Deutscher Gewerkschaftsbund

07.05.2013

Digitales Erinnern im Gedenkjahr 2013

Gewerkschaftshaus

Thomas Blanck

Im Mai 2013 jährt sich die Zerschlagung der Gewerkschaften zum 80. Mal und bietet Anlass der Zerschlagung der freien Gewerkschaften zu gedenken. Damit beauftragte der DGB im Frühjahr 2012 den Arbeitsbereich „Didaktik der Geschichte“ der Freien Universität Berlin mit der Konzeption einer mobilen Internetseite zur Berliner Gewerkschaftsgeschichte, die im folgenden vorgestellt wird.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Machtübernahme. Auch die Gewerkschaften sollten gleichgeschaltet werden. Während das NS-Regime mit dem „Feiertag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai 1933 der Arbeiterschaft symbolisch die Hand reichte und die vermeintliche Verbundenheit mit den Gewerkschaften propagierte, stürmten SA und SS am 2. Mai 1933 die Berliner Gewerkschaftshäuser und inhaftierten zahlreiche Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter.

Im Mai 2013 jährt sich die Zerschlagung der Gewerkschaften zum 80. Mal und bietet Anlass der Zerschlagung der freien Gewerkschaften zu gedenken. Damit beauftragte der DGB im Frühjahr 2012 den Arbeitsbereich „Didaktik der Geschichte“ der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Martin Lücke) mit der Konzeption einer mobilen Internetseite zur Berliner Gewerkschaftsgeschichte. Studierende des Masterstudiengangs Public History recherchierten hierfür in Archiven, verfassten Inhalte für die mobile Internetseite und entwickelten ein didaktisches Konzept mit dem Ziel, die Zerschlagung der vielfältigen Berliner Gewerkschaftsgeschichte quellengestützt und multiperspektivisch darzustellen. Entstanden ist ein Webangebot, das die Ereignisse um den 2. Mai 1933 skizziert und mit Bild-, Ton- und Audioquellen 19 Berliner Erinnerungsorte vorstellt. 22 Biografien bieten darüber hinaus individuelle Perspektiven auf die Ereignisse im Mai 1933.

Geschichte ist hier! Auf den Spuren von Gewerkschaftsgeschichte – virtuell und vor Ort

Die mobile Internetseite ist ein virtueller Ort, den Interessierte mit Computern oder Smartphones besuchen können. Die Nutzerinnen und Nutzer werden aber auch eingeladen im authentischen Stadtraum auf Entdeckungsreise zu gehen. Sie können die mobile Internetseite über drei unterschiedliche Zugänge entdecken: Der geografische Zugang (1) erfolgt über einen virtuellen Stadtplan, auf dem alle Erinnerungsorte markiert sind. Auf diesem Weg wird Gewerkschaftsgeschichte in Berlin verortet. Nutzerinnen und Nutzer, die mit Smartphones in der Stadt unterwegs sind, können somit am authentischen Ort auf Zusatzmaterial wie zum Beispiel Zeitzeugenberichte zugreifen und auf weitere Erinnerungsorte in ihrer Nähe hingewiesen werden. Der thematische Zugang (2) gliedert sich in die Bereiche Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, Kulturelle Vielfalt bis 1933 und Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Er bietet übersichtliche Hintergrundinformationen zu den Geschehnissen rund um die Zerschlagung der Gewerkschaften. Der mediale Zugang (3) erfolgt über Bild-, Ton und Filmmaterial, das die Texte illustriert und ergänzt.

www.zerschlagung-gewerkschaften1933.de eignet sich auch für die historisch-politische Bildung. Als medienpädagogisches Angebot ist die mobile Internetseite insbesondere für Jugendliche eine attraktive Lernplattform, da historisches Lernen spontan und auf individuellen Wegen erfolgen kann. Das Web-Angebot kann aber auch als Ergänzung oder zur Vorbereitung für Seminare und Workshops der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit genutzt werden. Die Einleitungstexte sowie die Texte zu den einzelnen Erinnerungsorten sind kurz gehalten und eignen sich gut als Einführung zu den einzelnen mit der Zerschlagung verknüpften Themen. Die audiovisuellen Elemente wecken Neugierde und können auch als historische Quellen kritisiert und kontextualisiert werden. Der Zugang über die verschiedenen Biografien von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern ermöglicht vielfältige persönliche Perspektiven auf die Ereignisse um den 2. Mai 1933 und verdeutlicht, dass Geschichte nicht als allgemeingültige Meistererzählung funktioniert. Ausgehend von den Texten und Materialien, die auf der mobilen Internetseite zur Verfügung stehen, können Bildungsreferentinnen und Bildungsreferenten problemlos thematische Workshops zusammenstellen und Exkursionen zu den einzelnen Erinnerungsorten in Berlin aufbereiten.

Zwischen Damals und Heute - Prinzipien des Historischen Lernens

Dem Konzept der mobilen Internetseite liegen geschichtsdidaktische Prinzipien zu Grunde, die für die Auswahl der Themen und Quellen sowie für die Textstruktur entscheidend waren. Ausgangspunkt ist das Konzept des Historischen Lernens - „der Vorgang des menschlichen Bewusstseins, in dem bestimmte Zeiterfahrungen deutend angeeignet werden und zugleich die Kompetenz zu dieser Deutung entsteht und sich weiterentwickelt“ (Jörn Rüsen). Den Nutzerinnen und Nutzern der mobilen Internetseite wird die Möglichkeit gegeben, vergangene Wirklichkeiten der Gewerkschaftsgeschichte zu begreifen, zu deuten und so Rückschlüsse für die eigene Gegenwart zu ziehen.

Indem auf die Unterschiede zwischen gegenwärtigem Zustand und Vergangenheit hingewiesen wird, wird das Konzept der Historizität berücksichtigt. So werden zum Beispiel in den Texten zu den Orten der Gewerkschaftsgeschichte die aktuellen und ehemaligen Straßennamen genannt. Historische Aufnahmen kontrastieren zeitgenössische Fotografien und ermöglichen Betrachterinnen und Betrachtern den Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Das Prinzip der Multiperspektivität geht davon aus, dass Perspektivität eine nicht hintergehbare Tatsache darstellt und objektives Erzählen daher nicht möglich ist. Ziel der mobilen Internetseite ist daher, eine multiperspektivische Geschichte des 2. Mai 1933 zu präsentieren. So werden stets mehrere historische Akteurinnen und Akteure und deren Perspektiven thematisiert. In diesem Sinne repräsentieren die Biografien sehr unterschiedliche Reaktionen auf die „Zerschlagung“. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiteten nach 1933 in der Illegalität daran, die gewerkschaftlichen Strukturen zu erhalten. Andere folgten dem Legitimationskurs der gewerkschaftlichen Führungen oder gingen ins Exil. Multiperspektivität bezieht sich aber auch auf die Pluralität der geschichtswissenschaftlichen Ansätzen, die ebenfalls kontextabhängig sind und sich gegenseitig als auch den Perspektiven von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen widersprechen können. Daher werden in den Texten auch geschichtswissenschaftliche Debatten und Leerstellen thematisiert.

Da historische Darstellungen immer über einen narrativen Charakter verfügen, stellen die einzelnen Orts- und Biografietexte immer nur selektive und partielle Ausschnitte größerer Zusammenhänge dar, und sind somit zeitlich und räumlich begrenzt. Sie konstruieren Vergangenheit und können lediglich Aspekte der Gewerkschaftsgeschichte erzählen.

Darüber hinaus wurden für die Texte die Prinzipien der Diversität und Intersektionalität verwendet. Dieser Ansatz differenziert verschiedene soziale Kategorien. In den Geschichtswissenschaften haben sich bisher race, class und gender etabliert. In Bezug auf diese Kategorien sozialer Konstruktion erfolgt eine Differenzierung und Hierarchisierung, die in sozialen Ungleichheiten mündet und Perspektiven von historischen Akteurinnen und Akteuren prägt. In Bezug auf die mobile Internetseite wurde zum Beispiel versucht, die Gewerkschaftsgeschichte geschlechtergerecht darzustellen. So erzählen elf von 22 Biografien aus dem Leben von Gewerkschafterinnen.

Ohne Vorstellungs- oder Einbildungskraft, also Imagination, ist Historisches Lernen kaum möglich. Die vergangenen Wirklichkeiten der Berliner Gewerkschaftsgeschichte sind nicht per se präsent. Somit soll erzählte Geschichte möglichst anschaulich sein, um Erkenntnisse zu ermöglichen. Im Fokus der mobilen Internetseite steht daher ihre mediale Vermittlung. Nicht nur die auditiven, visuellen und audiovisuellen Quellen zur Berliner Gewerkschaftsgeschichte machen den Nutzerinnen und Nutzern die Vergangenheit greifbar, auch die alltagsgeschichtlichen Bezüge erleichtern die Imagination. Im Hinblick auf die systematische Gewalt und das menschliche Leid im Nationalsozialismus, stößt aber auch die Imagination vergangener Wirklichkeiten an ihre Grenzen.

Da sich historisches Lernen stets an vergangenen Wirklichkeiten ausrichtet, verfolgen geschichtskulturelle Produkte in verschiedenem Maße Authentifizierungsstrategien. Sie erzeugen Glaubwürdigkeit und ermöglichen somit eine bessere Identifikation der Nutzerinnen und Nutzer mit dem dargestellten historischen Gegenstand. Über die Gestaltung der mobilen Internetseite mit einer Vielzahl von authentischen Bild-, Text- und Filmzeugnissen wird eine Quellenauthentizität erzeugt, die den Nutzerinnen und Nutzern die Geschichte des 2. Mai 1933 nicht nur als historische Imagination erlaubt, sondern die Wirklichkeiten als solche verifiziert. Durch die biografische Darstellung von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, die die historischen Ereignisse erlebten und von ihnen betroffen waren, wird eine Personenauthentizität erreicht. Die Erlebnisauthentizität kann durch das Vor-Ort-Sein der Nutzerinnen und Nutzer an den authentischen Stätten der Gewerkschaftsgeschichte im Berliner Stadtraum erreicht werden.

Als Teil von Geschichtskultur – gesamtgesellschaftlicher Umgang mit Geschichte und somit z.B. Geschichtsdarstellungen in Medien oder Institutionen wie Museen - verweist die mobile Internetseite über die authentischen Orte hinaus auch auf andere Produkte der Geschichtskultur wie zum Beispiel Denkmäler und Gedenkstätten, die im Zusammenhang mit der Berliner Gewerkschaftsgeschichte stehen.

 

Basierend auf den vorgestellten geschichtsdidaktischen Prinzipien haben die Studierenden des 4. Jahrgangs des Masterstudiengangs „Public History“ die Text- und Quellenauswahl getroffen. Unter www.zerschlagung-gewerkschaften1933.de können sich Interessierte über die Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 informieren und erfahren, dass Spuren der vielfältigen Gewerkschaftsgeschichte bis heute das Stadtbild Berlins prägen.

 

Unter Mitarbeit von Stefanie Kosmalski, Zorica Radoicic und Hannah Schröder.


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Kurzprofil

Johanna Adrian
Geboren 1986
Studium der Geschichts- und Kulturwissenschaften in Frankfurt/ Oder, Wrocław (Polen) und Berlin.
Masterstudentin der Public History an der FU Berlin.

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Sina Speit
Geboren 1986
Studium der Geschichts- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.
Masterstudentin der Public History an der FU Berlin.

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