Deutscher Gewerkschaftsbund

30.05.2013

Wachstumsgeschichten

Wie in Texten über Wachstum mit Geschichte argumentiert wird

Baum

diemedialisten / photocase.com

Wirtschaftswachstum als Erlösungsformel gesellschaftlicher Probleme ist in die Kritik geraten – oder doch zumindest zum Gegenstand von kontroversen Debatten. Was auffällt: In fast allen Texten, in denen sich Autoren (und fast immer sind es Männer) mit Wachstum beschäftigen, wird mit Geschichte argumentiert. Und genauso uneinheitlich, wie die jeweiligen Positionen zu Wachstum sind, so heterogen ist auch der Umgang mit Geschichte in den jeweiligen Texten. Dabei treten recht unterschiedliche Geschichtsbilder zu Tage.

Es ist ja zunächst mehr als erwartbar, dass Autoren, die sich in kritischer Hinsicht mit ökonomischem Wachstum beschäftigen, historische Argumente anführen. Zum einen hat Wachstum selbst immer eine Geschichte, kann nur als Größe gedacht werden, die sich in der Zeit und über die Zeit verändert. Wachstum selbst hat also einen historischen Charakter, ist Ausdruck von Zeitverlauf. Und wer über Wachstum schreibt, der schreibt dann automatisch auch immer über Geschichte.

Zum zweiten sehen sich Wachstumskritiker nicht selten dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie kaum mehr als Utopien für eine zukünftige Welt ohne (oder mit anderem) Wachstum verkünden, oder dass sie (viel zu) düstere Dystopien entwerfen, Schreckszenarien über eine Welt, in der stetes Wirtschaftswachstum unsere sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen vollends zerstört hat. Wer nun hingegen konsequent mit Geschichte argumentiert, kann aus solchen Utopien erfahrungsgesättigte Visionen machen, kann darauf verweisen, dass es historische Erfahrungen sind, die uns über Wachstum neu nachdenken lassen müssen – und dass uns in der Gegenwart solche vergangene Erfahrung hilft, um plausible Szenarien für die Zukunft zu entwerfen. Die Geschichtstheorie hat sich ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigt, sie sagt: Historische Alterität wird so zum erfahrungsgesättigten Utopieäquivalent.

Kritik und Historie

Einer derjenigen, der zuletzt recht pointiert Wachstumskritik vorgetragen hat, ist der Sozialpsychologe Harald Welzer (Mentale Infrastrukturen, 2011). Er benennt das Wachstumsparadigma moderner Gesellschaften als säkulare Form einer in die Bereiche von Wirtschaft und Kultur, vor allem aber die Subjektivitäten der Individuen hineinragende Zivilreligion. Er erkennt – in Anlehnung an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias – einen Zusammenhang zwischen der Sozio- und der Psychogenese von Wachstumsvorstellungen und zeichnet in Ansätzen die historischen Prozesse nach, „wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“. Welzer nimmt vor allem historische Prozesse seit 1800 (Industrialisierung, Kolonialisierung, zunehmende Globalisierung, Entstehung ‚moderner’ Konsumgesellschaften) in den Blick, beruft sich dabei auf die in der fachhistorischen Forschung angesehenen Arbeiten von Jürgen Osterhammel und arbeitet mit einem Geschichtsbild, das auf die Dichotomie von Moderne (ab etwa 1800) und Vormoderne setzt. Wesentliches Kennzeichen der „mentalen Infrastruktur“ eines modernen wachstumsbeseelten Individuums, das ab ungefähr 1800 die Bühne der Weltgeschichte betritt, sei ein rastloses Begehren nach einem steten Mehr an allem. Möglich wurde, laut Welzer, die Genese eines solchen modernen wachstumsbeseelten Individuums durch „die historische Konstellation aus früher Industrialisierung, Aufklärung, protestantischer Rechenschaftskultur, Berufsförmigkeit und Kreditwirtschaft“ –ein „ökonomischer Mensch“ (nach Joseph Vogl) wird zum gesellschaftlichen Leitbild.

Dem setzt Welzer einen utopischen Entwurf entgegen. Er fordert seine Leserschaft auf, unter der Leitfrage Wie möchten wir gelebt haben? „utopische Geschichte zum Thema „wie man im Jahr 2025 eigentlich leben möchte“ zu erzählen. Historischer Alterität als Utopieäquivalent traut er hier nicht über den Weg, im Gegenteil: sie bildet für ihn offenbar kein ergiebiges Reservoir an positiven Erfahrungen, um „gegen die Attraktionen und Verlockungen der Konsumgesellschaft“ anerzählen zu können. Statt Imperfekt Indikativ also Futur II Konjunktiv.

Ein Generationenprojekt

Anders bei Robert und Edward Skidelsky. Unter dem Titel „Wie viel ist genug?“ entwerfen sie das Konzept einer „Ökonomie des guten Lebens“. Dabei arbeiten sich die beiden Autoren an der Wirtschaftsprognostik von John Maynard Keynes ab und entwickeln Parameter für ein gutes, in ihrem Sinne sowohl materiell als auch sozial-kulturell erfüllendes Leben. Hier soll nicht diskutiert werden, wie plausibel die Argumentation der beiden ist. Im Hinblick auf den Umgang mit Geschichte ist es spannender, dass hier Vater (Robert) und Sohn (Edward) gemeinsam schreiben. Ein Vater-Sohn-Dialog der Generationen – kaum ein anderes Erzählsetting steht deutlicher für den Austausch von historischer Erfahrung: Der Vater, Wirtschaftswissenschaftler und -historiker, wird zum Repräsentanten historischer Erfahrung, der Sohn (ein Philosoph) zum neugierig Fragenden der Gegenwart. Der erste steht für historisch-empirische Evidenz, der zweite für die Suche nach einer erfahrungsgesättigten Zukunftserwartung. Noch deutlicher als in ihrer Buchveröffentlichung zeigt sich diese generationelle Geschichtserzählung in einem Interview, das die beiden im März 2013 der Wochenzeitung „Die Zeit“ gegeben haben. Hier führt der Vater aus:

„Historisches Wissen kann helfen, zu erkennen, was wichtig ist, und von der Tyrannei der Gegenwart befreien. Auch philosophisches Wissen hilft. Die Menschen stellen ja immer wiederkehrende Fragen. Die Ideengeschichte bringt nicht unerschöpflich Neues hervor, sie ist überreich an Altem. Die kurze, rasende Geschichte der Moderne verschlingt zu viel davon.“

Und auf die Frage der Zeitung „Und wenn Sie, wie Keynes im Jahr 1930, heute sagen sollten, wie die ökonomische Zukunft Ihrer Enkelkinder aussehen wird?“, antwortet der Sohn:

„Zugegeben, darüber können wir keine sicheren Prognosen treffen. Die Hoffnung vieler Menschen heute, es könne ihren Enkeln materiell besser gehen, steht auf schwachen Füßen. Aber vielleicht ist das gute Leben ja besser als ein Leben, das nur materiell immer üppiger wird?“

Dass die „kurze, rasende Geschichte der Moderne“ viel verschlungen hat, vor allem an Möglichkeiten, Ökonomie anders zu denken, dem würde wohl auch Harald Welzer zustimmen. Dass aber die Geschichte auch zeigen kann, dass sie „überreich an Altem“ ist – und dass gerade ein solches Wissen dabei helfen kann, nicht verzagt in die Zukunft schauen zu müssen, dem würde Welzer wohl widersprechen.

Fortschritt und Ökologie

Ganz andere Geschichten hingegen werden bei Ralf Fücks erzählt, der erst unlängst in seinem Buch „Intelligent wachsen“ die Blaupause für eine „Grüne Revolution“ vorlegte, die uns in eine Zeit des „Ökokapitalismus“ führen soll. Vom Unbehagen an der Moderne, oder doch von einer kritischen Haltung zu ihr, wie sie bei Welzer und bei den Skidelskys durchscheint, ist bei Fücks nichts zu merken. Als Leitmotiv seiner Geschichtserzählung bietet er an, dass man „die Gattungsgeschichte der Menschheit als Geschichte der Ausdehnung der Menschenwelt in die natürliche Welt lesen“ solle, als Erfolgsgeschichte eben jener historischen Großepoche des Anthropozäns, die anbrach, seit sich der Mensch die Welt untertan machte und die schließlich in der Geschichte der Moderne gipfelt. Diese Geschichte der Moderne entwirft er als Fortschrittsgeschichte par excellence. Er führt aus: „Sie ist trotz aller Rückschläge und Katastrophen eine Fortschrittsgeschichte. Vorangetrieben wird sie von einer doppelten Kraft: der permanenten wissenschaftlich-technischen Revolution und der Entfaltung demokratischer Freiheit. Erst in Verbindung mit demokratischen und sozialen Rechten wird Technikgeschichte zur Fortschrittsgeschichte.“ Insbesondere Wachstum und sozialer Fortschritt hängen bei Fücks eng zusammen. So erzählt er insbesondere die Geschichte der letzten 200 Jahre als eine Geschichte, in der „das wirtschaftliche Wachstum [...] Hand in Hand mit gesellschaftlichem Fortschritt“ ging. Solchen Fortschritt macht er unter anderem fest am rasanten Anstieg der Lebenserwartung und an einer Verbesserung der „Lage der arbeitenden Klassen“, aber auch an der Durchsetzung sozialer und politischer Rechte. Er resümiert: „Die Geschichte der Industrialisierung in Europa war trotz aller Härten eine Geschichte des zivilisatorischen Fortschritts.“ Hierbei fällt auf, dass er mögliche Bruchstellen eines solchen zivilisatorischen Fortschritts nicht benennt. Gerade wer die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas detaillierter betrachtet, wird sich einer solchen Fortschrittsgläubigkeit kaum hingeben können. Und wer die Geschichte der Industrialisierung als globale Verflechtungsgeschichte denkt, der wird schnell merken, dass die sozialen Konflikte in Europa erst dann sehr viel eleganter befriedet werden konnten, als der weiße europäische Mann begann, andere Teile der Welt zu unterwerfen – und ökonomisch auszubeuten.

Vielleicht stören solche eklektizistischen Einwände – geht es Fücks doch insgesamt um viel mehr, nämlich darum, dass wir aus der großen ganzen Geschichte, eben jener Erfolgsgeschichte des Anthropozäns, lernen können, und zwar, dass es der Glaube an technische Machbarkeit ist, der uns den Weg in eine Zeit des „Ökokapitalismus“ weisen kann – in eine Zeit der Versöhnung von Wachstum und Ökologie unter den Regeln des Kapitalismus. Und dieser Glaube speist sich aus historisch gesättigter Erfahrung, aus eben jener Kenntnis einer „Geschichte des zivilisatorischen Fortschritts“ als großer Meistererzählung unserer Zeit. Auf diese Weise zeichnet Fücks das Bild eines zukünftigen „Ökokapitalismus“ nicht mehr als Utopie, sondern als machbare Vision.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Martin Lücke
Geboren 1975 in Marl (Westfalen)
Seit 2010 Universitätsprofessor für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin
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