ist damit umzugehen, dass „Innovation“ – diesseits und jenseits aller Fachwelt-Definitionen - im öffentlichen Gebrauch zu vielerlei herhalten muss?

Dass so manche Akteure die Augen verdrehen, wenn auch nur das Wort fällt, oder es kurzerhand in die Kategorie „blutleeres Managergestammel“ abbuchen (wie etwa der Karriereberater Martin Wehrle in seinem populären Büroalltags-Führer Ich arbeite in einem Irrenhaus), hat gewiss auch damit zu tun: „Innovation“ wird gerne auch als Plastikwort und als Deckname eingesetzt. Im Rahmen verschwiemelter Rede dient es als Zuversichtsstimulator; Sozialeinschnitten verleiht es die höheren Weihen des Fortschritts - Opponenten lassen sich bequem als „Innovationsbremser“ oder „Innovationsmuffel“ abqualifizieren, wenn nicht gar der „innovationsfeindlichen Wachstumsskepsis“ bezichtigen (diese Blüte ist übrigens Ex-SPD-Superminister Clement zu verdanken); Gewöhnliches erhält das Flair des Besonderen und Bahnbrechenden.

Doch gibt es „Innovation“ auch in seriösen Definitionen und Anwendungen. Und an einem kommen betriebliche und arbeitspolitisch engagierte Akteure ja ohnehin nicht vorbei: Sie sind tagtäglich in der Praxis gefordert, eine Position zu dem zu beziehen, was Peter Drucker „das Herzstück erfolgreichen unternehmerischen Handelns“ nennt. Als solches gilt dem Gründervater der Managementlehre nämlich die Förderung der „Innovationsleistung des Unternehmens“, und das heißt der „Idee, einen zielgerichteten, fokussierten Wandel im wirtschaftlichen oder sozialen Potenzial eines Unternehmens herbeizuführen“.

Die Alternative zum Abwracken des Worts ist auch in diesem Fall die Arbeit am Begriff. Die aber gehört ohnehin zum A und O einer arbeits- und innovationspolitischen Profilbildung, wie sich im Anschluss an den Innovationsforscher Erich Staudt zeigen ließe, von dem die Maxime stammt: „Innovation im Konsens ist Nonsens“. Auch die Entwicklung eigener Qualitätskriterien, die eine fundierte Beurteilung von Innovationen erlauben und als Basis für die Gestaltung des Innovationsgeschehens dienen, gehört zur Innovationsarbeit.

Innovation und Gute Arbeit

Mit dieser Aufgabe befasst sich ein Reader, der unter dem Titel Dienstleistungsinnovationen: offen, sozial, nachhaltig erschienen ist. In dem Band, der vom ver.di-Bereich „Innovation und Gute Arbeit“ herausgegeben wurde, sind 16 Beiträge von 25 Autorinnen und Autoren aus den Arbeitsbereichen Gewerkschaft, Wissenschaft und Politik versammelt. Ein Teil der Beiträge behandelt die Frage nach Qualitätskriterien für Innovationen und Innovationspolitik im Kontext von hierfür zentralen Themen, wie z.B. Forschungsförderung, Open Innovation (unter anderem exemplarisch bei der Entwicklung von altersgerechten Assistenzsystemen), agile Projektmanagementmethoden (wie Scrum), Mitbestimmung oder Weiterbildung. Andere erörtern die Grundzüge eines Innovationsverständnisses, das den Ansprüchen der Beschäftigten gerecht wird, unter eher allgemeineren arbeitspolitischen Fragestellungen.

Die Sicht der Herausgeber wird dabei bereits durch ihren Namen kenntlich, dessen Wandel Programm ist, wie ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder im Vorwort betont: Der betreffende ver.di-Bereich, der 2001, im Gründungsjahr der Gewerkschaft, als Bereich „Technologiepolitik“ die Arbeit aufnahm und zwischenzeitlich „Technologiepolitik und Innovation“ genannt wurde, heißt seit 2007 „Innovation und Gute Arbeit“. Wobei das „und“, wie die Ausführungen zeigen, aus der Sicht von ver.di weniger eine Nebenordnung signalisiert denn als Assoziationsbrücke fungieren soll: „Wer Innovation sagt, sollte auch Gute Arbeit meinen.”

Tut aber nicht jeder, wie sich schon daran zeigt, dass „Innovation“ auch im neoliberalen Vokabular eine Größe ist und z.B. auch Hartz IV mit „Innovationsmodulen“ aufwartet. Darum ist eine grundlegende Differenzierung sinnvoll: Innovation ist nicht gleichbedeutend mit einer „Wendung zum Besseren“, wie Wolfgang Uellenberg-van Dawen und Hans-Joachim Schulz (Leiter der ver.di-Bereiche „Politik und Planung“ bzw. „Innovation und Gute Arbeit“) betonen: „Innovationen können viel Positives bewirken, aber auch negative Auswirkungen haben.“ Ohne nähere Bestimmung ist „Innovation“ also nicht mehr als die formale Beschreibung eines Prozessgeschehens: „Innovationen bedeuten: neue Ideen zu haben, sie praxistauglich zu machen und in dem jeweiligen Bedarfszusammenhang umzusetzen.”

Was aber in dem einen „Bedarfszusammenhang“ ein Fortschritt ist, muss es in dem anderen nicht sein. Daher wäre es vielleicht angebracht, ließe sich folgern, ähnlich wie zwischen Guter Arbeit und Schlechter Arbeit auch zwischen guten Innovationen und schlechten Innovationen zu unterscheiden. Und so, wie es nicht reicht, „Arbeit“ zu fordern, was ja „Arbeit zu jedem Preis“ implizierte, müsste auch das Postulat „Steigerung der Innovationsfähigkeit“ durch die Nennung des Bezugsrahmens präzisiert werden – nach welchen  Maßstäben sollte von der Fähigkeit Gebrauch gemacht werden?

Dienstleistungs-Innovationen sind mehr als nur ein Spezialfall

In einer anderen Hinsicht kommt die Tatsache, dass Innovation nicht gleich Innovation ist, bereits im Titel der Publikation zur Sprache. Bei der Fokussierung auf „Dienstleistungsinnovation“ geht es allerdings nicht um eine Beschränkung der Aufmerksamkeit, die aus dem Gedanken resultierte, dass eine Dienstleistungsgewerkschaft sich primär für Entwicklungen im Arbeitsbereich ihrer Mitglieder zu interessieren hätte. Tragend ist vielmehr der Gedanke, dass Dienstleistungsinnovationen, statt als Anwendung allgemein gültiger Innovationsprinzipien auf ein Teilgebiet, nur aus einem Verständnis der Eigenheiten interaktiver Arbeit angemessen gestaltet werden können.

Die Hindernisse, die dabei zu bewältigen sind, kommen in dem Band immer wieder zur Sprache: ein Image der Dienstleistungs-Wirtschaft, das „immer noch im Schatten des sehr viel kleineren Bruders Produktionswirtschaft” steht (Jost Wagner); die geringen Fördermittel für eine systematische Dienstleistungs-Forschung; das Überdauern eines tradierten Innovations-Bildes, das sich – wie viele Elemente des Arbeitsschutzes auch – in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Industriezeitalters entwickelt hat.

Innovationen als soziales Geschehen

Behindert wird dadurch auch das Verständnis des Innovations- als eines sozialen Geschehens. Eine Schwierigkeit liegt darin begründet, dass die öffentliche Aufmerksamkeit immer noch eher Produktinnovationen gilt als Prozess-, Verfahrens- und Interaktionsinnovationen. Die verdinglichte Form, in der das Innovative in einem „innovativen Produkt“ erscheint, z.B. einer Smartphone-Variante oder einer Eiscreme mit Ananas-Petersilie-Geschmack (für eine solche gab es neulich einen Innovationspreis), versperrt den Blick auf die menschliche Tätigkeit, deren Resultat sie ist. Diese wahrzunehmen fällt dort jedenfalls leichter, wo die Innovation, offen ausgewiesen, in einer veränderten Art des Zusammenwirkens von Menschen z.B. im Arbeitsprozess oder in der Interaktion zwischen Dienstleistungs-Beschäftigten und KundInnen besteht.

Erschwerend kommt hinzu, dass diverse Akteure auch ihre Gründe haben, davon abzusehen, ja zu verbergen, dass es Menschen sind, die Innovationen machen und von Innovationen betroffen sind. Würde das akzeptiert, ließe sich nämlich nicht mehr in der Logik des Sachzwanges argumentieren, in der sich „Innovationserfordernisse“ wie von selbst aus „betrieblichem Bedarf“ und „unternehmerischen Notwendigkeiten“ ergeben, die wundersamer Weise mit den jeweiligen Arbeitgeberinteressen identisch sind.

Ist „soziale Innovation“ ein Pleonasmus? Ja und Nein. Ja, weil selbst das „Primat der Technik“ ein soziales Konstrukt ist. Nein, weil „sozial“ auch eine Programmaussage ist. Darauf, auf die gesellschaftlichen Implikationen einer sozialen Auslegung des Innovationsbegriffs, gehen insbesondere Michael Fischer von der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie Johanna Maiwald und Tobias Schulze, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftspolitik der Linken, in ihren Beiträgen ein. In den Worten Maiwald/Schulzes: „Wenn Innovationen sozial und ökologisch nachhaltige Veränderungen mit sich bringen sollen, müssen sie von gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen flankiert werden. Voraussetzung dafür ist eine soziale Teilhabe an allen Prozessen, in welchen Innovationen geplant, beraten, erforscht und umgesetzt werden.“

Innovationen als Beschäftigtenanspruch und Gestaltungsaufgabe

Was aber bedeutet es für den Arbeitsprozess selbst, wenn es gilt, „Dienstleistungs- und Innovationspolitik aus der Sicht der Beschäftigten zu entwickeln”? Dieses Thema wird in verschiedenen Beiträgen erörtert. Beispielhaft seien die Ausführungen von Daniel Bieber und Dominik Haubner (Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft Saarbrücken) zur Gestaltung von Dienstleistungs-Technologie-Kombinationen erwähnt, genauer gesagt zu Ambient Assisted Living, altersgerechten Assistenzsystemen. In diesem Kontext ist es besonders plausibel, dass sich „die Technikentwicklung nach den konkreten Bedürfnissen aller Beteiligten und weniger nach dem technisch Machbaren“ richten soll, und Maßstab des Innovationsgelingens also die „Verbesserung der (real empfundenen) Pflegequalität sowohl für den Patienten als auch die Fachkraft“ zu sein hätte.

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass die Beteiligung der Beschäftigten nicht in Form einer nachträglichen Verträglichkeitsprüfung von Innovationen, sondern nur als integraler Bestandteil des Geschehens von Beginn an den genannten Kriterien gerecht werden kann. Das führt zur Frage nach der Beteiligung von Betriebs- und Personalräten, am Innovationsgeschehen, der sich mehrere Beiträge widmen. Nur ganz kurz: Das ver.di-Innovationsbarometer, das auf der Basis von Umfragen unter Interessenvertretungen erstellt wird, zeigt: Lediglich 38 Prozent der Organe der betrieblichen Mitbestimmung sind derzeit bei der Planung und Durchführung von Innovationsvorhaben im Dienstleistungssektor einbezogen.

Dieser Ausschluss geht auf Kosten sowohl der Arbeits- als auch der Innovationsqualität, wie Ines Roth/Nadine Müller (input/ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit) betonen, denn: “Das Wesentliche an der Guten Arbeit ist die Partizipation der Beschäftigten bei der Gestaltung ihrer (Innovations-)Tätigkeit. Kriterien für Gute Arbeit, die von den Beschäftigten bestimmt werden, stellen notwendige Handlungsfelder zur Erhöhung der Innovationsfähigkeit von Unternehmen dar.” Ein Gedanke, der sich mit dem Blick auf die Gesellschaft vielleicht so formulieren ließe: Je mehr „Innovation und Gute Arbeit“ als Paarformel wahrgenommen wird, desto größer ist der arbeits- und innovationspolitische Fortschritt.

 

Über: Dienstleistungsinnovationen: offen, sozial, nachhaltig; Hg. Ver.di, Berlin 2013 und unter: http://innotech.verdi.de/dienstleistungsinnovationen


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Peter Kulemann
Geboren 1954 in Hamburg
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